Närrische
Zeit?
Am
11. November 1998 gegen 11.11 Uhr wurden die Narren wieder losgelassen. Bis zum
Faschingsdienstag im Jahre 1999 sollen sie herrschen. Diese Tradition hat einen
guten Klang. Mehr aber auch nicht. Denn in unseren trüben Novembertagen ist das
mit der Narretei so eine Sache. Ein paar Auftaktveranstaltungen zur fünften
Jahreszeit – mehr oder minder gut besucht. Und dann? Bereiten wir uns auf das
Weihnachtsfest vor. Das mag auch eine närrische Zeit sein. Aber sie wird von
allen, ob Geschäftsleuten oder Kunden, sehr, sehr ernst genommen. Da soll uns
bloß niemand mit einer Narrenkappe oder sonstwie blöd kommen. Denn es geht um
nichts mehr und nichts weniger als um eine frohe und besinnliche
Vorweihnachtszeit. Mit den vielen Weihnachtsmärkten zum Beispiel, die in zwei
Wochen schon längst ihre Pforten weit geöffnet haben. Weihnachtsbrötle müssen
gebacken werden. Und das streßt nicht nur viele Hausfrauen. Es geht um die
richtigen Geschenke für alle Familienmitglieder, andere Verwandte, Freunde und
Bekannte. Die alljährliche Weihnachtspost, die rechtzeitig vor dem Fest bei
jenen angekommen sein muß, denen man vergessen hatte, das Jahr über zu
schreiben oder irgendwie anders mit ihnen zu kontaktieren. Aber was hat das alles mit Fasching zu tun? Garnichts. Denn über
die närrische Zeit sprechen wir erst wieder Mitte oder Ende Januar 1999. Bis
dahin müssen sich die Aktiven oder Funktionäre der vielen Narren-Vereine und
-Verbände überlegen, was sie dem Volk dann so bieten können. Eines ist heute
schon sicher: In den Hochburgen des Faschings bei uns in der Region, in
Talheim, Bad Wimpfen oder Gundelsheim, wird es wieder heiß hergehen. Die Stadt
Heilbronn ist bekanntlich keine Narren-Hochburg. Auch wenn die
Carnevalgesellschaft CGH schon jetzt ihr Prinzenpaar dem Oberbürgermeister der
Stadt vorgestellt hat. Dennoch: Einen guten Ausklang wird auch die Narrenzeit
in Heilbronn haben. Am Faschingsdienstag gibt es in der Heilbronner Harmonie
wieder einen Lumpentreff. 1999 dann schon zum dritten Mal – als
Nachfolgetreffen für den einst bekannten Lumpenball. Da darf jeder nach Lust
und Laune nachholen, was er in den Faschingstagen der Saison 1998/99 vielleicht
versäumt hatte. Wer alles schon hinter sich hat, feiert halt nur den Ausklang der
närrischen Tage.
Der
Winter ist im Herbst schon da
Wintereinbruch
im Lande. Einen halben Meter Schnee im Hochschwarzwald zu Beginn dieser Woche.
Feucht und pappig. Auf der Alb eine durchgehende Schneedecke. Naßkaltes Wetter
dank feuchtkalter Nordmeerluft. Wer jetzt in den sonnigen Süden entfliehen
kann, der darf sich glücklich schätzen – hat es saumäßig gut. Wo man auch bei
uns in Deutschland hinkommt oder auch nur anruft: Alles niest, schnupft, leidet unter Erkältung. Die Umsätze in den
Apotheken steigen von Tag zu Tag. Erstmals in der letzten Woche wurden in
weiten Teilen Deutschlands die Temperaturen unter null Grad gedrückt – trotz
Herbst. Und in Rußland wehten unserem neuen Kanzler, als er zu Wochenbeginn aus
dem Flugzeug stieg, eisige minus 15 Grad um die Ohren. Meteorologen erwarten
dort den kältesten Winter seit 30 Jahren. In den USA fegen schon wilde
Schneestürme über die einzelnen Staaten. Dabei sind die großen Sturmfluten doch
erst vor wenigen Tagen das Thema aller Nachrichtensendungen rund um den Globus
gewesen. Und in Mittelamerika flehen Politiker und Hilfsorganisationen um
Unterstützung, weil viele Regionen verwüstet, die Menschen obdachlos sind, die
Infrastruktur zusammengebrochen ist. Denken Sie gelegentlich an die große
Sturmflut in China? Bilder aus diesem Land sind kaum noch zu sehen. Obwohl uns
immer wieder eindringlich in den Reportagen beschrieben wurde, daß die Menschen
in China unter den Folgen bitter leiden werden. Die Sensation ist vorbei. Wir
beschäftigen uns wieder mit unserem Alltag – dem herannahenden Winter und
seinen Auswirkungen. Aber zu unserem Alltag wird auch gehören, daß wir Menschen
aus den Katastrophengebieten demnächst als Flüchtlinge bei uns beherbergen
werden müssen. Vor allem aus den Katastrophengebieten Mittelamerikas. Da wäre
Hilfe für die Menschen vor Ort – jetzt in ausreichendem Maße erteilt, letztlich
sinnvoller für alle. Für uns, die wir in sicheren Gefilden leben dürfen – und
für jene, die im Moment das Nötigste zum Überleben brauchen.
Rundum
versichert?
Das
Klima spinnt. Und viele selbsternannten Experten wissen auch, woran es liegt:
Wir Menschen haben mit unserer Technik weltweit das Klima versaut! Ganz scharfe
Analytiker sind sogar der Ansicht, daß es einfach zu viele Menschen auf diesem
Erdball gibt. Andere, sehr ernstzunehmende Wissenschaftler, behaupten dagegen,
die Klimaschwankungen seien ganz normal, wenn man sich die Geschichte des
Klimas auf unserer Erde in den letzten Jahrtausenden anschaut. Da gab es
Zeiten, in denen sogar in Dänemark Wein angepflanzt wurde. Und es gab Zeiten,
da regnete es Jahr um Jahr, die Menschen
konnten kaum etwas ernten – Hungersnöte plagten ganze Erdteile. Folge: Die
Menschen starben wie die Fliegen. Seuchen verwandelten ganze Landstriche in
menschenleere Zonen. Aber dieser Art von Auslese verficht heute ernsthaft
niemand mehr. Außer ein paar Unbelehrbaren am rechten Rand des politischen
Spektrums oder Super-Natur-Ideologen. Wenn es in Strömen regnet, wenn der
Schnee schnell schmilzt, dann gab es seit Menschengedenken Überschwemmungen.
Deshalb baute man auch nicht seine Häuser unmittelbar an Bach- oder Flußufern,
an Berghängen oder anderen gefährlichen Orten, sondern in geschützter und
einigermaßen gesicherter Umgebung. Heute aber wird überall ein Häusle
hingestellt, werden Straßen wahllos durch die Landschaft gezogen. Es braucht sich also niemand zu wundern,
wenn dank versiegelter Böden das Wasser nicht mehr schnell versickern kann. Niemand
sollte erstaunt sein, daß bei langanhaltendem Regen der Boden kein Wasser mehr aufnehmen
kann. So ist es nun einmal: Natur pur. Die Rundumversicherung für jeden Zufall gibt es gottseidank nicht –
und wird es auch nie geben. Solange Menschen leben. Nur in versponnenen Träumen
herrscht auf Erden schon das Himmelreich. Und wenn es gestört wird, dann tragen
böse Mächte schuld daran: Kapitalismus, Religion, Freimaurer, etc. –
Verschwörungstheorien sind bei den Rechtgläubigen schnell zur Hand und
wohlfeil. Dabei haben die größten Katastrophen dieses Jahrhunderts die großen
selbsternannten Heilsbringer verursacht: Kommunismus und Nationalsozialismus.
Millionen von Toten wie bei den beiden schrecklichsten Terrorregimes hat
bislang keine Naturkatastrophe im 20sten Jahrhundert zustande gebracht.
Umzug
nach Berlin
Berlin
ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Und im nächsten Jahr wird
umgezogen. Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident und Bundeskanzler sowie viele
Ministerien werden in Berlin residieren. Ob das unserer Politik gut tut? Berlin
ist zunächst einmal eine Metropole. Und seit Öffnung der Grenzen nach Osten ist
diese Millionenstadt auch ein Schmelztiegel
für viele Bevölkerungsgruppen aus dem In- und Ausland. Botschafter, vor
allem aus den Ländern der Dritten Welt,
haben heute schon beträchtliche Bauchschmerzen, wenn sie an den Umzug von Bonn
nach Berlin denken. Rassistische Gewalttaten in der Hauptstadt – vor allem
gegen dunkelhäutige Menschen – bieten nicht gerade das Bild einer weltoffenen
Stadt. Der Ost-West-Konflikt innerhalb der Stadt ist noch lange nicht überwunden.
Die Folge: eine Abschottung der politischen Kaste, stärker als sie in Bonn je
war. Auch wenn die Repräsentanten unserer neuen Regierung von Berlin als einem
reinigenden Schmelztiegel sprechen, in dem sich die deutsche Politik der
gesellschaftlichen Realität im Lande stellen muß. Ganz wilde Träumer
schwadronieren gar von einer Wiederbelebung der Goldenen Zwanziger. Nur
vergessen sie immer, wo die gelandet sind – im Terror eines Dritten Reiches.
Und sie vergessen auch, daß vor allem von ausländischen Beobachtern diese
fiebrigen Jahre der ersten deutschen Republik schonungslos als überhaupt nicht
golden beschrieben sind. Immer noch bei unbestechlichen Schriftstellern
nachzulesen, vor allem englischen (Christopher Isherwood, etc.). Da träumten
Deutsche nach dem Kriege lieber und verklärten die Goldenen Zwanziger. Dabei
waren sie vornehmlich brutal – und Voraussetzung für den Naziterror. Demnächst
unsere Abgeordneten in Berlin – wie wird das? Sicherlich haben sie mehr
Möglichkeiten unerkannt in der Millionenstadt abzutauchen – anders als in Bonn.
Sicherlich haben sie mehr Möglichkeiten, nach den Mühen des politischen Alltags
kulturelle Großstadt-Ereignisse zu genießen. Aber sie sind auch weitaus
gefährdeter als im beschaulichen Bonn. Einflüssen ausgesetzt, die es in der
beschaulichen Stadt am Rhein nicht gegeben hat. Ob sich unter diesen Eindrücken
und Einflüssen die Qualität der Parlaments- und Regierungspolitik steigern
läßt? Wir wissen heute schon, daß in der Politik- und Kulturszene Berlins viel
mit heißer Nadel gestrickt wird, viele Luftschlösser gebaut werden und
Nichtssagendes aufgebauscht wird. Wie in den Zwanziger Jahren schon. Mit
fatalen Folgen. Ein Trost, daß unsere Politiker immer wieder in ihre
Wahlkreise, also in die Provinz
zurückmüssen. Die Ministerialbeamten aber werden Großstädter, in Berlin
leben müssen – und sind damit auch Spielbälle der unterschiedlichsten
Interessen in der unüberschaubaren Metropole.
Es
schrödert ...
Die
neue Regierung, ungeschickt wie sie unter Parteichef Oskar Lafontaine vorgeht, hat sich erstmals als eine parteiisch
plumpe Regierung entpuppt. Wie will man das Klientelwesen in Ländern und
Gemeinden, nicht zuletzt auch im Bund, wirksam bekämpfen, wenn die
Regierungsparteien selbst das höchste Amt im Staat mit einem ihrer Klienten
besetzen? – Das schreibt Herausgeber Rudolf Augstein in seinem Wochen-Magazin
Der Spiegel. Das Titelbild zierte unter der Überschrift „Der Rot-Grüne
Wirtschaftskurs“ ein Gerhard-Schröder-Konterfei
in weißen Wolken. Darunter ist die Frage zu lesen: Wo ist Schröder? Der neue
Kanzler in Bonn kann es nun wirklich keinem recht machen. Weder der Koalition,
seinem Parteivorsitzenden, der Wirtschaft noch der Presse – auch nicht den ihm
wohlwollenden Gazetten aus Hamburg. Nur Gewerkschaften und eine Mehrheit in der
sozialdemokratischen Partei steht offenbar noch hinter ihm. Bisher hatte kaum
eine Regierung so kurz nach ihrer Wahl einen so miesen Start hingelegt und
schlechte Umfrageergebnisse erzielt. An der sogenannten ökologischen
Steuerreform wird fortwährend herumgedoktert und -gepopelt. Ausnahmen über
Ausnahmen. Von gerechter Verteilung der Lasten keine Spur. Bei der doppelten
Staatsbürgerschaft haben wir bald Deutsche erster und zweiter Klasse – jene mit
einer und andere mit zwei Staatsbürgerschaften. Ob das vor dem
Bundesverfassungsgericht Bestand hat? Man könnte diese Liste beliebig
fortsetzen. Und gewinnt letztendlich den fatalen Eindruck: Diese neue Regierung
muß sich wohl erst noch einarbeiten, ihre Schul- und Hausaufgaben ordentlich
machen, ehe sie richtig loslegen kann. Jetzt kommt noch zu allem Überfluß
hinzu, daß die Sozis in Mecklenburg-Vorpommern mit den Postkommunisten der PDS
in einer gemeinsamen Regierung sitzen. Die
Regelanfrage bei der Gauck-Behörde für Staatsbedienstete: Gestrichen! Demnächst
soll eine ähnliche Konstellation in Sachsen-Anhalt und Thüringen Einzug halten.
Wahrlich: Deutschland ist linker geworden. So links wie noch nie in der
Geschichte der parlamentarischen Demokratie. Da hilft auch nicht der
fortwährende Hinweis auf eine neue Mitte. Nach dem 27. September 1998 hat die
Bundesrepublik Deutschland eine neue politische Ausrichtung erhalten. An ihren
Früchten wird die neue Regierung gemessen. Schon im nächsten Jahr bei den dann
anstehenden Landtags- und Kommunalwahlen.
Wer
tritt wirklich an?
Wer
wird im kommenden Jahr in Heilbronn für
das Amt des Oberbürgermeisters kandidieren? Einer hat schon seit langer
Zeit seine Kandidatur angemeldet: Fred
Steininger. Der Heilbronner Werbefachmann, einst sogar Präsident der VfR
Heilbronn, wollte es schon oft wissen. In Frankfurt am Main, in Stuttgart, aber
auch im Landkreis Heilbronn. Aber von kaum einem politischen Beobachter wird
Steininger den ernsthaften Kandidaten zugerechnet. Bei den Sozialdemokraten in
der Unterland-Metropole jonglieren zwei potentielle Kandidaten mit ihren Namen.
Sibylle Mösse-Hagen, Stadträtin und
SPD-Kreisvorsitzende in Heilbronn-Stadt, ist eine 43jährige Geschäftsfrau, die
sich durchaus vorstellen kann, zu kandidieren. Sie kann sich aber auch
vorstellen, daß Harry Mergel, der
SPD-Fraktionsvorsitzende im Heilbronner Rathaus, als OB-Kandidat ins Rennen
geht. Und ebenso kann es sich Mergel vorstellen, daß entweder seine Kollegin
Mösse-Hagen oder er ins Rennen gehen. Oder jemand ganz anderes. Denn die SPD
will dem Bürger 1999 einen attraktiven Kandidaten präsentieren. Reizvoll ist
der Gedanke schon, im September 1999 das erste Mal in der Geschichte Heilbronns
eine Oberbürgermeisterin im Rathaus residieren zu sehen. Und nachdem die SPD es
versäumt hatte, bei der letzten Bundestagswahl eine Frau aufzustellen und ins
Rennen zu schicken, auch bei der letzten Landtagswahl nicht einmal eine Frau
als Zweitkandidatin aufzustellen, um den Wahlkreis für die SPD Heilbronns zu
sichern, müßte sie langsam nicht nur von Gleichberechtigung in der Partei
reden, sondern auch danach handeln. Bei der CDU stehen folgende Namen auf dem
Kandidatenkarussell: Thomas Strobl
(CDU-Kreisvorsitzender, Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat und
Bundestagsabgeordneter), Johanna Lichy
(Staatssekretärin und Heilbronner Landtagsabgeordnete), Werner Grau (Erster Bürgermeister in Heilbronn) und Jochen K. Kübler (Oberbürgermeister in
Öhringen). Aber all die vielen gehandelten Namen aus dem regionalen Umfeld
verdecken, daß viele sich in Heilbronn nach Kandidaten sehnen, die von außen
kommen, unbelastet sind und frischen Wind ins Käthchenstädtchen bringen. In
vielen bürgerlichen Kreisen Heilbronns sucht man jetzt schon nach illustren
Kandidatennamen aus der deutschen Fremde. Wer zu früh startet – das lehren viele
Bürgermeisterwahlen im Ländle – hat schnell sein Pulver verschossen. Im
Frühjahr 1999 wird es erst die wirklich heißen Diskussionen um die Nachfolge
von Dr. Manfred Weinmann auf dem
OB-Sessel im Rathaus geben. Bis dahin wird spekuliert, werden Startlöcher
gegraben und munter die unterschiedlichsten Namen gehandelt.