Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 18.02.1998



Platz 27 für Friese
Die Sozialdemokraten im Unterland sind überglücklich. Nach langen Jahren des Darbens haben sie es am letzten Samstag auf dem SPD-Landesparteitag geschafft, für ihren Direktkandidaten Harald Friese einen aussichtsreichen Landeslistenplatz zu ergattern. Bei den letzten Bundestagswahlen (bis Dieter Spöri von Bonn nach Stuttgart  gewechselt war) hatte der Heilbronner Kandidat (vor allem Peter Alltschekow) nie eine Chance auf einen aussichtsreichen Listenplatz. Und da bei der letzten Wahl im Jahre 1994 die CDU im Lande alle Direktmandate geholt hatte, waren SPD-Leute ohnehin nur über die Landesliste nach Bonn gekommen. Jetzt hoffen die Sozis, einige Direktmandate im Lande zu gewinnen, dann säße Harald Friese ganz sicher im neuen Bundestag. Die Heilbronner und Unterländer aus den beiden SPD-Kreisverbänden hatten alles für den Parteitag am Wochenende in Karlsruhe aufgeboten, was Stimmung für ihren Kandidaten machen konnte – nicht nur die gewählten Delegierten. Und Harald Friese konnte mit seinem langjährigen Schaffen in der kommunalpolitischen Arbeitsgemeinschaft ordentlich wuchern. Und so konnte man dank guter Kontakte zu anderen SPD-Kreisverbänden im Lande und eine glücklichen Strategie Bündnisse schmieden, die für Friese den 27. Platz auf der Liste in einer Kampfabstimmung gegen Lothar Binding (Heidelberg) sicherte. Friese hatte den Delegierten klarzumachen versucht, daß in Bonn zu wenig kommunaler Sachverstand in der Fraktion vorhanden sei. Von den tatsächlichen Verhältnissen in den Städten und Gemeinden hätten die meisten der Bonner Politiker keinen blassen Schimmer. 52 Jahre ist Harald Friese alt. Bis August 1997 war er in Heilbronn Bürgermeister für öffentliche Ordnung, Sicherheit, Umwelt und Gesundheit. Nach der Wahl des Vorsitzenden der CDU-Gemeinderatsfraktion Artur Kübler zum Bürgermeister, wechselte Friese in das Dezernat Kultur, Sport, Soziales und Schule. Diesen eigentümlichen Vertrag hatten SPD und CDU ausgehandelt. Wenn Friese im Herbst nach Bonn wechseln sollte, wird wahrscheinlich der derzeitige SPD-Fraktionsvorsitzende Harry Mergel neuer Kulturbürgermeister in Heilbronn werden. Um dann 1999 eine sichere Startbasis aus diesem Amt für die OB-Kandidatur in Heilbronn in der Nachfolge von Dr. Manfred Weinmann zu haben. Aber zunächst einmal müssen die Sozis die Bundestagswahl im Herbst gewinnen. Sonst sind viele dieser holden Pläne nichts als Makulatur.   
Muhlers Rausschmiß
Am Schwarzen Brett der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg hing ein Zettel, auf dem darauf verwiesen wurde, daß ab sofort August Muhler als Geschäftsführer nicht mehr im Hause tätig ist. Kopfschütteln und Unverständnis war die Folge bei vielen Mitarbeitern. Und in Heilbronn schlug die Nachricht von der Entlassung Muhlers wie eine Bombe ein. Vor allem nachdem die Geschäftspartner der Weingärtnergenossenschaft per Fax davon in Kenntnis gesetzt worden waren, daß August Muhler mit sofortiger Wirkung von allen „Tätigkeiten, Kompetenzen und Befugnissen“ entbunden sei. August Muhler, der noch vor wenigen Monaten groß seinen 50. Geburtstag mit vielen Lobes- und Dankeshymnen feiern durfte, ist als einer der Väter des Heilbronner Weindorfes und als Weinpromotor im Heilbronner Verkehrsverein schon in die Geschichte der Weinstadt Heilbronns eingegangen. Am 1. April diesen Jahres hätte er sein 25jähriges Arbeitsjubiläum bei der Genossenschaftskellerei feiern können. Die Vorstände, die jetzt Muhlers Geschäftsführer-Arbeit bis auf weiteres unter sich aufgeteilt haben, wollen über die Gründe für ihre Maßnahme nichts mitteilen.  Gegen seine Kündigung zum 31. Dezember 1998 will August Muhler vorgehen. Einen Rechtsstreit scheut er nicht. Denn für ihn sind die Vorwürfe geradezu „fadenscheinig“, wonach er Spesen und Überstunden nicht ordentlich abgerechnet habe. Um seine Zukunft sei ihm jedenfalls nicht bange. Nun sagen Juristen, daß es bei außerordentlichen Kündigungen üblich sei, sich auf Spesenabrechnungen zu stürzen – einfach, um etwas juristisch oder später vor dem Arbeitsgericht Verwertbares in der Hand zu haben. Die wirtschaftliche Entwicklung der Genossenschaftskellerei kann kaum der Grund für den Rausschmiß sein. Denn für 1997 wird ein Umsatzplus von fünf Prozent erwartet. Ständig steigende Betriebskosten, unzufriedene Wengerter (vor allem die jüngeren), die Umfirmierung des Bandwurmnamens „Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg“, der Herbstritter-Zwist und der Rückgang der Auszahlungsgelder an die Wengerter – all das hätte bei der Entlassung keine Rolle gespielt. Feststeht allein: „Das Vertrauensverhältnis, das für so eine wichtige Aufgabe notwendig wäre, ist nicht mehr gegeben.“ Sagt Hermann Schneider, der Vorstandsvorsitzende der 683 Mitglieder starken Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg.     

Freude am Amt
Es war an einem Freitag – und dazu noch an einem dreizehnten. Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg weilte den ganzen Tag in Heilbronn. Sein Lob für Stadt und Region fiel dick aus. Und er hatte ja auch allen Grund. Für Otto Christ, den neuen Ehrenvorsitzenden der Industrie- und Handelskammer Heilbronn hatte er sogar ein Päckchen vom Bundespräsidenten in der Tasche. Das Große Verdienstkreuz am Bande konnte er dem scheidenden IHK-Präsidenten überreichen. Und da Otto Christ schon das normale Bundesverdienstkreuz besitzt, empfahl Erwin Teufel ihm, dies doch in einer stillen Stunde daheim seiner Frau feierlich anzuheften. Denn die hätte es wirklich verdient. Seinem Nachfolger als IHK-Präsident Günter Steffen wünschte Christ, daß der ebenso viel Glück und Freude in seinem Ehrenamt habe wie er. „Freude am Amt hatte ich wirklich!“, rief der scheidende Präsident in die Festrunde. In die Geschichte der IHK werde er als ein Präsident eingehen, der drei Hauptgeschäftsführer nötig hatte. Werner Buch, den Christ als neuer Präsident 1988 noch ein dreiviertel Jahr begleitete. Und dann Dr. Horst Schmalz, Christs Wunsch-Hauptgeschäftsführer („Er war die Bedingung, daß ich das Amt des Präsidenten überhaupt annehme.“) Und zum Schluß dann Heinrich Metzger, der 1996 von der IHK Ludwigsburg nach Heilbronn wechselte und als Hauptgeschäftsführer die Geschicke der IHK Heilbronn „gut und bestens weitergeführt hat – bis heute.“, so Otto Christ. Zum Schluß gab es vom scheidenden Präsidenten noch ein paar Kernsätze für seine Nachfolger: Wesentlich bei der IHK sei, daß Präsident und Hauptgeschäftsführer an einem Strang ziehen, und die IHK-Pflichtmitgliedschaft weiterbestehen bleibe. Und dann Christs Liebeserklärung: „Wir alle sind Menschen einer Region, die zu den schönsten in Deutschland zählt.“ Jetzt gilt aber für Günter Steffen, Probleme erkennen, benennen, Lösungsvorschläge sammeln, danach die Kräfte bündeln, sie am richtigen Ort zur richtigen Zeit einsetzen. Eine Manageraufgabe – und damit eines der schwierigsten Unterfangen für den neuen IHK-Präsidenten. Denn in seinem Ehrenamt ist der Mann ja kein Chef (wie in seinem eigenen Betrieb), sondern eher ein Moderator für die gesamte Wirtschaft im Kammerbezirk. Und das sind oft miteinander konkurrierende Unternehmen. Mahner und Begleiter des Wirtschaftslebens können IHK-Präsidenten sein, wie dereinst – oder Macher, wie Otto Christ. Und ... was noch?    

Neuer Präsident
Man hatte bei der Industrie- und Handelskammer lange gesucht, bis man fündig geworden war. Kandidaten für Präsidenten wachsen halt nicht auf den Bäumen. Jene, die zunächst ausgeguckt waren, wurden nicht wieder in die Vollversammlung gewählt. Von den Vizepräsidenten wollte keiner als Präsident kandidieren. Und so kam man nach langer Suche auf den Kandidaten Günter Steffen, Geschäftsführender Gesellschafter der tds tele-daten-service GmbH in Heilbronn. Und der neue Präsident erweiterte gleich den Kreis der Vizepräsidenten auf fünf Personen: Ulrich Landerer (Geschäftsführender Gesellschaft  der Neckarsulmer Landerer GmbH & Co. KG Neckarsulm), Bettina Würth (Prokuristin bei der Adolf Würth GmbH & Co. KG Künzelsau), Hans Firnkorn ( Geschäftsführer der Löwenbrauerei Hall Fr. Erhard GmbH & Co., Schwäbisch Hall), Adolf Oppermann (Vorstandssprecher der Volksbank Heilbronn) und Thomas Walch (Gesellschafter mit Prokura, Hans Walch GmbH & Co. KG, Heilbronn). Viel wurde über die Forderung des neuen IHK-Präsidenten Günter Steffen nach einem weiteren Vizepräsidenten gerätselt. Er erklärte schnell, daß seine neue Mannschaft gleichermaßen für Vergangenheit und Tradition wie auch für Wandel und Zukunft im Kammerbezirk stehe. Und er selber werde bei der Zukunftsorientierung für den Kammerbezirk keinem Streit aus dem Wege gehen, ja er stehe für eine neue Streitkultur – um der besseren Lösung willen. Diese neue Streitkultur habe bei der IHK schon eingesetzt, meinen Beobachter und Kenner der Szene. Man könne sie daran ablesen, daß der alte Präsident Otto Christ, der jetzt IHK-Ehrenpräsident geworden ist, nicht an der Einführungspressekonferenz für seinen Nachfolger im Anschluß an die IHK-Vollversammlung im Heilbronner Insel-Hotel teilnahm. Christ zog es vor, sich dem Small-Talk beim gleichzeitig stattfindenden Empfang zu widmen. Auch innerhalb der Verwaltung wird es Neuerungen geben. Weiterer Punkt: Den Nachfolger von IHK-Geschäftsführer Thomas Schick als Leiter der Presseabteilung sucht man demnächst aus. Über den März 1998 hinaus soll Schick, dann als freier Mitarbeiter, die Öffentlichkeitsarbeit der Heilbronner Industrie- und Handelskammer koordinieren – bis der neue Mann / die neue Frau gefunden ist. Günter Steffen versteht sich als Mann, der was von Öffentlichkeitsarbeit versteht. Das heißt, er wird ein entscheidendes Wörtchen bei der IHK-Pressearbeit mitreden.       

Unterländer Fasching
Es gibt bei uns im Unterland Faschingshochburgen – und solche, die es werden wollen. Talheim, Bad Wimpfen, Gundelsheim, Stockheim oder Bad Rappenau sind Faschingshochburgen, Heilbronn will noch eine werden. In Talheim zogen am Wochenende 3.000 Narren durch den Ort – und stellten mit 35.000 Besuchern das Städtchen wirklich auf den Kopf. In Heilbronn gab es in der Harmonie eine Prunksitzung der Carnevalgesellschaft Heilbronn, die mit dieser neuen Form versuchte, einen neuen Weg einzuschlagen. Kurzweilig im Programm und in den Büttenreden zeigten die Macher den 600 Besuchern einen ganz neuen Heilbronner Karneval. Und die waren vom bunten Treiben auf der Bühne sehr angetan. Motto des Abends: „Kostümiert mit Spaß im Blut, wir tanzen unterm Zuckerhut.“ – Auch wenn der Zuckerhut in Heilbronn Wartberg heißt, wurden doch in der Harmonie feurige Tänzerinnen aufgeboten, die mit ihrem Showballett „Fiesta Brasil“ Augenfreuden boten. Rund geht’s übrigens nochmal am kommenden Faschingsdienstag, 24. Februar, ab 19.31 Uhr. In der Heilbronner Harmonie ist mit dem „Lumpentreff“ der Ausklang der Narrensaison angesagt. Neben Jubel und Trubel im Foyer wie auch im kleinen und großen Saal mit den Bands The Flirts und Holidays und einer Non-Stop Disco, können Faschingsfreunde bei einer Riesentombola 111 Preise, darunter auch ein Reisegutschein, gewinnen. Präsentiert wird die Veranstaltung vom Verkehrsamt Heilbronn, vom Neckar Express, von Radio Ton und der Carneval Gesellschaft Heilbronn (Veranstalter). Eintrittskarten gibt es im Vorverkauf beim Verkehrsamt Heilbronn (Rathaus) und beim Neckar Express Verlag (Heilbronn, Orthstraße 17 bis 19). Der Eintritt kostet im Vorverkauf elf Mark, an der Abendkasse zwölf Mark.

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