Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 11.03.1998



Heilbronner Bordell
Der Neckar Express titelte in der letzten Ausgabe auf Seite eins: Heilbronner Bordell in der Hafenstraße 7. Damit war öffentlich heraus, was einigen Leuten in Heilbronn schon bekannt war. Viele Standorte hatte die Stadtverwaltung abgeklopft, nachdem sie die Gebäude des Eros-Centers in der Sontheimer Straße 7 (gegenüber des CPC-Gebäudes) gekauft hatte – und eigentlich das Puff zum Ende des Monats Januar 1998 schließen wollte. Aber auf inständige Bitten der Mitternachtsmission ließ sich die Stadt erweichen, um „kein Vakuum entstehen zu lassen“, dem alten Bordell im Süden Heilbronns eine Fristverlängerung um ein halbes Jahr zu gewähren. Liberal will man in Heilbronn mit der Prostitution umgehen, „weil solche Einrichtungen einfach zu einer Stadt dieser Größe gehören“. Der illegale Strich rund um den Heilbronner Hauptbahnhof, der von vielen Bewohnern dort als störend empfunden wird, soll mit dem neuen Puff in der Hafenstraße 7 eingedämmt werden. Von der Planung und auch vom Baurecht sei, so ist von Seiten der Stadt zu hören, alles geklärt. Das Grundstück gehört der Stadt Heilbronn. Mit dem Hausbesitzer wird verhandelt – und auch hier stehe man kurz vor dem Abschluß. Dem Amt für öffentliche Ordnung liege sogar schon eine Liste potentieller Bewerber für das Betreiben des Bordells vor. Die Vermarktung wird dann von der Stadtsiedlung durchgeführt. Denn das Gebäude werde dem noch auszuwählenden Betreiber dann zur „gewerblichen Zimmervermietung“ überlassen.  Die Stadt selbst will nicht als Vermieter für das Bordell auftreten – und auch keine Verhandlungen führen. Man stelle sich das vor: Der zuständige Bürgermeister muß sich die Bewerber anschauen, eventuell auch noch mit Selbsthilfe-Organisationen von Huren verhandeln. Schnell stünde er als Puff-Bürgermeister dar. Jetzt ist die Frage: Wer wird der Betreiber? Im Rotlichtmilieu wurde schon im Dezember 1997 heftig diese Frage diskutiert. Auch soll es zertrümmerte Autoscheiben, aufgeschlitzte Reifen und scharfe Schüsse auf ein Wohnhaus gegeben haben. Man sprach davon, daß jetzt auch die finanzstarke Konkurrenz von außerhalb auf den Heilbronner Strich drängen würde. Und da geht es bekanntlich nicht zimperlich zu. In Heilbronn aber will man einen verläßlichen Betreiber, „dem Amte wohlbekannt“. Der müsse berechenbar und eine vertrauensvolle Person sein. Rund ein Dutzend Damen sollen ihren Liebesdienst dann in der Heilbronner Hafenstraße anbieten.                                                           

Berliner Platz
Die Auseinandersetzung um den Berliner Platz, so meinen viele Kommunalpolitiker im Käthchenstädtchen, strebe jetzt dem großen Finale entgegen. Ich bin da sehr skeptisch. Denn unser Erster Bürgermeister Werner Grau hatte auch schon bei der Bülow-Planung mehrmals zum Finale angesetzt. Und herausgekommen war dann so eine Art Heilbronner Götterdämmerung. Nicht überraschend für unsere arg geplagte und gebeutelte Heimatstadt. Sieben Bewerber gibt es momentan – die Stadtsiedlung ist nicht dabei. Eingedämpft werden soll die Bewerberschar auf ganze zwei: die K+K Grundstücks- und Projektentwicklungsgesellschaft auf der einen Seite und die PBP (Projekt Berliner Platz) des Dieter Eger aus Kernen. Bis zum 31. März hätten diese beiden dann Zeit, Vertragsentwürfe auszuarbeiten. Die Nutzungsnachweise müssen bis zum 29. Mai vorgelegt werden. Und der Heilbronner Gemeinderat will dann am 9. Juli darüber entscheiden, mit welcher der beiden Planungsvorhaben er in die Bauphase gehen möchte. Und dann wird vielleicht gebaut. Irgendwo soll ein Kino in den Komplex hinein. Vielleicht aber auch in einen Neubau auf den Kurt-Schumacher-Platz. Und bis dahin feiert der Europlex-Filmpalast in Neckarsulm dank eines neuen Kino-Booms (siehe der Film Titanic) einen Erfolg nach dem anderen. Geld für einen Theaterneubau und Theaterwerkstätten in dem Neubau auf dem Berliner Platz ist auch vorhanden, ebenso für eine ganz moderne, nach neuesten Gesichtpunkten gestaltete Stadtbücherei. Ein kleines Medienzentrum wird dann am Berliner Platz gebaut – wenn gebaut wird. Ich freue mich wirklich schon darauf, daß nach mehr als 15 Jahren der gräßliche Schandfleck am nördlichen Eingang zur City Heilbronns verschwindet. Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.                                                  

Es streikt so schön
Die Forderungen der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr ÖTV sind unrealistisch. Das sagen nicht nur Bürgermeister, Landräte, Ministerpräsidenten oder Innenminister des Bundes. Auch das ÖTV-Mitglied Gerhard Schröder, der neue SPD-Kanzler-Kandidat hält 4,5 Prozent oder die 32-Stunden-Woche für eine überzogene Forderung. Aber die Damen und Herren des öffentlichen Dienstes meinen, sie müßten es der Bevölkerung, also ihrem eigentlichen Arbeitgeber, mal wieder ordentlich zeigen. Müllabfuhr, Öffentlicher Personen-Nahverkehr oder andere Bereiche werden von Warnstreiks überzogen. Und was wir da an Parolen und Sprüchen am Fernsehschirm miterleben dürfen, zeugt nicht gerade von sinnvollen, berechtigten und wohlüberlegten Aktionen, sondern mehr von einem recht ruppigen Kampf-Stil. Während in der Wirtschaft Arbeitsplätze abgebaut werden, immer neue Entlassungswellen angekündigt werden, kleine und große Firmen Bankrott anmelden und Arbeitnehmer freisetzen, meint der öffentliche Dienst mit seinen sicheren Arbeitsplätzen offenbar, man müsse nur ordentlich auf den Putz hauen, dann klappt das schon. Daß die Staatskassen leer sind, die Schulden ständig steigen, die kommenden Generationen durch die Ausgabenwut unserer Politiker und ihrer Pressure-Groups auf Jahrzehnte belastet sind, das stört die ÖTV und ihre Mitglieder wenig. Der Fiskalsozialismus soll weitere Blüten treiben. Was noch nicht an Geld in den öffentlichen Kassen vorhanden ist, das kann ja bei den Unternehmen geholt werden – meinen die Herren Politiker (in der Mehrzahl Beamte) – und ihre Beamten und Angestellten in der öffentlichen Verwaltung. Und da sitzen sie sich nun gegenüber, spielen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und sind doch eigentlich aus demselben Holz geschnitzt. So wird halt die Belastbarkeit der Wirtschaft weiter getestet, Wegelagerer-Methoden (wie beim Abkassieren auf den Straßen) gepflegt – kein gutes Zeichen für den Wirtschaftsstandort Deutschland, bei dem die Politik die notwendigen Veränderungen durch Hickhack-Diskussionen einfach verpennt hat. Vernünftige Politik wird nicht mit Plakaten und in Fernsehinterviews gemacht, sondern durch Gesetze. Jedes Land hat halt die Politik und die Gewerkschaften, die es verdient.                     

Wirtschaftsförderung?
In der Landeshauptstadt wollten sie die Klappe aufreißen, doch sie sind nur aufs Maul gefallen. Zu einer Blamage am Nesenbach mißriet eine mit großen Erwartungen verbundene Pressekonferenz von Heilbronner Handwerkskammer, IG Metall und Wirtschaftsförderung. Landrat Klaus Czernuska höchstpersönlich, der Gewerkschafter und Multifunktionär Frank Stroh und der Handwerker-Hauptgeschäftsführer Gerhard Pfander wollten der Weltpresse von einem „Anwender- und Innovations-Forum Umwelttechnologie“ in und rund um Heilbronn vorschwärmen. Doch: außer Spesen nix gewesen. Pflichtbewußt waren allein die zwei Stuttgarter Korrespondenten der Heilbronner Stimme erschienen. Die Stuttgarter Journaille glänzte durch Abwesenheit. Die Unterländer, die sich anstellten wie tumbe Provinzler, haben keinen Fehler ausgelassen. Sie luden zu kurzfristig mit einem Telefax ein, dessen Text niemand hinter dem Schreibtisch hervorlocken konnte. Die in Heilbronn ansässigen Korrespondenten der beiden wichtigsten/größten Tageszeitungen im Lande wurden schlicht ignoriert. Mächtig, aber irreführend tat Gerhard Pfander noch kund: „Der Vorsitzende der Landespressekonferenz ist von dem Termin informiert.“ Tatsächlich hatte der Chef des 80 Mitglieder starken Journalistenclubs (LPK) deutlich erklärt, daß der Termin die LPK-Kriterien wegen der regionalen Bedeutung nicht erfülle. Die Heilbronner mußten also gewarnt sein. Wären die Werbetrommler Zuhause geblieben, hätten sie sich vor Ort des erwünschten Echos sicher sein können. So aber müssen sich die Spesenritter fragen lassen, ob in diesen finanzkargen Zeiten das Geld für einen Ausflug so einfach zum Fenster hinausgeschmissen werden darf. Wer Wirtschaftsförderung so betreibt, muß sich nicht wundern, wenn er sich müdem Spott aussetzt.

Heilbronner Schröder?
Die Sozialdemokraten präsentierten auf ihrem Jahresempfang im Caféhaus Hagen im Heilbronner Industriegebiet selbstbewußt ein neues Wir- und Siegesgefühl. Die Niedersachsenwahl hat uns über Nacht einen Kanzlerkandidaten beschert, meinte die SPD-Kreisvorsitzende Sibylle Mösse-Hagen. Ablesen könne man die Zustimmung zur SPD in der Bevölkerung im Unterland auch daran, daß spontan nach der Niedersachsen-Wahl fünf neue Mitglieder aufgenommen werden konnten. Eine fast weihnachtliche Überraschung war das schon – für die sonst so streng auf innerparteiliche Demokratie pochenden Genossen. Aber neue Zeiten bringen auch neue Formen mit sich, war beim Heilbronner SPD-Empfang mit einem gewissen Lächeln und Achselzucken zu hören bzw. zu sehen. Nun – sei’s drum. Denn, was der Gerhard Schröder für den Bund ist, das soll der Harald Friese für die Unterländer SPD sein. Ein wenig im Abseits stand dabei der Hans-Martin Bury, Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Neckar-Zaber, der in einigen Zeitungen schon als Minister in einer neuen rot-grünen Koalition in Bonn gehandelt wird. Erklärtes Ziel der Genossen: die Direktmandate in den beiden Wahlkreisen der CDU abjagen, die momentan noch von Dr. Renate Hellwig und Egon Susset gehalten werden. Wahlkreise sind keine Erbhöfe für eine Partei, meinte Harald Friese. Richtig! Das hatte die CDU der Unterländer SPD zu Beginn der siebziger Jahre gelehrt. Bis dahin war es nämlich in Heilbronn so, daß der Spruch umging, man könne auch einen Kartoffelsack mit der Aufschrift SPD auf die Rathaustreppe stellen, er würde mit Mehrheit gewählt werden. Mit einem Platz 27 auf der SPD-Landesliste hatte der Vorgänger-Kandidat von Harald Friese, der ehemalige Heilbronner SPD-Vorsitzende und Spöri-Pressesprecher Peter Alltschekow (Beruf: Richter am Landgericht) ja auch seine Erfahrungen gemacht. Erst in den letzten Wochen der Legislaturperiode konnte er MdB werden. Und das war es dann auch. Jetzt ist er Ministerialdirigent (Abteilungsleiter Regierungsplanung und Strukturpolitik) in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg. Harald Friese, der Schröder von Heilbronn, derzeit noch Kultur-Bürgermeister, wird im SPD-Blatt Heilbronner Rundschau als „Wandervogel und Leseratte“ vorgestellt, ohne Führerschein und Fernsehgerät, dafür aber den Wildbienen zugetan, die er in seinem Naturgarten ansiedeln möchte. Da gibt es halt doch noch Unterschiede zu Schröder.                               

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