Heilbronner Bordell
Der Neckar Express titelte in der
letzten Ausgabe auf Seite eins: Heilbronner
Bordell in der Hafenstraße 7. Damit war öffentlich heraus, was einigen
Leuten in Heilbronn schon bekannt war. Viele Standorte hatte die
Stadtverwaltung abgeklopft, nachdem sie die Gebäude des Eros-Centers in der Sontheimer Straße 7 (gegenüber des
CPC-Gebäudes) gekauft hatte – und eigentlich das Puff zum Ende des Monats
Januar 1998 schließen wollte. Aber auf inständige Bitten der Mitternachtsmission
ließ sich die Stadt erweichen, um „kein Vakuum entstehen zu lassen“, dem alten
Bordell im Süden Heilbronns eine Fristverlängerung um ein halbes Jahr zu
gewähren. Liberal will man in Heilbronn mit der Prostitution umgehen, „weil
solche Einrichtungen einfach zu einer Stadt dieser Größe gehören“. Der illegale
Strich rund um den Heilbronner Hauptbahnhof, der von vielen Bewohnern dort als
störend empfunden wird, soll mit dem neuen Puff in der Hafenstraße 7 eingedämmt
werden. Von der Planung und auch vom Baurecht sei, so ist von Seiten der Stadt
zu hören, alles geklärt. Das Grundstück gehört der Stadt Heilbronn. Mit dem
Hausbesitzer wird verhandelt – und auch hier stehe man kurz vor dem Abschluß.
Dem Amt für öffentliche Ordnung liege sogar schon eine Liste potentieller
Bewerber für das Betreiben des Bordells vor. Die Vermarktung wird dann von der
Stadtsiedlung durchgeführt. Denn das Gebäude werde dem noch auszuwählenden
Betreiber dann zur „gewerblichen Zimmervermietung“ überlassen. Die Stadt selbst will nicht als Vermieter für
das Bordell auftreten – und auch keine Verhandlungen führen. Man stelle sich
das vor: Der zuständige Bürgermeister muß sich die Bewerber anschauen,
eventuell auch noch mit Selbsthilfe-Organisationen von Huren verhandeln. Schnell
stünde er als Puff-Bürgermeister
dar. Jetzt ist die Frage: Wer wird der Betreiber? Im Rotlichtmilieu wurde schon
im Dezember 1997 heftig diese Frage diskutiert. Auch soll es zertrümmerte
Autoscheiben, aufgeschlitzte Reifen und scharfe Schüsse auf ein Wohnhaus
gegeben haben. Man sprach davon, daß jetzt auch die finanzstarke Konkurrenz von
außerhalb auf den Heilbronner Strich drängen würde. Und da geht es bekanntlich
nicht zimperlich zu. In Heilbronn aber will man einen verläßlichen Betreiber,
„dem Amte wohlbekannt“. Der müsse berechenbar und eine vertrauensvolle Person
sein. Rund ein Dutzend Damen sollen ihren Liebesdienst dann in der Heilbronner
Hafenstraße anbieten.
Berliner Platz
Die Auseinandersetzung um den
Berliner Platz, so meinen viele Kommunalpolitiker im Käthchenstädtchen, strebe
jetzt dem großen Finale entgegen. Ich bin da sehr skeptisch. Denn unser Erster
Bürgermeister Werner Grau hatte auch
schon bei der Bülow-Planung mehrmals zum Finale angesetzt. Und herausgekommen
war dann so eine Art Heilbronner Götterdämmerung. Nicht überraschend für unsere
arg geplagte und gebeutelte Heimatstadt. Sieben Bewerber gibt es momentan – die
Stadtsiedlung ist nicht dabei. Eingedämpft werden soll die Bewerberschar auf
ganze zwei: die K+K Grundstücks- und Projektentwicklungsgesellschaft auf der
einen Seite und die PBP (Projekt Berliner Platz) des Dieter Eger aus Kernen. Bis zum 31. März hätten diese beiden dann
Zeit, Vertragsentwürfe auszuarbeiten. Die Nutzungsnachweise müssen bis zum 29.
Mai vorgelegt werden. Und der Heilbronner Gemeinderat will dann am 9. Juli
darüber entscheiden, mit welcher der beiden Planungsvorhaben er in die Bauphase
gehen möchte. Und dann wird vielleicht gebaut. Irgendwo soll ein Kino in den
Komplex hinein. Vielleicht aber auch in einen Neubau auf den
Kurt-Schumacher-Platz. Und bis dahin feiert der Europlex-Filmpalast in
Neckarsulm dank eines neuen Kino-Booms (siehe der Film Titanic) einen Erfolg
nach dem anderen. Geld für einen Theaterneubau und Theaterwerkstätten in dem
Neubau auf dem Berliner Platz ist auch vorhanden, ebenso für eine ganz moderne,
nach neuesten Gesichtpunkten gestaltete Stadtbücherei. Ein kleines
Medienzentrum wird dann am Berliner Platz gebaut – wenn gebaut wird. Ich freue
mich wirklich schon darauf, daß nach mehr als 15 Jahren der gräßliche Schandfleck am nördlichen
Eingang zur City Heilbronns verschwindet. Die Botschaft hör’ ich wohl, allein
mir fehlt der Glaube.
Es streikt so schön
Die Forderungen der Gewerkschaft
Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr ÖTV sind unrealistisch. Das sagen
nicht nur Bürgermeister, Landräte, Ministerpräsidenten oder Innenminister des
Bundes. Auch das ÖTV-Mitglied Gerhard Schröder, der neue SPD-Kanzler-Kandidat
hält 4,5 Prozent oder die 32-Stunden-Woche für eine überzogene Forderung. Aber
die Damen und Herren des öffentlichen Dienstes meinen, sie müßten es der
Bevölkerung, also ihrem eigentlichen Arbeitgeber, mal wieder ordentlich zeigen.
Müllabfuhr, Öffentlicher Personen-Nahverkehr oder andere Bereiche werden von
Warnstreiks überzogen. Und was wir da an Parolen und Sprüchen am Fernsehschirm
miterleben dürfen, zeugt nicht gerade von sinnvollen, berechtigten und
wohlüberlegten Aktionen, sondern mehr von einem recht ruppigen Kampf-Stil. Während in der Wirtschaft Arbeitsplätze abgebaut
werden, immer neue Entlassungswellen angekündigt werden, kleine und große
Firmen Bankrott anmelden und Arbeitnehmer freisetzen, meint der öffentliche
Dienst mit seinen sicheren Arbeitsplätzen offenbar, man müsse nur ordentlich
auf den Putz hauen, dann klappt das schon. Daß die Staatskassen leer sind, die Schulden ständig steigen, die kommenden
Generationen durch die Ausgabenwut unserer Politiker und ihrer Pressure-Groups
auf Jahrzehnte belastet sind, das stört die ÖTV und ihre Mitglieder wenig. Der
Fiskalsozialismus soll weitere Blüten treiben. Was noch nicht an Geld in den
öffentlichen Kassen vorhanden ist, das kann ja bei den Unternehmen geholt
werden – meinen die Herren Politiker (in der Mehrzahl Beamte) – und ihre
Beamten und Angestellten in der öffentlichen Verwaltung. Und da sitzen sie sich
nun gegenüber, spielen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und sind doch eigentlich
aus demselben Holz geschnitzt. So wird halt die Belastbarkeit der Wirtschaft
weiter getestet, Wegelagerer-Methoden (wie beim Abkassieren auf den Straßen)
gepflegt – kein gutes Zeichen für den Wirtschaftsstandort Deutschland, bei dem
die Politik die notwendigen Veränderungen durch Hickhack-Diskussionen einfach
verpennt hat. Vernünftige Politik wird nicht mit Plakaten und in Fernsehinterviews
gemacht, sondern durch Gesetze. Jedes Land hat halt die Politik und die
Gewerkschaften, die es verdient.
Wirtschaftsförderung?
In der Landeshauptstadt wollten sie
die Klappe aufreißen, doch sie sind nur aufs Maul gefallen. Zu einer Blamage am
Nesenbach mißriet eine mit großen Erwartungen verbundene Pressekonferenz von
Heilbronner Handwerkskammer, IG Metall und Wirtschaftsförderung. Landrat Klaus Czernuska höchstpersönlich, der
Gewerkschafter und Multifunktionär Frank
Stroh und der Handwerker-Hauptgeschäftsführer Gerhard Pfander wollten der Weltpresse von einem „Anwender- und
Innovations-Forum Umwelttechnologie“ in und rund um Heilbronn vorschwärmen.
Doch: außer Spesen nix gewesen. Pflichtbewußt waren allein die zwei Stuttgarter
Korrespondenten der Heilbronner Stimme erschienen. Die Stuttgarter Journaille
glänzte durch Abwesenheit. Die Unterländer, die sich anstellten wie tumbe
Provinzler, haben keinen Fehler ausgelassen. Sie luden zu kurzfristig mit einem
Telefax ein, dessen Text niemand hinter dem Schreibtisch hervorlocken konnte.
Die in Heilbronn ansässigen Korrespondenten der beiden wichtigsten/größten
Tageszeitungen im Lande wurden schlicht ignoriert. Mächtig, aber irreführend
tat Gerhard Pfander noch kund: „Der Vorsitzende der Landespressekonferenz ist
von dem Termin informiert.“ Tatsächlich hatte der Chef des 80 Mitglieder
starken Journalistenclubs (LPK) deutlich erklärt, daß der Termin die
LPK-Kriterien wegen der regionalen Bedeutung nicht erfülle. Die Heilbronner
mußten also gewarnt sein. Wären die Werbetrommler Zuhause geblieben, hätten sie
sich vor Ort des erwünschten Echos sicher sein können. So aber müssen sich die
Spesenritter fragen lassen, ob in diesen finanzkargen Zeiten das Geld für einen
Ausflug so einfach zum Fenster hinausgeschmissen werden darf. Wer
Wirtschaftsförderung so betreibt, muß sich nicht wundern, wenn er sich müdem
Spott aussetzt.
Heilbronner Schröder?
Die Sozialdemokraten präsentierten
auf ihrem Jahresempfang im Caféhaus Hagen im Heilbronner Industriegebiet
selbstbewußt ein neues Wir- und Siegesgefühl. Die Niedersachsenwahl hat uns
über Nacht einen Kanzlerkandidaten beschert, meinte die SPD-Kreisvorsitzende Sibylle Mösse-Hagen. Ablesen könne man
die Zustimmung zur SPD in der Bevölkerung im Unterland auch daran, daß spontan
nach der Niedersachsen-Wahl fünf neue Mitglieder aufgenommen werden konnten.
Eine fast weihnachtliche Überraschung war das schon – für die sonst so streng
auf innerparteiliche Demokratie pochenden Genossen. Aber neue Zeiten bringen
auch neue Formen mit sich, war beim Heilbronner SPD-Empfang mit einem gewissen
Lächeln und Achselzucken zu hören bzw. zu sehen. Nun – sei’s drum. Denn, was
der Gerhard Schröder für den Bund ist, das soll der Harald Friese für die
Unterländer SPD sein. Ein wenig im Abseits stand dabei der Hans-Martin Bury, Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis
Neckar-Zaber, der in einigen Zeitungen schon als Minister in einer neuen
rot-grünen Koalition in Bonn gehandelt wird. Erklärtes Ziel der Genossen: die
Direktmandate in den beiden Wahlkreisen der CDU abjagen, die momentan noch von Dr. Renate Hellwig und Egon Susset gehalten werden. Wahlkreise
sind keine Erbhöfe für eine Partei, meinte Harald
Friese. Richtig! Das hatte die CDU der Unterländer SPD zu Beginn der
siebziger Jahre gelehrt. Bis dahin war es nämlich in Heilbronn so, daß der
Spruch umging, man könne auch einen Kartoffelsack mit der Aufschrift SPD auf
die Rathaustreppe stellen, er würde mit Mehrheit gewählt werden. Mit einem
Platz 27 auf der SPD-Landesliste hatte der Vorgänger-Kandidat von Harald
Friese, der ehemalige Heilbronner SPD-Vorsitzende und Spöri-Pressesprecher Peter Alltschekow (Beruf: Richter am
Landgericht) ja auch seine Erfahrungen gemacht. Erst in den letzten Wochen der
Legislaturperiode konnte er MdB werden. Und das war es dann auch. Jetzt ist er
Ministerialdirigent (Abteilungsleiter Regierungsplanung und Strukturpolitik) in
der Staatskanzlei des Landes Brandenburg. Harald Friese, der Schröder von
Heilbronn, derzeit noch Kultur-Bürgermeister, wird im SPD-Blatt Heilbronner
Rundschau als „Wandervogel und Leseratte“ vorgestellt, ohne Führerschein und
Fernsehgerät, dafür aber den Wildbienen zugetan, die er in seinem Naturgarten
ansiedeln möchte. Da gibt es halt doch noch Unterschiede zu Schröder.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen