Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 25.03.1998



Castor-Transporte
Die Blockade des Castor-Transports letzte Woche von Walheim nach Ahaus war erfolgreich. Sagen die Gegner des Transports – das Aktionsbündnis Castor-Widerstand Neckarwestheim. Sitzblockaden, Maulwürfe und falsche BKA-Beamte hätten den Transport um rund zweieinhalb Stunden auf der ersten Etappe verzögert. 17 Stunden hatte die Fahrt insgesamt gedauert. 20.000 Beamte waren im Einsatz. Ein BKA-Beamter starb in  Ausübung seines Dienstes durch einen tragischen Unfall auf den Bahngleisen in der Nähe von Würzburg. 60 Tonnen Atommüll (abgebrannte Brennstäbe)  wurden auf den Schienen rund 600 Kilometer durch Deutschland gekarrt. Über sieben Millionen Mark allein hat der Transport in Baden-Württemberg uns Steuerzahler gekostet. Bei der Berichterstattung purzelten die Begriffe „Demonstranten“ und „Blockierer“ munter durcheinander. Demonstriert im klassischen Sinne wurde wenig, viel aber blockiert. Und das von politisch und organisatorisch bestens geschulten Leuten – bis hin zu den Greenpeace-Aktivisten, die technisch auf dem neuesten Stand ausgerüstet und mit Nobelkarossen vorgefahren waren. Was in den traditionellen Demokratien des Westen – wie in Frankreich, England oder den USA – kaum zur Kenntnis genommen wird, in deutschen Landen löst der Transport von abgebrannten Brennelementen urgewaltige Kräfte aus. Bahntrassen werden demoliert, Schienen herausgesägt – Sachbeschädigungen wohin man sieht. Ein Normalbürger, der sich erlaubt, zu beschädigen, was ihm mißfällt, wird mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgt und dementsprechend bestraft. Bei den Castor-Blockierern wird aber von manchen Berichterstattern so getan, als würden sie einer ehrenwerten und guten Sache dienen – daher sind deren Rechtsbrüche wohl mehr als Heldentaten zu werten. Selbst wer den Atomtransporten kritisch gegenüber steht, kann in unserem Rechtsstaat nicht akzeptieren, daß kleine Gruppen das Recht so biegen und beugen, wie es ihnen grad gefällt. Wer im nachbarschaftlichen Bereich sich derart radikal und gesetzesbrecherisch verhalten würde, hätte einen teuren Prozeß nach dem anderen zu bewältigen – und würde seines Lebens nicht mehr froh. Wenn es sich jedoch so verhalten würde, wie teilweise kolportiert, daß gerade für die brutalen Sachbeschädigungen Blockierer ausgesucht werden, die kein Vermögen haben, dann kann ich nur sagen: Gute Nacht! Unsere europäischen Nachbarn schauen ängstlich auf unser Deutschland, in dem die radikalen Kräfte so ungehindert ihre Selbstherrlichkeit ausleben können. Das entspricht ganz dem Vorurteil, das dort von Deutschen gehegt wird.                                                                                       

Augen zu und durch?
Es war ein langes Gewürge – bis endlich Entscheidungen gefällt wurden. Gerd Zimmermann, Bürgermeister der Kurstadt Bad Rappenau und CDU-Landtagsabgeordneter im Wahlkreis Eppingen, will keinen Widerspruch gegen den Strafbefehl des Amtsgerichts Heilbronn in Höhe von 90.000 Mark wegen vierfachen Betrugs einlegen. Damit gilt er als vorbestraft. Konsequenz: Er ist im Landtag nicht mehr polizeipolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, scheidet aus dem Innenausschuß und auch aus jenem Ausschuß aus, der das Post- und Fernmeldegeheimnis überwacht. Was er  im Landtag, außer der Wahrnehmung seines Mandats noch tut, das wird sich herausstellen. Die CDU in Heilbronn hat Zimmermanns Erklärung zur Kenntnis genommen, bedauert sein Fehlverhalten, distanziert sich hiervon und ist zur Auffassung gelangt, „daß eine erneute Nominierung als Landtagskandidat aus heutiger Sicht nicht in Frage kommt“. – Gerd Zimmermann dagegen führt sein Fehlverhalten auf eine falsche rechtliche Beratung zurück, weist darauf hin, daß der Stadt Bad Rappenau keinerlei finanzieller Schaden entstanden sei, hält das Strafmaß für ihn für zu hoch – will jedoch zahlen, „um meiner Stadt Bad Rappenau, meinen Wählern und meiner Partei, vor allem auch meiner Familie weitere Auseinandersetzungen und ein langes Gerichtsverfahren zur Klärung dieser strittigen Frage zu ersparen“. Eine Rückgabe des Landtagsmandat schließt er aus: „Über eine erneute Kandidatur für den Landtag werde ich nachdenken.“ Die laufenden Wahlperioden als Rappenauer Bürgermeister und Abgeordneter will er weiterführen. Ist damit der Fall Zimmermann erledigt? Die CDU wird sich damit herumplagen müssen. Denn Zimmermann ist Munition für den politischen Gegner. Aber die CDU wird antworten: die Angelegenheit sei geklärt; mehr könne die Partei nicht machen; das Problem sei jetzt allein Sache des Herrn Zimmermann. Und der wird auf Zeit setzen. Wenn Gras über die Sache gewachsen ist, er sich zwischenzeitlich nichts zuschulden kommen läßt, zum Wohle der Stadt arbeitet – dann, ja dann ...???

Der Lack ist ab
Der grüne Lack ist ab. Nachdem der Durchmarsch von Rot-Grün zuletzt unaufhaltsam schien, schließen die Ökopaxe derzeit ein Eigentor nach dem anderen. Sorgte bereits der Vorschlag, den Benzinpreis auf fünf Mark zu erhöhen, für mächtig viel Wirbel, haben die Grünen jetzt nachgelegt. Einmal Urlaub in ferne Länder in fünf Jahren ist schließlich genug, also rauf mit der Steuer fürs Flugbenzin. Ob die Umweltpartei jetzt die Besserverdienenden als ihre Klientel entdeckt hat? Die Quittung für die Grünen für ihre schwervermittelbaren politischen Ziele, gab es bereits am Wochenende bei der Kommunalwahl in Schleswig Holstein. Die nächste Schlappe droht im April bei den Landtagswahlen in Sachsen Anhalt. Dabei scheint sich die Umweltpartei derzeit auch auf anderen Feldern für „Verteuerungen“ einzusetzen. Diesmal geht es um Steuergelder. Beim Start des Castors von Neckarwestheim ins westfälische Ahaus waren die Grünen Promis Rezzo Schlauch und Fritz Kuhn jedenfalls mittendrin dabei. Den rund 300 Blockierern vor dem Tor des Neckarwestheimer Atomkraftwerks leisteten sie moralischen Beistand, um Übergriffe der ach so bösen Staatsmacht auf brave Demonstranten zu verhindern. Und die, die sich da von Tausenden von Polizisten mehr oder weniger widerstandslos wegtragen ließen, haben ein Ziel, das sie offen propagieren: Die Transporte so teuer wie möglich zu machen. Über 100 Millionen Mark sollte der größte Castor-Transport in der Geschichte der Bundesrepublik kosten. Dafür lohnt es sich schon einmal einen Tunnel unter der B 27 zu graben oder sich an Bahngleisen festzuketten – die Zeche zahlt schließlich der Steuerzahler, auch wenn er nicht gefragt wird. Kein Problem für die Grünen Parlamentarier, denn Demokratie ist eben ein weites Feld. Dabei habe ich in der Schule über Demokratie folgendes gelernt: Demokratie bedeutet der Kampf um Mehrheiten für politische Ziele bei Wahlen.

Züricher Modell?
Bei uns gerät die Drogendiskussion oft in eine ganz bestimmte Richtung. Da werden nach Züricher Vorbild Modellprojekte für die kontrollierte Abgabe von Heroin an schwerstkranke Drogensüchtige gefordert. Heilbronn besitzt einen großen Dealermarkt und rund 3.000 Drogenabhängige. Da kommt schnell die Forderung auf, es Zürich nachzumachen. Artur Kübler, seit August 1997 Ordnungsbürgermeister, sieht das aber anders: „In der Schweiz wird nicht nur Heroin abgegeben, das ist nicht das ganze Modell. Wie wir von unseren Kollegen aus unserer Partnerstadt Solothurn wissen – die haben ihre Drogenszene sehr gut im Griff – gehört dazu unbedingt auch die konsequente und kompromißlose Repression gegen die Szene mit Maßnahmen, die unsere Gesetze gar nicht erlauben würden. Eine Schweizer Gemeinde kann Drogensüchtige oder Dealer, die nicht Bürger dieses Ortes sind, einfach in Gewahrsam nehmen und in deren Heimatorte verbringen. So dünnt man die Szene dort aus und schränkt sie ein, was bei uns aufgrund des auch für Drogensüchtige geltenden Rechts auf Freizügigkeit einfach nicht möglich ist. Dann muß man wissen, daß Schweizer Städte nur für jene Drogensüchtige Sorge tragen, die auch Bürger dieser Gemeinde sind. Das erst macht solche Maßnahmen wie die Abgabe von Heroin an schwerstkranke Drogenabhängige überschaubar. Und wichtig auch: In der Schweiz gibt es wohl für jeden, der das Heroinprogramm mit positiver Prognose durchlaufen hat und weg von der Nadel will, einen Therapieplatz. Gerade in der Schweiz gibt es keine kontrollierte Heroinabgabe ohne strikte Repression gegen die Szene, dafür aber die lokale Begrenzung der Hilfsmaßnahmen und genügend Therapieplätze für Ausstiegswillige. In Deutschland haben wir nicht diese Schweizer Rahmenbedingungen.“ Für Kübler ist klar, daß in Heilbronn zunächst der Kontaktladen gebaut werden muß. Davon erhofft er sich gute Hilfsangebote für Drogenkranke. Außerdem benötige die Stadt die gute Arbeit der Polizei und deren Unterstützung durch Justiz und Politik. Artur Kübler: „Ich bin für alles offen, was den Drogenkranken hilft, Kriminalität bekämpft und die Sicherheit unserer Bürger erhöht.“                                                       
Grüne Herrlichkeit
Wer nicht einsichtsfähig ist, der soll es halt zu spüren bekommen. Was grüne Politiker als richtig erkannt haben (und sie haben ja schließlich die Weisheit mit Löffeln gefressen), kann nur dem Wohle der Allgemeinheit nutzen – ob bei der Atomkraft, dem Benzinverbrauch, dem Landschaftsverbrauch, der Müllentsorgung, den Abgaben, etc. etc. Manchmal habe ich den Eindruck, daß diese Politiker sich ein anderes Volk suchen müssen – wie Bert Brecht einst sagte. Aber gottseidank leben wir in einer Demokratie. Und das Volk sucht sich bei uns noch andere Politiker, wenn ihm die Aussagen und Programme ganz bestimmter Parteien mißfallen. Fünf Mark für den Liter Benzin – im Zuge einer ökologischen Steuerreform klingt gut. Dann können sich die dummen und weniger betuchten Massen nicht mehr leisten, mit ihren Autos sorglos durch die Gegend zu kutschieren. Nur die betuchten Mitbürger, die genügend Moneten im Geldbeutel finden, haben dann freie Fahrt auf jenen Straßen, die von den Steuergeldern des kleinen Mannes gebaut wurden. Otto Normalverbraucher kann sich ja mit dem öffentlichen Personen-Nahverkehr herumschlagen. Eine Lösung sind die fünf Mark pro Liter Benzin nicht, erst recht keine intelligente. Solche Politik-Vorschläge stammen aus der Mottenkiste des Obrigkeitsstaates, der den bösen und dummen Bürger halt bestraft, wenn gesellschaftliche Entwicklungen falsch laufen. Nicht verwunderlich bei der grünen Lehrer-Partei. Ebenso der gouvernantenhafte Vorschlag, doch alle fünf Jahre in den Urlaub zu fliegen. Das klingt verdammt nach jenen, die Urlaub nur in Deutschland empfehlen – und ansonsten auf KdF-Schiffen. Jetzt in der Krise der Grünen kochen halt die alten Fundi-Geschichten wieder hoch, man gibt sich arrogant wie zu Zeiten des Kommunistischen Bundes  Westdeutschland KBW aus dem ja einige dieser neuen Berufspolitiker hervorgegangen sind. Symptomatisch war in Neckarwestheim, wie die beiden Herren Rezzo Schlauch und Fritz Kuhn als pastorale Begleiter um die Blockierer herumtänzelten, um politisches Kapital aus dem Castor-Transport herauszuschlagen. Wenn grüne Politik sich  allein im Dagegen-Sein manifestiert, nur auf Bestrafung der Bürger aus ist, jener Menschen, die ohnehin unter der großen Abgabenlast stöhnen und diesen ausgabewütigen Staat mit ihren Steuern finanzieren, dann ist sie überflüssig. Oder reduziert sich auf jene Schichten, die sich diese kostspieligen Politikentwürfe leisten können. Die Wahlen der letzten Wochen zeigen einen Trend auf, der die Grünen auf ihren Kern zurückführt – als Partei eines betuchten Mittelstandes.

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