Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 19.08.1998



Funktionär im Weizenacker
Eine Hand lässig in die Tasche gesteckt, die andere in die Hüfte gestemmt. Zuversichtlich lächelnd repräsentiert der Unterländer Bauernführer Joachim Rukwied die deutsche Landwirtschaft. Der Getreideproduzent aus Eberstadt wurde von der CMA, der Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, als Fotomodell ausgeguckt. Rukwied schlüpfte vor dem Fotomontage-Termin im Weizenacker in frischgewaschene Jeans (ein bißchen ist noch von den Bügelarbeiten zu erkennen) und in ein modisches blaues Hemd mit Button-Down-Kragen. Die Werbetexter lassen den Unterländer für alle seine Berufskollegen zu Wort kommen. “Bloß kein stabiles Azorenhoch vor der Ernte“, wird dem 36jährigen in den Mund geschoben. Und Rukwied macht auf dem Foto, das in Magazinen wie dem „Spiegel“ eine ganze Seite füllt, durchaus eine gute Figur. Der Eberstädter erscheint eher als Agrarmanager, denn als Landman alten Schlags. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Heilbronn verkörpert mithin die neue Generation der Unternehmer mit Bauernhof. Mit seinem Propagandaseinsatz erreicht Rukwied innerhalb kurzer Zeit einen bundesweiten Bekanntheitsgrad, während seinem Vorgänger Hermann Kemmler aus Bad Friedrichshall trotz seiner jahrzehntelangen Amtszeit solche republikweite Beachtung nicht vergönnt war.

Pendeln im Ozonverkehr
Am Mittwoch, den 12. August, war es Autofahrern bis auf einige Ausnahmen untersagt, ihr Fahrzeug zu benutzen. Der Grund dafür waren erhöhte Ozonwerte und daraus resultierend ein Fahrverbot für alle Autos ohne Drei-Wege-Kat. Es sei denn man konnte mit einer orangenen Plakette an der Windschutzscheibe den Beweis erbringen, einen G-Kat in seinem Fahrzeug sein eigen zu nennen. Die abstruseste Ausnahme stellt jedoch der sogenannte Pendler dar. Die Polizeidirektion Heilbronn zumindest war überfragt, als es um die Definition desselbigen ging, konnte allerdings zusammengefaßt soviel zur Klärung beitragen: Ein Pendler ist jemand, dem es nicht zuzumuten ist, seinen Erledigungen zu Fuß, mit dem Fahrrad, den öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch hoch zu Roß nachzukommen. Außerdem ist ein jeder Pendler zu nennen, der nachweisen kann, sein Kfz zu benötigen, um beispielsweise rechtzeitig bei der Arbeit zu sein, weil er oder Sie verschlafen hat. Demzufolge ist im Grunde genommen jeder ein Pendler, der sich vor Fahrtbeginn eine plausible Ausrede hat einfallen lassen, und die Verkehrsberuhigung durch Einschränkung der Teilnehmer auf Kat-, G-Kat-Fahrer und Pendler wäre ad absurdum geführt. Das Wörterbuch erläutert pendeln nebst hin- und herschwingen unter 2. Wie folgt: sich regelmäßig zwischen zwei Orten hin- und zurückbewegen, womit nur noch zu klären wäre, was unter zwei Orten zu verstehen ist ... Ein bißchen mehr Klarheit und Konsequenz sollte unserer Umweltpolitik folglich noch zu eigen werden.

Politiker im Test
Langweilig, ziemlich eingebildet, fast arrogant, auf jeden Fall seriöses Outfit mit Anzug und Krawatte – das ist das Bild, das deutsche Politiker im Ausland vermitteln. Wie falsch dieses Vorurteil mindestens für die Nachwuchsgarde ist, das erfuhren zwei Studentinnen aus Tschechien und Italien bei einem persönlichen Test in Heilbronn. Die beiden Damen, noch nicht 20 Jahre alt, wollten hautnah erfahren, wie „normal“ eigentlich ein Möchtegern-MdB noch ist, der sich jetzt im Wahlkampf fast 24 Stunden am Tag beim bürgernahen „Buhlen“ um Stimmen verausgabt. Sie haben sich den CDU-Kandidaten Thomas Strobl ausgesucht – und wurden angenehm überrascht. Das Duo, das im Unterland die deutsche Lebensart kennenlernen möchte, saß mit Strobl gleichsam in einem Boot, auf dem Neckarschiff „Barbarossa“ bei einem Ausflug mit Tanz und Musik, was neudeutsch „River Boat Party“ genannt wird. Obwohl Strobl, der nichts von seiner Rolle als „Versuchskaninchen“ ahnte, am 27. September ganz gewiß nicht auf die Stimmen der beiden hoffen kann, benahm er sich ausgesprochen freundlich, aufmerksam, locker, ja charmant. Als wäre die Wahl längst gelaufen, gab sich der Anwärter auf einen Platz im Bundestag total entspannt, parlierte polyglott, tanzte wie der Lump am Stecken, ausdauernd und elegant. Vor allem sein Äußeres verwunderte die Mädels: unrasiert, ein T-Shirt mit Streckenplan der Metro in Moskau, der einstigen Hochburg des Kommunismus. Auch seine Frau Christine machte auf die Ausländerinnen einen sehr guten Eindruck, keine Spur von Dünkel, obwohl ihr Vater Wolfgang Schäuble laut neuester Umfragen Deutschlands beliebtester Politiker ist. Nach vier Stunden stand fest: „Wir haben unser Weltbild ein bißchen ändern müssen.“ Bleibt nur zu hoffen, daß Strobl kein Einzelfall ist.

Wer ist Ausländer?
Die Fußballweltmeisterschaft hat es wieder ein wenig hochgespielt. Es hat wieder Konjunktur – nicht nur wegen des Wahlkampfs. Und deshalb: Immer wieder – aber auch immer öfter stoße nicht nur ich auf das Wort Ausländerfeindlichkeit. Wohlfeil ist derzeit in Deutschland. Jeder versteht etwas anderes darunter. Mancher fragt sich schon sorgenvoll: Bedrohen etwa feindliche Ausländer unseren redlichen Karle vom Kleingärtnerverein e.V., der mit Argusaugen über seine deutschen Tomaten, Kartoffeln und Zucchini wacht? Wohl kaum. Werden wir von Einwanderern aus dem Westen Europas überschwemmt? Auch nicht. Vom Osten? Kaum. Es geht also auch um Mißverständnisse, um Politik und um Nationalstolz. Deutscher Nationalstolz? Da gibt es ja einiges, worauf  wir stolz sein können: Die deutsche Klassik, die Revolution von 1948, die Sozialgesetzgebung, die friedliche Revolution von 1989 – zum Beispiel. Aber es gibt natürlich auch den dumpfen Nationalismus: Bierkrug-schwenkend, schlägernd, Skinhead-mäßig, DVU-wählend, Nazi-Parolen grölend.  Das ist nicht typisch deutsch. Ähnliches gibt es auch bei anderen. In europäischen Ländern – und darüber hinaus. Der junge Türke bei uns mit weißem Halbmond und Stern auf einem zierlichen roten, pazifistisch anmutenden Boxhandschuh am Rückspiegel seines Autos. Da kontern dann manche Deutsche mit einem traurigen, selbstgehäkeltem Hütchen über der Klopapierrolle im Heckfenster ihres Automobils. Ausländer heute in Deutschland – damit sind ganz selten Engländer, US-Amerikaner, Spanier, Italiener, Österreicher oder Holländer gemeint. Ausländer sind derzeit vornehmlich Türken, Russen, Polen, Tschechen, Rumänen oder Albaner. Das war vor zehn oder zwanzig Jahren in der alten Bundesrepublik noch ganz anders. Das Problem für viele von uns Deutschen liegt bei den Einwanderern, den Asylsuchenden, den ausländischen Drogenhändlern (egal welcher Nationalität). Auch das ist kein urdeutsches, sondern mehr ein europäisches Problem. Also Vorsicht beim Thema „Ausländer“! Es muß genau hingeschaut werden. Und dann kommt man sehr schnell zu dem Punkt, daß es eigentlich keine Ausländerprobleme in Deutschland gibt. Es gibt gibt Probleme, weil in vielen Bereichen die Kriminalität ansteigt, Drogen gehandelt werden, Geldwäsche betrieben wird, die Gewaltdelikte bei Jugendlichen steigen, Kinder sexuell belästigt oder gar getötet werden, Hooligans bei Fußballspielen wild um sich schlagen. Diese Probleme sind anzugehen. Und zu beachten ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Doppel(ver)diener
Ein sommerliches Abendvergnügen bescherten die Burgfestspiele Jagsthausen mit dem „Diener zweier Herren“. Die Komödie von Carlo Goldoni war so recht nach dem Geschmack des Premierenpublikums – ein turbulenter Verwechslungs- und Verwicklungsklamauk als lockere Unterhaltung. Statt depressivem Tiefgang humorvolles Durcheinander, reichlich Nachschub für Leute, die gerne lachen, witzig inszeniert von Torsten Bischof, mit aktuellen Bezügen wie Evergreens von Adriano Celentano oder der deutschen Version von „Play with fire“, akustischer Feinkost der Rolling Stones. Und immer und überall dieser vorlaut-vorwitzige Wirbelwind und Doppel(ver)diener Truffaldino, vortrefflich gespielt von Raphael Clamer, der auch als Georg im „Götz“ zu überzeugen versteht. Immer wieder dankte das Publikum mit herzlichem Applaus, mit freudigem Lachen. Es ist gewiß schade, daß dieses viel gespielte Stück der Commedia dell’arte nur insgesamt viermal den Burghof belebt (zuletzt am 21. August). Doch immerhin können sich die Freunde derartigen Frohsinns auf das nächste Jahr freuen. „Der Diener zweier Herren“ ist schon fest eingeplant als Teil des Jubiläumsprogramms, schließlich feiern die Festspiele nächstes Jahr den 50. Geburtstag. Zwar mag mir hier oben auf dem Kiliansturm der „Götz“ optisch eher gleichen, aber ich persönlich kann mich eher für unbeschwerte Burschen wie diesen Diener als Bruder Leichtfuß erwärmen. Schließlich ist der Alltag schrecklich genug, da freue ich mich über ein solches Kontrastprogramm. Und vielleicht läßt sich der „Diener“ ein bißchen, etwa um 20 Minuten, kürzen.

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