Funktionär
im Weizenacker
Eine
Hand lässig in die Tasche gesteckt, die andere in die Hüfte gestemmt.
Zuversichtlich lächelnd repräsentiert der Unterländer Bauernführer Joachim
Rukwied die deutsche Landwirtschaft. Der Getreideproduzent aus Eberstadt wurde
von der CMA, der Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen
Agrarwirtschaft, als Fotomodell ausgeguckt. Rukwied schlüpfte vor dem
Fotomontage-Termin im Weizenacker in frischgewaschene Jeans (ein bißchen ist
noch von den Bügelarbeiten zu erkennen) und in ein modisches blaues Hemd mit
Button-Down-Kragen. Die Werbetexter lassen den Unterländer für alle seine
Berufskollegen zu Wort kommen. “Bloß
kein stabiles Azorenhoch vor der Ernte“, wird dem 36jährigen in den Mund
geschoben. Und Rukwied macht auf dem Foto, das in Magazinen wie dem „Spiegel“
eine ganze Seite füllt, durchaus eine gute Figur. Der Eberstädter erscheint
eher als Agrarmanager, denn als Landman alten Schlags. Der Vorsitzende des
Kreisbauernverbands Heilbronn verkörpert mithin die neue Generation der
Unternehmer mit Bauernhof. Mit seinem Propagandaseinsatz erreicht Rukwied
innerhalb kurzer Zeit einen bundesweiten Bekanntheitsgrad, während seinem
Vorgänger Hermann Kemmler aus Bad Friedrichshall trotz seiner jahrzehntelangen
Amtszeit solche republikweite Beachtung nicht vergönnt war.
Pendeln
im Ozonverkehr
Am
Mittwoch, den 12. August, war es Autofahrern bis auf einige Ausnahmen
untersagt, ihr Fahrzeug zu benutzen. Der Grund dafür waren erhöhte Ozonwerte
und daraus resultierend ein Fahrverbot für alle Autos ohne Drei-Wege-Kat. Es
sei denn man konnte mit einer orangenen Plakette an der Windschutzscheibe den
Beweis erbringen, einen G-Kat in seinem Fahrzeug sein eigen zu nennen. Die
abstruseste Ausnahme stellt jedoch der sogenannte Pendler dar. Die
Polizeidirektion Heilbronn zumindest war überfragt, als es um die Definition
desselbigen ging, konnte allerdings zusammengefaßt soviel zur Klärung
beitragen: Ein Pendler ist jemand, dem
es nicht zuzumuten ist, seinen Erledigungen zu Fuß, mit dem Fahrrad, den
öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch hoch zu Roß nachzukommen. Außerdem
ist ein jeder Pendler zu nennen, der nachweisen kann, sein Kfz zu benötigen, um
beispielsweise rechtzeitig bei der Arbeit zu sein, weil er oder Sie verschlafen
hat. Demzufolge ist im Grunde genommen jeder ein Pendler, der sich vor
Fahrtbeginn eine plausible Ausrede hat einfallen lassen, und die
Verkehrsberuhigung durch Einschränkung der Teilnehmer auf Kat-, G-Kat-Fahrer
und Pendler wäre ad absurdum geführt. Das Wörterbuch erläutert pendeln nebst
hin- und herschwingen unter 2. Wie folgt: sich regelmäßig zwischen zwei Orten
hin- und zurückbewegen, womit nur noch zu klären wäre, was unter zwei Orten zu
verstehen ist ... Ein bißchen mehr Klarheit und Konsequenz sollte unserer
Umweltpolitik folglich noch zu eigen werden.
Politiker
im Test
Langweilig,
ziemlich eingebildet, fast arrogant, auf jeden Fall seriöses Outfit mit Anzug
und Krawatte – das ist das Bild, das deutsche Politiker im Ausland vermitteln.
Wie falsch dieses Vorurteil mindestens für die Nachwuchsgarde ist, das erfuhren
zwei Studentinnen aus Tschechien und Italien bei einem persönlichen Test in
Heilbronn. Die beiden Damen, noch nicht 20 Jahre alt, wollten hautnah erfahren,
wie „normal“ eigentlich ein Möchtegern-MdB noch ist, der sich jetzt im
Wahlkampf fast 24 Stunden am Tag beim bürgernahen „Buhlen“ um Stimmen
verausgabt. Sie haben sich den CDU-Kandidaten Thomas Strobl ausgesucht
– und wurden angenehm überrascht. Das Duo, das im Unterland die deutsche
Lebensart kennenlernen möchte, saß mit Strobl gleichsam in einem Boot, auf dem
Neckarschiff „Barbarossa“ bei einem Ausflug mit Tanz und Musik, was neudeutsch
„River Boat Party“ genannt wird. Obwohl Strobl, der nichts von seiner Rolle als
„Versuchskaninchen“ ahnte, am 27. September ganz gewiß nicht auf die Stimmen
der beiden hoffen kann, benahm er sich ausgesprochen freundlich, aufmerksam,
locker, ja charmant. Als wäre die Wahl längst gelaufen, gab sich der Anwärter
auf einen Platz im Bundestag total entspannt, parlierte polyglott, tanzte wie
der Lump am Stecken, ausdauernd und elegant. Vor allem sein Äußeres verwunderte
die Mädels: unrasiert, ein T-Shirt mit Streckenplan der Metro in Moskau, der
einstigen Hochburg des Kommunismus. Auch seine Frau Christine machte auf die
Ausländerinnen einen sehr guten Eindruck, keine Spur von Dünkel, obwohl ihr
Vater Wolfgang Schäuble laut neuester Umfragen Deutschlands beliebtester
Politiker ist. Nach vier Stunden stand fest: „Wir haben unser Weltbild ein
bißchen ändern müssen.“ Bleibt nur zu hoffen, daß Strobl kein Einzelfall ist.
Wer
ist Ausländer?
Die
Fußballweltmeisterschaft hat es wieder ein wenig hochgespielt. Es hat wieder
Konjunktur – nicht nur wegen des Wahlkampfs. Und deshalb: Immer wieder – aber
auch immer öfter stoße nicht nur ich auf das Wort Ausländerfeindlichkeit. Wohlfeil ist derzeit in Deutschland.
Jeder versteht etwas anderes darunter. Mancher fragt sich schon sorgenvoll:
Bedrohen etwa feindliche Ausländer unseren redlichen Karle vom Kleingärtnerverein
e.V., der mit Argusaugen über seine deutschen Tomaten, Kartoffeln und Zucchini
wacht? Wohl kaum. Werden wir von Einwanderern aus dem Westen Europas
überschwemmt? Auch nicht. Vom Osten? Kaum. Es geht also auch um
Mißverständnisse, um Politik und um Nationalstolz. Deutscher Nationalstolz? Da
gibt es ja einiges, worauf wir stolz
sein können: Die deutsche Klassik, die Revolution von 1948, die
Sozialgesetzgebung, die friedliche Revolution von 1989 – zum Beispiel. Aber es
gibt natürlich auch den dumpfen Nationalismus: Bierkrug-schwenkend, schlägernd,
Skinhead-mäßig, DVU-wählend, Nazi-Parolen grölend. Das ist nicht typisch deutsch. Ähnliches gibt
es auch bei anderen. In europäischen Ländern – und darüber hinaus. Der junge
Türke bei uns mit weißem Halbmond und Stern auf einem zierlichen roten,
pazifistisch anmutenden Boxhandschuh am Rückspiegel seines Autos. Da kontern
dann manche Deutsche mit einem traurigen, selbstgehäkeltem Hütchen über der
Klopapierrolle im Heckfenster ihres Automobils. Ausländer heute in Deutschland
– damit sind ganz selten Engländer, US-Amerikaner, Spanier, Italiener,
Österreicher oder Holländer gemeint. Ausländer sind derzeit vornehmlich Türken,
Russen, Polen, Tschechen, Rumänen oder Albaner. Das war vor zehn oder zwanzig
Jahren in der alten Bundesrepublik noch ganz anders. Das Problem für viele von
uns Deutschen liegt bei den Einwanderern, den Asylsuchenden, den ausländischen
Drogenhändlern (egal welcher Nationalität). Auch das ist kein urdeutsches,
sondern mehr ein europäisches Problem. Also
Vorsicht beim Thema „Ausländer“! Es muß genau hingeschaut werden. Und dann
kommt man sehr schnell zu dem Punkt, daß es eigentlich keine Ausländerprobleme
in Deutschland gibt. Es gibt gibt Probleme, weil in vielen Bereichen die
Kriminalität ansteigt, Drogen gehandelt werden, Geldwäsche betrieben wird, die
Gewaltdelikte bei Jugendlichen steigen, Kinder sexuell belästigt oder gar
getötet werden, Hooligans bei Fußballspielen wild um sich schlagen. Diese
Probleme sind anzugehen. Und zu beachten ist: „Die Würde des Menschen ist
unantastbar.“
Doppel(ver)diener
Ein
sommerliches Abendvergnügen bescherten die Burgfestspiele Jagsthausen mit dem
„Diener zweier Herren“. Die Komödie von Carlo
Goldoni war so recht nach dem Geschmack des Premierenpublikums – ein turbulenter
Verwechslungs- und Verwicklungsklamauk als lockere Unterhaltung. Statt
depressivem Tiefgang humorvolles Durcheinander, reichlich Nachschub für Leute,
die gerne lachen, witzig inszeniert von Torsten Bischof, mit aktuellen Bezügen
wie Evergreens von Adriano Celentano oder der deutschen Version von „Play with
fire“, akustischer Feinkost der Rolling Stones. Und immer und überall dieser
vorlaut-vorwitzige Wirbelwind und Doppel(ver)diener Truffaldino, vortrefflich
gespielt von Raphael Clamer, der
auch als Georg im „Götz“ zu überzeugen versteht. Immer wieder dankte das
Publikum mit herzlichem Applaus, mit freudigem Lachen. Es ist gewiß schade, daß
dieses viel gespielte Stück der Commedia
dell’arte nur insgesamt viermal den Burghof belebt (zuletzt am 21. August).
Doch immerhin können sich die Freunde derartigen Frohsinns auf das nächste Jahr
freuen. „Der Diener zweier Herren“ ist schon fest eingeplant als Teil des
Jubiläumsprogramms, schließlich feiern die Festspiele nächstes Jahr den 50.
Geburtstag. Zwar mag mir hier oben auf dem Kiliansturm der „Götz“ optisch eher
gleichen, aber ich persönlich kann mich eher für unbeschwerte Burschen wie
diesen Diener als Bruder Leichtfuß erwärmen. Schließlich ist der Alltag
schrecklich genug, da freue ich mich über ein solches Kontrastprogramm. Und
vielleicht läßt sich der „Diener“ ein bißchen, etwa um 20 Minuten, kürzen.
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