Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 18.11.1998



Närrische Zeit?
Am 11. November 1998 gegen 11.11 Uhr wurden die Narren wieder losgelassen. Bis zum Faschingsdienstag im Jahre 1999 sollen sie herrschen. Diese Tradition hat einen guten Klang. Mehr aber auch nicht. Denn in unseren trüben Novembertagen ist das mit der Narretei so eine Sache. Ein paar Auftaktveranstaltungen zur fünften Jahreszeit – mehr oder minder gut besucht. Und dann? Bereiten wir uns auf das Weihnachtsfest vor. Das mag auch eine närrische Zeit sein. Aber sie wird von allen, ob Geschäftsleuten oder Kunden, sehr, sehr ernst genommen. Da soll uns bloß niemand mit einer Narrenkappe oder sonstwie blöd kommen. Denn es geht um nichts mehr und nichts weniger als um eine frohe und besinnliche Vorweihnachtszeit. Mit den vielen Weihnachtsmärkten zum Beispiel, die in zwei Wochen schon längst ihre Pforten weit geöffnet haben. Weihnachtsbrötle müssen gebacken werden. Und das streßt nicht nur viele Hausfrauen. Es geht um die richtigen Geschenke für alle Familienmitglieder, andere Verwandte, Freunde und Bekannte. Die alljährliche Weihnachtspost, die rechtzeitig vor dem Fest bei jenen angekommen sein muß, denen man vergessen hatte, das Jahr über zu schreiben oder irgendwie anders mit ihnen zu kontaktieren. Aber was hat das alles mit Fasching zu tun? Garnichts. Denn über die närrische Zeit sprechen wir erst wieder Mitte oder Ende Januar 1999. Bis dahin müssen sich die Aktiven oder Funktionäre der vielen Narren-Vereine und -Verbände überlegen, was sie dem Volk dann so bieten können. Eines ist heute schon sicher: In den Hochburgen des Faschings bei uns in der Region, in Talheim, Bad Wimpfen oder Gundelsheim, wird es wieder heiß hergehen. Die Stadt Heilbronn ist bekanntlich keine Narren-Hochburg. Auch wenn die Carnevalgesellschaft CGH schon jetzt ihr Prinzenpaar dem Oberbürgermeister der Stadt vorgestellt hat. Dennoch: Einen guten Ausklang wird auch die Narrenzeit in Heilbronn haben. Am Faschingsdienstag gibt es in der Heilbronner Harmonie wieder einen Lumpentreff. 1999 dann schon zum dritten Mal – als Nachfolgetreffen für den einst bekannten Lumpenball. Da darf jeder nach Lust und Laune nachholen, was er in den Faschingstagen der Saison 1998/99 vielleicht versäumt hatte. Wer alles schon hinter sich hat, feiert halt nur den Ausklang der närrischen Tage.       

Der Winter ist im Herbst schon da
Wintereinbruch im Lande. Einen halben Meter Schnee im Hochschwarzwald zu Beginn dieser Woche. Feucht und pappig. Auf der Alb eine durchgehende Schneedecke. Naßkaltes Wetter dank feuchtkalter Nordmeerluft. Wer jetzt in den sonnigen Süden entfliehen kann, der darf sich glücklich schätzen – hat es saumäßig gut. Wo man auch bei uns in Deutschland hinkommt oder auch nur anruft: Alles niest, schnupft, leidet unter Erkältung. Die Umsätze in den Apotheken steigen von Tag zu Tag. Erstmals in der letzten Woche wurden in weiten Teilen Deutschlands die Temperaturen unter null Grad gedrückt – trotz Herbst. Und in Rußland wehten unserem neuen Kanzler, als er zu Wochenbeginn aus dem Flugzeug stieg, eisige minus 15 Grad um die Ohren. Meteorologen erwarten dort den kältesten Winter seit 30 Jahren. In den USA fegen schon wilde Schneestürme über die einzelnen Staaten. Dabei sind die großen Sturmfluten doch erst vor wenigen Tagen das Thema aller Nachrichtensendungen rund um den Globus gewesen. Und in Mittelamerika flehen Politiker und Hilfsorganisationen um Unterstützung, weil viele Regionen verwüstet, die Menschen obdachlos sind, die Infrastruktur zusammengebrochen ist. Denken Sie gelegentlich an die große Sturmflut in China? Bilder aus diesem Land sind kaum noch zu sehen. Obwohl uns immer wieder eindringlich in den Reportagen beschrieben wurde, daß die Menschen in China unter den Folgen bitter leiden werden. Die Sensation ist vorbei. Wir beschäftigen uns wieder mit unserem Alltag – dem herannahenden Winter und seinen Auswirkungen. Aber zu unserem Alltag wird auch gehören, daß wir Menschen aus den Katastrophengebieten demnächst als Flüchtlinge bei uns beherbergen werden müssen. Vor allem aus den Katastrophengebieten Mittelamerikas. Da wäre Hilfe für die Menschen vor Ort – jetzt in ausreichendem Maße erteilt, letztlich sinnvoller für alle. Für uns, die wir in sicheren Gefilden leben dürfen – und für jene, die im Moment das Nötigste zum Überleben brauchen.   

Rundum versichert?
Das Klima spinnt. Und viele selbsternannten Experten wissen auch, woran es liegt: Wir Menschen haben mit unserer Technik weltweit das Klima versaut! Ganz scharfe Analytiker sind sogar der Ansicht, daß es einfach zu viele Menschen auf diesem Erdball gibt. Andere, sehr ernstzunehmende Wissenschaftler, behaupten dagegen, die Klimaschwankungen seien ganz normal, wenn man sich die Geschichte des Klimas auf unserer Erde in den letzten Jahrtausenden anschaut. Da gab es Zeiten, in denen sogar in Dänemark Wein angepflanzt wurde. Und es gab Zeiten, da  regnete es Jahr um Jahr, die Menschen konnten kaum etwas ernten – Hungersnöte plagten ganze Erdteile. Folge: Die Menschen starben wie die Fliegen. Seuchen verwandelten ganze Landstriche in menschenleere Zonen. Aber dieser Art von Auslese verficht heute ernsthaft niemand mehr. Außer ein paar Unbelehrbaren am rechten Rand des politischen Spektrums oder Super-Natur-Ideologen. Wenn es in Strömen regnet, wenn der Schnee schnell schmilzt, dann gab es seit Menschengedenken Überschwemmungen. Deshalb baute man auch nicht seine Häuser unmittelbar an Bach- oder Flußufern, an Berghängen oder anderen gefährlichen Orten, sondern in geschützter und einigermaßen gesicherter Umgebung. Heute aber wird überall ein Häusle hingestellt, werden Straßen wahllos durch die Landschaft gezogen. Es braucht sich also niemand zu wundern, wenn dank versiegelter Böden das Wasser nicht mehr schnell versickern kann. Niemand sollte erstaunt sein, daß bei langanhaltendem Regen der Boden kein Wasser mehr aufnehmen kann. So ist es nun einmal: Natur pur. Die Rundumversicherung  für jeden Zufall gibt es gottseidank nicht – und wird es auch nie geben. Solange Menschen leben. Nur in versponnenen Träumen herrscht auf Erden schon das Himmelreich. Und wenn es gestört wird, dann tragen böse Mächte schuld daran: Kapitalismus, Religion, Freimaurer, etc. – Verschwörungstheorien sind bei den Rechtgläubigen schnell zur Hand und wohlfeil. Dabei haben die größten Katastrophen dieses Jahrhunderts die großen selbsternannten Heilsbringer verursacht: Kommunismus und Nationalsozialismus. Millionen von Toten wie bei den beiden schrecklichsten Terrorregimes hat bislang keine Naturkatastrophe im 20sten Jahrhundert zustande gebracht. 

Umzug nach Berlin
Berlin ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Und im nächsten Jahr wird umgezogen. Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident und Bundeskanzler sowie viele Ministerien werden in Berlin residieren. Ob das unserer Politik gut tut? Berlin ist zunächst einmal eine Metropole. Und seit Öffnung der Grenzen nach Osten ist diese Millionenstadt auch ein Schmelztiegel für viele Bevölkerungsgruppen aus dem In- und Ausland. Botschafter, vor allem aus den  Ländern der Dritten Welt, haben heute schon beträchtliche Bauchschmerzen, wenn sie an den Umzug von Bonn nach Berlin denken. Rassistische Gewalttaten in der Hauptstadt – vor allem gegen dunkelhäutige Menschen – bieten nicht gerade das Bild einer weltoffenen Stadt. Der Ost-West-Konflikt innerhalb der Stadt ist noch lange nicht überwunden. Die Folge: eine Abschottung der politischen Kaste, stärker als sie in Bonn je war. Auch wenn die Repräsentanten unserer neuen Regierung von Berlin als einem reinigenden Schmelztiegel sprechen, in dem sich die deutsche Politik der gesellschaftlichen Realität im Lande stellen muß. Ganz wilde Träumer schwadronieren gar von einer Wiederbelebung der Goldenen Zwanziger. Nur vergessen sie immer, wo die gelandet sind – im Terror eines Dritten Reiches. Und sie vergessen auch, daß vor allem von ausländischen Beobachtern diese fiebrigen Jahre der ersten deutschen Republik schonungslos als überhaupt nicht golden beschrieben sind. Immer noch bei unbestechlichen Schriftstellern nachzulesen, vor allem englischen (Christopher Isherwood, etc.). Da träumten Deutsche nach dem Kriege lieber und verklärten die Goldenen Zwanziger. Dabei waren sie vornehmlich brutal – und Voraussetzung für den Naziterror. Demnächst unsere Abgeordneten in Berlin – wie wird das? Sicherlich haben sie mehr Möglichkeiten unerkannt in der Millionenstadt abzutauchen – anders als in Bonn. Sicherlich haben sie mehr Möglichkeiten, nach den Mühen des politischen Alltags kulturelle Großstadt-Ereignisse zu genießen. Aber sie sind auch weitaus gefährdeter als im beschaulichen Bonn. Einflüssen ausgesetzt, die es in der beschaulichen Stadt am Rhein nicht gegeben hat. Ob sich unter diesen Eindrücken und Einflüssen die Qualität der Parlaments- und Regierungspolitik steigern läßt? Wir wissen heute schon, daß in der Politik- und Kulturszene Berlins viel mit heißer Nadel gestrickt wird, viele Luftschlösser gebaut werden und Nichtssagendes aufgebauscht wird. Wie in den Zwanziger Jahren schon. Mit fatalen Folgen. Ein Trost, daß unsere Politiker immer wieder in ihre Wahlkreise, also in die Provinz  zurückmüssen. Die Ministerialbeamten aber werden Großstädter, in Berlin leben müssen – und sind damit auch Spielbälle der unterschiedlichsten Interessen in der unüberschaubaren Metropole.     
Es schrödert ...
Die neue Regierung, ungeschickt wie sie unter Parteichef Oskar Lafontaine vorgeht, hat sich erstmals als eine parteiisch plumpe Regierung entpuppt. Wie will man das Klientelwesen in Ländern und Gemeinden, nicht zuletzt auch im Bund, wirksam bekämpfen, wenn die Regierungsparteien selbst das höchste Amt im Staat mit einem ihrer Klienten besetzen? – Das schreibt Herausgeber Rudolf Augstein in seinem Wochen-Magazin Der Spiegel. Das Titelbild zierte unter der Überschrift „Der Rot-Grüne Wirtschaftskurs“ ein Gerhard-Schröder-Konterfei in weißen Wolken. Darunter ist die Frage zu lesen: Wo ist Schröder? Der neue Kanzler in Bonn kann es nun wirklich keinem recht machen. Weder der Koalition, seinem Parteivorsitzenden, der Wirtschaft noch der Presse – auch nicht den ihm wohlwollenden Gazetten aus Hamburg. Nur Gewerkschaften und eine Mehrheit in der sozialdemokratischen Partei steht offenbar noch hinter ihm. Bisher hatte kaum eine Regierung so kurz nach ihrer Wahl einen so miesen Start hingelegt und schlechte Umfrageergebnisse erzielt. An der sogenannten ökologischen Steuerreform wird fortwährend herumgedoktert und -gepopelt. Ausnahmen über Ausnahmen. Von gerechter Verteilung der Lasten keine Spur. Bei der doppelten Staatsbürgerschaft haben wir bald Deutsche erster und zweiter Klasse – jene mit einer und andere mit zwei Staatsbürgerschaften. Ob das vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand hat? Man könnte diese Liste beliebig fortsetzen. Und gewinnt letztendlich den fatalen Eindruck: Diese neue Regierung muß sich wohl erst noch einarbeiten, ihre Schul- und Hausaufgaben ordentlich machen, ehe sie richtig loslegen kann. Jetzt kommt noch zu allem Überfluß hinzu, daß die Sozis in Mecklenburg-Vorpommern mit den Postkommunisten der PDS in einer gemeinsamen Regierung sitzen. Die Regelanfrage bei der Gauck-Behörde für Staatsbedienstete: Gestrichen! Demnächst soll eine ähnliche Konstellation in Sachsen-Anhalt und Thüringen Einzug halten. Wahrlich: Deutschland ist linker geworden. So links wie noch nie in der Geschichte der parlamentarischen Demokratie. Da hilft auch nicht der fortwährende Hinweis auf eine neue Mitte. Nach dem 27. September 1998 hat die Bundesrepublik Deutschland eine neue politische Ausrichtung erhalten. An ihren Früchten wird die neue Regierung gemessen. Schon im nächsten Jahr bei den dann anstehenden Landtags- und Kommunalwahlen. 

Wer tritt wirklich an?
Wer wird im kommenden Jahr in Heilbronn für das Amt des Oberbürgermeisters kandidieren? Einer hat schon seit langer Zeit seine Kandidatur angemeldet: Fred Steininger. Der Heilbronner Werbefachmann, einst sogar Präsident der VfR Heilbronn, wollte es schon oft wissen. In Frankfurt am Main, in Stuttgart, aber auch im Landkreis Heilbronn. Aber von kaum einem politischen Beobachter wird Steininger den ernsthaften Kandidaten zugerechnet. Bei den Sozialdemokraten in der Unterland-Metropole jonglieren zwei potentielle Kandidaten mit ihren Namen. Sibylle Mösse-Hagen, Stadträtin und SPD-Kreisvorsitzende in Heilbronn-Stadt, ist eine 43jährige Geschäftsfrau, die sich durchaus vorstellen kann, zu kandidieren. Sie kann sich aber auch vorstellen, daß Harry Mergel, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Heilbronner Rathaus, als OB-Kandidat ins Rennen geht. Und ebenso kann es sich Mergel vorstellen, daß entweder seine Kollegin Mösse-Hagen oder er ins Rennen gehen. Oder jemand ganz anderes. Denn die SPD will dem Bürger 1999 einen attraktiven Kandidaten präsentieren. Reizvoll ist der Gedanke schon, im September 1999 das erste Mal in der Geschichte Heilbronns eine Oberbürgermeisterin im Rathaus residieren zu sehen. Und nachdem die SPD es versäumt hatte, bei der letzten Bundestagswahl eine Frau aufzustellen und ins Rennen zu schicken, auch bei der letzten Landtagswahl nicht einmal eine Frau als Zweitkandidatin aufzustellen, um den Wahlkreis für die SPD Heilbronns zu sichern, müßte sie langsam nicht nur von Gleichberechtigung in der Partei reden, sondern auch danach handeln. Bei der CDU stehen folgende Namen auf dem Kandidatenkarussell: Thomas Strobl (CDU-Kreisvorsitzender, Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat und Bundestagsabgeordneter), Johanna Lichy (Staatssekretärin und Heilbronner Landtagsabgeordnete), Werner Grau (Erster Bürgermeister in Heilbronn) und Jochen K. Kübler (Oberbürgermeister in Öhringen). Aber all die vielen gehandelten Namen aus dem regionalen Umfeld verdecken, daß viele sich in Heilbronn nach Kandidaten sehnen, die von außen kommen, unbelastet sind und frischen Wind ins Käthchenstädtchen bringen. In vielen bürgerlichen Kreisen Heilbronns sucht man jetzt schon nach illustren Kandidatennamen aus der deutschen Fremde. Wer zu früh startet – das lehren viele Bürgermeisterwahlen im Ländle – hat schnell sein Pulver verschossen. Im Frühjahr 1999 wird es erst die wirklich heißen Diskussionen um die Nachfolge von Dr. Manfred Weinmann auf dem OB-Sessel im Rathaus geben. Bis dahin wird spekuliert, werden Startlöcher gegraben und munter die unterschiedlichsten Namen gehandelt. 

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