Triumph der Provinz
Erneut hat die Provinz triumphiert.
In Künzelsau bejubelten über 7.000 Fans generationenübergreifend den Höhepunkt
der 900-Jahr-Feier: In der Kreisstadt am Kocher gab Chris de Burgh ein
Gastspiel. Der Star wurde allerdings nicht von ausgebufften Konzertagenten in
die Kreisstadt gelotst. Dieser Konzertgenuß ist vielmehr dem ehrgeizigen
Engagement eines Tausendsassas zu verdanken. Christian von Stetten, Sohn des lokalen CDU-Bundestagsabgeordneten
und ehemaligen Heilbronner FH-Professors, hatte das (Noten-)Heft selber in die
Hand genommen, weil die Tournee-Profis bei Anfragen nur müde lächelnd
abwinkten. Das Provinz-Städtchen erschien ihnen zu riskant für einen Abstecher
des teuren Stars. Auch die Rathaus-Herren ließen die Finger davon, befürchteten
wohl ein Debakel für die Stadtkasse. Man kann nicht immer nur fordern, man muß
sich halt selber drum kümmern, sagte sich der CDU-Gemeinderat „Chris von der
Burg“ und gab nicht locker, ehe er sein Wunschziel erreicht hatte: Chris de Burgh sagte zu. Das Ergebnis
dieser Hartnäckigkeit war ein rundum gelungener Festabend auf der in
„Schloßpark“ umgetauften Wertwiese. Da stimmte einfach alles, der Künstler mit
seinen Musikanten bestens disponiert, der optimale Sound, ein froh gelauntes
Publikum. Fast übereinstimmend die Meinung: „Das war das Beste, was Künzelsau
in den letzten 900 Jahren erlebt hat.“ Für die Regionsmetropole Heilbronn sind
derartige Anstrengungen eines einzelnen Stadtrats oder sonstigen Bedenkenträgers
nicht überliefert. Dabei könnte gerade die Stadt unter mir mehr Ehrgeiz von
Dynamikern gebrauchen. Mit Kelly Family
und Schürzenjägern alle Schaltjahre einmal ist es nicht getan und mit
feuchtfröhlichen Festen in diversen Variationen schon gar nicht.
Wer rügt da wen?
Wie ist es in der Schule? Rüge,
Eintrag, Rüffel – Bestrafung zur Besserung des Schülers: Auch im Gewerbe der
Zeitungsmacher? Der Chefredakteur der Heilbronner
Stimme, Dr. Wolfgang Bok, hatte
in einem kleinen Kommentar den Vorschlag des Bonner Instituts für
Sozialökonomie kritisiert, für die Erziehungsarbeit 2.000 Mark pro Kind zu
bezahlen. „Vor allem die türkischen Großfamilien würden sich über diese
Wurfprämien der Extraklasse freuen.“ Jetzt bestrafte den Chefredakteur der Deutsche Presserat (Bonn) mit der
schwersten Sanktion, die dessen Satzung zuläßt. Eine der SPD nahestehende
Wohlfahrtsorganisation hatte sich an den Presserat gewandt – und angezeigt. Der
Beschwerdeausschuß erteilte Bok daraufhin eine Rüge und verurteilte die
Wortwahl. „Die Gleichsetzung des Gebärens von Kindern mit dem Werfen von
Tieren“ sei „menschenverachtend“, so der Ausschuß. Doch das ließ der wackere
und kampferprobte Chefredakteur der Heilbronner
Stimme nicht auf sich sitzen. In einem Gespräch mit der Tageszeitung Südwest Presse (Ulm) bezeichnete Bok die
Rüge als ausgesprochen ärgerlich und warf dem gemeinsam von Verlegern und
Journalisten getragenen Organ Deutscher Presserat vor, daß es sich „als Gesinnungspolizei aufspielt“. Schon
früher seien ihm an diesem Gremium „Tendenzen der Bevormundung unangenehm
aufgefallen“. Und abschließend: „Wir brauchen keinen Oberaufseher.“ Harte
Vorwürfe und Worte. Bok hat mit seinen Worten keinen Sturm der Entrüstung bei
der Leserschaft oder seinen Redaktionskollegen entfacht. Denn in Deutschland
haben viele langsam die Nase voll von jenen Leuten, die im Rahmen eines neuen
Fundamentalismus, genannt Political Correctness, sich ungefragt einmischen und
als Gutmenschen aufspielen. Das riecht oft nach Denunziation. Wenn den Lesern
einer Zeitung die Ansichten eines Journalisten nicht gefallen, schreiben sie
Leserbriefe oder bestellen die Zeitung ab. Leserbriefe wurden in besagtem Falle
geschrieben. Nun geht die Mär um, daß sich einige Mitarbeiter im Hause wegen
des Bok-Artikels schämten. Sich wegen eines äußerst zugespitzten Wortes schämen
und sich mit einer Problematik auseinandersetzen, das sind bekanntlich zwei
Paar Stiefel. Aber Journalisten sind Manns oder Frau genug, in einer freien
Gesellschaft ihre Meinung deutlich zu formulieren. Auch in
Redaktionskonferenzen.
Ein neues Möbelhaus
Heilbronn war auch mal im Gespräch.
Aber die Anbindung an den Stuttgarter Raum ist für das Möbelhaus Ikea doch interessanter gewesen. Zumal die Unterstützung
der Behörden in Ludwigsburg wirklich optimal war. So baute man innerhalb eines
Jahres in der Nähe des Kaufhauses
Breuningerland gleich neben der Autobahn ein Ikea Haus der Kategorie A, ein
Haus also, in dem das Gesamtangebot des Möbelhändlers für die Kunden vorhanden
ist. Neue Ausstellungsflächen, andere Beleuchtung, mehr Durchlässigkeit von
Abteilung zu Abteilung, neue Gliederung des Warenangebots. Auch im Raum
Ludwigsburg gab es in den letzten Monaten viele Bedenkenträger – vor allem beim
Einzelhandel. Ikea wollte diesen Bedenken Rechnung tragen, arrangierte Treffen,
um Vorbehalte auszuräumen, setzt aber trotzdem voll auf Wettbewerb. Der
flexible Einzelhandel habe damit auch keine Schwierigkeiten. Wer nur darauf
setze, morgens die Türen zu öffnen, die Schilder rauszustellen, Waren
hinstellen und auf Kundschaft zu warten – der sei auch im Einzelhandel heute
nicht mehr up to date. Der Einzelhandel lebe auch davon, daß sich in der
Verkaufslandschaft etwas bewegt. Das führe dazu, daß man sich immer wieder neu
orientieren muß. Meint Ikea. In das neue Haus in Ludwigsburg seien jene
Erfahrungen eingeflossen, die man in den letzten Jahrzehnten in Deutschland,
zum Beispiel in Walldorf – vor allem
aber jene, die Ikea in seinem vor einem Jahr eröffneten Haus in Sindelfingen gesammelt
hatte. Familie steht bei Ikea im Vordergrund. Für Kinder ist an allen Ecken und
Enden gesorgt – bis zu festangestellten Kindergärtnerinnen, die den Nachwuchs
der Kundschaft betreuen. „Wir wollen, daß sich die Kunden wohlfühlen, die
Mitarbeiter wohlfühlen – und deshalb setzen wir auf soziale Kompetenz. Auf
Mitarbeiter, die Menschen mögen. Der Kunde ist bei uns nicht König, sondern in
erster Linie Gast.“ Mit diesen prägnanten Worten umschreibt Herbert Fuchs, der
Chef des Einrichtungshauses Ludwigsburg, die Ikea-Positionen. Morgen früh, Donnerstag,
30. Juli 1998, um acht Uhr wird der Run in Ludwigsburg einsetzen. Oder schon
ein wenig früher. Verstopfte Autobahn? Hören Sie mal bei den Radiosendern in
die Staumeldungen rein! Und danach werden so zwischen 4.000 und 5.000 Menschen
täglich in Ludwigsburg erwartet. Die Verkaufslandschaft im Unterland gerät in
heftige Bewegung – und die tut allen
gut.
Aufputschend
Für andauernde Höchstleistungen ist
der menschliche Körper nicht geschaffen – ob dies nun schulische, berufliche,
sportliche oder auch sexuelle Anforderungen sind. Der schlichte Mensch ist
schließlich keine Maschine und kann nicht durchweg auf Hochproduktion laufen.
Will der Streber aber im internationalen wie im provinziellen Vergleich – in
einem fortwährenden Konkurrenzkampf – bestehen, ist für ihn eine annähernd
hundertprozentige Leistung vonnöten. Und dann müssen sogenannte externe
Stimulanzien herhalten, die es seinem Körper ermöglichen, die geschützten
Eigenreserven anzugreifen: Amphetamine gegen Schulstreß, Kokain zur Bewältigung
des 24-Stunden-Arbeitstages, Alkohol zur Reinigung des Kurzzeitgedächtnisses,
Ecstasy zur Verlängerung der Partynacht, Steroide und Wachstumshormone zum
Bestehen im Hochleistungssport und Viagra zur Wiedererschließung gelegentlich
versiegter Sexual-Quellen. Legale und
illegale Aufputscher eben, die in nahezu jeglicher Gesellschaftsschicht
ihre Konsumenten finden. Es bleibt ohnehin jedem selbst überlassen, ob er diese
Stimulanzien für sich gebraucht oder nicht. Das Drogenproblem an sich wird
durch Bestrafung derer, die des Eigenkonsums überführt werden, bestimmt nicht
gelöst. Wenn Außenstehende miteinbezogen werden – sei es durch
Beschaffungskriminalität oder durch Verführung zur Sucht – erhält die Sache
einen anderen Charakter. Aber Großdealer bleiben meist unbelangt. Zu groß ist
der Einfluß ihrer Drogengelder auf viele Staatsapparate – vor allem in der
Dritten Welt. Zur Abschreckung werden Exempel meist nur an kleineren Fischen
statuiert, weil man an die großen Bosse nicht herankommt. Gutmenschen und Naive
glauben ja gelegentlich heute noch, in einer reinen Welt zu leben, in der
Drogenkonsum ein Auswuchs von Randschichten und Extremfällen ist. Sie werden
tagtäglich bitter enttäuscht. Das rosarote Glücksgefühl und das Abtauchen in
eine Welt ohne Probleme, das viele Drogen mit sich bringen, verschafft
vermeintliche Erholung vom tristen Alltagsgrau. Und die Träume der vielen
Süchtigen bei uns, werden zu Palästen und Waffen in anderen Teilen der Welt.
Das ist nicht neu. Aber immer noch sehr traurig.
Präsidenten-Baby
Er ist einer der erfolgreichsten
Unternehmer bei uns in der Region. Seine Firma tds befindet sich auf einem
Höhenflug. Auch aktienmäßig. Manchmal aber hapert es mit dem Bekanntheitsgrad
von Günter Steffen, der am 13.
Februar 1998 zum Präsidenten der regionalen Industrie- und Handelskammer
gewählt wurde. Außerhalb der Wirtschaftsszene sagte der Name Steffen bisher
kaum jemand etwas. Fernsehzuschauer wissen aber mittlerweile etwas mehr über
die Persönlichkeit an der IHK-Spitze. In einer ZDF-Sendung erzählte Günter
Steffen über die Scheidung von seiner letzten Frau. Die Sendung behandelte das
Thema, wie man sich als Ehepartner – ohne die Familie sonderlich mit
Streitereien und wilden Emotionen – gütlich trennt. Das war sehr mutig für
einen Mann, der jetzt nicht mehr als nur Unternehmer auftritt, sondern die
gesamte Region als IHK-Präsident vertritt. Aber Günter Steffen ist auch ein
Mann der Repräsentationstermine mit familiären Verpflichtungen verbinden
kann. An einem späten Abend zeigte sich
Steffen beim Gaffenberg-Festival mit seiner nicht einmal fünf Monate alte
Tochter Lara. Manche Mütter und Väter, die das Kulturfestival nicht für den
idealen Ort des Aufenthalts von Säuglingen halten, bemerkten schnippisch, wie
ungelenk doch der Steffen sein Baby herumschleppt. Am anderen Morgen mußte
Klein-Lara eine Stippvisite in der Innovationsfabrik mitmachen. Früh übt sich,
wer ein Unternehmer werden will. Für die Kritikaster steht fest: Wie unwohl
sich das Kleinkind fühlte, beweise ein Foto, das in der Heilbronner Stimme veröffentlicht wurde. Während der betagte Vater
in die Kamera lächelte, beweinte Klein-Lara ihr Schicksal. Da scheiden sich
halt die Geister an der öffentlichen Person Günter Steffen, der Privat und
Repräsentation als junger Vater verbinden muß. Wie hatte Günter Steffen in der
Neckar-Express-Rubrik „Menschen unter uns“ im April – Lara war gerade geboren –
die Familie beschrieben? Als „Hort der
Nähe, Liebe und Wärme“ hatte er den heiligen Bund der Ehe definiert.
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