Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 29.04.1998



Die Ränder brennen
Können Sie sich noch erinnern? Bei uns in Baden-Württemberg kamen am 5. April 1992 bei der Landtagswahl die Republikaner auf 10,9 Prozent. Vier Jahre später, bei der Landtagswahl am 24. März 1996, erhielten sie 9,1 Prozent – landesweit. Im Wahlkreis 18 Heilbronn lagen die Reps bei der Wahl 1996 bei 13,1 Prozent, im Wahlkreis 19 Eppingen bei 12,7 Prozent und im Wahlkreis 20 Neckarsulm bei 13,2 Prozent. Verglichen mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom letzten Sonntag, wo die rechtsradikale Deutsche Volksunion 12,9 Prozent erzielte, haben wir in Baden-Württemberg oder gar im Unterland nicht den geringsten Grund, mit irgendeinem Finger auf die Ossis zu zeigen – oder uns gar zu erregen. Darum: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Wahlforscher wissen seit langem, daß Deutschland nicht der demokratische Musterknabe in Europa oder gar ein Land darstellt, in dem es nur brave Demokraten gibt. Erschreckend an der Wahl in Sachsen-Anhalt ist nicht allein das Abschneiden der Rechtsradikalen, sondern das Hochschaukeln von Links und Rechts auf nahezu ein Drittel der Wählerstimmen. Rechte Parolen, wie „Deutschland den Deutschen“, „Ausländer raus“, etc. kamen an. Ausländerfeindlichkeit hat in den Ländern der ehemaligen DDR ja Tradition. Die propagierte Völkerfreundschaft der SED-Bonzen war nur Tünche. Man schaute auf Polen, Russen und Tschechen mit Verachtung herab, fühlte sich als die Nummer Eins im Ostblock. Ganz in der Tradition jener Diktatur, aus der der Arbeiter- und Bauernstaat 1945 hervorgegangen war. Und deshalb hat Gerhard Frey, der rechtsradikale Verleger und DVU-Vorsitzende sicher recht, wenn er verkündet, daß in den neuen Länder der kulturelle Einfluß der Sowjets gleich Null war. Man sei dort deutscher als in der alten Bundesrepublik, die in den letzten fünfzig Jahren (gottseidank) stark von amerikanischen und westlichen Einflüssen geprägt wurde. Daß jene Parteien, die unsere beiden deutschen Diktaturen in diesem Jahrhundert schönreden wollen, im Osten so stark sind, das ist die Gefährlichkeit des Wahlergebnisses in Magdeburg. Und ganz gefährlich wird es, wenn demokratische Parteien mit einer dieser beiden Gruppierungen zu kungeln versuchen. Wenn in Frankreich die Konservativen mit den Rechtsradikalen unter die Bettdecke schlupfen, ist bei uns die Aufregung groß. Dann sollten aber auch die Sozialdemokraten sich hüten, mit der PDS unter eine Decke zu kriechen. Wenn sie es machen (wie beim Magdeburger Modell), dann dürfen sie sich nicht wundern, daß die Grenzen offen werden – nach links und nach rechts. Richtig ist sicher, daß Links- und Rechtsradikale in Europa wieder Konjunktur haben. Richtig ist auch, daß das Potential für jene Gruppen in so manchem Land zwischen zehn und 20 Prozent liegt. Bei uns in Baden-Württemberg lagen die Reps 1996 noch bei zehn Prozent. Im Unterland sogar darüber. Wenn die beiden großen Parteien die Probleme breiter Schichten weiter vernachlässigen, der Postenschacher und die Selbstbedienungsmentalität weiter um sich greifen, Schulden hemmungslos auf Kosten der kommenden Generationen gemacht werden, dann braucht sich niemand wundern, daß die radikalen Ränder brennen. Die Schuld liegt allein bei der herrschenden Politikerkaste. Jetzt tut man sehr aufgeregt – und zeigt nach Osten. Dabei muß man sich nur an die eigene Nase fassen.

Birne, Ziege und Co.
Eine satirische Zeitschrift in Deutschland namens Titanic veräppelte in den achtziger Jahren einst den frischgebackenen Kanzler Helmut Kohl als Birne. Suggeriert wurde dabei, daß er ein grausiger Naivling sei. Die Zeitschrift Stern aus Hamburg, mehr links als liberal, Hauspostille der Sozialdemokraten im Lande, veräppelte den CDU-Kanzler gar als tapsigen und dumpfen Riesen von Oggersheim, der lediglich durch reinen Zufall an die Macht gekommen sei – und bald wieder verschwinden werde. Darin hatte sich die Hamburger Wochenpostille, die sich dank der Veröffentlichung von Kujau gefälschter Hitler-Tagebücher vor der Weltöffentlichkeit bis auf die Knochen blamiert hatte, gewaltig geirrt. Helmut Kohl verweigerte sowohl diesem Blatt als auch dem Spiegel, seit er 1976 in Bonn zunächst als CDU / CSU-Fraktionsvorsitzender tätig wurde, jegliches Gespräch und Interview. Und blieb trotzdem im Amt. Die Macht der Presse hat halt ihre Grenzen. Aber nicht nur Kohl wurde zum Gespött von Satirikern, Kabarettisten und Karikaturisten. Rudolf Scharping, der SPD-Kanzlerkandidat von 1994, machte zunächst als Ziege Karriere. Nachdem er sich den Bart hatte abnehmen lassen und ein neues, ein vermeintlich modernes Outfit zugelegt hat, wird er – vor allem in der Satiresendung „RTL-Samstagnacht“ als die personifizierte Langsamkeit der deutschen Politik im wahrsten Sinne des Wortes verarscht. Witze über ihn sind derzeit absolute In-Witze. Ebenso wie jene über den Saar-Napoleon Oskar Lafontaine, 1990 Kanzler-Kandidat der Sozialdemokraten. Verebbt sind die Briefhüllen-Witze über den SPD-Kanzlerkandidaten 1983 Hans-Jochen Vogel oder die über den frommen Johannes Rau (SPD-Kanzlerkandidat 1987). Jetzt – im Jahre 1998 ist Gerhard Schröder der SPD-Kanzlerkandidat. Über den König Blaubart von Hannover existieren derzeit noch allzuwenig Witze. Mehr schon über Hillu, die Frau davor – und Doris, der derzeitigen Ehegattin des niedersächsischen Ministerpräsidenten. Normalerweise werden ja bei uns in Deutschland Privatangelegenheiten der Politiker nicht in die Öffentlichkeit gezogen. Aber seitdem die Herren glauben, in Talkshows oder an Wahlabenden mit Gattinnen auftreten zu müssen, ist auch dieses Tabu gebrochen. Die Schröder-Trennung und -Scheidung wurde von Seiten der niedersächsischen Staatskanzlei regelrecht vermarktet, wie zuvor das liebende Ehepaar Hillu und Gerhard samt Kindern. Jetzt ist Doris dran, die auf Parteitagsbühnen stürmt, um ihren Gerhard zur offiziellen Kandidaten-Kür zu beglückwünschen. Und der Witz? Der kommt noch!

Alle gegen Kohl
Die Deutsche Volksunion (DVU) des Münchner Verlegers Gerhard Frey hatte in Niedersachsen nicht kandidiert, so war aus dem Münchner Hauptquartier damals zu hören, um Schröder zu stützen, Lafontaine zu verhindern und Kohl eins auf die Mütze zu geben. Es hatte sich damals ausgezahlt. Jetzt in Sachsen-Anhalt waren alle gegen die Christdemokraten und ihren Parteivorsitzenden Helmut Kohl. Die Nachfolgerorganisation der verbrecherischen SED, die PDS, für die SPD ist Kohl ohnehin der entscheidende Gegner, das Bündnis 90 / Grüne will ihn in Bonn auch stürzen, die rechtsradikale DVU will den Dicken ebenfalls wegkicken – nur die FDP steht treu zur Bonner Koalition und liebäugelte in Sachsen-Anhalt mit einer linksliberalen Koalition. Genscher sollte es mit starkem Wahlkampfeinsatz in seinem Heimatland möglich machen. Aber Grüne (3,2 Prozent) und Liberale (4,2 Prozent) blieben außen vor, sprangen nicht über die Fünf-Prozent-Hürde. Durch Umarmung versuchen Gerhard Schröder und seine Genossen, Kohl jetzt wegzudrücken. Sie loben seinen Verdienst in jeder Rede, um dann hinzuzufügen, jetzt aber sei er ausgebrannt, überfällig, der Wechsel unbedingt nötig. Nicht mit einer gänzlich neuen Politik, sondern mit einer sozialdemokratischen Variante. Aber die CDU ist auf Gedeih und Verderb auf den Kanzler und ihren Kanzlerkandidaten angewiesen. Die Möglichkeit, daß Kohl jetzt zurücktritt und Schäuble Kanzler wird, ist vertan. Dafür gibt es zu viele unsichere Kantonisten in CSU und FDP. Kohl bleibt Kanzler und Schäuble wird Kandidat – auch diese Variante ist nicht mehr möglich, da Wolfgang Schäuble als Kandidat von der CSU in Zweifel gezogen wird. Nur die dritte Variante hat eine Chance: Kohl bleibt Kandidat und tritt, wenn er will, um die Jahrtausendwende ab. Aber alle Gedankenspiele werden von dem verdrängt, was jetzt beginnt: SPD-Kandidat Schröder wird derzeit, vor allem nach der Sachsen-Anhalt-Wahl, entzaubert. Der Wahlkampf Helmut Kohls beginnt. Und als Kämpfer mit  dem Rücken an der Wand war er bisher immer noch der Beste. Geht er am 27. September unter, dann in Ehren und vom deutschen Volk abgewählt. Kapriziert sich die SPD allein auf den Slogan „Kohl muß weg!“, dann jagen viele Hunde den Hasen – aber ob sie ihn fangen, das wird erst das Ergebnis am 27. September zeigen. Achtung vor dem Wähler heißt jetzt, um seine Gunst zu kämpfen – und den Gegner möglichst fair behandeln.

OB wird gescholten
Der Heilbronner Oberbürgermeister heißt Dr. Manfred Weinmann. Im Herbst des Jahres 1999 wird ein neuer OB in Heilbronn gewählt. Und im Vorfeld dieser Wahl wird harsche Kritik an Weinmann geübt. Nachdem die örtliche Tageszeitung Heilbronner Stimme am Ostersamstag mit der Überschrift „Vom unaufhaltsamen Abstieg eines Oberbürgermeisters“ eine Art Abgesang eingeleitet hatte, legt die Stuttgarter Zeitung am Dienstag dieser Woche nach. Ihre Überschrift lautet: „Die Prominenz stellt den Pensionsanwärter an den Pranger – Heilbronns Oberbürgermeister Manfred Weinmann wird kurz vor dem Ruhestand zur Zielschiebe massiver Kritik.“  Manfred Weinmann hatte sich in der vergangenen Woche gewehrt – mit einem fünfseitigen offenen Brief, in dem er seine Erfolge genau auflistete. „Ist Heilbronn eine Stadt, „in der sich nichts bewegt“? Genau dieses suggerierte die Heilbronner Stimme in ihrer Ausgabe vom Ostersamstag. Diesen angeblichen Stillstand in Heilbronn verknüpft diese Zeitung mit ausgiebiger und herabsetzender Kritik an mir als Repräsentanten der Stadt Heilbronn,“, schreibt der OB. Manfred Weinmann selbst und schlägt dann zurück – mit seiner Zeitungsschelte: „Pauschale Kritik hat immer Unrecht. So auch in diesem Fall: Wenn willkürlich aus den letzten Jahren Ereignisse herausgepickt werden, dann läßt sich leicht eine Negativ-Story der Heilbronner Stadtpolitik stricken.“ Schlußsatz des OB-Briefes vom 21. April 1998: „Mit Berichten wie dem in der Heilbronner Stimme“ vom Ostersamstag wird nicht eine Stimmung wiedergegeben, mit solchen Berichten wird Stimmung gemacht. Mit unvoreingenommenen, einem der Fairneß verpflichteten, kritischen Journalismus hat das nichts mehr zu tun.“ – Die Tageszeitung aber steht mit ihren kritischen Betrachtungen jedoch nicht allein dar. In der Stuttgarter Zeitung wird zusammengefaßt, was aus den Reihen des Heilbronner Gemeinderates in den letzten Wochen – angefangen von der FDP-Jahrespressekonferenz – alles so in den Raum und auf Papier gesprochen wurde. Nicht gerade schmeichelhaft für die Heilbronner Verwaltungsspitze. Nun vermuten gar einige Beobachter, die dem OB nahe stehen, daß er weichgeklopft werden solle, um möglichst schnell zurückzutreten. Als Ersatz stünde dann von konservativer Seite der Erste Bürgermeister Werner Grau in den Startlöchern - und von der SPD der Fraktionsvorsitzende Harry Mergel.    

Bald IHK-Neubau?
Einen Tag der offenen Tür veranstaltet die Industrie- und Handelskammer Heilbronn am 16. Mai 1998. Man will der Öffentlichkeit zeigen, was man hat und was man kann. Allerdings wird die Vorbereitung dieses Tages noch vom alten Pressesprecher Thomas Schick, der momentan als freier Mitarbeiter der IHK zur Verfügung steht, mit vorbereitet. Die neue Pressesprecherin, Gabi Schoppe (war seit 1993 stellvertretende Pressesprecherin der Flughafen Stuttgart GmbH), ist schon wieder der Schnee von gestern. Sie konnte ihr Amt in Heilbronn nicht antreten, weil sie zwischenzeitlich schwanger geworden war. Deshalb hatte die IHK Heilbronn nach den Osterfeiertagen einen Auflösungsvertrag mit ihr unterzeichnet und die Stelle gleich wieder neu ausgeschrieben. Wahrscheinlich wird es diesmal ein Mann. Die haben mit Schwangerschaften weniger Probleme. – Wie man sich in der Öffentlichkeit präsentiert, das ist heute ein gewichtiger Faktor für die Geschäftsführung eines Hauses – ob Unternehmen, Verband, Verein, Rathaus, Ministerium oder Partei. Dabei werden die Pressesprecher immer daran gemessen, wie das Echo der jeweiligen Institution in der Öffentlichkeit ist – positiv oder negativ. Die Heilbronner Kammer war bisher mehr ein Haus der sanften und leisen Töne – seriös und eher konservativ in seinen Verlautbarungen. Aber unsere Medienlandschaft ändert sich. Und da müssen neue Wege beschritten werden, um im Bewußtsein der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen zu werden. Die Mehrheit der Menschen weiß über die Institution IHK wenig – wozu auch? Sie haben nichts damit zu tun. Verglichen mit einem Rathaus oder Landratsamt. Vielleicht ändert sich das, wenn die Industrie- und Handelskammer ihr derzeitiges Gebäude in der Rosenbergstraße 8 – wunderschön am Neckar gelegen – an den Staat vermietet oder verkauft, um ein neues, prächtiges Gebäude gleich neben der Fachhochschule im Süden Heilbronns zu beziehen. Das muß aber noch gebaut werden. Geld ist genug vorhanden, auch wenn die Beiträge für die Pflichtmitglieder demnächst gesenkt werden. So ist dann die unmittelbare Verbindung zur Tochter, dem IHK-Zentrum für Weiterbildung in der Robert-Bosch-Straße 32 Heilbronns, gegeben. Eine schöne Aufgabe für den neuen Präsidenten Günter Steffen und seinem Hauptgeschäftsführer Heinrich Metzger, im Süden Heilbronns einen städtebaulichen Markstein zu setzen. Es tut sich was im Käthchenstädtchen.   

Heilbronn vor ...
Heilbronn vor – noch ein ... Bitte nicht! Vor allem nicht wieder ein Eigentor. Stadtbahn, Berliner Platz, Ausbau und Belebung der Innenstadt – Pläne, die es jetzt umzusetzen gilt. Sagen die Stadtväter und -mütter. Und das bei einer Schuldenlage der Stadt, die nicht gerade rosige Zeiten verheißt. Unsere notorischen Jubler, die immer behaupten, morgen würde man in Heilbronn endlich mit dem Aufbruch beginnen, schweigen derzeit betreten – und warten wie alle anderen auch darauf, daß endlich etwas geschieht. Aber es ist wie verflixt – wie im Sport bei den geplagten Vereinen der Stadt. Das Auf und Ab ändert sich von Woche zu Woche. Da gibt es die größte und älteste Halle in Heilbronn, 62 Meter lang, 37 Meter breit – das alte Kraftwerk bei der Energieversorgung Schwaben aus den zwanziger Jahren. Ein Architektur-Schmuckstück. Jugendliche haben dort schon viele Feste gefeiert. Eine Halle, die eigentlich schon längst abgerissen sein sollte. Eine Million Mark standen dafür bereit. Jetzt ist man bei der EVS der Ansicht, daß die Halle für kommerzielle Zwecke genutzt werden könnte – zum Beispiel für Kulturereignisse der besonderen Art. Die Stadt bräuchte als Partner nur zugreifen. Die Wirtschaftsfördergesellschaft und ihr Geschäftsführer Jürgen Gackstatter ist begeistert. Neben der Ballei in Neckarsulm, der Harmonie in Heilbronn und dann diese Wunderbare – dann wäre die Region schon mal ganz gut gesattelt. Die beiden Säle im Obergeschoß, beide 37 Meter lang und jeweils 25 und 32 Meter breit, bieten Raum für Veranstaltungen. Eine Million müßte investiert werden, um das Notwendigste zu sanieren. Parkplätze sind ebenfalls vorhanden. Jetzt ist bei der Stadt Phantasie gefragt. Die jungen Leute, die bisher in diesem Haus Veranstaltungen organisierten, haben gezeigt, was man mit wenig Mitteln bewältigen kann. Ich bin gespannt, ob sich die Stadt eine Scheibe von dieser Phantasie abschneiden kann. Wir wissen doch aus der Glotze: Im Land der Gummibärchen werden Abenteuer gesucht und gefunden.

SPD und PDS
Bei den Sozialdemokraten zieht mit dem Ergebnis der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt wieder der Alltag ein. Die Schröder-Euphorie ist verflogen. Denn die Schönredner und -schreiber wurden von ihrer prognostizierten absoluten Mehrheit für die Sozis in Sachsen-Anhalt auf den Boden der harten Tatsachen zurückgeholt. 35,9 Prozent für die Höppner-Partei – ein Plus von 1,9 Prozent – sind wahrlich kein berauschender Sieg. Auch wenn der protestantisch gestrenge Ministerpräsident einer grün-roten Koalition mit Duldung der postkommunistischen PDS am Wahlabend zunächst nur seiner Freude über seinen kleinen Wahlsieg Ausdruck verleihen wollte. Nachdem ihm aber der Koalitionspartner weggebrochen war, konnte der gelernte Mathematiker Höppner nicht schnell genug reagieren, um das Zahlenspiel in Sachsen-Anhalt nach Bonner Politik-Maßstäben zu interpretieren. Er wollte eine Regierung mit stabiler Mehrheit bilden. Aber auf einen Koalitionspartner wollte er sich am Wahlabend nicht festlegen. Dabei gab es gar keine große Auswahl. Wenn man die DVU für eine Koalition mit der SPD ausschließt, bleiben nur CDU und PDS als mögliche Partner übrig. Und hier eierte der gelernte Ossi Höppner zum Entsetzen seiner westdeutschen und vor allem Bonner Genossen beträchtlich. Bis zum Montag glaubte er noch, daß Gespräche mit der PDS zu einer starken Regierung mit ihm als Ministerpräsidenten führen könnten. Durchaus verständlich. Denn bisher hatte ihn ja auch die PDS toleriert – und das Angebot der roten Socken steht nach wie vor. Die CDU, der verhaßte Gegner Höppners, ist der denkbar schlechteste Partner. Aber im Parteivorstand wurde ihm anscheinend ordentlich der Kopf gewaschen und auch sozialdemokratisch die Leviten gelesen. Erst nach der Bonner Sitzung war Höppner bereit, eindeutig zu erklären, daß es eine Koalition nur mit der CDU geben könne, Sondierungsgespräche jedoch mit PDS und den Christdemokraten geführt werden. Nach diesem sozialdemokratischen Gegacker werden die Christdemokraten ihre Forderungen hoch hängen, denn die Sozis haben ja keine andere Wahl. Wenn die CDU Höppner und seine Genossen dazu treibt, sich von der PDS wieder tolerieren zu lassen, dann ist das eine gute Vorlage für Helmut Kohl. Und wenn die SPD ehrlich ist, dann wird sie den Argumenten ihrer Linken folgen, die davon sprechen, daß in Sachsen-Anhalt die Linke jetzt eine tragfähige Mehrheit bekommen hat. Man muß nur die Stimmen für das bisherige Bündnis zusammenrechnen: SPD 35,9, PDS 19,6 und Grüne 3,2 Prozent – macht zusammen 58,7 Prozent. Das Bündnis SPD/CDU ist demgemäß eine Krüppelgeburt – und entspricht nicht der rot-grün-puterroten Politik, die von der SPD in Sachsen-Anhalt bis zum 26. April gepflegt wurde. Ehrlich währt am längsten – nur nicht in der Politik.

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