Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 12.08.1998



Schmuddel-Affaire
Mir tut der amerikanische Präsident wirklich leid. Er soll eine Sexaffaire mit einer Praktikantin gehabt haben, die sich ihm in hündischer Bewunderung genähert hatte. Zunächst erzählte die junge Dame davon, nachdem sie das Weiße Haus verlassen hatte, einer sogenannten Freundin – die es sich nicht nehmen ließ, die Bekenntnis-Telefongespräche über die pikanten Ereignisse auf Band aufzunehmen. Als das publik wurde, leugnete die ehemalige Praktikantin die Affaire, um sie jetzt – gegen die Zusicherung von Straffreiheit – wieder als die pure Wahrheit zu verkaufen. Damit ist ihr Meineid aus der Welt. Hinter ihr stehen jetzt Legionen von puristischen, protestantischen Organisationen samt einem Chefankläger, die nichts anderes im Sinn haben, als den Präsidenten aus dem Amt zu jagen. Jedes Mittel dazu scheint ihnen recht zu sein. Man staunt und wundert sich. Im Angesicht von Hunger, Kriegen und Katastrophen auf unserem Erdball hat die einzige Weltmacht in ihrer Politik offenbar kein wichtigeres Thema zu behandeln. Das wäre genauso als wenn in unserem Wahlkampf derzeit in Deutschland das Thema Gerhard Schröder und seine vielen Ehen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stünde. Gottseidank spielen Heuchler in unserem politischen Geschehen nicht die entscheidende Rolle. Sonst müßten sich Journalisten hauptsächlich um die Bettgeschichten der Politiker bemühen – auf der Bundes-, Landes- oder kommunalen Ebene. Man stelle sich das nur einmal vor. Da schnüffeln Reporter im Privatleben unserer Stadträte, Gemeinderäte, Landräte oder Bürgermeister herum. Und die aufgedeckten Privat-Affairen spielten dann in der politischen Auseinandersetzung eine tragende Rolle. Was ein Mensch, und sei er auch ein Politiker, in seinem Privatleben macht, geht die Öffentlichkeit erst dann etwas an, wenn er sich straffällig macht. Ansonsten soll ein jeder Bürger in einer Demokratie den Mist vor seiner eigenen Tür kehren. In den meisten Fällen hat er damit ja auch reichlich zu tun. Wenn Politiker allerdings ihr Privatleben in die Öffentlichkeit zerren, um damit Punkte in der Politik zu machen, dann dürfen sie sich nicht wundern, daß nachgefragt wird. Auch bei uns ist die Tendenz offensichtlich, daß einige Damen und Herren aus der Politik gern Homestories anfertigen lassen, um die Idylle und heile Welt in der intakten Familie in politische Münze umzuschlagen. Wenn dann irgendwann ruchbar wird, daß die Realität ihrem selbstgemalten Bild nicht so ganz entspricht, dürfen sie sich nicht wundern, daß auch darüber berichtet wird. Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht naß – das geht nicht.  

Verehrung: Bismarck
Im Bismarck-Park steht bei uns in Heilbronn das Denkmal für den Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck. Früher hatte es seinen Platz am Neckar gegenüber des Kaufhauses C&A. Vor wenigen Tagen, am Todestag des sogenannten Reichsgründers, legten die Heilbronner Republikaner in stiller Bewunderung einen Kranz vor dem Denkmal nieder und kündigten das auch in einer Presseerklärung an.  Nun ist das Bismarck-Bild in unserer Zeit so differenziert, daß Parteien kaum mehr die Möglichkeiten haben, diesen deutschen Politiker für ihre Propaganda-Zwecke zu vereinnahmen. Aber der Versuch sei den Reps unbenommen. Mir ist da eine Bismarck-Beschreibung des jungen Alfred Kerr vom 7. August 1898 in der Neuen Hamburger Zeitung weitaus näher als die Verehrungswut rechter Politiker. Kerr karikiert die Bewunderung der bürgerlichen Schriftsteller wie Gustav Freytag für preußische Junker: „Sie sagen sich: es sind doch unerhörte Kerls; eigentlich wohl schädliche Individuen, aber wir fühlen uns so angenehm geehrt in ihrer Gesellschaft. Ähnlich steht das deutsche Bürgertum – nein: ein Teil dieses Bürgertums – einer Gestalt wie Bismarck gegenüber. Es ist der atavistische, aus Begeisterung und Zittern zusammengesetzte Respekt vor dem Raubritter. Es ist eine Liebe mit seligem Gruseln, bei welcher die Leibwäsche nicht sauber bleicht.“ Und Alfred Kerr legt wenige Tage nach dem Tode des Reichskanzlers auch eine äußerst kritische Beschreibung des Mannes dar, die zeigt daß es auch damals muntere Demokraten in Deutschland gab. „Obwohl sich dieser Typ, wenn man etwa den Maßstab antiker geschmeidiger Adelsgestalten an ihn legt, etwas sehr schwerfälliges, Rasselndes, Kaffriges bekommt, etwas Polterndes – Vandalisches. Man nehme selbst den antiken Junker: Alkibiades. Wie biegsam, wie ästhetisch, wie elitemäßig, wie adlig erscheint die Gestalt gegen den Kürassier-Staatsmann, gegen dieses Gemisch von Schlauheit und derber Schwere, gegen diese Vereinigung von behaglicher Milde und Gewalttätigkeit, gegen diesen burschikosen Humor, gegen diesen bornierten Monarchismus a priori; und wie frei von Heuchelei, die immer einen höchsten Herrn demütiglich vorschiebt, sich hinter einem Allergnädigsten verkriecht (einem Allergnädigsten, welcher mit jedem Tag deutlicher als Puppe erscheint), und der nie zu sagen wagte: ich bin ich.“ Bismarck ist für Kerr nichts als „Ein Kerl, ein Recke, ein Kraftmensch – und immer die elende, christliche Berufung auf den höheren zu beachtenden Willen, der in Wahrheit nicht existiert. Immer dieses Gemisch von bewußter Täuschung und (was viel schlimmer ist) unbewußt überkommener Subordinationsduselei, von empfundener Selbstverkleinerung.“    Politiker mit diesem Charakter soll es ja heute auch noch geben.

Rotgrün gegen Schwarzgelb
Es ist Ferienzeit bei uns in Baden-Württemberg. Während in Nordrhein-Westfalen die Schule längst schon wieder begonnen hat. Das föderale System bringt diese Unterschiede mit sich, die unser Nachbar Frankreich zum Beispiel gar nicht kennt. Der langsam auf Touren kommende Bundestagswahlkampf läuft in den verschiedenen deutschen Landen daher auch unterschiedlich. Bei den einen wird mehr gepowert, bei den anderen ist der gemächliche Gang noch eingeschaltet. Aber in Bonn werden seit der Rückkehr des Bundeskanzlers aus dem Urlaub die scharfen Schwerter schon geschwungen. Besser gesagt: Es wird heftig damit herum gefuchtelt. Ob etwas getroffen wird, das bleibt momentan mehr dem Zufall überlassen. Feststellbar ist: In den Umfragen holt die regierende Koalition Stück für Stück auf, die SPD sinkt in ihren hohen Umfragewerten. Aber wir wissen seit Jahren schon, daß die Auguren aus den Meinungsforschungsinstituten auch nur mit Wasser kochen. Weil sie mit ihren Vorhersagen bei den letzten Wahlen mehr als schief lagen, glaubt ihnen kaum jemand mehr. Wir wissen, daß sich eine Mehrheit der potentiellen Wähler noch nicht auf die eine oder andere Partei festgelegt hat. Wir wissen daß die rechten und rechtsradikalen Parteien Aufwind haben – und das seit Jahren schon. Und wir wissen, daß sich die Bürger bei Bundestagswahlen sehr genau überlegen, wen sie wählen. Es geht diesmal um eine Richtungsentscheidung. Bleibt die amtierende Regierung im Amt oder wird sie abgelöst durch eine rotgrüne Regierung. Niemand will ernsthaft eine große Koalition – zumindest kein politisch vernünftig denkender Mensch. Die großen Koalitionen in den Ländern Berlin, Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen zeigen, wie gelähmt dort Politik betrieben wird. Aber der Stillstand einer großen Koalition in Bonn oder später Berlin wäre äußerst schädlich für Deutschland. Das Geplänkel von sozialdemokratischer Seite in Richtung große Koalition ist also mehr als durchsichtig. Es soll Verwirrung stiften. Weil man sich des grünen Partners und seiner Akzeptanz als Regierungspartei nicht so sicher ist. Aber wer A sagt, muß auch B sagen. Schröder steht für rotgrün, Kohl für schwarzgelb. So einfach ist die Sache. Wenn der Wähler für keine der beiden Seiten eine Mehrheit schafft, erst dann wird man neu die Sachlage überdenken müssen. Alles andere ist Kaffeesatzleserei und eine Beleidigung des Wählers, der in einer Demokratie das Anrecht darauf hat, sich zwischen Alternativen entscheiden zu können. Große Koalition dagegen ist Lähmung der Demokratie und letztlich sogar eine gewisse Verfälschung des Wählerwillens.  

Plastikhandschuhe
Manche tun es – andere nicht! Wer einkaufen geht, Wurst, Käse oder Backwaren erstehen möchte, der erlebt oft die unterschiedlichsten Bedienungsmethoden. Auch in Heilbronn und im Unterland. Da gibt es Bäckereien, Metzgereien oder Supermärkte, in denen die Wurst, der Käse oder die Backwaren nur mit Plastikhandschuhen  angefaßt, dann auf Folien gelegt und schließlich in Plastiktüten verpackt werden. Das macht einen hygienischen Eindruck – und ist es wohl auch. In anderen Verkaufsstellen greift die Verkäuferin munter mit ihrer ungeschützten Hand zur Saitenwurst oder zu den schon angeschnittenen Wurstscheiben. Auch Käse, Brötchen, Kuchen oder Brote werden ungeniert angelangt. Und wenn es ganz schlimm kommt – vor allem im Herbst oder Winter – wird wegen Husten oder einer anderen Erkältung vorher noch kräftig geniest, in den Ärmel oder in die Hand – um sich dann wieder tatkräftig den Eßwaren mit nichtbedeckter Hand zuzuwenden. Was mich wundert, das ist die unterschiedliche Handhabung in den verschiedenen Geschäften bei uns in der Gegend. Ist es nun Vorschrift, daß sich Verkäufer nichtverpackten Lebensmitteln mit einem Plastikhandschuh zu nähern haben? Oder ist es dem Ermessen des einzelnen überlassen, auf welche Art und Weise er seinen Kunden die empfindlichen Produkte einpackt? Mir ist auf alle Fälle lieber, wenn mir die offen daliegenden Produkte von Menschen eingepackt werden, deren Hände von durchsichtigen Überziehern bedeckt sind. Vertrauen mag ja schön und gut sein – aber ein dem Kunden demonstrierter Schutz ist mir da schon lieber als die bloßen und blanken Hände, die zuvor überall hinter der Theke hingegriffen haben können und von denen ich nicht weiß, wann sie zuletzt Seife und das fließende Wasser unter einem Wasserhahn gesehen haben.

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