Schmuddel-Affaire
Mir
tut der amerikanische Präsident wirklich leid. Er soll eine Sexaffaire mit
einer Praktikantin gehabt haben, die sich ihm in hündischer Bewunderung
genähert hatte. Zunächst erzählte die junge Dame davon, nachdem sie das Weiße
Haus verlassen hatte, einer sogenannten Freundin – die es sich nicht nehmen
ließ, die Bekenntnis-Telefongespräche über die pikanten Ereignisse auf Band
aufzunehmen. Als das publik wurde, leugnete die ehemalige Praktikantin die Affaire,
um sie jetzt – gegen die Zusicherung von Straffreiheit – wieder als die pure
Wahrheit zu verkaufen. Damit ist ihr Meineid aus der Welt. Hinter ihr stehen
jetzt Legionen von puristischen, protestantischen Organisationen samt einem
Chefankläger, die nichts anderes im Sinn haben, als den Präsidenten aus dem Amt
zu jagen. Jedes Mittel dazu scheint ihnen recht zu sein. Man staunt und wundert
sich. Im Angesicht von Hunger, Kriegen und Katastrophen auf unserem Erdball hat
die einzige Weltmacht in ihrer Politik offenbar kein wichtigeres Thema zu
behandeln. Das wäre genauso als wenn in unserem Wahlkampf derzeit in
Deutschland das Thema Gerhard Schröder
und seine vielen Ehen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stünde. Gottseidank
spielen Heuchler in unserem politischen Geschehen nicht die entscheidende
Rolle. Sonst müßten sich Journalisten hauptsächlich um die Bettgeschichten der
Politiker bemühen – auf der Bundes-, Landes- oder kommunalen Ebene. Man stelle
sich das nur einmal vor. Da schnüffeln Reporter im Privatleben unserer
Stadträte, Gemeinderäte, Landräte oder Bürgermeister herum. Und die aufgedeckten Privat-Affairen spielten
dann in der politischen Auseinandersetzung eine tragende Rolle. Was ein Mensch,
und sei er auch ein Politiker, in seinem Privatleben macht, geht die
Öffentlichkeit erst dann etwas an, wenn er sich straffällig macht. Ansonsten
soll ein jeder Bürger in einer Demokratie den Mist vor seiner eigenen Tür
kehren. In den meisten Fällen hat er damit ja auch reichlich zu tun. Wenn
Politiker allerdings ihr Privatleben in die Öffentlichkeit zerren, um damit
Punkte in der Politik zu machen, dann dürfen sie sich nicht wundern, daß
nachgefragt wird. Auch bei uns ist die Tendenz offensichtlich, daß einige Damen
und Herren aus der Politik gern Homestories anfertigen lassen, um die Idylle
und heile Welt in der intakten Familie in politische Münze umzuschlagen. Wenn
dann irgendwann ruchbar wird, daß die Realität ihrem selbstgemalten Bild nicht
so ganz entspricht, dürfen sie sich nicht wundern, daß auch darüber berichtet
wird. Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht naß – das geht nicht.
Verehrung:
Bismarck
Im
Bismarck-Park steht bei uns in Heilbronn das Denkmal für den Reichskanzler
Fürst Otto von Bismarck. Früher hatte es seinen Platz am Neckar gegenüber des
Kaufhauses C&A. Vor wenigen Tagen, am Todestag des sogenannten
Reichsgründers, legten die Heilbronner Republikaner in stiller Bewunderung
einen Kranz vor dem Denkmal nieder und kündigten das auch in einer
Presseerklärung an. Nun ist das Bismarck-Bild
in unserer Zeit so differenziert, daß Parteien kaum mehr die Möglichkeiten
haben, diesen deutschen Politiker für ihre Propaganda-Zwecke zu vereinnahmen.
Aber der Versuch sei den Reps unbenommen. Mir ist da eine Bismarck-Beschreibung
des jungen Alfred Kerr vom 7. August
1898 in der Neuen Hamburger Zeitung
weitaus näher als die Verehrungswut rechter Politiker. Kerr karikiert die
Bewunderung der bürgerlichen Schriftsteller wie Gustav Freytag für preußische Junker: „Sie sagen sich: es sind doch
unerhörte Kerls; eigentlich wohl schädliche Individuen, aber wir fühlen uns so
angenehm geehrt in ihrer Gesellschaft. Ähnlich steht das deutsche Bürgertum –
nein: ein Teil dieses Bürgertums – einer Gestalt wie Bismarck gegenüber. Es ist
der atavistische, aus Begeisterung und Zittern zusammengesetzte Respekt vor dem
Raubritter. Es ist eine Liebe mit seligem Gruseln, bei welcher die Leibwäsche
nicht sauber bleicht.“ Und Alfred Kerr legt wenige Tage nach dem Tode des
Reichskanzlers auch eine äußerst kritische Beschreibung des Mannes dar, die
zeigt daß es auch damals muntere Demokraten in Deutschland gab. „Obwohl sich
dieser Typ, wenn man etwa den Maßstab antiker geschmeidiger Adelsgestalten an
ihn legt, etwas sehr schwerfälliges, Rasselndes, Kaffriges bekommt, etwas Polterndes
– Vandalisches. Man nehme selbst den antiken Junker: Alkibiades. Wie biegsam,
wie ästhetisch, wie elitemäßig, wie adlig erscheint die Gestalt gegen den
Kürassier-Staatsmann, gegen dieses Gemisch von Schlauheit und derber Schwere,
gegen diese Vereinigung von behaglicher Milde und Gewalttätigkeit, gegen diesen
burschikosen Humor, gegen diesen bornierten Monarchismus a priori; und wie frei
von Heuchelei, die immer einen höchsten Herrn demütiglich vorschiebt, sich
hinter einem Allergnädigsten verkriecht (einem Allergnädigsten, welcher mit
jedem Tag deutlicher als Puppe erscheint), und der nie zu sagen wagte: ich bin
ich.“ Bismarck ist für Kerr nichts als „Ein Kerl, ein Recke, ein Kraftmensch –
und immer die elende, christliche Berufung auf den höheren zu beachtenden
Willen, der in Wahrheit nicht existiert. Immer dieses Gemisch von bewußter
Täuschung und (was viel schlimmer ist) unbewußt überkommener
Subordinationsduselei, von empfundener Selbstverkleinerung.“ –
Politiker mit diesem Charakter soll es ja heute auch noch geben.
Rotgrün
gegen Schwarzgelb
Es
ist Ferienzeit bei uns in Baden-Württemberg. Während in Nordrhein-Westfalen die
Schule längst schon wieder begonnen hat. Das föderale System bringt diese
Unterschiede mit sich, die unser Nachbar Frankreich zum Beispiel gar nicht
kennt. Der langsam auf Touren kommende Bundestagswahlkampf läuft in den
verschiedenen deutschen Landen daher auch unterschiedlich. Bei den einen wird
mehr gepowert, bei den anderen ist der gemächliche Gang noch eingeschaltet. Aber
in Bonn werden seit der Rückkehr des Bundeskanzlers aus dem Urlaub die scharfen
Schwerter schon geschwungen. Besser gesagt: Es wird heftig damit herum gefuchtelt. Ob etwas getroffen wird, das
bleibt momentan mehr dem Zufall überlassen. Feststellbar ist: In den Umfragen
holt die regierende Koalition Stück für Stück auf, die SPD sinkt in ihren hohen
Umfragewerten. Aber wir wissen seit Jahren schon, daß die Auguren aus den
Meinungsforschungsinstituten auch nur mit Wasser kochen. Weil sie mit ihren
Vorhersagen bei den letzten Wahlen mehr als schief lagen, glaubt ihnen kaum
jemand mehr. Wir wissen, daß sich eine Mehrheit der potentiellen Wähler noch
nicht auf die eine oder andere Partei festgelegt hat. Wir wissen daß die
rechten und rechtsradikalen Parteien Aufwind haben – und das seit Jahren schon.
Und wir wissen, daß sich die Bürger bei Bundestagswahlen sehr genau überlegen,
wen sie wählen. Es geht diesmal um eine Richtungsentscheidung. Bleibt die
amtierende Regierung im Amt oder wird sie abgelöst durch eine rotgrüne
Regierung. Niemand will ernsthaft eine große Koalition – zumindest kein
politisch vernünftig denkender Mensch. Die großen Koalitionen in den Ländern
Berlin, Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen zeigen, wie gelähmt dort Politik
betrieben wird. Aber der Stillstand einer großen Koalition in Bonn oder später
Berlin wäre äußerst schädlich für Deutschland. Das Geplänkel von
sozialdemokratischer Seite in Richtung große Koalition ist also mehr als
durchsichtig. Es soll Verwirrung stiften. Weil man sich des grünen Partners und
seiner Akzeptanz als Regierungspartei nicht so sicher ist. Aber wer A sagt, muß
auch B sagen. Schröder steht für rotgrün, Kohl für schwarzgelb. So einfach ist
die Sache. Wenn der Wähler für keine der beiden Seiten eine Mehrheit schafft,
erst dann wird man neu die Sachlage überdenken müssen. Alles andere ist
Kaffeesatzleserei und eine Beleidigung des Wählers, der in einer Demokratie das
Anrecht darauf hat, sich zwischen Alternativen entscheiden zu können. Große
Koalition dagegen ist Lähmung der Demokratie und letztlich sogar eine gewisse
Verfälschung des Wählerwillens.
Plastikhandschuhe
Manche
tun es – andere nicht! Wer einkaufen geht, Wurst, Käse oder Backwaren erstehen
möchte, der erlebt oft die unterschiedlichsten Bedienungsmethoden. Auch in
Heilbronn und im Unterland. Da gibt es Bäckereien, Metzgereien oder
Supermärkte, in denen die Wurst, der Käse oder die Backwaren nur mit
Plastikhandschuhen angefaßt, dann auf
Folien gelegt und schließlich in Plastiktüten verpackt werden. Das macht einen hygienischen Eindruck – und
ist es wohl auch. In anderen Verkaufsstellen greift die Verkäuferin munter
mit ihrer ungeschützten Hand zur Saitenwurst oder zu den schon angeschnittenen
Wurstscheiben. Auch Käse, Brötchen, Kuchen oder Brote werden ungeniert
angelangt. Und wenn es ganz schlimm kommt – vor allem im Herbst oder Winter –
wird wegen Husten oder einer anderen Erkältung vorher noch kräftig geniest, in
den Ärmel oder in die Hand – um sich dann wieder tatkräftig den Eßwaren mit
nichtbedeckter Hand zuzuwenden. Was mich wundert, das ist die unterschiedliche
Handhabung in den verschiedenen Geschäften bei uns in der Gegend. Ist es nun
Vorschrift, daß sich Verkäufer nichtverpackten Lebensmitteln mit einem
Plastikhandschuh zu nähern haben? Oder ist es dem Ermessen des einzelnen
überlassen, auf welche Art und Weise er seinen Kunden die empfindlichen
Produkte einpackt? Mir ist auf alle Fälle lieber, wenn mir die offen
daliegenden Produkte von Menschen eingepackt werden, deren Hände von
durchsichtigen Überziehern bedeckt sind. Vertrauen mag ja schön und gut sein –
aber ein dem Kunden demonstrierter Schutz ist mir da schon lieber als die
bloßen und blanken Hände, die zuvor überall hinter der Theke hingegriffen haben
können und von denen ich nicht weiß, wann sie zuletzt Seife und das fließende
Wasser unter einem Wasserhahn gesehen haben.
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