Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 25.02.1998



Polit-Unterhaltung
Der Kanzlerkandidat der Union steht schon seit langem fest: Helmut Kohl will es nochmal wissen. Seit 1982 sitzt er in Bonn auf dem Kanzlerstuhl, länger als Konrad Adenauer – und wenn er im Herbst gewinnt, länger als der eiserne Kanzler Otto von Bismarck. Diese Super-Amtszeiten sind nicht gerade das, was traditionsbewusste westliche Demokratien für politisch gesund halten und ehern praktizieren. Aber Kohl kann auf das größte deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen verweisen. Dort regiert der Sozialdemokrat Johannes Rau schon seit 1978 als Ministerpräsident. Eine deutsche und vor allem eine politische Unsitte. Aber es ist wie es ist – und widerspricht auch nicht unseren deutschen Gesetzen. Nun schickt sich Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder an, der Mini-Clinton von der Leine (allerdings mit weniger Sex-Affären als der US-Präsident, dafür aber mit mehr Ehen), Kanzler-Kandidat der Sozialdemokraten zu werden. Selbst hat er die Meßlatte sehr hoch gelegt. Er will sein letztes Landtagswahlergebnis am Sonntag, 1. März halten, wenn möglich verbessern. Falls die Wähler Schröder aber mit zwei Prozent abstrafen, dann muß er sich die SPD-Kanzlerkandidatur nochmal überlegen. So ist halt das Demokratieverständnis unserer Politiker. Da bittet einer die Wähler in seinem Bundesland, daß sie seiner Partei eine Mehrheit verschaffen, damit die SPD-Abgeordneten in Hannover ihn wieder zum Ministerpräsidenten wählen können. Aber danach will er ab nach Bonn, um den CDU-Mann Kohl als Kanzler zu beerben. Unter theatralischen oder dramatischen Gesichtspunkten hat die SPD momentan das bessere Drehbuch. Das Volk muß munter unterhalten werden. Wer wird jetzt das Rennen bei der SPD machen? Oskar Lafontaine, der Parteivorsitzende, oder Gerhard Schröder, der in allen Umfragen vorn liegt. Stellen Sie sich vor, dieses Spiel wird auf der Wahlkreisebene Heilbronns veranstaltet. Die Leute würden sich an die Köpfe fassen und sagen: Ich glaube, die spinnen – die Sozis. Aber auf Bundesebene hat das Spiel ja eine andere Qualität. Bundesliga eben.                                                  

Wüstenroter Wahl
Nicht nur in Niedersachsen wird am 1. März gewählt. Nein – auch in Wüstenrot. Im Fischland entscheidet sich die Wahl zwischen dem roten Gerhard Schröder und dem schwarzen Christian Wulff. In Wüstenrot treten der amtierende Bürgermeister Roland Awe (41) und der SPD-Gemeinderat Mario Lehmann (49), im Hauptberuf Sachgebietsleiter im Heilbronner Sozialamt. Der gebürtige Stuttgarter Awe, Major der Reserve, Vater dreier Söhne, hatte bei der letzten Wahl 53,6 Prozent der Stimmen geholt. Der diplomierte Sozialarbeiter Lehmann, aus Berlin gebürtig, singt als Baß im Männergesangverein Wüstenrot und trainiert eine Mannschaft der Jugendspielgemeinschaft der Wüstenroter Fußballvereine und zog mit Frau und zwei Kindern 1982 nach Wüstenrot. Aber heutzutage haben Wahlen so ihre Tücken. In Niedersachsen wie in Wüstenrot. Die Frage lautet ja immer, wie schneiden die Favoriten ab, wie die Herausforderer. Auch Bürgermeisterwahlen haben heutzutage schon einen Touch amerikanischen Wahlkampf erhalten. Da wird nicht mehr allein mit Sachlisten geworben, sondern auch die Familien werden als emotionales Moment mit den Wahlkampf einbezogen. In Großstädten wie in kleinen Gemeinden. Bei einer Landtagswahl  wie in Niedersachsen haut das nicht mehr ganz so hin, weil der Herausforderer beim letzten Mal mit der zwischenzeitlich von ihm geschiedenen Dame geworben hat. Die heutige Angetraute auf Wahlplakaten wäre dann doch ein wenig daneben. Aber in den Wüstenroter Wahlkampf ragen auch die seltsamen Vorgänge auf dem Heilbronner Rathaus hinein. Das hatte schon der Bürgermeister-Kandidat Eugen Höschele in Tübingen erfahren müssen. Dort hatte man ihm die Heilbronner Rathaus-Skandale ordentlich um die Ohren geschlagen – von seinen Gegnern und der Presse. Er wurde trotzdem gewählt. Und in Wüstenrot? Da ist die Welt noch in Ordnung. Ein beliebter Wohnort, dieser Flickerlteppich Wüstenrot, der aus den verschiedensten Ortschaften zusammengeschweißt wurde. Warum? Weil die Luft dort so gut ist.

Aschermittwoch
Katzenjammer? Schwere Köpfe? Grippe in den Gliedern? Hängende Augenlider? So mancher Berufsnarr leidet heute schwer. Die Kampagne ist zu Ende. Die Kostüme sind verstaut – bis zum 11.11.1998. Die Narrensprüche der vergangenen Woche sind zusammengefegt wie all die Papierschlangen und Konfetti-Schnipsel, das Bonbonpapier und die Pappbecher, -nasen, -mützen, -witze, -küsse. Fastenzeit ist angesagt. Die Tage des wilden Schlemmens, Trinkens und Feierns sind vorbei. Aber ein Gschmäckle bleibt – hoffentlich kein fades. Dabei hat sich Heilbronn als Narrenhochburg wirklich angestrengt. Nicht nur beim Lumpentreff und der Prunksitzung in der Harmonie. Auch die Stadt hat schon in den Monaten zuvor ihr Scherflein dazu beigetragen. Mit vielen närrischen Meldungen aus den Städtischen Krankenanstalten, dem Sozialamt, dem Gemeinderat, etc. Das alles hat aber noch nicht gereicht. Jetzt hab ich gehört, daß Heilbronn noch närrischer werden soll – im Jahr des Bundestagswahlkampfes. Auf dem Berliner Platz wird ein 90 Meter hoher Turm gebaut werden. Soll der Heilbronner Gemeinderat beschlossen haben. Und in den Löwensteiner Bergen trainieren Oberbürgermeister und Landrat ein Ringen um die Region. Und auch die Energieversorgung Schwaben soll sich vom Ausbau des Kohlekraftwerks zur Müllverbrennungsanlage verabschiedet haben. Stattdessen steigt die EVS beim HEC ein, um den Ausbau des Eisstadions zu fördern? Faschingsscherze? Nein, auch keine vorgezogenen 1. April-Scherze! Das ist Humor à la Karneval in Heilbronn. Kommunalpolitische Kenner der Materie meinen, das sei die einzige Humorleistung im Heilbronner Fasching 1997/98. Ich finde, es gab auch noch viele andere. Die aufzuzählen, hieße diese ganze Zeitungsseite ausfüllen. Ich sage nur Rostköpfe.                    

Computer an die Schulen
Es war einmal modern, Sprachlabore an Schulen zu fordern, sie dann auch für teures Geld einzurichten – um sie dann wieder sang- und klanglos abzuschaffen. Oder die Räume geschickt für Prüfungen zu nutzen. Jetzt ist die Forderung laut und groß: Computer an die Schulen, die Klassen ins Internet. Da könnte man ebenso fordern: Autos an die Schulen, jedem Schüler kostenlos den Führerschein (vom Staat bezahlt!). In ein paar Jahren wird sich herausstellen, daß die Computer- und Internet-Forderung die Spleen superfortschrittlicher Eltern und hilfloser Pädagogen war. Was hat man vor zehn Jahren nicht alles an Volkshochschulen und Gymnasien Erwachsenen und Schülern beizubringen versucht – um sie für das beginnende Computerzeitalter fit zu machen. Programmieren mußten sie lernen, Programmiersprachen erlernen. Programmierer ist aber kaum jemand von diesen geplagten Geschöpfen geworden. Viel Beutelschneiderei war da im Spiel. Wer sich heute einen Personalcomputer kauft, muß für die Gesamtausrüstung rund drei- bis viertausend Mark hinblättern, um nach weniger als einem halben Jahr festzustellen: Alles ist noch billiger geworden! Und für das gleiche Geld gibt’s jetzt viel, viel mehr Leistung. Die Bedienung der Höllenmaschine kann man beim Probieren erlernen. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, sollte Anwenderkurse besuchen, die mit dem vor zehn Jahre Gepredigten nichts, aber auch ein gar nichts zu tun haben. Wozu also etwas in der Schule lehren, was sich in einem Jahr schon wieder grundlegend geändert hat. Schüler, die sich daheim mit ihren PC oder dem der Eltern beschäftigen, wissen ohnehin binnen kürzester Zeit mehr über die Materie als ihre Lehrer. Und ins Internet zu gehen, was bringt das derzeit Schule und Schülern? Notwendige Informationen erhalten sie ohnehin in erster Linie aus Büchern. Um Auto fahren zu lernen, muß man ja auch nicht nachweisen, auf allen Straßen und Wegen dieses Erdballs herumgekurvt zu sein oder einen Otto-Motor in seinem Einzelteilen erklären zu können. Benutzt also die Computer an den Schulen als das, was sie sind: Hilfsmittel, die notwendige Sachen schnell erledigen können. PC’s sind aber keine Ersatzlehrer, -bücher oder gar -lehrmittel. Und das Internet ist nichts anders als ein Weg, um schnell an Informationen zu gelangen. Man muß nur wissen an welche  – und wo die abrufbar sind. Und nie vergessen: All das kostet viel Geld und steht heute noch in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Junger General
Heilbronn besuchte er schon, da war er noch Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen – der Nachfolgeorganisation der linken Jungdemokraten – die sich als Jugendorganisation der FDP auf den sozialistischen Mond geschossen hatte. Jetzt ist er Generalsekretär und  Hoffnungsträger der vielgebeutelten Freien Demokraten in Deutschland für die Bundestagswahl im Herbst: Guido Westerwelle. Von Fernsehshow zu Diskussionssendung, von Talkrunde zu Kurzinterviews wird er in den Fernsehsendern geschleppt – und ist immer gut für spritzige Argumente, für flotte Sprüche und geistreiche Anmerkungen. Wenn er Reden hält, wie zum Beispiel auf dem Dreikönigstreffen in Stuttgart, dann haben viele FDP-Funktionäre und -Mitglieder das, was andere ein Wir-Gefühl nennen. Er eint seine eigene Partei und greift an. Nicht mit plumpen National-Tönen oder Hau-Drauf-Argumenten wie der FPÖ-Mann Haider aus Österreich, sondern mit dem Florett und dem Degen. Dabei hat er sich die Grünen zum Hauptgegner erkoren. Jene Partei, in der gefordert wird, daß für eine Familie rund 4.000 Mark Grundsicherung im Monat vom Staat bereitgestellt werden sollen – falls niemand arbeiten kann. Eine Aufforderung zur organisierten Faulheit nennt die schnelle FDP-Zunge aus Bonn eine solche Grünen-Forderung. Und folglich sieht er die Reformgegner bei den Grünen und der unverbesserlichen PDS, Reformmüdigkeit bei den Sozialdemokraten und Teilen einer (sozialdemokratisierten) CDU. Runter mit der Staatsquote, denn der Staat kann nicht als große Problemlösungsmaschine funktionieren. Eine Politik der marktwirtschaftlichen Erneuerung fordert er vehement, orientiert am Mittelstand. Steuern und Abgaben runter. Denn nur dort, vom Mittelstand werden neue Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen. Die Vereinigten Staaten dienen ihm da als Vorbild. Denn dort wurden mit einer rigorosen Steuersenkungspolitik massenhaft neue Arbeitsplätze geschaffen, die Arbeitslosenquote erheblich gedrückt. Und rund 80 Prozent dieser neuen Arbeitsplätze seien wahrlich keine Billigjobs. Wer heute noch nach dem Rechts-Links-Schema denke, ist für Guido reichlich naiv. Nach dem alten Strickmuster: Die Forderung nach mehr Freiheit in der Gesellschaft ist links, die Forderung nach mehr Freiheit in der Wirtschaft, die ist rechts. Beides will der Zauberlehrling Guido unter einen FDP-Hut bringen. Mal sehen, was am Sonntag im Schröder-Land für die Liberalen dabei herauskommt.                                                                                       

Jahrtausendwahl?
Am Sonntag ist in Niedersachsen Landtagswahl. Wenige Wochen später in Sachsen-Anhalt – und im Herbst dann in Bayern. Für den Unionskandidaten bei der Bundestagswahl im Herbst, Helmut Kohl, können diese Wahlen zu Stolpersteinen werden. Vor allem wenn sich herausstellen sollte, daß sein großes Engagement für die fristgerechte Einführung des Euro sich für die Union nicht auszahlen sollte. Aber dafür hat Kanzler Kohl schon vorgesorgt als er im vergangenen Jahr beim letzten CDU-Parteitag ohne Not seinen Freund und Fraktionsvorsitzenden  Wolfgang Schäuble zu seinem Nachfolger ausrief. So wird seitdem nicht nur Bonn heftig spekuliert, wann der Kanzler der Einheit sein Amt an Schäuble übergibt. Kohl ist sich sicher, so sagte er in einem Pro-7-Fernsehinterview, daß er zusammen mit der FDP die Bundestagswahl im Herbst gewinnen wird – sogar mit einem besseren Ergebnis als vor vier Jahren. Denn er habe ja schließlich eine politische Vision, die umsetzbar ist. Die Einigung Europas. Und Deutschland könne es auch weitaus besser gehen, wenn die Politik der Koalition nicht durch den SPD-dominierten Bundesrat torpediert worden wäre – Steuerreform, Änderung des Sozialsystems, etc, etc. Was haben Besserwisser und Nörgler nicht alles bei der Einführung der DM geschrieben und prophezeit. Keine der vorausgesagten Katastrophen trat ein. So werde es auch mit dem Euro kommen, der zweitwichtigsten Währung der Welt neben dem Dollar. Und wenn der große Kanzler in Bonn auch noch auf das Jahrhundert zurückblickt, dann wird’s ihm gar nicht bange: Deutschland vor 100 Jahren mit Großmachtträumen, die schnell zerplatzen, vor 75 Jahren in bitterer Not, vor 50 Jahren geteilt, weltweit gehaßt und an Hunger leidend – und jetzt? Blühend, geeint und wohlgelitten bei den Verbündeten. Wenn ihm jetzt Illustrierten-Journalisten unterstellen, er sei körperlich nicht fit, fahrig und ohne Kraft, der solle doch mal seine Arbeitstage von sieben Uhr in der Frühe bis spät in die Nacht um ein Uhr mitmachen. Die Richtung bei Helmut Kohl ist klar – und seine Wahlkampfthemen auch. Um den Streit bei den Sozis, wer Kandidat wird, kümmert er sich nicht. Gar nicht drüber reden, rät er seinen Freunden. Laßt die das nur machen, die SPD ist eine Traditionspartei. Gewinnen wird die Wahl im Herbst, wer die Themen bestimmt – und glaubhafte Lösungen anbietet. Strahlemänner als Kandidaten hatten wir schon viele, zum Sieger hat’s aber nie gereicht.

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