Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 11.02.1998



Kunstpapst
Im Heilbronner Museum werden Bozzetti gesammelt. Kleine Entwürfe von großen Skulpturen. Das ist nett. Das macht die städtischen Museen Heilbronns nicht unbedingt bekannt. Aber Künstler verdienen sich damit ein gutes Zubrot, wenn sie die Entwürfe für ihre Plastiken auch noch loswerden. Zumal Städte oft mehr zahlen als private Kunstsammler. Große Ausstellungen wie in der Kunsthalle Tübingen, die Geld ins Haus bringen, finden in Heilbronn nicht statt. Dafür ist die Stadt mit Skulpturen vollgestellt. Die neueste Erwerbung, die umstrittenen sieben Meter hohen Brückenköpfe von Franz Bernhard, zieren die Friedrich-Ebert-Brücke in Richtung Bahnhof. Und Bahnhof verstehen bei diesen beiden, 250.000 Mark teuren Werken auch viele Bürger in Heilbronn. Heilbronns Museumsdirektor Dr. Andreas Pfeiffer ist sich jedoch absolut sicher, daß er mit diesen beiden Rost-Skulpturen Heilbronn  künstlerisch bereichert hat. Drei Experten hatte er eingeladen, die seine Meinung bestätigten. Und jetzt will er weder rasten, noch rosten, bis er die restlichen 250.000 Mark zusammen hat, um auch die anderen beiden Brückenköpfe am Westufer zu installieren. Was in der Diskussion von den Kunstexperten alles so losgelassen wurde?! Zur Kunstbewertung gehöre Sachverstand. Kunst habe nichts mit Können und wenig mit Ästhetik zu tun. Und schon gar nichts mit Demokratie. Volkes Stimme habe bei der Entscheidung überhaupt nichts zu suchen. Wurde warnend mit der Faschismus-Keule gedroht. Oh, oh! Da reden Leute wie Päpste daher, die sich gern vom Volk teuer aus dem Steuersäckel bezahlen lassen. Aber mitreden – das dürfen nur Experten. Niemand hat etwas dagegen, wenn sich selbsternannte Kunstexperten alles Mögliche und Unmögliche in den Garten stellen. Das müssen sie mit ihren Nachbarn dann ausmachen. Aber jedem steuerzahlenden Bürger zu verbieten, sich über Kunst zu äußern, das ist schon ein starkes Stück. Einen oder mehrere Kunstpäpste, die ex cathedra uns verkünden, was Kunst ist und was nicht, die benötigen wir in einem demokratischen Staatswesen nicht. Ein Städtisches Museum hat zu vermitteln, transparent zu machen, welche Kunstrichtungen vorherrschen, hat zur Diskussion zu stellen, ist aber kein Kardinalskollegium. Religiösen Wahn in der Kunst, den hatten wir in zwei Diktaturen in Deutschland. Auch in so mancher Kirche, vor allem der protestantischen. Aber heute und in Heilbronn sollte er auf Steuerzahlers Kosten keine Plattform mehr bekommen.

Klingelingeling
Nach Hause telefonieren ... Das kennen wir von ET, dem kleinen außerirdischen Wesen. Bisher telefonieren wir Normalverbraucher ja mit der Telekom, wenn wir daheim oder im Geschäft zum Hörer greifen. Beim sogenannten Handy, dem Mobiltelefon, ist das schon eine ganz andere Sache. Da können wir zwischen D1, D2 oder E-Plus wählen – also zwischen privaten Gesellschaften und der Telekom. Aber wer seit dem 1. Januar 1998 auch von seinem festen Anschluß private Anbieter und ihre neuen Preise nutzen will, kann dies, ohne zur anderen Telefongesellschaft zu wechseln. Das ist alles reichlich kompliziert. Der Kampf unter den Telefongesellschaften tobt – in den Zeitungsspalten, vor den Gerichten und in den Aufsichtsbehörden. Und deshalb bleibt die Mehrheit der privaten Kunden auch brav beim Gewohnten. Interessant jedoch wird es für Firmen – und für Vieltelefonierer. Vor allem, wenn jene kleine Box zwischen Telefon und Anschluß geschaltet wird, die den günstigsten Anbieter für das jeweilige Telefongespräch automatisch aussucht. Da kann enorm gespart werden. Nicht gespart wird jedoch bei der Regulierungsbehörde für die neuen Telefongesellschaften, die aus dem aufgelösten Bonner Postministerium hervorgegangen ist. Streit gibt’s zwischen Kartellamt und dieser neuen Behörde. Beobachter meinen, der liege auch darin begründet, daß der Kartellamtchef nach B 8 (13.737 Mark pro Monat) und der Chef der Regulierungsbehörde nach B 11 (18.635 Mark) bezahlt werden. Neid ist die Wurzel allen Übels – sprach einst ein weiser Indianerhäuptling. Oder könnte der Streit etwa auch sachlich begründet sein?

Arbeitsuchender
Alle Kenner der Materie wissen es schon lange und  sagen es auch laut und überdeutlich: Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland liegen schon seit langer Zeit weit über fünf Millionen. Es ist halt eine statistische Bewertung, wen man alles zum Heer der Arbeitslosen in Deutschland hinzuzählt. Wir kennen das aus Großbritannien. Da haben Labour und Konservative so gerechnet, daß die Zahlen nicht allzu schrecklich aussehen. Die deutschen Politiker und Arbeitslosenzähler schieben das Zahlenmaterial auch hin und her – und kommen zu seltsamen Ergebnissen. Aber die Zahlen allein sind nicht das erschreckende. Erschreckend ist, welche Auswirkungen auf Menschen die drohende Arbeitslosigkeit hat. In Frankreich demonstrierten Arbeitslose vehement und gewalttätig. Bei uns in Deutschland gab es vor wenigen Tagen auch Demos, aber brav und gesittet. Und vor dem Heilbronner Arbeitsamt tummelten sich lediglich ein paar Gewerkschaftsfunktionäre, aber kaum Arbeitslose. Apropos: Warum eigentlich vor dem Arbeitsamt? Das läßt ja keine Arbeitsplätze verschwinden. Deutsche Obrigkeitsgläubigkeit: Der Staat muß Arbeitsplätze schaffen? Wer arbeitslos ist, begreift sich, wenn er noch an der Zukunft ausrichtet als Arbeitssuchender. Mitarbeiter oder gar Funktionär in einer Arbeitslosen-Organisation zu werden, das heißt für viele Resignation. Arbeitslose sind von Staats wegen mit den Ämtern ganz schön beschäftigt. Da bleibt auch wenig Zeit für andere Tätigkeiten. Sozialwissenschaftler, die sich mit der Arbeitslosigkeit beschäftigen, mahnen jedoch an: Arbeitslosigkeit ist ungesunder Streß. Und viele, die noch im Erwerbsleben stehen, haben heute diesen Streß auch schon: Angst, den Arbeitsplatz demnächst zu verlieren. Die Auswirkungen dieser Ängste an den Arbeitsplätzen führt zu Mobbing, zu Resignation, falschen Handlungen, Fehlern, etc. Und schlimm an der Situation ist: Die Menschen im Alter über fünfzig Jahre bangen um ihre Arbeitsplätze, stehen oft morgens mit einem klammen Gefühl im Magen auf. Wenn unsere Arbeitgeber nicht langsam aber sicher begreifen, daß sie mit diesen älteren Arbeitskräften ein Humankapital der besonderen Art besitzen, das deutsche Produkte auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig macht, dann gute Nacht Sozialstaat. Unsere mühsam nach dem Kriege aufgebaute Demokratie könnte in Gefahr sein, wenn hier nicht bald einsichtig und vernünftig gehandelt wird.

Ebbes & Moritz
Sogenannte Szene-Zeitschriften gibt es in jeder größeren Stadt Deutschlands – und mittlerweile auch schon in so manchen Kleinstädten. Auch in Heilbronn fristen einige dieser Blätter ihr Dasein. Vier sollen es sein. Sie erscheinen einmal im Monat, liegen an Tankstellen, in Sonnenstudios und Discos aus, leben von den Inseraten. Aber der Markt ist begrenzt. Die Firma PM Publishing- & Media-Service GmbH, Herausgeber von „ebbes, die stadtillustrierte“, stellte am 28. Januar 1998 Konkursantrag beim Amtsgericht Heilbronn, Aktenzeichen 14 N 15/98. War das nun humorig gemeint? Fragten sich manche Insider. Denn Anfang Februar ’98 erschien Ebbes schon wieder. Und zwar ohne im Impressum einen Herausgeber aufzuführen, dafür aber nicht mehr in Brackenheim bei der Firma Walter Druck & Verlag, sondern in jener Druckerei (Brönner & Daentler KG, Eichstätt) gedruckt, in der auch das größte Heilbronner Szeneblatt Moritz (60.000 Auflage) hergestellt wird. Nicht gerade gesetzeskonform, im Impressum den verantwortlichen Herausgeber nicht zu nennen. Aber sei’s drum. Somit ist klar, was die Szene schon lange wußte: Ingo Eckert, der Moritz-Chef, hatte das Konkurrenzblatt Ebbes (20.000 Auflage) geschluckt. Allerdings sollen die beiden Geschäftsführer Ingo Eckert (Moritz) und Ralf Goldfuß (Ebbes) das verabredet haben, bevor der Sequester, der Heilbronner Rechtsanwalt, Dr. Erik Silcher informiert wurde. Zwischenzeitlich aber vereinbarte Sequester Dr. Silcher nach sanftem Druck mit Ingo Eckert, daß seine Moritz Verlags GmbH bei Zahlung einer gewissen Summe und Übernahme aller Ebbes-Angestellten, den Titel des Szene-Blattes Ebbes weiterführen darf. Damit ist nachträglich sanktioniert, was an Tatsachen vom Duo Eckert/Goldfuß schon geschaffen war. Das Konkursverfahren gegen die Firma PM Publishing- & Media Service des früheren Ebbes-Herausgebers Ralf Goldfuß nimmt nun seinen Lauf. Ohne die Ebbes-Übernahme, so Dr. Silcher, wäre das nicht möglich gewesen. Und wahr ist auch, was Lokalspatzen schon seit langem von den Mediendächern pfiffen: Ingo Eckert, der Moritz-Mann, hat ein Szene-Konkurrenz-Blatt weniger im Unterland zu fürchten. Übrigens: Die meisten Existenzgründer gehen im ersten Jahr ihres Bestehens pleite. Ebbes feierte vor kurzem seinen ersten Geburtstag.    

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