Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 27.05.1998



Blaubart Schröder?
Heftig waren die Reaktionen. Hatte ich doch lax bemerkt, daß der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten, Gerhard Schröder, der „Blaubart von der Leine“ wäre. Wer aber ist Blaubart? Fragten sich manche. Nun – „Blaubart“ (französisch Barbe-Bleue), das ist ein Märchen von C. Perrault in der Sammlung „Contes de ma mère l’oye“ (1697). Ritter Blaubart bringt seine Frauen darin um, sobald sie das Verbot übertreten, ein bestimmtes Zimmer – das Mordzimmer – zu betreten. Blaubarts letzte Frau wird von ihren Brüdern gerettet. Übertragen auf unsere Zeit nennt man jenen Mann einen Blaubart, der sich von seiner jeweiligen Frau verabschiedet – und zwar immer dann, wenn es mindestens mehr als drei in Folge sind, wenn sie ihm nicht mehr ins Konzept paßt. Wir können das ja munter bei vielen Politikern beobachten. Der Blaubart von der Leine, also aus Hannover, ist nur einer aus der Gilde. Bei einigen Managern oder Schauspielern ist das gleiche Phänomen zu beobachten. Darum verstehe ich auch die vielen Anrufe (meistens aus einer ganz bestimmten politischen Richtung!) nicht, die da behaupten, mit diesem neckischen Beinamen hätte ich Herrn Schröder als Massenmörder verunglimpft. Denn schließlich sei die Märchenfigur ja ein solcher gewesen. Wer seine verschiedenen Ehen so ungeniert öffentlich ausschlachtet (siehe Hillu), der kann durchaus neckisch als Blaubart tituliert werden. Gell?!?                                                       

Zu früh gestartet?
Viel wird in der Käthchenstadt Heilbronn derzeit um die Nachfolge von Dr. Manfred Weinmann als Oberbürgermeister gerätselt, gemunkelt, etc. – Gewählt wird allerdings erst im Herbst 1999. Aber so mancher Interessierte klebt schon mal auf ein sich noch nicht drehendes Kandidaten-Karussell in Heilbronn den einen oder anderen Namen. Bisher sind dort folgende Namen zu lesen: Harry Mergel (SPD-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat), Johanna Lichy (CDU-Landtagsabgeordnete und Staatssekretärin in Stuttgart), Werner Grau (CDU, Erster Bürgermeister der Stadt Heilbronn), Jochen K. Kübler (CDU, Oberbürgermeister in Öhringen), Richard Drautz (FDP, Landtagsabgeordneter und Stadtrat) und Alfred Dagenbach (Republikaner, Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat und Landtagsabgeordneter). Selbst ins Spiel gebracht – im Gegensatz zu den bisher genannten Namen – hat sich der ehemalige VfR-Vorsitzende (1985 bis 1993) und Fiat-Marketing- und Werbefachmann a. D.  Fred Steininger. Mehrmals hatte er schon erfolglos für den Heilbronner Gemeinderat kandidiert. Auf der FDP-Liste (1984 und 1989) und im Jahre 1994 bei den Freien Wählern. Auch als Bürgermeister-Kandidat konnte Steininger ausreichend Erfahrungen sammeln. Zum Beispiel bei der OB-Wahl in Frankfurt am Main (345 Stimmen). Oder bei der Bürgermeisterwahl in Gemmingen, wo er 17,8 Prozent (248 Wahlbürger) holte. Auch bei der letzten OB-Wahl in der Landeshauptstadt Stuttgart wollte er mitmischen. Im zweiten Wahlgang landete er auf Platz sechs – mit seinem 1,2 Prozent Stimmenanteil. Heilbronn, seine Heimatstadt, will er nun langfristig auf seine Art erobern – nicht als Sieger, sondern mit einem Stimmenanteil von rund fünf Prozent. Wenn er diese Zahl erreicht, dann fühlt sich Fred Steininger schon in seiner Arbeit als Wahlkämpfer bestätigt. Denn das Mitglied der Freien Wähler Steininger will erreichen, daß Heilbronn einen von den Parteien unabhängigen Oberbürgermeister wählt. Der erste offizielle OB-Kandidat in Heilbronn bezeichnet sich selbst als unabhängig, stark, bürgernah, liberal und zielbewußt. Man wird ihn ab jetzt in der Öffentlichkeit stärker wahrnehmen. Denn – wie schon in Stuttgart – wird er überall dort auftauchen, wo s’Geiglein kratzt und  s’Brünnlein fließt. Ein langer Wahlkampf! Aber für den Leichtathleten Fred Steininger, der mit knapp 60 noch die hundert Meter in 12,5 Sekunden läuft, ist das wohl mehr eine Art Urlaub.

Der Frauen Glück?
Die Potenzpille für den Mann ist da. Was früher mit Kräutern und diversen Substanzen aus Tieren versucht wurde, das soll heute die Chemie bringen. Und es wird von älteren Herren heftig geschwärmt. Sie können wieder – lang und ausdauernd. Was über Jahrhunderte in derben Sprüchen in Spinnstuben, schlüpfrigen Bemerkungen in Theaterstücken und Romanen über die alten, tattrigen und fingerfertigen Herren der Schöpfung schwadroniert wurde, soll jetzt der Vergangenheit angehören – dank Viagra, der Wunderpille aus den Vereinigten Staaten, die dem Mann im hohen Alter zurückgibt, was ihm die Natur in ihrer brutalen Gerechtigkeit genommen hat. Allerdings hat das auch seine Nebenwirkungen. Viele sehen während oder nach dem Liebesakt blau, andere bekommen Hautrötungen, und Leute mit hohem Blutdruck und diversen Alterskrankheiten können im Hoch der Gefühle einfach sterben. Aber auch das ist nicht neu. So mancher alternde Politiker, Kirchenfürst oder Dichter ist schon beim ausdauernden Liebesakt auf dem wollüstigen Leib einer Prostituierten mit glückseligem Lächeln im Antlitz verschieden. So etwas wird gern kolportiert. Das kann jetzt der Preis für Jedermann sein, wenn er die Natur überlisten will. Der alte Körper besitzt halt nicht mehr jene Konstitution, die für einen ausdauernden Liebesakt Voraussetzung ist. Schon im jungen Alter gibt es ja reichlich Unterschiede, die von der Natur mitgegeben sind. Der eine kann länger und vitaler als manch anderer. Frauen wissen ganze Arien davon zu singen (Lang und dick, der Frauen Glück. Kurz und schmal, der Frauen Qual). Das ist der kleine Unterschied, bei dem mancher Mann zur Furie werden kann. Auch der ist gottgegeben. Da konnte die Medizin bisher nicht viel ausrichten. Trotz kosmetischer Operationen. Die Sozialrevolutionäre aus der 68er Zeit wollten alles plattmachen – und suggerierten ihren Geschlechtsgenossen, daß es darauf überhaupt nicht ankäme. Die Intensität sei entscheidend, begründeten sie wortreich. Ein Mann ein Wort – ein Hampelmann ein Wörterbuch. Vermerkte die Frauenbewegung ab einem gewissen Zeitpunkt. Und ganz Mutige aus der Gruppe der Emanzipierten stellten lapidar fest, es käme doch auf die Größe des Zauberstabs der Liebe an. Es lebe der kleine Unterschied. Denn was bei Männern bisher selbstverständlich war, Maßstäbe für die Schönheit bei Frauen laut heraus-zu-posaunen, das tut jetzt auch das weibliche Geschlecht deutlich kund. Frauen wissen sehr genau, wie ein Mann gebaut sein muß, um als attraktiv angesehen zu werden. Und schon füllen sich die Fitness-Studios und Schönheitssalons mit Männern, steigt der männliche Konsum an Kosmetika. Volksmund: Ein guter Hahn wird selten fett!                                                         

DVU und Reps
Die Republikaner in Baden-Württemberg streiten sich. Niemand weiß so recht, wo es langgehen soll – bis zur Bundestagswahl am 27. September 1997. Die deutsche Volksunion (DVU) des Münchner Verlegers Gerhard Frey hatte im Norden und Osten der Republik bei Landtagswahlen Erfolge erzielen können. Nicht immer von Dauer. Aber immer wieder neu. Und das Ergebnis in Sachsen-Anhalt hat dieser Rechtspartei Auftrieb gegeben. Die Rechten insgesamt wittern nun Morgenluft. In Baden-Württemberg haben die Republikaner zweimal hintereinander bei Landtagswahlen um die zehn Prozent der Stimmen erhalten. In Stuttgart gebärden sie sich teilweise als rechte,  verfassungstreue und demokratische Partei. Aber bundesweit bringen sie so recht keinen Fuß hoch. Die Angst, die jetzt durch ihre Reihen schleicht, hat einen Namen: DVU. Wenn diese Münchner Rechtsaußen-Partei bei der Bundestagswahl bundesweit antritt, könnte sie bei einem – laut Statistik – rechten Wählerpotential von bis zu zwanzig Prozent eventuell über die Zweitstimme die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. Der Mißerfolg der Rechten liegt ja oft darin begründet, daß sie in vielen Splittergruppierungen bei Landtagswahlen auftreten und damit trotz insgesamt sieben bis acht Prozent nicht in den Landtag einziehen können – siehe die letzte Wahl in Hamburg. Jetzt hoffen die großen Volksparteien inständig, daß es bei der Bundestagswahl ähnlich sein wird. Viele rechte und rechtsradikale Parteien splitten den rechten Wählerwillen bei Wahlen im Bund so auf, daß jede der Gruppierungen nicht mehr als maximal drei Prozent erhält. Und damit wäre ihr Einzug ins deutsche Parlament gestoppt. Die baden-württembergischen Republikaner, eine Besonderheit in der Bundesrepublik, sind derzeit so unsicher, daß der Streit um den richtigen Weg, heftige Kämpfe ausgelöst hat. Manche wollen der DVU den Vortritt lassen, andere Listenverbindungen mit ihr eingehen und wieder andere sich strikt gegen die Frey-Partei abgrenzen. Zwischen Rep-Bundesvorsitzendem und baden-württembergischem Rep-Landesvorsitzenden tobt der Kampf genauso wie zwischen den verschiedenen Vertretern auf kommunaler Ebene. Ein schönes Hauen und Stechen. Wie üblich ... na, dann ... wenn es der Demokratie dient – warum auch nicht?                 

Mantel im Wind
Man mußte ja nun wahrlich kein Prophet sein, um wenige Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt festzustellen, daß die Höppner-Sozialdemokraten dort eine Quasi-Koalition mit der Nachfolgepartei der verbrecherischen SED eingehen wird. Das wurde an dieser Stelle schon deutlich gesagt. Denn die nüchterne Feststellung lautet: Sie haben eine Mehrheit, die Sozialdemokraten (SPD) und die Partei des demokratischen Sozialismus (PDS) – und sogar einen Wählerauftrag mit 58,7 Prozent der Stimmen (SPD, Grüne, PDS) dank ihrer Politik aus den vergangenen vier Jahren bekommen. Das ist Fakt, wie man im neuen Osten Deutschlands zu sagen pflegt. Dort ticken nämlich die Uhren ganz anders. Man hat schließlich eine nahezu ungebrochene Tradition in Diktatur – von 1933 bis 1989. Demokratie muß jetzt erst gelernt werden. Denn Menschen, die es von 1945 bis 1961 im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat nicht ausgehalten hatten, waren längst geflüchtet. Demnächst wird die SPD in Thüringen und in Mecklenburg-Vorpommern dem sachsen-anhaltinischen Modell folgen. SPD-Ziel positiv formuliert: Die PDS in der Verantwortung aufsaugen, letztlich vielleicht zu einer Art linken  FDP des Osten verkrüppeln, die mit fünf bis 20 Prozent Mehrheitsbeschaffer für eine linke Landesregierung sein wird. Nicht umsonst hatten Richard von Weizsäcker und andere aus evangelischen Gefilden immer das Bedürfnis, die SED und ihre DDR humaner zu gestalten. Die Kontakte waren schon zu unseligen SED-Diktatur-Zeiten vielfältig. Die evangelische Kirche des Ostens und ihre Hinwendung zum Sozialismus sind beredtes Zeugnis dafür. Auch die verächtliche Haltung des damaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker und vieler in der evangelischen Kirche des Westens zur Wiedervereinigung geben darüber Auskunft. Man wollte sich das Modell eines anderen deutschen Staatsmodells nicht zerstören lassen. Folgerichtig wurde PDS-Matador Gregor Gysi nach der Wende in vielen evangelischen  Akademien des Westens mit jubelndem Applaus begrüßt. Heute hört man das nicht mehr gern. Aber Wissenschaftler, die in der evangelischen Ost-Kirche nach der Verquickung von SED und Kirchenleuten forschen, stoßen auf Granit und eisige Ablehnung. Mit der Obrigkeit hatten es die Evangelen ja immer – zu Kaisers Zeiten, in der Weimarer Republik, zur Nazi-Zeit und auch im SED-Staat. Man war oft zu nah dran, teilweise braver Erfüllungsgehilfe. Modern sein heißt aber nicht, den Mantel in den Wind hängen.

Deutsche Demokratie
Manchmal gerät der Deutsche ins Träumen. Eine Demokratie will er haben, mit der es sich anständig leben läßt. In der Volkes Wille beachtet und geachtet wird. Eine Demokratie, in der die politischen Gruppierungen fair um die Mehrheit kämpfen – ohne sich als Idioten, Rechtsbrecher, Scharlatane oder Lügner zu beschimpfen. Eine Demokratie, in der demonstriert und protestiert wird – aber auf humane Art und Weise. Mit Schildern im Kreis laufend – wie in angelsächsischen Staaten geübt. Ein Land, in dem Linke und Rechte ihre Parteitage abhalten, ohne daß Hundertschaften von Polizei die Delegierten schützen müssen. Ein Land, in dem Terroristen – ob von links oder rechts – als das bezeichnet werden, was sie sind: Verbrecher. Und dementsprechend auch abgeurteilt werden. Aber Deutschland ist nicht eine solche Demokratie. Bei uns werden Landtage – zum Beispiel jetzt in Sachsen-Anhalt – mit einem Riesenaufgebot an Polizei eröffnet, nur um die Abgeordneten vor Randalierern und politischen Wilden zu schützen. Bei uns rollen Atommülltransporte durch das Land, die von tausenden Polizisten geschützt werden müssen, weil politische Himmelsstürmer mit Gewalt das Heil auf Erden bringen wollen. Wir sind wieder mal weit entfernt von einem Land, in dem Demokratie eine selbstverständliche Tradition hat. Ist auch nicht verwunderlich. Denn in diesem Jahrhundert haben – schaut man in Zeitungen und historische Bücher – zwei Diktaturen uns Deutsche offenbar mehr geprägt als die vielen Jahrzehnte der Demokratie. Die Ränder auf der linken und rechten politischen Seite in Deutschland brennen seit Jahren. Linksradikale hatten ihre Diktatur im Osten bis zum Jahre 1989 halten können und in Westdeutschland die Bevölkerung mit blutigem Terror überzogen. Rechtsradikale herrschten von 1933 bis 1945 – und versuchen seit jetzt 53 Jahren, vergeblich wieder einen Fuß in die Tür der demokratischen Gesellschaft zu bekommen. Momentan schaukeln sich diese beiden Außenseiter-Gruppen gegenseitig hoch. Man spricht schon wieder von Weimarer Zuständen – vor allem in den Zentren. Unsere neue Hauptstadt Berlin, der Schmelztiegel vieler Gruppierungen, wird von fiebrigen Zuständen heftig geschüttelt. Siehe 1. Mai 1998. Und die großen demokratischen Parteien? Sie müssen sich eindeutig abgrenzen – gegen linke und rechte Scharlatane, die uns ihr Himmelreich auf Erden versprechen, das in der Realität immer ein Gefängnis sein wird.

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