Blaubart Schröder?
Heftig waren die Reaktionen. Hatte
ich doch lax bemerkt, daß der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten, Gerhard
Schröder, der „Blaubart von der Leine“ wäre. Wer aber ist Blaubart? Fragten
sich manche. Nun – „Blaubart“ (französisch Barbe-Bleue), das ist ein Märchen
von C. Perrault in der Sammlung „Contes de ma mère l’oye“ (1697). Ritter
Blaubart bringt seine Frauen darin um, sobald sie das Verbot übertreten, ein
bestimmtes Zimmer – das Mordzimmer – zu betreten. Blaubarts letzte Frau wird von ihren Brüdern gerettet. Übertragen
auf unsere Zeit nennt man jenen Mann einen Blaubart, der sich von seiner
jeweiligen Frau verabschiedet – und zwar immer dann, wenn es mindestens mehr
als drei in Folge sind, wenn sie ihm nicht mehr ins Konzept paßt. Wir können
das ja munter bei vielen Politikern beobachten. Der Blaubart von der Leine,
also aus Hannover, ist nur einer aus der Gilde. Bei einigen Managern oder
Schauspielern ist das gleiche Phänomen zu beobachten. Darum verstehe ich auch
die vielen Anrufe (meistens aus einer ganz bestimmten politischen Richtung!)
nicht, die da behaupten, mit diesem neckischen Beinamen hätte ich Herrn
Schröder als Massenmörder verunglimpft. Denn schließlich sei die Märchenfigur
ja ein solcher gewesen. Wer seine verschiedenen Ehen so ungeniert öffentlich
ausschlachtet (siehe Hillu), der kann durchaus neckisch als Blaubart tituliert
werden. Gell?!?
Zu früh gestartet?
Viel wird in der Käthchenstadt
Heilbronn derzeit um die Nachfolge von Dr. Manfred Weinmann als
Oberbürgermeister gerätselt, gemunkelt, etc. – Gewählt wird allerdings erst im
Herbst 1999. Aber so mancher Interessierte klebt schon mal auf ein sich noch
nicht drehendes Kandidaten-Karussell in Heilbronn den einen oder anderen Namen.
Bisher sind dort folgende Namen zu lesen: Harry Mergel
(SPD-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat), Johanna Lichy
(CDU-Landtagsabgeordnete und Staatssekretärin in Stuttgart), Werner Grau (CDU,
Erster Bürgermeister der Stadt Heilbronn), Jochen K. Kübler (CDU,
Oberbürgermeister in Öhringen), Richard Drautz (FDP, Landtagsabgeordneter und
Stadtrat) und Alfred Dagenbach (Republikaner, Fraktionsvorsitzender im
Gemeinderat und Landtagsabgeordneter). Selbst ins Spiel gebracht – im Gegensatz
zu den bisher genannten Namen – hat sich der ehemalige VfR-Vorsitzende (1985
bis 1993) und Fiat-Marketing- und Werbefachmann a. D. Fred Steininger. Mehrmals hatte er schon erfolglos für den Heilbronner Gemeinderat
kandidiert. Auf der FDP-Liste (1984 und 1989) und im Jahre 1994 bei den
Freien Wählern. Auch als Bürgermeister-Kandidat konnte Steininger ausreichend
Erfahrungen sammeln. Zum Beispiel bei der OB-Wahl in Frankfurt am Main (345
Stimmen). Oder bei der Bürgermeisterwahl in Gemmingen, wo er 17,8 Prozent (248
Wahlbürger) holte. Auch bei der letzten OB-Wahl in der Landeshauptstadt
Stuttgart wollte er mitmischen. Im zweiten Wahlgang landete er auf Platz sechs
– mit seinem 1,2 Prozent Stimmenanteil. Heilbronn, seine Heimatstadt, will er
nun langfristig auf seine Art erobern – nicht als Sieger, sondern mit einem
Stimmenanteil von rund fünf Prozent. Wenn er diese Zahl erreicht, dann fühlt
sich Fred Steininger schon in seiner Arbeit als Wahlkämpfer bestätigt. Denn das
Mitglied der Freien Wähler Steininger will erreichen, daß Heilbronn einen von
den Parteien unabhängigen Oberbürgermeister wählt. Der erste offizielle
OB-Kandidat in Heilbronn bezeichnet sich selbst als unabhängig, stark,
bürgernah, liberal und zielbewußt. Man wird ihn ab jetzt in der Öffentlichkeit
stärker wahrnehmen. Denn – wie schon in Stuttgart – wird er überall dort
auftauchen, wo s’Geiglein kratzt und
s’Brünnlein fließt. Ein langer Wahlkampf! Aber für den Leichtathleten
Fred Steininger, der mit knapp 60 noch die hundert Meter in 12,5 Sekunden
läuft, ist das wohl mehr eine Art Urlaub.
Der Frauen Glück?
Die Potenzpille für den Mann ist da.
Was früher mit Kräutern und diversen Substanzen aus Tieren versucht wurde, das
soll heute die Chemie bringen. Und es wird von älteren Herren heftig
geschwärmt. Sie können wieder – lang und ausdauernd. Was über Jahrhunderte in
derben Sprüchen in Spinnstuben, schlüpfrigen Bemerkungen in Theaterstücken und
Romanen über die alten, tattrigen und fingerfertigen Herren der Schöpfung
schwadroniert wurde, soll jetzt der Vergangenheit angehören – dank Viagra, der
Wunderpille aus den Vereinigten Staaten, die dem Mann im hohen Alter
zurückgibt, was ihm die Natur in ihrer brutalen Gerechtigkeit genommen hat.
Allerdings hat das auch seine Nebenwirkungen. Viele sehen während oder nach dem
Liebesakt blau, andere bekommen Hautrötungen, und Leute mit hohem Blutdruck und
diversen Alterskrankheiten können im Hoch der Gefühle einfach sterben. Aber
auch das ist nicht neu. So mancher alternde Politiker, Kirchenfürst oder
Dichter ist schon beim ausdauernden Liebesakt auf dem wollüstigen Leib einer
Prostituierten mit glückseligem Lächeln im Antlitz verschieden. So etwas wird
gern kolportiert. Das kann jetzt der Preis für Jedermann sein, wenn er die
Natur überlisten will. Der alte Körper besitzt halt nicht mehr jene
Konstitution, die für einen ausdauernden Liebesakt Voraussetzung ist. Schon im jungen Alter gibt es ja reichlich
Unterschiede, die von der Natur mitgegeben sind. Der eine kann länger und
vitaler als manch anderer. Frauen wissen ganze Arien davon zu singen (Lang und
dick, der Frauen Glück. Kurz und schmal, der Frauen Qual). Das ist der kleine
Unterschied, bei dem mancher Mann zur Furie werden kann. Auch der ist
gottgegeben. Da konnte die Medizin bisher nicht viel ausrichten. Trotz
kosmetischer Operationen. Die Sozialrevolutionäre aus der 68er Zeit wollten
alles plattmachen – und suggerierten ihren Geschlechtsgenossen, daß es darauf
überhaupt nicht ankäme. Die Intensität sei entscheidend, begründeten sie
wortreich. Ein Mann ein Wort – ein Hampelmann ein Wörterbuch. Vermerkte die
Frauenbewegung ab einem gewissen Zeitpunkt. Und ganz Mutige aus der Gruppe der
Emanzipierten stellten lapidar fest, es käme doch auf die Größe des Zauberstabs
der Liebe an. Es lebe der kleine Unterschied. Denn was bei Männern bisher
selbstverständlich war, Maßstäbe für die Schönheit bei Frauen laut heraus-zu-posaunen,
das tut jetzt auch das weibliche Geschlecht deutlich kund. Frauen wissen sehr
genau, wie ein Mann gebaut sein muß, um als attraktiv angesehen zu werden. Und
schon füllen sich die Fitness-Studios und Schönheitssalons mit Männern, steigt
der männliche Konsum an Kosmetika. Volksmund: Ein guter Hahn wird selten fett!
DVU und Reps
Die Republikaner in
Baden-Württemberg streiten sich. Niemand weiß so recht, wo es langgehen soll –
bis zur Bundestagswahl am 27. September 1997. Die deutsche Volksunion (DVU) des
Münchner Verlegers Gerhard Frey hatte im Norden und Osten der Republik bei
Landtagswahlen Erfolge erzielen können. Nicht immer von Dauer. Aber immer wieder neu. Und das Ergebnis
in Sachsen-Anhalt hat dieser Rechtspartei Auftrieb gegeben. Die Rechten
insgesamt wittern nun Morgenluft. In Baden-Württemberg haben die Republikaner
zweimal hintereinander bei Landtagswahlen um die zehn Prozent der Stimmen
erhalten. In Stuttgart gebärden sie sich teilweise als rechte, verfassungstreue und demokratische Partei.
Aber bundesweit bringen sie so recht keinen Fuß hoch. Die Angst, die jetzt
durch ihre Reihen schleicht, hat einen Namen: DVU. Wenn diese Münchner
Rechtsaußen-Partei bei der Bundestagswahl bundesweit antritt, könnte sie bei
einem – laut Statistik – rechten Wählerpotential von bis zu zwanzig Prozent
eventuell über die Zweitstimme die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. Der Mißerfolg der
Rechten liegt ja oft darin begründet, daß sie in vielen Splittergruppierungen
bei Landtagswahlen auftreten und damit trotz insgesamt sieben bis acht Prozent
nicht in den Landtag einziehen können – siehe die letzte Wahl in Hamburg. Jetzt
hoffen die großen Volksparteien inständig, daß es bei der Bundestagswahl
ähnlich sein wird. Viele rechte und rechtsradikale Parteien splitten den
rechten Wählerwillen bei Wahlen im Bund so auf, daß jede der Gruppierungen
nicht mehr als maximal drei Prozent erhält. Und damit wäre ihr Einzug ins
deutsche Parlament gestoppt. Die baden-württembergischen Republikaner, eine
Besonderheit in der Bundesrepublik, sind derzeit so unsicher, daß der Streit um
den richtigen Weg, heftige Kämpfe ausgelöst hat. Manche wollen der DVU den
Vortritt lassen, andere Listenverbindungen mit ihr eingehen und wieder andere
sich strikt gegen die Frey-Partei abgrenzen. Zwischen Rep-Bundesvorsitzendem
und baden-württembergischem Rep-Landesvorsitzenden tobt der Kampf genauso wie
zwischen den verschiedenen Vertretern auf kommunaler Ebene. Ein schönes Hauen und Stechen. Wie
üblich ... na, dann ... wenn es der Demokratie dient – warum auch nicht?
Mantel im Wind
Man mußte ja nun wahrlich kein
Prophet sein, um wenige Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt festzustellen, daß
die Höppner-Sozialdemokraten dort eine Quasi-Koalition mit der Nachfolgepartei
der verbrecherischen SED eingehen wird. Das wurde an dieser Stelle schon
deutlich gesagt. Denn die nüchterne Feststellung lautet: Sie haben eine
Mehrheit, die Sozialdemokraten (SPD) und die Partei des demokratischen
Sozialismus (PDS) – und sogar einen Wählerauftrag mit 58,7 Prozent der Stimmen
(SPD, Grüne, PDS) dank ihrer Politik aus den vergangenen vier Jahren bekommen.
Das ist Fakt, wie man im neuen Osten Deutschlands zu sagen pflegt. Dort ticken
nämlich die Uhren ganz anders. Man hat schließlich eine nahezu ungebrochene
Tradition in Diktatur – von 1933 bis 1989. Demokratie muß jetzt erst gelernt
werden. Denn Menschen, die es von 1945 bis 1961 im ersten deutschen Arbeiter-
und Bauernstaat nicht ausgehalten hatten, waren längst geflüchtet. Demnächst
wird die SPD in Thüringen und in Mecklenburg-Vorpommern dem
sachsen-anhaltinischen Modell folgen. SPD-Ziel positiv formuliert: Die PDS in
der Verantwortung aufsaugen, letztlich vielleicht zu einer Art linken FDP des Osten verkrüppeln, die mit fünf bis
20 Prozent Mehrheitsbeschaffer für eine linke Landesregierung sein wird. Nicht
umsonst hatten Richard von Weizsäcker und andere aus evangelischen Gefilden
immer das Bedürfnis, die SED und ihre DDR humaner zu gestalten. Die Kontakte
waren schon zu unseligen SED-Diktatur-Zeiten vielfältig. Die evangelische Kirche des Ostens und ihre Hinwendung zum Sozialismus
sind beredtes Zeugnis dafür. Auch die verächtliche Haltung des damaligen
Bundespräsidenten von Weizsäcker und vieler in der evangelischen Kirche des
Westens zur Wiedervereinigung geben darüber Auskunft. Man wollte sich das
Modell eines anderen deutschen Staatsmodells nicht zerstören lassen.
Folgerichtig wurde PDS-Matador Gregor Gysi nach der Wende in vielen evangelischen Akademien des Westens mit jubelndem Applaus
begrüßt. Heute hört man das nicht mehr gern. Aber Wissenschaftler, die in der
evangelischen Ost-Kirche nach der Verquickung von SED und Kirchenleuten
forschen, stoßen auf Granit und eisige Ablehnung. Mit der Obrigkeit hatten es
die Evangelen ja immer – zu Kaisers Zeiten, in der Weimarer Republik, zur
Nazi-Zeit und auch im SED-Staat. Man war oft zu nah dran, teilweise braver
Erfüllungsgehilfe. Modern sein heißt aber nicht, den Mantel in den Wind hängen.
Deutsche Demokratie
Manchmal gerät der Deutsche ins
Träumen. Eine Demokratie will er haben, mit der es sich anständig leben läßt.
In der Volkes Wille beachtet und geachtet wird. Eine Demokratie, in der die
politischen Gruppierungen fair um die Mehrheit kämpfen – ohne sich als Idioten,
Rechtsbrecher, Scharlatane oder Lügner zu beschimpfen. Eine Demokratie, in der
demonstriert und protestiert wird – aber auf humane Art und Weise. Mit
Schildern im Kreis laufend – wie in angelsächsischen Staaten geübt. Ein Land,
in dem Linke und Rechte ihre Parteitage abhalten, ohne daß Hundertschaften von
Polizei die Delegierten schützen müssen. Ein
Land, in dem Terroristen – ob von links oder rechts – als das bezeichnet
werden, was sie sind: Verbrecher. Und dementsprechend auch abgeurteilt
werden. Aber Deutschland ist nicht eine solche Demokratie. Bei uns werden
Landtage – zum Beispiel jetzt in Sachsen-Anhalt – mit einem Riesenaufgebot an
Polizei eröffnet, nur um die Abgeordneten vor Randalierern und politischen
Wilden zu schützen. Bei uns rollen Atommülltransporte durch das Land, die von
tausenden Polizisten geschützt werden müssen, weil politische Himmelsstürmer
mit Gewalt das Heil auf Erden bringen wollen. Wir sind wieder mal weit entfernt
von einem Land, in dem Demokratie eine selbstverständliche Tradition hat. Ist
auch nicht verwunderlich. Denn in diesem Jahrhundert haben – schaut man in
Zeitungen und historische Bücher – zwei Diktaturen uns Deutsche offenbar mehr
geprägt als die vielen Jahrzehnte der Demokratie. Die Ränder auf der linken und
rechten politischen Seite in Deutschland brennen seit Jahren. Linksradikale
hatten ihre Diktatur im Osten bis zum Jahre 1989 halten können und in
Westdeutschland die Bevölkerung mit blutigem Terror überzogen. Rechtsradikale
herrschten von 1933 bis 1945 – und versuchen seit jetzt 53 Jahren, vergeblich
wieder einen Fuß in die Tür der demokratischen Gesellschaft zu bekommen.
Momentan schaukeln sich diese beiden Außenseiter-Gruppen gegenseitig hoch. Man
spricht schon wieder von Weimarer Zuständen – vor allem in den Zentren. Unsere
neue Hauptstadt Berlin, der Schmelztiegel vieler Gruppierungen, wird von
fiebrigen Zuständen heftig geschüttelt. Siehe 1. Mai 1998. Und die großen
demokratischen Parteien? Sie müssen sich eindeutig abgrenzen – gegen linke und
rechte Scharlatane, die uns ihr Himmelreich auf Erden versprechen, das in der
Realität immer ein Gefängnis sein wird.
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