Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 08.04.1998



Wer sucht denn da ...
Ostern – das Fest der Auferstehung. Ja, und? Das Fest der Kinder. Auch. Weil sie sich darauf freuen, endlich mal wieder draußen spielen zu können – beim Ostereier-Suchen im Garten. Sofern sie einen haben. Falls nicht oder wenn es regnet, wird halt das Eierverstecken und -suchen in die Wohnung verlegt. Auch dort gibt es schöne Verstecke. Unterm Teppich zum Beispiel. Darf der Vater nur nicht drauftreten, wenn er in der Frühe des Ostersonntags kurz auf’s Klo muß. Andere machen es sich bequemer. Sie marschieren mit den Kindern an einem Wiesen- oder Waldweg entlang, die Kleinen springen voraus, während die Eltern hier und da ein Eilein deponieren, um dann ganz entzückt zu rufen, ist hier nicht der Osterhase vorbeigehoppelt und hat ein Ei versteckt. Staunen bei den Kleinen über die allwissenden Altvorderen. Ganz bequeme Erzieher fahren über die Feiertage in den Urlaub – in ein kinderfreundliches Hotel. Dort sind die Eier vom Personal schon versteckt. Und die Kleinen suchen kurz - vor und nach dem Frühstück - das, was der Osterhase ihnen gebracht hat – und die Eltern zuvor im Heimatort erstanden und Meister Lampe huldvoll überreicht hatten. Na dann - frohe Ostern!     -

Rumpel-Rundfunk
Beim 25sten Geburtstag des Frankenradios in der Allee 40 – also im Shoppinghochhaus in Heilbronn – war am Tag der offenen Tür ordentlich was los. Viele Hörer wollten die Programm-Macher um Lutz Wagner, den Studioleiter, und deren Wirkungsstätte begutachten. S4 Baden Württemberg, das Hörfunkprogramm mit den großen Zuwächsen bei uns im Lande, erfreut sich dank der Regionalisierung großer Beliebtheit. Frankenradio ist das regionale Fensterprogramm innerhalb dieses vierten Hörfunkprogramms. Beim Jubiläumskonzert in der Harmonie am vergangenen Samstag waren viele ehemalige Mitarbeiter des Studios Heilbronn zu Besuch, allen voran der frühere Studioleiter Werner Kieser (77), der zusammen mit seiner Ehefrau den Ruhestand in Heilbronn verbringt. Aus Stuttgart angereist war allerdings nicht der Südfunk-Intendant Hermann Fünfgeld oder gar der neue Südwestrundfunk-Intendant Peter Voß (beide wegen wichtiger Termine verhindert), sondern „nur“ der Südfunk-Fensehdirektor und stellvertretende Intendant Hans-Heiner Boelte. Das paßt so ganz in die momentane Aufregung beim Südfunk in Stuttgart. Fühlen sich doch einige leitende Redakteure bei der Neubesetzung der Spitzenjobs im neuen Südwestrundfunk übergangen. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt machte am Wochenende ein „Brief der dreizehn“ als Dokument des Frustes die Runde. Flurfunk nennt man im Normalfall das Geschwätz von Redakteuren. Mit diesem Papier aber sind die Gräben zwischen Stuttgart (SDR) und Baden-Baden (SWF) wieder aufgebrochen.  Man spricht von „auffälliger Präferenz für die Kollegen vom SWF“. Die Stimmung im Stuttgarter Funkhaus wird mit Schlagwörtern wie „feindliche Übernahme“ und „Abwicklung“ charakterisiert. Was hat das alles mit Heilbronn zu tun? Werner Grau, der Erste Bürgermeister der Stadt, sprach zum Studio-Geburtstag davon, daß das Frankenradio „eine Klammer und ein Sprachrohr der Region“ sei. Im Unterschied zur Zeit vor 25 Jahren muß auch ein Regionalstudio des SDR auf dem Markte agieren. Denn die Konkurrenz ist groß. Nicht nur durch private Hörfunksender, sondern dank einer Technik, die dem Hörer eine Riesenfülle von Angeboten bietet. Hinzu kommt eine Medienvielfalt, von der man vor einem Vierteljahrhundert noch nicht einmal zu träumen wagte. Darüber hinaus muß das Frankenradio im Konzert mit den anderen SDR/SWF-Regionalstudios Zuwächse an Hörern bringen, die nicht unter dem Schnitt aller liegen sollten. Daran wird der Erfolg, vor allem im neuen SWR gemessen. Und dessen Intendant heißt Peter Voß, ein erfolgsverliebter Macher.       

Meisterwerk?
„Titanic“ ist großes Kino, ein überaus poetisches Meisterwerk im Zusammenspiel von Licht und Schall. Erst wenn wir das begreifen, wenn wir diesen genialen und subtilen künstlerischen Wurf seiner Macher im vollen Umfang zu würdigen wissen, kommen wir einer sinnvollen Identifizierung des Phänomens näher. So las ich neulich in einer deutschen Zeitschrift. Die Zuschauer strömen seit Wochen in den Film der Filme. Viele Kritiker haben sich vor Zorn über das Machwerk die Finger wund geschrieben – und nur erreicht, daß immer mehr Menschen in die Kinos streben, um den Untergang des großen Schiffes samt tränenreicher Liebesgeschichte mitzuerleben. Manche sogar schon zigmal. Die Kinobesitzer frohlocken. Endlich mal wieder ein Streifen, der lange läuft und die großen Säle füllt. „Titanic“ – dieses Wort steht für weit mehr als ein versunkenes Schiff. Die bezwingende Ästhetik dieses Untergangs im Adagio, bestrahlt vom Leuchten der Sterne und den sich im Wasser spiegelnden Lichtern des bedächtig sinkenden Kolosses, die Machtlosigkeit des mächtigen Menschen, der hilflos vom Zuschauen verbannt ist und Zeuge des Unglaublichen wird, treffen uns ganz tief im Innern. So wirkt der Untergang der „Titanic“ wie ein Brückenschlag in unsere eigenen, dem Blick des Alltags verschlossenen Tiefen. – Verzückte Beschreibung eines Films, der die Zuschauer an etwas teilhaben läßt, das sie nur aus Berichten kennen. Ein Drama wie von Shakespeare – eben großes Theater. Dabei gab es erst vor wenigen Monaten den Untergang der „Estonia“ in der Ostsee. Ein Drama auf See, das dem der Titanic durchaus nahekommt. Allerdings nicht mit dem Glanz einer untergehenden Epoche. Sondern ganz trivial aus unseren Tagen. Wie schrieb doch ein Besucher ganz im Sinne aristotelischer Dramentheorie: „Es ist ein visuelles Erlebnis, das die wesentlichen Sinnesorgane erschüttert, die Seele mitreißt, das Herz bluten und das Hirn vibrieren läßt. Geld, Technik und Love-Story machen den Erfolg, nicht die echte „Titanic“ von 1912. Trotz tagtäglicher Bilderflut war es für mich, als hätte ich zum ersten mal im Leben einen Film gesehen.“ – Aber andere sagen zornentbrannt: „Trotz alledem und alledem ...“Titanic“, in der Tat einer der schlechtesten Filme der Welt!“ – Ich meine: Sie sollten den langen Film mit der Pause gesehen haben. Einfach um mitreden oder mitweinen zu können. Man gönnt sich ja sonst nichts!   

Frohe Ostern ’98
Weihnachten – erinnern Sie sich noch? Das ist doch erst ein paar  Tage oder Wochen her. Mir vergeht die Zeit wie im Fluge. Obwohl ich fest gemauert hier oben mit dem Fähnchen herumzustehen habe. Können Sie sich noch an Ostern 1997 erinnern? Da fuhr noch keine Stadtbahn durch Heilbronn. Damals sollte sie aber kommen – und zwar hurtig. Genauso wie die Überbauung des Berliner Platzes. Ich erinnere mich noch so gut wie heute an jenen Tag kurz vor Ostern, an dem ein Mann namens Bülow mit Bürgermeister Werner Grau bei der Premierenfeier der Musical-Inszenierung der mit Intendantengattin Madeleine Lienhardt im Stadttheater Heilbronn auftrat. Und viele Kommunalgewichtige flüsterten, da ist der Mann, der den Berliner Platz attraktiv macht. Ein hohles Ei wurde uns in Heilbronn ins Nest gelegt. Ein Jahr später sind wir genauso weit wie damals. Und bei der Stadtbahn – da haben wir wenigsten was erreicht. Der Umbau der Kaiserstraße hat uns jetzt dank Bernhard Winkler, dem Verkehrsdirektor, ein Bähnle beschert, mit dem es sich bequem durch die City gondeln läßt. Aber der große Ruck, von dem unser Bundespräsident gesprochen hat, der ist noch nicht durch Heilbronn gegangen – im Gegensatz zu Neckarsulm. Hier im Käthchenstädtchen werden in erster Linie die Lippen geschürzt, aber nicht gepfiffen. Hier werden viele Papiere vollgeschrieben, aber wenig davon in die Tat umgesetzt. Im Rathaus schlummern in Schreibtischschubladen die teuersten Untersuchungen und Gutachten – aber sie ruhen in Frieden. Man muß nur zurückblicken, um zu erkennen, daß vom Angekündigten nahezu nichts in die Tat umgesetzt wurde. Jetzt kommen erst mal Kommunal- und OB-Wahlen im nächsten Jahr, vorher noch die Bundestagswahlen. Und da geht bekanntlich bei Politikern – außer hohlen Worten – nicht viel. Die Federn werden gespreizt, vollmundig Versprechen abgegeben, für Versäumnisse die Gegner verantwortlich gemacht. Und das war’s dann. Hoffentlich haben Sie in Ihrem Nest am Ostersonntag nicht so viele hohle Eier wie sie uns von den Politikern tagtäglich gelegt werden.  

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