Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 26.08.1998



Amerikanischer Wahlkampf
Zwei Schimpfwörter haben derzeit in der politischen Auseinandersetzung Hochkonjunktur. Und zwar folgt das eine aus dem anderen als Steigerung. Da ist zunächst einmal das ominöse Wörtchen Wahlkampf. Betuliche Journalisten rufen Politiker zum Beispiel in Fernseh- oder Rundfunkdiskussionen, wenn es mal ein wenig härter in der Argumentation zur Sache geht, mit dem Hinweis „Bitte keinen Wahlkampf“ zur Ordnung. Und in Kommentaren werden zugespitzte Auseinandersetzungen und Argumentationen mit dem Satz „Es ist ja Wahlkampf“ als unseriös zur Seite geschoben. Offenbart sich hier ein undemokratisches Politikverständnis? Sehnen sich da Leute etwa nach wahlkampflosen Zeiten? Oft kann man den Eindruck gewinnen, daß auf linker wie rechter Seite des politischen Spektrums sich so manche nach dem starken Mann sehen, dem aufgeklärten Despoten, der ohne allzu lange Diskussionen alles zum Besten richtet, die Parlamente nichts als Schwatzbuden sind. Diese Zeiten hatten wir ja schon mal in Deutschland. Seltsam ist nur, daß in Wahlauseinandersetzungen derartige Ansichten bei uns wieder zum Tragen kommen. Nach dem resignierenden Motto, die Politiker versprechen in solchen Zeiten allen alles und halten später nichts. Wenn Politiker kaum etwas von ihren Versprechen halten, dann liegt es auch an jenen, die sie überprüfen sollten: der Presse und der Öffentlichkeit. Mit Liebedienerei und Harmoniegesäusel ist jedoch ein Kontrollieren der Macht nicht erreichbar. Der zweite daraus folgende Vorwurf: amerikanisierter Wahlkampf. Und damit ist die bloße Show ohne Inhalte gemeint. Wird in den USA ein Präsident gewählt, werden gleichzeitig auch viele Parlamente in den einzelnen Staaten neu gewählt, die Hälfte des Abgeordnetenhauses und des Senats und in den Kommunen Bürgermeister, Sheriffs und Staatsanwälte. Plakatwahlkämpfe kennt man in den Vereinigten Staaten kaum. In den Zeitungen werden in Gegenüberstellung die Argumente der Kandidaten gewogen. Und von diversen Bürgergruppierungen und Vereinigungen werden Anliegen vehement vorgetragen. In Sachen Demokratie können wir in Deutschland noch viel von den USA lernen. Die amerikanische Demokratie nur an einigen auffälligen Show-Werbungen im Fernsehen zu messen, das zeugt von jener Selbstherrlichkeit, die Kurt Tucholsky an den Deutschen geißelte. Sie würden sich immer als Primus in der Welt aufspielen. Bei vielen Politikern, ob links oder rechts, ist derzeit in Reden zu hören, daß der Rest Europas und der Welt am deutschen Wesen genesen könne. Sei es nun ökologisch oder sonst irgendwie ...

Friese und Strobl u.a.
Die heiße Phase des Wahlkampfs hat begonnen – heißt es derzeit allenthalben. Jetzt wird um die unentschlossenen Wähler gekämpft. Im Wahlkreis Heilbronn stehen sich als Protagonisten für die Erststimmen zwei Juristen gegenüber. Schon heute wissen wir: Einer von beiden wird direktgewählt in den neuen Bundestag einziehen. Entweder Thomas Strobl (Rechtsanwalt, CDU-Kreisvorsitzender und Vorsitzender der CDU-Gemeinderatsfraktion im Heilbronner Gemeinderat) oder Harald Friese (SPD, Bürgermeister für Kultur, Sport und Soziales der Stadt Heilbronn). Teile des südlichen und westlichen Landkreises Heilbronn gehören allerdings zu einem anderen Wahlkreis: Neckar-Zaber. Dort stehen sich Dr. Renate Hellwig (CDU) und Hans Martin Bury (SPD) gegenüber. Die Kandidaten anderer Parteien haben bei der Wahl mit der Erststimme kaum eine Chance. Denn gewählt ist einem Wahlkreis jener Kandidat, der die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Und das kann dann auch eine relative Mehrheit sein. Bespiel: Kandidat A erreicht 36 Prozent der Stimmen, Kandidat B 34 Prozent, Kandidat C 16 Prozent und Kandidat D 14 Prozent. Gewonnen hat Kandidat A mit seinen 36 Prozent der Stimmen. Die anderen Stimmen – insgesamt 44 Prozent – fallen unter den Tisch. Die Zweitstimme entscheidet dann über die Zusammensetzung des neuen Bundestages. Das heißt: Wie viele Sitze jede der Parteien bekommt, die über die Fünf-Prozent-Hürde gesprungen ist. Bei der letzten Bundestagswahl 1994 hatte die CDU/CSU 41,5 Prozent, die SPD 36,4 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen 7,3 Prozent, die FDP 6,9 Prozent und die PDS 4,4 Prozent  der Zweitstimmen erhalten. Die PDS kam trotz ihres Scheiterns an der Fünf-Prozent-Klausel in den Bundestag, weil sie die nötige Anzahl an Direktmandaten (mehr als drei) erreicht hatte, um in den Bundestag einzuziehen. Die Umfragen und Prognosen für die Bundestagswahl am 27. September 1998 sehen derzeit eine Mehrheit für eine rotgrüne Regierung in Bonn. Die regierende Koalition aus CDU/CSU und FDP hofft jedoch noch auf eine Wende zu ihren Gunsten. Denn manche Meinungsforscher behaupten, daß sich mehr als fünfzig Prozent der deutschen Wähler noch nicht entschieden hätten, wem sie am 27. September ihre Stimme geben wollen. Trotz einer seit Monaten stabilen Umfrage-Mehrheit für Rotgrün setzen manche Meinungsforscher auf eine Richtungswahl zwischen Rotgrün und Schwarzgelb, zwischen Gerhard Schröder und Helmut Kohl, auf die letzten Wochen. Da kann noch viel geschehen. Unsere Umfragegurus hatten bei den letzten Wahlen ja viel Stuß vorausgesagt. Aber es könnte auch so sein: Die Unentschiedenen orientieren sich am Trend. Auch das hat es schon gegeben.

Tiefdruckgebiete
Das wird ja immer lustiger! Jetzt hat sich eine bundesweite Fraueninitiative für eine Abschaffung weiblicher Vornamen bei der Benennung von Tiefdruckgebieten ausgesprochen. Die Namensgebung sei diskriminierend und sexistisch, so die Sprecherinnen der Initiative Elke Diehl und Marlies Krämer. Die Damen werfen dem Meteorologischen Institut der Freien Universität Berlin – hier werden seit den 50er Jahren Tiefdruckgebiete weiblich und Hochdruckgebiete männlich benannt – „unsachliche Zweckentfremdung menschlicher Vornamen“ vor. 500 Protestunterschriften hat frau den „bösen Chauvinisten“ vom Institut schon übergeben, nur der Gedanke, der hinter diesem Aufruhr steckt, ist völlig unverständlich. Als sexistisch ist etwas nur zu werten, wenn Frauen und Männer aufgrund ihrer biologischen Unterschiede auch unterschiedliche geistige und seelische Eigenschaften besitzen. Ist die weibliche Benennung eines Tiefdruckgebietes, das durch Regen die Erde nährt und für pflanzliches Wachstum sorgt, der Frau gegenüber als diskriminierend zu werten? Oder lassen Tief- beziehungsweise Hochdruckgebiete auf  psychische Differenzen der Geschlechter schließen? Wohl kaum. Und was liegt bei der Unterscheidung von WetterHochs und -Tiefs näher als eine Titulierung mit menschlichen Vornamen – wer möchte schon ein Hoch „A“ oder ein Tief „1“ über Deutschland anstelle wohlklingender Namen.  Nichts gegen Neuerungen, auch nichts gegen Änderungen bei tatsächlich stattfindender Diskriminierung – aber die liegt hier in keinster Weise vor.

Südwestrundfunk
Jetzt geht es los. Der Südwestrundfunk SWR kommt mit seinen neuen Programmen. Senderstart ist am Sonntag, den 30. August 1998. Die zweitgrößte ARD-Sendeanstalt in Deutschland  im Südwesten Deutschlands (Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz) ist zusammengeschmolzen worden aus dem Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart und dem Südwestdeutschen Rundfunk (SWF) in Baden-Baden. Die Nachkriegszeit im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk im Südwesten Deutschlands ist damit endgültig zu Ende. Denn die Grenze zwischen Südfunk und Südwestrundfunk lief entlang der Autobahn Stuttgart-Karlsruhe, der alten Besatzungsgrenze zwischen französischem und amerikanischem Sektor. Auch die regionale Berichterstattung des SWR für die Region Heilbronn-Franken wird sich in der neuen Zwei-Länder-Anstalt verändern. Neue Aufgaben kommen auf die Mannschaft im SWR-Studio Heilbronn mit seinem Leiter Lutz Wagner zu. Im Radio handelt es sich dabei um die beiden Landesprogramme SWR1 und SWR4. Neu im SWR4-Programm ist donnerstags von 17.05 bis 18 Uhr die Sendung SWR4 Franken Radio Foyer. In dieser Stunde sollen die vielfältigen kulturellen Aktivitäten in der Region näher beleuchtet werden. Jeden Freitag ist SWR4 Franken Radio von 17.05 bis 18 Uhr mit der Sendung Vor Ort in den Kreisstädten und Großen Kreisstädten der Region. Da soll es dann „um Kommunalpolitik, um Ereignisse und die Nahwelt der Bürger“ gehen. Dazu gibt es wie gewohnt die Mittwochsrunde und samstags Ruf mal an. Neu ist die Senderzeit der Sonntagssendung: Sie rutscht um eine Stunde auf 12.05 bis 13 Uhr. Der neue SWR soll auch eine Verstärkung der Fernsehberichterstattung im Landesprogramm Südwest Baden-Württemberg bringen. Das Fernseh-Regionalbüro im SWR-Studio Heilbronn wurde personell aufgestockt und betreut nun die ganze Region Heilbronn-Franken. Die Heilbronner Beiträge sollen vornehmlich um 18.05 Uhr in Hierzuland, sowie um 19.20 Uhr in der Landesschau und 19.45 in Baden-Württemberg Aktuell gesendet werden. Das vierte Hörfunkprogramm hat also keine allzugroßen Änderungen erfahren. Dafür aber das neue Erste:  SWR1. Das ist jetzt der Hörfunk-Landessender für ganz Baden-Württemberg. An der Spitze Programmchef Hans Peter Archner, der mit seiner Ausbildung im Heilbronner Studio des Südfunks begonnen hatte.

Freilichttheater
Die Freilichttheater in Deutschland klagen über schwindende Zuschauerzahlen. Sie klagen allerdings auf einem hohen Niveau. Denn in den vergangenen Jahren hatte man bei den Bühnen unter freiem Himmel überdimensionale Wachstumsraten zu verzeichnen. Jetzt pendelt sich alles wieder ein. Auf ein normales Maß. Eine Ausnahme bildet dabei das Freilichttheater in Schwäbisch Hall. Dort auf der 54stufigen Treppe im Kochertal verzeichnet Achim Plato, der rührige und umtriebige Intendant, einen Zuwachs (im Vergleich zum letzten Jahr) von 5.885 Zuschauern. Insgesamt kamen 61.324 Besucher nach Hall ins Freilichttheater. Renner mit 24.870 Zuschauern war die Neuinszenierung des Musicals Der Glöckner von Notre Dame, an zweiter Stelle steht Lessings Nathan der Weise (13.997 Zuschauer), und das Haller Treppen-Schlußlicht bildet die Wiederaufnahme des Shakespeare-Dramas Hamlet (8.965 Zuschauer). Auf der großen Treppe vor der Kirche Sankt Michael wurden 44 Vorstellungen vor 47.812 Besuchern gespielt. Das Kindertheater Der Räuber Hotzenplotz brachte 8.573 und das Zusatzprogramm 4.919  Besucher. Seit 1968 kamen insgesamt 1.095.569 Besucher zu den Freilichtspielen nach Schwäbisch Hall. In Jagsthausen bei den Burgfestspielen zählte man heuer in der 49. Spielzeit nur 60.000 Besucher, 5.000 weniger als im Vorjahr. In Jagsthausen sieht man die Gründe im deutlich angewachsenen Angebot an Kultur-Ereignissen im näheren Umkreis. Außerdem würden die potentiellen Besucher erst an den Himmel schauen, ehe sie ihre Kartenbestellung für ein Freilichttheater aufgeben. Publikumsrenner bei den Burgfestspielen war das Musical Don Quijote – der Mann von La Mancha (19.500 Besucher), gefolgt vom Traditionsstück des Götz von Berlichingen (17.000 Besucher) und dem Märchen König Drosselbart (16.500). Das vierte Stück in diesem Jahr, Goldonis Komödie Der Diener zweier Herren, lockte in vier Aufführungen rund 4.000 Zuschauer. Der Rest kam zu den Gastspielen in der Bergwaldhalle und im Rittersaal der Burg. Im nächsten Jahr wird das 50jährige Jubiläum gefeiert. Die Vorbereitungen dafür laufen schon auf vollen Touren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen