Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 13.05.1998



Heiße Tage
Endlich ist es richtig Sommer. Die Temperaturen sind sogar so angenehm, daß jene Mitbürger, die vor Tagen in den Mittelmeer-Raum flohen, um Sonne zu tanken, in den südlichen Gefilden weniger angenehme Wetterbedingungen vorfinden als sie derzeit bei uns sind. Gestört wird das sommerliche Vergnügen nur durch die hohen Ozonwerte, die vor allem in der Stadt Heilbronn um die Mittagszeit bei vielen Menschen zu Reizungen im Rachenbereich führen. Unangenehmer Reizhusten ist die Folge. Weniger Autofahren, meinen die Experten, würde die starke Ozonkonzentration an diesen heißen Tagen mildern. Aber wir haben ja schon beim Heilbronner Ozonmodellversuch feststellen dürfen, initiiert von der einst Großen Koalition in Stuttgart, daß die Experten nicht genau wissen wo das Ozon gebildet wird und wie es dann durch die Luftschichten und die Landschaft wandert. Möglichst wenig körperliche Anstrengungen an diesen heißen Tagen, vor allem bei Menschen, die körperlich ein wenig angeschlagen sind. Ansonsten sollten wir das sommerliche Wetter genießen, solange es noch anhält. Denn in unseren germanischen Gefilden werden wir ja bekanntlich mehr mit Regen und Wolken überzogen, auch sommers, und von der Sonne selten über längere Zeit hin verwöhnt. Freibäder und Seen bei uns in der Region sind ja in Hülle und Fülle vorhanden. Da heißt es dann: Pack die Badehose ein ... Und wer ein schönes Cabrio fährt, der genießt die Sonne pur sogar beim Hinfahren. Ansonsten sind ja am Abend ja noch die schönen Biergärten in und um Heilbronn zur Abkühlung vorhanden – innerlich und äußerlich. Ansonsten langt der Balkon und das eigene Gärtlein, in dem es sich gut grillen läßt, sofern die Nachbarn sich durch die Düfte nicht gestört fühlen.

Guildo in Party
Das war ein Wochenende! Sommerlich, partyschwanger und schlagerträchtig. Und dann noch Birmingham, wo unser Zottel-Sänger Guildo den siebten Platz beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewann. Ein Riesenerfolg – nach der Revolution in deutschen Landen, als ein Autor und Liedermacher Alf Igel, hinter dem sich das Multi-Musiktalent Stefan Raab verbirgt, und sein Sänger Guildo Horn per Telefon-Plebiszit die Schlager-Branche aufmischten. Ralph Siegel, über Jahre und Jahrzehnte der Kaiser des deutschen Schlagers, schäumte, sah die deutsche Schlager-Kultur vor die Binsen gehen. Und die deutschen Fans – jung und alt – boten Guildo eine Rückendeckung, die bisher noch nie zu beobachten war, wenn es um den deutschen Schlager ging. Am Samstagabend dann in deutschen Landen Party-Time. Selbst in Heilbronn fieberten in den Discos, den Gaststätten und auf vielen Privatparties bei Nußecken und Himbeereis einige tausend dem spannungsreichen Abend entgegen. Und da alles in humorvoller und so gar nicht verbissen deutscher Atmosphäre. Aber es gab offenbar zu wenig Deutsche, die in Polen, Frankreich, den Beneluxstaaten oder Tschechien mit ihren Handys vor Ort waren, um für Guildo abzustimmen. Dafür scheffelte Deutschland dem türkischen Beitrag ordentlich Punkte zu. Ich finde, das Schlagerfestival hat endlich das Niveau erreicht, das es verdient. Eine große, lustige, europaweite Party, bei der auf amüsante Weise über etwas abgestimmt wird, was so an schnellvergänglichen und bunt blühenden Musikblümchen grad auf europäischen Wiesen wächst. Und als die britische Moderatorin in Birmingham ein wenig zu vorlaut-witzig wurde, indem sie neckisch die niederländische Sprecherin an deren Schlagerzeit und Alter erinnerte, da buhte das Publikum – zu recht. Eine große Sensibilität für die elementaren Anforderungen der Höflichkeit beim Publikum. Das hat Niveau. Auch wenn von unseren alten Herren des deutschen Schlagers schon der Untergang des Schlager-Abendlandes prophezeit worden ist. Der deutsche Schlager – so scheint es jetzt – ist aus der muffigen Ecke des Lieschen-Müller-Spießertums herausgetreten. Damit hat er ein breiteres Spektrum – und Guildo hat Euch alle lieb. Auch wenn in Birmingham von einem Israeli, der zur Frau wurde, gezwitschert wurde: Piep-piep-piep, Dana hat Euch lieb. Da kommt was auf uns zu.

Deutscher Schilderwald
Die Deutschen – so sagt man leichthin – lieben die Ordnung. Das ist bestimmt manchmal sinnvoll. Aber manchmal grenzt diese Ordnungswütigkeit auch an das berühmte Schilda. Wenn etwas nicht geregelt ist, dann wird mit aller Wut von deutschen Beamten-Schreibtischen eine Verordnung erlassen oder von Parlamenten ein Gesetz verabschiedet. Und da überall Beamte das Sagen haben, ob in den Parlamenten oder in den Amtsstuben, ist bei uns alles schön-häßlich geordnet. In guter Erinnerung an den deutschen Obrigkeitsstaat. Es stöhnen Unternehmer, Arbeitnehmer, Freiberufler, sogar manche Beamte unter der manchmal hysterisch anmutenden deutschen Regelungswut. Ob beim Bauen, im Straßenverkehr, in der Medizin oder anderen Bereichen des täglichen Lebens. In deutschen Städten, so haben aufmerksame Beobachter jetzt festgestellt, sind manchmal auf einer Länge von einem halben Kilometer rund 20 Schilder zu sehen. Damit die Autofahrer auch wissen, woran sie sich zu halten haben. Die städtischen Beamten sichern sich ab, falls etwas passiert. Dann ist juristisch nachweisbar, woran sich der Schuldige hätte halten können. Von tausend Schildern im Straßenverkehr, so wurde jetzt in einer deutschen Stadt von einem mutigen Beamten nachgewiesen, können rund 600 verschwinden, ohne daß der Verkehr gefährdet würde. Übrigbleibt, was unbedingt notwendig ist. Wenn das in allen deutschen Städten, Gemeinden und Landkreisen greifen würde, könnte man viel von jenen Milliarde Mark einsparen, die den deutschen Steuerzahler der Schilderwald alljährlich kostet. Wir könnten ja mal im Stadt- und Landkreis Heilbronn damit beginnen, den Schilderwald abzuholzen. Mal sehen, was dabei herauskommt. Vielleicht  spart das sogar Arbeitsplätze in der Verwaltung ein. Den Staat schlank und effizient machen, lautet das Motto für die Zukunft. Auch wenn im Moment wegen des Wahlkampfes kaum jemand mehr vom Sparen spricht, die Herren aus jenen Bundesländern, die die höchste Verschuldung und höchste Arbeitslosigkeit aufweisen (Saarland und Niedersachsen), den Mund besonders weit aufreißen und ab September in Bonn sogar regieren wollen – im Herbst und Winter wird der Katzenjammer kommen, wenn der Kassensturz gemacht wird. Wie versprochen. Aber versprochen wird viel in der Politik. Derzeit sind Sprechblasen wohlfeile Ware.                                        

Schröder und ...
Bundestagwahl am 27. September 1998 in Deutschland. Man schaut jetzt auf uns. Die Umfragewerte für die noch regierende Union sind denkbar schlecht. Jene für die Freien Demokraten sind auch nicht viel besser, auch wenn ihnen prognostiziert wird, daß sie über die Fünf-Prozent-Hürde springen – ebenfalls den Grünen. Die PDS könnte sogar diese Hürde überspringen, dank üppiger Zahlen in den neuen Bundesländern. Und bei den Rechtsparteien wie Republikaner oder DVU sind sich die Wahlforscher noch nicht einig. Wie schon bei den zurückliegenden Landtagswahlen. Bundesweit müßte dann nur eine dieser beiden Parteien antreten, um eventuell Erfolg zu haben. Oder DVU und Reps gehen eine Listenverbindung ein. Aber dazu wird es kaum kommen. Die Unterschiede zwischen beiden Rechtsgruppen sind zu groß. Während die Republikaner mehr im liberalen Süden, Bayern  und Baden-Württemberg,  ihre Erfolge hatten, konnte die Deutsche Volksunion in Bremen, Hamburg, Schleswig Holstein und jetzt Sachsen-Anhalt Protestwähler auf ihre Seite bringen. Der Streit unter den Rechten wird uns also hoffentlich eine rechtsradikale Partei im deutschen Bundestag ersparen. Außerdem wählen die Menschen ganz bewußt bei Bundestagswahlen anders, so lehrt zumindest die jüngste Vergangenheit, als bei Kommunal- oder Landtagswahlen. Sicher ist, daß jetzt im Mai Helmut Kohl, der Bundeskanzler, weit abgeschlagen hinter Gerhard Schröder, dem SPD-Kanzlerkandidaten in den Umfragen liegt. Die Erfahrungen aus allen Bundestagswahlen (seit Kohl Kanzler ist) sagen, daß in den Umfragen jetzt der Umschwung zugunsten der Union kommen müßte. Davon ist aber nichts zu spüren. Das Fußvolk in der Union wird hör- und spürbar nervös. Bei den Sozialdemokraten dagegen wird aller Streit in Watte gepackt. Staatsmännisch gibt sich der Kandidat von der Leine. Nichts kann ihn offenbar aus der Ruhe bringen. Nicht mal seine Genossen in Sachsen-Anhalt. Getestet wird dort, inwieweit der Bürger bereit ist, eine regionale Zusammenarbeit von SPD und PDS im Osten zu akzeptieren. Wenn diese Tour den Sozialdemokraten in den neuen Bundesländern Stimmen bringt, was wahrscheinlich sein dürfte, dann gibt es keine CDU/SPD-Koalition in Magdeburg. Und wenn PDS/SPD den westdeutschen Wählern reichlich  egal ist, dann wird die SPD stur das Ziel im Auge weitermarschieren. Egal, was die Ossis hinter der Elbe da zusammenbringen. Ihr Wahlkampf-Schlagwort lautet „Kohl muß weg“. Damit wird die vorhandene Stimmung beim Wahlvolk für einen Wechsel bedient. Dem kann die Union momentan nichts entgegensetzen. Also stellen wir uns schon mal auf die neue Berliner Republik mit einem Kanzler Gerhard Schröder ein – im neuen Bundeskanzleramt  im Spreebogen. Und wenn es anders kommt ... dann ist dem alten Kämpen eine Überraschung gelungen.                           

Wirtschaftsjunioren-Schiff
Es ist schon lange her – aber trotzdem. Mit einem Bild von Heike Rambow auf der Einladungskarte hatten die Heilbronner Wirtschaftsjunioren auf den Neckar (besser auf zwei Schiffe) eingeladen. „Die Ruderer“, so der Titel einer Zeichnung, auf der in drei Quadraten je fünf Punkte mit Strichen zu beäugen waren – eben Ruderer. „Wer den Hafen nicht kennt, dem ist kein Wind der rechte“ lautete das Motto für den „Regionaltreff – Politik trifft Wirtschaft!“ 1998. Rund 400 Menschen hatten sich zum launigen Talk an Deck eingefunden. Unter ihnen Günther Oettinger, CDU-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag, sein Parteifreund, der Heilbronner CDU-Chef und Bundestagskandidat Thomas Strobl, Bürgermeister, Landtagsabgeordnete, Behördenchefs, Unternehmer, etc. – eben Unterländer Prominenz und andere Menschen, schöne, reiche, arme, und normalaussehende. Man fühlte sich sichtlich wohl an der Anlegestelle neben dem Götzenturm, genau vor der klassizistischen Villa Mertz. Der Neckar als ein Teil der Heilbronner Innenstadt wurde freudig beschwatzt. Dabei ist das Architekten aus Stuttgart schon vor vielen Jahren klar gewesen. Sie planten – und ein wenig wurde auch gebaut. Alles andere lagert in Beamten-Schreibtisch-Schubladen auf dem Rathaus. Klar war immer schon, daß der Fluß an die City angebunden werden muß. Wer diese Erkenntnisse auf dem Rathaus als neu verkauft, ist mehr als ein Scharlatan. Über eine Weinmesse auf dem Neckar wurde auch schwadroniert. Eine Messe? Vielleicht ein Weinfest? Oder in der Nachfolge für die Gourmet-Tage in der Rollschuhbahn ein „Schmecker- und Schlotzerfest“? Sei’s drum! Die Heilbronner Wirtschaftsjunioren freuten sich jedenfalls über den regen Besuch bei ihrem Fest auf dem Wasser.  Kommunikation ist halt mehr als im Internet surfen. Jetzt steht der nächste Event vor der Tür: Am 16. Mai ist Tag der offenen Tür bei der IHK.

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