Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 11.11.1998



Kommunal-Wahlkampf
Die letzte Gemeinderatssitzung im Heilbronner Rathaus hat es gezeigt, der Kommunalwahlkampf 1999 steht vor der Tür. Eine große Koalition – von grün bis schwarz – hat den Kulturbürgermeisterposten gestrichen. Eine Einsparung, die nicht nur das 218.500 Mark teure Gehalt des Dezernenten einspart. Sein ganzes Büro ist nicht mehr vorhanden – Sekretärin, Chauffeur, Dienstauto, etc. Da kommt eines zusammen. Die kleinen Fraktionen schauten ganz entgeistert und sprachlos aus der Wäsche, daß sie ihre alte Forderung mit Hilfe der CDU-Fraktion durchsetzen konnten. Motor dieser Entwicklung ist seit geraumer Zeit der urige Wengerter, Stadtrat und FDP-Landtagsabgeordnete Richard Drautz. Unter CDU-Stadträten sind die Abweichler vom neuen Kurs sich jetzt auch nicht mehr so sicher, ob sie bei der Kandidaten-Aufstellung einen guten Listen-Platz ergattern können. Aber darauf kommt es gottseidank bei unserem baden-württembergischen Wahlsystem nicht an. Letztlich zählt – dank panaschieren und kumulieren, wer am Wahltag wie viele Stimmen erhält. Nicht die Parteitreue der einzelnen Stadträte ist maßgebend, sondern ihr Mut und ihre Beliebtheit in weiten Bevölkerungskreisen. SPD, CDU, Freie Demokraten, Freie Wähler, Grüne und Republikaner werden Kandidatenlisten mit jeweils 40 Frauen und Männern in Heilbronn präsentieren. Zusammen sind das schon 240 Kandidaten in der Käthchenstadt. Vielleicht kommt noch die eine oder andere Liste ganz kleiner Parteien und Wählervereinigungen hinzu. Dann sind 300 Kandidaten schnell beieinander. Nur 40 dieser vielen Kandidaten werden den Sprung in den Gemeinderat schaffen und als Stadtrat/rätin am Hufeisentisch im Großen Ratssaal Platz nehmen können. Aber ehe es soweit ist, wird noch ordentlich Wahlkampf gemacht. Über die letzten fünf Jahre Kommunalpolitik muß dabei Rechenschaft abgelegt werden. Da werden einige Rathaus-Skandale aus den letzten Jahren nochmals heftig diskutiert werden. Die unterschiedlichen politischen Auffassungen prallen jetzt schon hart aufeinander. Die Sozialdemokraten sehen die Stadt in einer ordentlichen Verfassung und kaum finanzielle Probleme am Horizont. Die bürgerlichen Parteien mahnen zu Sparsamkeit und zur gezielten Verbesserung der Infrastruktur. Und zwischendrin eine verunsicherte Stadtverwaltung, die im nächsten Jahr auch noch einen neuen Chef bekommt. Sich vom scheidenden OB abzusetzen und nach neuen Ufern zu streben, auch das ist bei allen Parteien deutlich festzustellen. Selbst bei der CDU, deren Mitglied Manfred Weinmann ist.

Ein besonderes Datum
Deutsche Geschichte ist schon vertrackt. Der 9. November ein Tag der Freude und zugleich ein Tag der Schande. Der Tag des Falls der Berliner Mauer im Jahre 1989 und der Tag der Reichspogromnacht 1938. Auch noch einige andere historisch bedeutsame Ereignisse fallen genau auf diesen Herbsttag. 1938 brannten  am 9. und 10. November in Deutschland hunderte von Synagogen, wurden jüdische Geschäfte zerstört, jüdische Mitbürger mißhandelt und ermordet. Als Beginn der Ermordung von Millionen von Juden in Europa durch die Nazis wird dieser Tag von vielen Historikern gewertet. Die Aktionen der Nazis in diesen Tagen kamen bei weiten Bevölkerungskreisen in Deutschland nicht an. Von Volkszorn keine Spur. Das wußten die Schergen und ihre Drahtzieher aus Polizeiberichten. Ihre menschenverachtende und grausame Aktion hatte zum Ziel, Juden zu Auswanderung zu zwingen. Tausende Menschen wurden eingesperrt, gedemütigt, geschlagen, erpreßt. Aber massive Proteste in der deutschen Bevölkerung blieben aus. Man sah weg und schwieg. Auch als sich die Nazis und ihre Mitläufer wenige Wochen  und Monate später an den Gütern der jüdischen Mitbürger bereicherten. Man wußte in den Dörfern und Städten, wer nach der Pogromnacht die Häuser, die Geschäfte, die Grundstücke, die Möbel der jüdischen Mitbürger recht billig oder zu Spottpreisen erstanden hatte. Vielfach wußte man auch, wer an diesen schändlichen Aktionen beteiligt war. Die Synagoge an der Allee in Heilbronn wurde nach dem Brand 1938 dem Erdboden gleichgemacht. Heute erinnert ein Gedenkstein an den Ort des Grauens. Insgesamt wurden bei uns in der Region zwölf Synagogen zerstört oder demoliert. Die Synagoge in Affaltrach im Landkreis Heilbronn ist noch vorhanden. Restauriert dient sie heute als Begegnungstätte der Versöhnung von Juden und Christen. Vielleicht wird ja irgendwann in den nächsten Jahren wieder ein jüdisches Gotteshaus im Raum Heilbronn gebaut, um einer wiedererstandenen, lebendigen jüdischen Gemeinde als Gebetsstätte zu dienen. An der Stelle der 1938 geschändeten, verbrannten und 1940 endgültig zerstörten Synagoge steht heute ein Kino-Center.  Eine Wunde in der Geschichte Heilbronn, an die alljährlich erinnert wird – werden muß.         

Politikgeschäfte
Die kleinen Fraktionen im Gemeinderat Heilbronns haben seit Jahren für die Streichung eines Bürgermeister-Postens gekämpft. Von Grün bis Rep war man einer Ansicht. Aber die beiden großen Gruppierungen standen mit ihren jeweils 13 Sitzen im Rathaus gegen die 14 Sitze der kleinen – und die Stimme des Oberbürgermeisters. Die letzte Wahl nach dem alten Muster, das CDU und SPD vereinbart hatten, wurde in diesem Jahr durchgeführt, als der Baubürgermeister Ulrich Frey (SPD) zur Wiederwahl anstand. Mit 37 Stimmen schaffte er es. Nachdem aber bekannt wurde, welche Ungereimtheiten es in der Bauplanung, bei der Verteuerung verschiedener Projekte gab, da war der Zorn vieler im Gemeinderat über Frey heftig und groß. „Wenn ich damals so gescheit gewesen wäre wie heute, wäre das Ergebnis nicht so ausgefallen.“, sagte mir einer. Für die meisten christdemokratischen Stadträte war die Frey-Affaire der Anfang vom Ende der geschlossenen Vereinbarung mit den Sozialdemokraten. Aber auch für die SPD hatte es schon im vergangenen Jahr die Möglichkeit gegeben, die ominöse Vereinbarung mit der CDU nicht zu erneuern. Hätten sie es getan, wären dann die gleichen Argumente, wie sei heute von den Sozialdemokraten vorgebracht werden, von der CDU gegen die SPD vorgebracht worden. Artur Kübler als Nachfolger von Reiner Casse im Kulturdezernat, das wollten einige Sozis offenbar doch nicht unterstützen, so wie sie einst den von der CDU offiziell vorgeschlagenen Kandidaten Artur Kübler gegen Rainer Casse (damals noch CDU, aber nicht von der Union vorgeschlagen) nicht wählen wollten, sondern sich auf Casses Seite geschlagen hatten. Deshalb auch der Tausch der Ämter von Casse zu Harald Friese und von Friese zu Artur Kübler. In der Politik geht es halt wie im Wirtschaftsleben um Interessen. Vereinbarungen sind nur so lange tragfähig, wie sie zum Nutzen beider Seite taugen. In der Kommunalpolitik andere Maßstäbe als in der Landes- oder Bundespolitik anzusetzen, wäre mehr als nur naiv. Fahrlässig dumm nennen manche Realpolitiker den treuen Glauben. Wer mit Änderungen nicht täglich rechnet, ist der Politik eben nicht gewachsen.        -

OB-Wahlen – und dann?
In Heidelberg war ein Wechsel offenbar nicht drin. Beate Weber, die SPD-Oberbürgermeisterin, holte sich im zweiten Wahlgang mit 51,5 Prozent eine knappe absolute Mehrheit. Ihr bürgerlicher Gegenkandidat Wolfgang Lachenauer blieb mit 48 Prozent knapp darunter. Die Zerstrittenheit des bürgerlichen Lagers vor dem ersten Wahlgang zeigte Langzeitwirkung. In Tübingen, wo auch am letzten Sonntag OB-Wahlen anstanden, liegt der Grünen-Kandidat Wolf Dieter Hasenclever mit 28 Prozent im ersten Wahlgang vorn. In zweieinhalb Wochen dürfen die Bürger in der Universitätsstadt wieder zur Wahl gehen. Brigitte Russ-Schneider von der SPD erzielte 26,6 Prozent. Rainer Klink von den  Unabhängigen Freien Wählern 17,6 Prozent und Bernhard Freisler (CDU) nur 15,6 Prozent. Es sieht ganz so aus, als ob die linken Parteien in Baden-Württemberg bei OB-Wahlen die Nase vorn haben. Auch in Stuttgart war es dem CDU-Kandidaten Schuster nur mit Ach und Krach gelungen, Nachfolger von Manfred Rommel zu werden. Und wenn man die Bundestagswahl vom 27. September zugrunde legt, dann könnte auch in Heilbronn im nächsten Jahr ein SPD-Mann die OB-Wahl für sich entscheiden. Hatte doch Thomas Strobl bei den Erststimmen im Stadtkreis Heilbronn keine Mehrheit erringen können. Und der CDU wird vorgehalten werden, daß ein Mann ihrer Partei, der amtierende Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann, seit 1983 die Stadt regiert. Ein Wechsel hieße, diesmal einen Mann oder eine Frau aus der Sozialdemokratie zu wählen. Schließlich hatte Dr. Erhard Klotz (damals OB in Neckarsulm) und Friedrich Niethammer (einst SPD-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat) gegen Manfred Weinmann immer nur knapp verloren. Die kleinen politischen Gruppierungen setzen dagegen auf einen parteiungebundenen Kandidaten. Vor allem die FDP und Richard Drautz. Bei der CDU hat Thomas Strobl, der gerade erst direkt gewählte Bundestagsabgeordnete Im Unterland, signalisiert, daß eventuell eine OB-Kandidatur in seiner Heimatstadt für ihn in Frage käme. Und bei den Sozialdemokraten steht Harry Mergel, der Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, Gewehr bei Fuß. Vor allem nach der Streichung des Kulturbürgermeister-Postens meinen viele Sozialdemokraten, jetzt in festgeschlossener Solidarität hinter ihrem ersten Mann in der Stadt stehen zu müssen. Aber in einem halben Jahr, im Frühjahr 1999, sehen wir weiter. Dann hat sich der Pulverdampf aus dem Scharmützel der letzten Wochen gelegt.

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