Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 10.06.1998



Privatuniversität
Erneuter herber Schlag für die Region Heilbronn-Franken. Trotz hohem finanziellem Engagement der Städte Heilbronn und Schwäbisch Hall geht die zweite Privatuniversität nach Stuttgart, obwohl die Landeshauptstadt den Initiatoren des „Stuttgart Institute of Management and Technologie“ das mit Abstand schlechteste Angebot unterbreitet hatte. Schwäbisch Hall und Heilbronn hatten da deutlich mehr zu bieten – zumindest finanziell. Doch die Absage zeigt zweierlei. Zum einen: Der Region mangelt es nach wie vor an Attraktivität. Die internationale Privatuniversität, die nach dem Willen ihrer Väter Weltruhm erlangen soll, paßt eben nicht in die Stadt der Krämerseelen oder ins nette Schwäbisch Hall. Zum zweiten: Die Region ist nach wie vor unfähig, an einem Strang zu ziehen. Nach dem mutigen Vorstoß aus der Salzsiederstadt, fiel der zunächst staunenden Käthchenstadt nichts anderes ein als noch mehr Geld zusammenzukratzen, eine nach den Worten von Wirtschaftsminister Walter Döring „hektische Reaktion“. Warum nicht die Bewerbung Schwäbisch Halls unterstützen, schließlich liegen beide Städte ja bekanntermaßen in einem Kammergebiet. Aber vom Wettlauf der Regionen sprechen ist die eine, über den Tellerrand hinausschauen die andere Seite. An einer gemeinsamen Bewerbung für den Standort Schwäbisch Hall hatten die Initiatoren nur schwerlich vorbeigehen können. So blieb am Ende der Verdacht, die SIMT hätte die Angebote der Region nur dazu benutzt, um der zögerlichen Landeshauptstadt Beine zu machen. Auch nicht gerade ein Akt der Wertschätzung für die Region Heilbronn-Franken.

Zug-Katastrophe
Der Schock sitzt tief. Das Zugunglück in Eschede mit 98 Toten in der vergangenen Woche zeigte der ganzen Welt, daß der Hochgeschwindigkeitszug ICE nicht absolut sicher ist. Nun wird viel darüber spekuliert, ob ein ähnliches Unglück auch mit dem französischen TGV oder mit dem japanischen High-Tech-Zug hätte passieren können. Bisher ist es nicht geschehen. Und jetzt steht der deutsche ICE am Pranger. „Deutsche Wertarbeit“ ist nicht sicher – lautet die schlichte Schlagzeile, die durch das grauenvolle Zugunglück treffend belegt wird. Also ist sie auch keine Wertarbeit. Die Unglücksursache wird zurzeit von Sachverständigen und der Staatsanwaltschaft ermittelt. Spekulationen gab es viele – vom Anschlag durch Atomgegner, die ja gern Eisenbahnschienen ansägen oder Gegenstände auf die Schienen legen, ja sogar (wie hier im Unterland geschehen) das Gleisbett untergraben, bis hin zu einem Auto, daß von einer Brücke auf die Schienen gefallen sein sollte. Alles Meldungen und Vermutungen – aus der Hitze des Tages geboren. Jetzt ist es ein gebrochener Radkranz, der das Unglück verursacht haben soll. Genaues werden wir erfahren, wenn der Prüfbericht abgeschlossen ist. Daß die Deutsche Bahn nicht hundertprozentig sicher ist, weiß jeder bei uns. Sie ist aber sicherer als das Auto. Die Statistiken belegen dies augenfällig und überzeugend. Das beruhigt schon mal – trotz des tragischen Unglücks in Eschede. Trotzdem ist bei der Bahn, siehe Umstellung zum Sommerfahrplan, immer Chaos vorzufinden. Von den alltäglichen Zugverspätungen mal ganz abgesehen. Und all das mindert immer wieder das notwendige Vertrauen in die so sichere Bahn. Deutsche Beamtenmentalität, die in Schlampigkeit umschlägt, ist halt auch noch in einer privatisierten Deutschen Bahn in Hülle und Fülle anzutreffen. Leistung und Motivation muß  zählen – und Dienstleitung auf höchstem Niveau. Vor allem im Sicherheitsbereich. Das Unglück von Eschede ist nicht nur eine Katastrophe, sondern für die Bahn auch ein Menetekel an der Wand. Trauerarbeit heißt auch, Unglücke aktiv vermeiden helfen.

Kampfhunde
Nahezu täglich wird aus deutschen Landen gemeldet, daß Kampfhunde kleine Kinder anfallen und zerfleischen, ebenso alte Menschen – ja sogar ihre eigenen Besitzer. Unsere ideologischen Tierschützer setzen naiv dagegen: Wenn die Kampfhunde von ihren Haltern richtig erzogen sind, dann passiert auch nichts. Wie soll ein Kind, ein älterer Mensch, ein Sportler im Wald erahnen, daß der ihm entgegenkommende Kampfhund richtig oder falsch erzogen wurde? Schon bei normalen Haushunden auf der Straße ist das nicht erkenntlich. Und die fallen bekanntlich auch gelegentlich Menschen an. Verwunderlich? Nein! Denn Tiere, die in Drei-Zimmer-Stadtwohnungen gehalten werden, können ja nur neurotisch werden. Von artgerechter Haltung kann bei allen argumentativen Verrenkungen hier nun wahrlich nicht mehr die Rede sein. Das arme Tier, da haben die Tierschützer sicherlich recht, kann für seine falsche Erziehung wenig. Verantwortlich ist allein der Tierhalter. Deshalb müßten diese Menschen auch voll verantwortlich für das Verhalten ihrer Hunde gemacht werden. Mit allen Konsequenzen. Hier hat der Opferschutz an erster Stelle zu stehen, nicht ein unverantwortlicher Tierschutz, der es zuläßt, daß die armen Wesen zu Krüppeln erzogen werden. Wer mit einem Auto am Straßenverkehr teilnehmen will, muß einen Führerschein besitzen, hohe Steuern und Versicherungen zahlen. Verhält er sich falsch im Straßenverkehr, sei es nur beim Falschparken oder bei überhöhter Geschwindigkeit, muß er schon mit erheblichen Strafen rechnen – ohne daß unmittelbar jemand gefährdet wurde. Das ist auch richtig so. Gleiches muß für Hundehalter gelten. Denn wie Automobile können auch Hunde zu Waffen werden. Und Menschen müssen vor anderen Menschen mit derartig gefährlichen Waffen in den Händen geschützt werden. Vom Dreck, den arme Viecher in Stadtparks und Wäldern hinterlassen, will ich gar nicht erst reden. Der stinkt bekanntlich immer noch zum Himmel. Wenn jeder seine Notdurft wie diese Tiere verrichten würde, dann ...

Kohl und kein Ende
Helmut Kohl ist Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er regiert nicht mit funkelndem Glanz, aber wer die 16 Jahre seiner Kanzlerschaft Revue passieren läßt, muß feststellen: Er war erfolgreich. Lieber glanzlos und erfolgreich als glänzend ohne Erfolg. Selbst seine politischen Gegner streiten ihm den Erfolg nicht ab. Man muß Deutschland nur mit den westlichen Ländern wie Frankreich, Italien oder England vergleichen, den Lebensstandard der Menschen dort mit jenem der Menschen hier. Selbst den neuen Bundesländern geht es blendend – verglichen mit den ehemaligen Ostblockländern wie Polen, Tschechien, Ungarn oder gar Rußland. Die Ossis vergleichen sich aber lieber mit den Wessis – und da schneiden sie ohne Zweifel schlechter ab. Aber das ist ebenso, wenn man Birnen mit Äpfeln vergleicht. Klar, daß die Opposition jetzt im Wahlkampf dem Kanzler am Zeug flicken will. Klar ist auch, daß es um viele Dinge in Deutschland besser bestellt wäre, hätte es eine große Steuerreform gegeben. Klar ist auch, daß unsere soziale Hängematte überstrapaziert wird. Mit Forderungen von Asylbewerbern, von Aussiedlern, von Sozialhilfeempfängern. Und klar ist auch, daß viele große Unternehmen in Deutschland kaum Steuern zahlen und sich damit sogar brüsten. Von Solidarität keine Spur. Jene Bürger, die noch Arbeit haben und fleißig sind, tragen die Steuerlast. Die Deutschen haben in den letzten zehn Jahren eine Mammutleistung vollbracht: Die Einigung ging nahezu reibungslos über die Bühne; die Eingliederung von Rußlanddeutschen; die Aufnahme von Asylbewerbern; der Zustrom von Ausländern; die Integration von Ausländern. Sicher: Es knirscht an allen Ecken und Enden. Aber es gibt wie in anderen europäischen Staaten keine bürgerkriegsähnlichen Zustände, keine ethnischen und rassistischen Auseinandersetzungen, keine Riesenstreiks – im Gegenteil, die Wirtschaft brummt wieder. Unter diesen Voraussetzungen das Problem der Arbeitslosigkeit klug und geschickt anpacken, ist das Gebot der Stunde. Deshalb will Gerhard Schröder, der Kanzlerkandidat der SPD auch gar keine großartig andere Politik betreiben. Er will dieselbe Politik machen – nur ohne Kohl. Aber das haut nicht hin. Denn ein Kanzler Schröder muß seine Politik mit Sozialdemokraten und Grünen betreiben – eventuell mit Unterstützung der PDS. Die Alternative ist also da. Daß es mit einer sozialistischen oder sozialdemokratischen Politik nicht besser wird, das zeigen England und Frankreich. Es wird halt nur anders. Jetzt schaut es so aus, als wollten die Wähler am 27. September einen Wechsel in Bonn. Am Abend dieses Tages wissen wir dann, ob sie auch so gewählt haben.

Atommülltransporte
Bei uns in Landen regen sich derzeit viele über die Strahlungen auf, die von Atomtransporten ausgehen. Ein Skandal sei dies. Die zuständige Ministerin in Bonn müsse endlich gehen. Die deutsche Atomindustrie habe jämmerlich versagt. Entschuldigungen von Managern der Energieversorgungsunternehmen machten die Runde. Die CDU-Ministerin rüffelt ihre Umwelt-Kollegen  vor allem in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Eine grüne Umweltministerin in Frankreich stellt sich reichlich naiv vor die Öffentlichkeit. Der Kanzler selbst kanzelt die Atommanager ab. Und auf einmal versinkt das skandalöse Geschehen zur Randnotiz. Die deutsche Ministerin greift hart durch – und genehmigt keine Castor-Transporte mehr. Die Folge: Der Müll bleibt in den Atomkraftwerken. Ein strahlender Müll, der nach dem Sankt-Florians-Prinzip zuvor ins Ausland gerollt ist. Was war in der Zwischenzeit geschehen? Osteuropäische Atomkraftwerke in der Ukraine und in Tschechien sind in die Schlagzeilen gekommen. Und es stellte sich heraus, daß die Gefahr, die für ganz Europa von diesen in kommunistischen Zeiten erbauten Bruchbuden ausgeht, als sehr gefährlich einzustufen ist. Atomwissenschaftler und die ach so verteufelten deutschen Atom-Manager bestätigen diese Tatsachen. Und die neuen Regierungen dieser Länder wiegeln ab und verharmlosen. In Indien und Pakistan werden Atombomben gezündet – zu Versuchszwecken. Und die Bevölkerung jubelt auf den Straßen über die neue Macht, die durch diese Tests ihren Heimatländern zuwächst. Deutsche Fernsehkommentatoren geißeln nicht etwa die unverantwortlich handelnden Regierungen in Asien, nein – sie geißeln die deutsche Industrie, die diesen Ländern angeblich das Know-How für die Atombomben verkauft habe. Und vergessen dabei, daß heute jeder Dritte-Welt-Staat aus dem ehemaligen Ostblock das Wissen zum Bau einer Bombe für ’nen Appel und ’nen Ei hergibt. Oh, heilige Einfalt. demnächst werden auch Messerverkäufer für Morde verantwortlich gemacht, die jemand mit dem bei den Händlern erstandenen Geräten begeht. Oder Touristik-Unternehmen und Fluggesellschaften für Unfälle von Touristen beim Wandern am Urlaubsort. Denn schließlich habe die Unternehmen die Touristen ja dorthin transportiert. Das alles reiht sich in das unsägliche bayrische Internet-Urteil ein, das vor wenigen Tagen bar jeglicher Ahnung, gesprochen wurde. – Tschernobyl, das ist der Atom-Unfall aus kommunistischer Zeit, der allen zeigt, wie marode ein System war, das mehr als 90 Millionen Menschen in diesem Jahrhundert auf dem Gewissen hat. Mache einen Philosophen zum Staatsmann – und er wird auf dem Schafott enden. Die sozialistischen Diktatoren Deutschlands, Tischler und Dachdecker, sind im Bett gestorben.

WM–Geldmeisterschaft
Na endlich, es geht los – die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich. Wegen 1.408 Männerbeinen hält fast die ganze Welt für knapp vier Wochen den Atem an. Die Besten der Besten aus 32 Nationen sollen genialen Fußball verkörpern und zelebrieren. Wenn aber im Land des Weines der Ball rollt, dann rollt der Rubel –  oder besser der Franc mit. Und das nicht zu wenig. Die Fußball-WM ist auch eine interne Weltmeisterschaft der Sponsoren. Zwölf Sportausrüster gehören zum Kreis der Auserkorenen und dürfen mit ihren Teams an der Endrunde teilnehmen. Doch schon vor dem Mega-Ereignis ist der WM-Titel einzig und alleine eine Angelegenheit zwischen Adidas und Nike. Wobei bereits vor dem ersten Anstoß die Herzogenauracher in Führung liegen. Der Grund dafür: Ganz gleich ob Reebok gegen Lotto, Puma gegen Kappa oder Asics gegen Nike spielt – Adidas ist immer groß im Bild – auf Werbebanden, Bällen, Schiedsrichter- und Helfertrikots. Außerdem sicherten sie sich so einige Merchandising-Rechte. Wer nämlich das brasilianische Fan-Trikot möchte, muß bei Adidas einkaufen – obwohl Ronaldo und Co von Nike gesponsert werden. Diesen Spielzug läßt sich der Hauptsponsor auch einiges kosten. Rund 40 Millionen Dollar (rund 72 Millionen Mark) legt Adidas dafür auf den Tisch. Aber nicht nur Sportartikelhersteller sind als Geldgeber bei der WM’ 98 gern gesehen. So sind beispielsweise Kultgetränkproduzent Coca-Cola, Fast-Food-Ketten-Gigant McDonald’s und Opel mit einem Corsa „World Cup“ mit von der Partie. Der Vermarkter ISL, die FIFA und ein Organisationskomitee haben eine Kampagne gegen „parasitäres Marketing“ ins Leben gerufen, das besagt, daß niemand unerlaubt mit WM-Emblemen Werbung machen darf. Jedoch ohne Erfolg. Ein TV-Spot von Fiat zeigt zum Beispiel 22 Autos, die ein Fußballspiel gegeneinander bestreiten. Maoam veranstaltet eine „WM der Früchte“. Und Langnese bringt ein Eis in Form eines Fußballschuhs unter die Leute – mit einem Kaugummi der zufällig aussieht wie ein Fußball. Na bitte!   

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