Wahlkampf-Humor?
Früher
waren die Spaßmacher und Kabarettisten einfach links – und nannten sich
Intellektuelle. Links stimmte. Aber intellektuell? Das war ein wenig
hochstaplerisch. Seit Harald Schmidt aber hat sich alles gewandelt.
Deutschlands Humor ist heftiger und deftiger geworden – und teilt nach allen
Seiten aus. Witze werden jetzt über linke, rechte, liberale oder andere
Politiker gerissen. Egal wer vor die Humor-Flinte kommt. Und das ist auch gut
so. Beim Fernsehsender RTL hieß es in der Witze-Sendung „Sieben Tage, sieben
Köpfe“: „Warum hat Oskar Lafontaine ein
reines Gewissen? Weil es noch unbenutzt ist!“ – Oder: „Schröder und Fischer sitzen in einem sinkenden Boot. Wer wird gerettet?
– Deutschland!“ Auch die FDP kriegt ihr Fett ab: „Was ist der Unterschied zwischen Kinkel, Graf Lambsdorff und
Westerwelle? – Graf Lambsdorff kann nicht die Wahrheit sagen, Kinkel nicht die
Unwahrheit, und Westerwelle kennt den Unterschied nicht.“ – Und
über den SPD-Kanzlerkandidaten heißt es: „Schröder tut sehr viel für sein äußeres Erscheinungsbild. Deshalb hat
er jetzt auch Doris Köpf aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.“ – Und noch
eins drauf: „Schröder ist ja selber
schuld – wenn der immer seine Monica Lewinskys sofort heiraten muß
...“ Aus Zeitschriften kennen wir ja
schon, daß Poltikern in Bildern Sprüche unterlegt werden, die sie so nie getan
haben. Jetzt wird im Fernsehen den Filmausschnitten ein Text unterlegt –
sozusagen der gesprochene Witz. Beispiel aus Sat1, „Die Wochenshow“. Zu sehen
ist der SPD-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Rudolf Scharping, am
Rednerpult. „Also ich muß jetzt auch mal
was gestehen. Ich habe ebenfalls eine unangemessene und unschickliche
Beziehung. Und zwar zu meinem Fahrrad.“ – Helmut Kohl auf der Regierungsbank:
„Hihi, die alte Sau! Das gibt’s doch gar nicht.“ – Scharping: „Ja. Was sollte
ich auch machen. Schließlich war der Sattel noch nicht montiert.“ Ganz schlimm
und nicht mehr witzemäßig scheint mir jene Geschichte aus dem fiktiven Tagebuch
des CDU-Generalsekretärs Peter Hintze zu sein, die da bei Sat1 lautet:
„Mittwochs ist immer Arschkriecher-Tag. Da habe ich rumgeschleimt bis
Sonnenuntergang.“ Mir scheint, das geht dann bei manchen Fernseh-Schreibern
nach dem schlichten Motto: Witz komm’ raus, oder ich schlag’ dich. Gleichzeitig
haben aber all diese Witze eine angelsächsische Komponente. Und eine Prise
Anarcho. Aber gottseidank sind jene Zeiten vorbei, in denen als Humor galt,
wenn konservative Politiker auf die Schippe genommen wurden. Wenn linke
Politiker angeschossen wurden, galt das ja gleich als Beleidigung. Bisher.
Jetzt sind alle gleich. Gottseidank.
Wahl-Deuter
oder Börse?
Bei
den Meinungsforschern und ihren Prognosen ist Vorsicht geboten. Die
Landtagswahlen der letzten Monate und Jahre haben uns das gelehrt. Derzeit
liegt im Durchschnitt aller Umfragen die SPD bei 41 Prozent, die CDU/CSU bei 38
Prozent, die FDP bei fünf Prozent, die Grünen bei sieben Prozent, die PDS bei
vier Prozent und Sonstige bei fünf Prozent. Vier deutsche und eine
amerikanische Universität haben zur Bundestagswahl am 27. September 1998 eine
Wahlbörse eingerichtet. In den Vereinigten Staaten hatten bei Wahlen derartige
Börsen das Wahlergebnis weitaus exakter vorausgesagt als alle Meinungsumfragen.
Zum Beispiel das Wahlergebnis für den US-Präsidenten George Bush war von den
Börsianern genau „ausgehandelt“ worden.
Dabei werden die Aktien der Parteien börsentäglich gehandelt. Sie geben
dann die Einschätzung der Börsianer über den Wahlausgang wieder. Börsianer sind
dabei Studenten, Wissenschaftler, Leser von großen Zeitungen, die sich gegen
eine Gebühr bei der Börse als Händler anmelden. Federführend bei der Wahlbörse 98 für die kommende Bundestagwahl ist
die Martin Luther Universität in Halle: Außerdem arbeiten an der Wahlbörse
mit: die Gesamthochschule Essen, die Technische Universität Dresden, die
Humboldt Universität Berlin und die Universität von Iowa USA. Derzeitiger Stand
der Wahlbörse (8. September): die SPD hat 38,56 Prozent, die CDU/CSU hat 35,61
Prozent, Bündnis 90/Die Grünen haben 8,44 Prozent, die FDP hat 6,0 Prozent, die
PDS 4,78 und Sonstige kommen auf 6,60 Prozent. Mitmachen bei der Wahlbörse kann
jeder, der einen Internet-Anschluß besitzt, mit seiner Anmeldung eine
Eingangsgebühr zahlt und mit dem ihm zugewiesenen Codewort sich dann als
Händler sich einklinken kann. Im Vergleich zum letzten Wahlergebnis scheint mir
das Zwischenergebnis der Börse der Stimmung in der Bevölkerung näher zu sein
als uns die Umfrageergebnisse der Wahlforscher verdeutlichen. Der Neckar
Express wird jetzt jede Woche den aktuellen Stand der Wahlbörse ’98 veröffentlichen. Mal sehen wer näher dran
war. Am Montag, den 28. September 1998, wissen wir es genau.
Grausame
Bilder
Letzte
Woche flimmerten grausame Bilder auf den verschiedensten Kanälen via Fernsehen
in deutsche Wohnstuben. In der Kongo-Hauptstadt Kinshasa wurde ein Reporterteam
der Agentur Reuters von Soldaten durch die Stadt geführt. Und vor den Augen der
Fernsehleute wurden Menschen verbrannt, angeblich Rebellen, wurde ein junger
Mann von Soldaten über ein Brückengeländer in ein sechs bis sieben Meter
darunter befindliches flaches Flußbett geworfen. Als der Schwerverletzte sich
aus dem Wasser ziehen wollte, exekutierten die Soldaten von der Brücke aus mit
Maschinengewehren den Wehrlosen. Grausame Bilder in der ZDF-Heute-Sendung um 19
Uhr. Aber nicht nur dort. Auch viele andere Sender, im In- und Ausland, zeigten
diese schrecklichen Bilder. Es hagelte heftige Proteste. Daß grausame
Diktatoren, aber auch andere Mächtige auf unserer Welt, das Fernsehen als
Transportmittel für ihre Propagandazwecke benutzen, das wissen wir ja schon
seit langem. Siehe Golfkrieg. In der ARD wurde am selben Abend noch verbreitet,
daß die Regierungstruppen im Kongo der Welt und den Rebellen mit den
Fernsehbildern zeigen wollten, daß man die Lage im Griff habe und wie mit
Gegnern umgegangen werde. Übrigens: Den
hocherhobenen deutschen Zeigefinger in Richtung Afrika zu strecken, das wirkt
bei der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert mit den zwei grausamen
Diktaturen ein wenig seltsam. Um die hochkomplizierte Geschichte der
verschiedenen afrikanischen Länder hatten wir uns in unserer beständigen
Nabelschau ja wenig gekümmert. Damit können keine Bürgerkriege und Völkermorde
in Afrika entschuldigt werden. Auch nicht der europäischen Kolonialzeit. Wir
müssen nur begreifen, daß die sich in Europa in den letzten zweihundert Jahren
herausgebildete politische Kultur nicht auf die afrikanischen Länder und
Völkerstämme übertragbar ist. Die Frage ist nur: Muß unser Fernsehen das
mörderische Treiben in den afrikanischen Ländern uns allabendlich detailliert
servieren. Heizt man mit den in ihrer Beiläufigkeit banalen Hinrichtungsbildern
nicht eher die dumpfe Gewaltbereitschaft ganz bestimmter Gruppen bei uns an? Vielleicht auch den Rassen- und
Ausländerhaß? Sicher ist: Schützen können sich Zuschauer vor diesen Bildern
nicht. Werden sie im deutschen Fernsehen nicht gezeigt, dann eben auf anderen
Kanälen. Und vielleicht sogar demnächst im Internet.
Krude
Umfrage
Wer
fragt, der bekommt Antworten – kluge und dumme. Oder keine. Bei Umfragen, vor
allem jetzt in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes, sind viele Politiker
begierig darauf, genau zu wissen, was die Wähler über sie denken und wen sie am
27. September wählen wollen. Viele Antworten der Meinungsforscher sind voller
Widersprüche und sehr unterschiedlich. Auch
Studenten befragen die Menschen gern. Vor allem für ihre Seminararbeiten.
Da macht es sich dann gut, wenn in Diagrammen mit ihren vielen großen und
kleinen bunten Balken Statistik angedeutet wird – möglichst in Prozentzahlen.
Neulich blätterte ich in einer Arbeit mit dem Titel „Seminararbeit Aktuelle
Fragen im Kultur- und Freizeitmanagement“ im Sommersemester 1998 an der Fachhochschule
Heilbronn/Standort Künzelsau bei einem Professor Dr. Hermann-Josef Kiel,
vorgelegt von sechs BWL-Studenten. Auftraggeber sind die Heilbronner Kaufleute
und der Heilbronner Verkehrsverein. Befragt wurden von den Studenten 400
Passanten in der Fußgängerzone und 50 Händler in der Innenstadt Heilbronns.
Fragenauswahl, Fragetechnik und Frageüberprüfung bei dieser Umfrage: recht
ungewöhnlich. Eine Frage lautete zum Beispiel: „Wie informieren Sie sich über
Aktionen und Angebote in der Innenstadt?“ Als Antwortmöglichkeiten gab es
Mund-zu-Mund-Propaganda und verschiedene Medien in Heilbronn. Aufgeführt wurde
da ein Szeneblatt, das gar nicht mehr auf den Markt ist. Oder: es wurden in der
Aufzählung Publikationen mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren pro Woche
schlicht vergessen – auch die vielen Ortsblätter im Unterland. Tageszeitungen,
Wochenblätter, Monatsblätter und Radiostationen sind nebeneinander gestellt und
werden gleichwertig behandelt. Warum sollte man zufällig in der Fußgängerzone
Heilbronns vorüberhastende Menschen auch zu stark mit differenzierenden Fragen
belästigen, wenn es auch schlicht und unvollständig geht? Nur sollten die
Studenten und ihr Professor ihr Ergebnis nicht mit einer wissenschaftlichen
Studie verwechseln. Mit einer repräsentativen Umfrage hat die Zufallsbefragung
darüber hinaus schon gar nichts zu tun. Ergreifend und erschütternd in seiner
Schlichtheit war auch folgender Abschlußsatz in der Seminararbeit: „Die Stadtbewohner informieren sich
allgemein weniger über die Angebote als die Bewohner des Landkreises.“ So
kann ich auch getrost diese Arbeit zu all den anderen über die Stadt Heilbronn
legen, die teuer waren und kaum Erkenntnisse vermittelt hatten. Wie sagte doch
ein Werbefachmann: „Wir benötigen für die Zukunft schlagkräftige und
nachvollziehbare Aussagen über die Wirkung von Medien im Unterland und der
Region.“ Die Künzelsauer Studenten haben sie nicht geliefert. Vielleicht
demnächst Heilbronner FH-Studenten?
Uni
in Heilbronn – vergeigt?
Hat
Heilbronn nun – oder hat es nicht? Anders gefragt: Hat die Präsidentin oder hat sie nicht. Im
Neckar Express der letzten Woche lautete die Überschrift: „Halbherzig –
Universität für Heilbronn – vergeigt?“
Die Professorin Heide Ziegler,
Präsidentin der „International University Bruchsal“, hatte gesagt: „Wenn
Heilbronn ernsthaftes Interesse gehabt hätte, wären wir jetzt dort.“ Verblüfft
fragten zwei Journalisten nach, ob die Professorin da nicht etwas verwechsle.
Nein, antwortete sie bestimmt. Heilbronn hätte zwar Gebäude für die Bildungseinrichtung
angeboten. Die geforderte finanzielle Unterstützung konnte Heilbronn aber nicht
zusichern. Mit der Privat-Uni, das „Stuttgart Institute for Management and
Technology“ (SIMT), für die Heilbronn 20 Millionen Mark hinlegen wollte, hätte
ihre Aussage bezüglich Heilbronn gar nichts zu tun. Entscheidend wäre gewesen,
daß der Bruchsaler Oberbürgermeister Bernd
Doll (CDU) in Los Angeles Kontakte geknüpft habe. Innerhalb weniger Tage
hatte Doll dann auch Sponsoren aus der Wirtschaft von der Notwendigkeit der
Bruchsaler Uni überzeugt und 4,5 Millionen Mark eingesammelt. Damit hatte Doll
gewonnen, meinte die Professorin Heide Ziegler. Heilbronn hätte mit einer
solchen Summe nicht aufwarten können. Jetzt will die Professorin offenbar
nichts mehr von ihren Aussagen gegenüber den zwei Journalisten wissen. Sie
hätte Heilbronn nur am Rande erwähnt. Nie hätte sie die beiden Städte Bruchsal
und Heilbronn kurz vor der Eröffnung ihrer Uni gegeneinander ausgespielt. Wer
hat nun recht? Oder wen falsch verstanden? Die Stadt Heilbronn hatte zunächst
verblüfft und ratlos auf den Artikel im Neckar Express reagiert. Am Montag
dieser Woche jedoch teilte sie mit: „Die Stadt Heilbronn hat frühzeitig ein
Gesprächsangebot in Bezug auf die Einrichtung einer Privat-Uni in Heilbronn
gemacht, das nicht nur die Grundstücksfrage, sondern auch finanzielle
Unterstützung beinhaltete. Umso unverständlicher sind die vom Neckar Express
zitierten Worte von Präsidentin Ziegler, Heilbronn habe kein echtes Interesse
gezeigt.“ Das Dementi der Präsidentin
vom Wochenende sei daher nur folgerichtig, meint die Stadt. Trotzdem bleibt
als Tatsache festzuhalten: Bruchsal hat offensichtlich das bessere Angebot
gemacht und den Zuschlag erhalten. Heilbronn hatte das Nachsehen.
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