Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 09.09.1998



Wahlkampf-Humor?
Früher waren die Spaßmacher und Kabarettisten einfach links – und nannten sich Intellektuelle. Links stimmte. Aber intellektuell? Das war ein wenig hochstaplerisch. Seit Harald Schmidt aber hat sich alles gewandelt. Deutschlands Humor ist heftiger und deftiger geworden – und teilt nach allen Seiten aus. Witze werden jetzt über linke, rechte, liberale oder andere Politiker gerissen. Egal wer vor die Humor-Flinte kommt. Und das ist auch gut so. Beim Fernsehsender RTL hieß es in der Witze-Sendung „Sieben Tage, sieben Köpfe“: „Warum hat Oskar Lafontaine ein reines Gewissen? Weil es noch unbenutzt ist!“ – Oder: „Schröder und Fischer sitzen in einem sinkenden Boot. Wer wird gerettet? – Deutschland!“ Auch die FDP kriegt ihr Fett ab: „Was ist der Unterschied zwischen Kinkel, Graf Lambsdorff und Westerwelle? – Graf Lambsdorff kann nicht die Wahrheit sagen, Kinkel nicht die Unwahrheit, und Westerwelle kennt den Unterschied nicht.“  – Und  über den SPD-Kanzlerkandidaten heißt es: „Schröder tut sehr viel für sein äußeres Erscheinungsbild. Deshalb hat er jetzt auch Doris Köpf aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.“ – Und noch eins drauf: „Schröder ist ja selber schuld – wenn der immer seine Monica Lewinskys sofort heiraten muß ...“  Aus Zeitschriften kennen wir ja schon, daß Poltikern in Bildern Sprüche unterlegt werden, die sie so nie getan haben. Jetzt wird im Fernsehen den Filmausschnitten ein Text unterlegt – sozusagen der gesprochene Witz. Beispiel aus Sat1, „Die Wochenshow“. Zu sehen ist der SPD-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Rudolf Scharping, am Rednerpult.  „Also ich muß jetzt auch mal was gestehen. Ich habe ebenfalls eine unangemessene und unschickliche Beziehung. Und zwar zu meinem Fahrrad.“ – Helmut Kohl auf der Regierungsbank: „Hihi, die alte Sau! Das gibt’s doch gar nicht.“ – Scharping: „Ja. Was sollte ich auch machen. Schließlich war der Sattel noch nicht montiert.“ Ganz schlimm und nicht mehr witzemäßig scheint mir jene Geschichte aus dem fiktiven Tagebuch des CDU-Generalsekretärs Peter Hintze zu sein, die da bei Sat1 lautet: „Mittwochs ist immer Arschkriecher-Tag. Da habe ich rumgeschleimt bis Sonnenuntergang.“ Mir scheint, das geht dann bei manchen Fernseh-Schreibern nach dem schlichten Motto: Witz komm’ raus, oder ich schlag’ dich. Gleichzeitig haben aber all diese Witze eine angelsächsische Komponente. Und eine Prise Anarcho. Aber gottseidank sind jene Zeiten vorbei, in denen als Humor galt, wenn konservative Politiker auf die Schippe genommen wurden. Wenn linke Politiker angeschossen wurden, galt das ja gleich als Beleidigung. Bisher. Jetzt sind alle gleich. Gottseidank.     

 Wahl-Deuter oder Börse?
Bei den Meinungsforschern und ihren Prognosen ist Vorsicht geboten. Die Landtagswahlen der letzten Monate und Jahre haben uns das gelehrt. Derzeit liegt im Durchschnitt aller Umfragen die SPD bei 41 Prozent, die CDU/CSU bei 38 Prozent, die FDP bei fünf Prozent, die Grünen bei sieben Prozent, die PDS bei vier Prozent und Sonstige bei fünf Prozent. Vier deutsche und eine amerikanische Universität haben zur Bundestagswahl am 27. September 1998 eine Wahlbörse eingerichtet. In den Vereinigten Staaten hatten bei Wahlen derartige Börsen das Wahlergebnis weitaus exakter vorausgesagt als alle Meinungsumfragen. Zum Beispiel das Wahlergebnis für den US-Präsidenten George Bush war von den Börsianern genau „ausgehandelt“ worden.  Dabei werden die Aktien der Parteien börsentäglich gehandelt. Sie geben dann die Einschätzung der Börsianer über den Wahlausgang wieder. Börsianer sind dabei Studenten, Wissenschaftler, Leser von großen Zeitungen, die sich gegen eine Gebühr bei der Börse als Händler anmelden. Federführend bei der Wahlbörse 98 für die kommende Bundestagwahl ist die Martin Luther Universität in Halle: Außerdem arbeiten an der Wahlbörse mit: die Gesamthochschule Essen, die Technische Universität Dresden, die Humboldt Universität Berlin und die Universität von Iowa USA. Derzeitiger Stand der Wahlbörse (8. September): die SPD hat 38,56 Prozent, die CDU/CSU hat 35,61 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen haben 8,44 Prozent, die FDP hat 6,0 Prozent, die PDS 4,78 und Sonstige kommen auf 6,60 Prozent. Mitmachen bei der Wahlbörse kann jeder, der einen Internet-Anschluß besitzt, mit seiner Anmeldung eine Eingangsgebühr zahlt und mit dem ihm zugewiesenen Codewort sich dann als Händler sich einklinken kann. Im Vergleich zum letzten Wahlergebnis scheint mir das Zwischenergebnis der Börse der Stimmung in der Bevölkerung näher zu sein als uns die Umfrageergebnisse der Wahlforscher verdeutlichen. Der Neckar Express wird jetzt jede Woche den aktuellen Stand der Wahlbörse ’98  veröffentlichen. Mal sehen wer näher dran war. Am Montag, den 28. September 1998, wissen wir es genau.   

Grausame Bilder
Letzte Woche flimmerten grausame Bilder auf den verschiedensten Kanälen via Fernsehen in deutsche Wohnstuben. In der Kongo-Hauptstadt Kinshasa wurde ein Reporterteam der Agentur Reuters von Soldaten durch die Stadt geführt. Und vor den Augen der Fernsehleute wurden Menschen verbrannt, angeblich Rebellen, wurde ein junger Mann von Soldaten über ein Brückengeländer in ein sechs bis sieben Meter darunter befindliches flaches Flußbett geworfen. Als der Schwerverletzte sich aus dem Wasser ziehen wollte, exekutierten die Soldaten von der Brücke aus mit Maschinengewehren den Wehrlosen. Grausame Bilder in der ZDF-Heute-Sendung um 19 Uhr. Aber nicht nur dort. Auch viele andere Sender, im In- und Ausland, zeigten diese schrecklichen Bilder. Es hagelte heftige Proteste. Daß grausame Diktatoren, aber auch andere Mächtige auf unserer Welt, das Fernsehen als Transportmittel für ihre Propagandazwecke benutzen, das wissen wir ja schon seit langem. Siehe Golfkrieg. In der ARD wurde am selben Abend noch verbreitet, daß die Regierungstruppen im Kongo der Welt und den Rebellen mit den Fernsehbildern zeigen wollten, daß man die Lage im Griff habe und wie mit Gegnern umgegangen werde. Übrigens: Den hocherhobenen deutschen Zeigefinger in Richtung Afrika zu strecken, das wirkt bei der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert mit den zwei grausamen Diktaturen ein wenig seltsam. Um die hochkomplizierte Geschichte der verschiedenen afrikanischen Länder hatten wir uns in unserer beständigen Nabelschau ja wenig gekümmert. Damit können keine Bürgerkriege und Völkermorde in Afrika entschuldigt werden. Auch nicht der europäischen Kolonialzeit. Wir müssen nur begreifen, daß die sich in Europa in den letzten zweihundert Jahren herausgebildete politische Kultur nicht auf die afrikanischen Länder und Völkerstämme übertragbar ist. Die Frage ist nur: Muß unser Fernsehen das mörderische Treiben in den afrikanischen Ländern uns allabendlich detailliert servieren. Heizt man mit den in ihrer Beiläufigkeit banalen Hinrichtungsbildern nicht eher die dumpfe Gewaltbereitschaft ganz bestimmter Gruppen  bei uns an? Vielleicht auch den Rassen- und Ausländerhaß? Sicher ist: Schützen können sich Zuschauer vor diesen Bildern nicht. Werden sie im deutschen Fernsehen nicht gezeigt, dann eben auf anderen Kanälen. Und vielleicht sogar demnächst im Internet.        

Krude Umfrage
Wer fragt, der bekommt Antworten – kluge und dumme. Oder keine. Bei Umfragen, vor allem jetzt in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes, sind viele Politiker begierig darauf, genau zu wissen, was die Wähler über sie denken und wen sie am 27. September wählen wollen. Viele Antworten der Meinungsforscher sind voller Widersprüche und sehr unterschiedlich. Auch Studenten befragen die Menschen gern. Vor allem für ihre Seminararbeiten. Da macht es sich dann gut, wenn in Diagrammen mit ihren vielen großen und kleinen bunten Balken Statistik angedeutet wird – möglichst in Prozentzahlen. Neulich blätterte ich in einer Arbeit mit dem Titel „Seminararbeit Aktuelle Fragen im Kultur- und Freizeitmanagement“ im Sommersemester 1998 an der Fachhochschule Heilbronn/Standort Künzelsau bei einem Professor Dr. Hermann-Josef Kiel, vorgelegt von sechs BWL-Studenten. Auftraggeber sind die Heilbronner Kaufleute und der Heilbronner Verkehrsverein. Befragt wurden von den Studenten 400 Passanten in der Fußgängerzone und 50 Händler in der Innenstadt Heilbronns. Fragenauswahl, Fragetechnik und Frageüberprüfung bei dieser Umfrage: recht ungewöhnlich. Eine Frage lautete zum Beispiel: „Wie informieren Sie sich über Aktionen und Angebote in der Innenstadt?“ Als Antwortmöglichkeiten gab es Mund-zu-Mund-Propaganda und verschiedene Medien in Heilbronn. Aufgeführt wurde da ein Szeneblatt, das gar nicht mehr auf den Markt ist. Oder: es wurden in der Aufzählung Publikationen mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren pro Woche schlicht vergessen – auch die vielen Ortsblätter im Unterland. Tageszeitungen, Wochenblätter, Monatsblätter und Radiostationen sind nebeneinander gestellt und werden gleichwertig behandelt. Warum sollte man zufällig in der Fußgängerzone Heilbronns vorüberhastende Menschen auch zu stark mit differenzierenden Fragen belästigen, wenn es auch schlicht und unvollständig geht? Nur sollten die Studenten und ihr Professor ihr Ergebnis nicht mit einer wissenschaftlichen Studie verwechseln. Mit einer repräsentativen Umfrage hat die Zufallsbefragung darüber hinaus schon gar nichts zu tun. Ergreifend und erschütternd in seiner Schlichtheit war auch folgender Abschlußsatz in der Seminararbeit: „Die Stadtbewohner informieren sich allgemein weniger über die Angebote als die Bewohner des Landkreises.“ So kann ich auch getrost diese Arbeit zu all den anderen über die Stadt Heilbronn legen, die teuer waren und kaum Erkenntnisse vermittelt hatten. Wie sagte doch ein Werbefachmann: „Wir benötigen für die Zukunft schlagkräftige und nachvollziehbare Aussagen über die Wirkung von Medien im Unterland und der Region.“ Die Künzelsauer Studenten haben sie nicht geliefert. Vielleicht demnächst Heilbronner FH-Studenten?   

Uni in Heilbronn – vergeigt?
Hat Heilbronn nun – oder hat es nicht? Anders gefragt:  Hat die Präsidentin oder hat sie nicht. Im Neckar Express der letzten Woche lautete die Überschrift: „Halbherzig – Universität für Heilbronn – vergeigt?“  Die Professorin Heide Ziegler, Präsidentin der „International University Bruchsal“, hatte gesagt: „Wenn Heilbronn ernsthaftes Interesse gehabt hätte, wären wir jetzt dort.“ Verblüfft fragten zwei Journalisten nach, ob die Professorin da nicht etwas verwechsle. Nein, antwortete sie bestimmt. Heilbronn hätte zwar Gebäude für die Bildungseinrichtung angeboten. Die geforderte finanzielle Unterstützung konnte Heilbronn aber nicht zusichern. Mit der Privat-Uni, das „Stuttgart Institute for Management and Technology“ (SIMT), für die Heilbronn 20 Millionen Mark hinlegen wollte, hätte ihre Aussage bezüglich Heilbronn gar nichts zu tun. Entscheidend wäre gewesen, daß der Bruchsaler Oberbürgermeister Bernd Doll (CDU) in Los Angeles Kontakte geknüpft habe. Innerhalb weniger Tage hatte Doll dann auch Sponsoren aus der Wirtschaft von der Notwendigkeit der Bruchsaler Uni überzeugt und 4,5 Millionen Mark eingesammelt. Damit hatte Doll gewonnen, meinte die Professorin Heide Ziegler. Heilbronn hätte mit einer solchen Summe nicht aufwarten können. Jetzt will die Professorin offenbar nichts mehr von ihren Aussagen gegenüber den zwei Journalisten wissen. Sie hätte Heilbronn nur am Rande erwähnt. Nie hätte sie die beiden Städte Bruchsal und Heilbronn kurz vor der Eröffnung ihrer Uni gegeneinander ausgespielt. Wer hat nun recht? Oder wen falsch verstanden? Die Stadt Heilbronn hatte zunächst verblüfft und ratlos auf den Artikel im Neckar Express reagiert. Am Montag dieser Woche jedoch teilte sie mit: „Die Stadt Heilbronn hat frühzeitig ein Gesprächsangebot in Bezug auf die Einrichtung einer Privat-Uni in Heilbronn gemacht, das nicht nur die Grundstücksfrage, sondern auch finanzielle Unterstützung beinhaltete. Umso unverständlicher sind die vom Neckar Express zitierten Worte von Präsidentin Ziegler, Heilbronn habe kein echtes Interesse gezeigt.“ Das Dementi der Präsidentin vom Wochenende sei daher nur folgerichtig, meint die Stadt. Trotzdem bleibt als Tatsache festzuhalten: Bruchsal hat offensichtlich das bessere Angebot gemacht und den Zuschlag erhalten. Heilbronn hatte das Nachsehen.

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