Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 14.01.1998



Nicht jeder, der schreibt, ist ein Dichter
Heilbronn hat endlich seinen Literaturclub. Der neugegründete Literarische Verein Heilbronn will das literarische Leben in der Stadt, im Landkreis und in der Region Heilbronn fördern. Und dazu benötigt er selbstverständlich Fördermittel. Das ist ja schließlich auch das Ziel, wenn in Deutschland ein Verein gegründet wird. Aber mit den Lesungen für jedermann und -jederfrau hat der Verein so seine Schwierigkeiten, denn Literatur heißt ja schließlich, mit Sprache auf einem bestimmten Level umzugehen, meint der Vorsitzende und Lehrer Alexander Bertsch (57), der in seiner Freizeit auch noch Autor ist. In der Literatur nämlich müssen Probleme unserer Zeit umgesetzt - und im wahrsten Sinne des Wortes verdichtet werden. Naja, da lob’ ich mir die angelsächsische Tradition. Dort wird zunächst einmal das Schreiben als Handwerk gelehrt. Und die Handhabung der Formen wird ebenfalls gepaukt. Auch der Stil muß erlernt werden und fällt nicht vom Himmel – wie Manna in das offene Maul des Genies. Deshalb ist im Verein das Poetry-Café umstritten. Um sich nicht von Hobby-Literaten nerven zu lassen, stehen jetzt drei Vereinssäulen: Lesungen, wissenschaftliche Vorträge und literarisch-musikalische Treffen. Nun ist das nicht neu. Noch heute werden in kleineren Gemeinden vom Lehrer, Pfarrer und Organisten solche Literaturzirkel gepflegt, ohne daß sich einer von denen- auch wenn er schon Büchlein verfaßt hat - als Autor oder gar als Literat begreifen würde. Aber so ist das halt mit unseren Pädagogen: So mancher, der Kunst unterrichtet und nebenher auch noch malt, meint ja, er sei ein verkannter Picasso; und andere, die ihre Gelegenheitsdichtung im Selbstverlag herausbringen, vergleichen sich gelegentlich gar mit Heine oder Hölderlin. Ich finde es ja wirklich amüsant, hilfreich und auch entlastend, sich den Alltag von der Seele zu schreiben. Aber ist das auch schon Literatur? Selbst ein, zwei Büchlein auf dem Markt, die sich munter verkaufen, müssen noch nicht von literarischer Größe zeugen. Menschen, die als Autoren ihr Brot verdienen müssen, wissen von der Mühe mit dem geschriebenen Wort. Wer jedoch als Beamter sein Hobby in Volkshochschulen und in Cafés seine Ergüsse zum Besten gibt, den braucht es nicht kümmern, ob er damit seine Familie ernähren kann. Die beste Literatur, Musik und Kunst entsteht immer noch dort, wo Können und Markt darüber entscheiden, was erfolgreich ist. Alimentierte Künstler haben uns in den deutschen Diktaturen ja hinlänglich bewiesen, daß ihre Werke den frischen Wind der Freiheit nicht vertragen. Siehe DDR und Nazi-Deutschland. Musik, Literatur und bildende Kunst, die Wert und Bestand haben, sind in diesem Jahrhundert fast ausschließlich in der Freiheit unserer westlichen Welt entstanden. Und wenn in der Diktatur – dann der Freiheit verpflichtet. Verlogene Elogen stinken. Immer.     

Komische Kunstköpfe
Die „Brückenköpfe“ des Künstlers Bernhard links und rechts der Friedrich-Ebert-Brücke stehen immer noch. Sie waren ja auch teuer genug. Nicht nur beide Stahlfinger rund 247.000 Mark gekostet haben, auch die vorhandenen Sockel für mußten abgetragen werden.  Das kostete sehr viel (Steuer-)Geld. Und die am Wettbewerb teilnehmenden Künstler haben auch noch ihren Anteil erhalten – tausende von Mark. Der Streit jedoch wogt weiter. Einerseits werden die Brückenköpfe schlicht als häßlich, nichtssagende Machwerke abgelehnt. Andererseits setzen die Kunstkenner auf Zeit und argumentieren sublim. Der Künstler Bernhard habe gesucht. Und gefunden habe er, was unter der glatten Oberfläche verborgen ist – das Merkmal unserer Welt: Mangelhaftigkeit und Vergänglichkeit. Der Künstler tröste uns nicht mit Schönheit und Harmonie, sondern konfrontiere uns mit deren Verlust. Sagt eine promovierte SPD-Stadträtin. Man kann es auch umdrehen. Nach seiner Suche hat der Künstler unter der zerklüfteten Oberfläche unserer chaotischen Welt ewige Werte gefunden: Vollkommenheit und die Ewigkeit. Nicht mit der alltäglichen Häßlichkeit und Unordnung konfrontiert er uns, sondern mit deren Gegenteil tröstet er uns. Und schon hätten wir ein neues Kunstwerk, das nicht gegenständlich sein muß. Es gibt in der Kunst der vergangenen Jahrhunderte miserable, schlechte Kunstwerke, so wie es sie heute in der Moderne ebenfalls gibt. Nur trauen sich Zeitgenossen nicht, zu sagen, was sie schlecht und was sie gut finden. Vor allem bei moderner Kunst. Lieber wird alles mit verständnisvoller Soße übergossen, die Zeit und der Markt werden dann schon regeln, ob diese oder jene Kunst überlebt. Sagen sich die Opportunisten. Und liegen damit immer richtig. Man kann ihnen ja nie nachweisen, ein Fehlurteil gesprochen zu haben. Erst diese Woche  sah ich im Fernsehen einen Bericht über Bilder, auf die ein Maler seine Farb-Tuben ausgedrückt hatte. Malen werde hier als Prozeß sichtbar gemacht, verkündete der Reporter. Die Bilder seien an ihrer Oberfläche schon Skulptur. Und der Kommentar des Künstlers: „Ich wachse aus der Kunstgeschichte heraus.“ –  Sowas auch! Ich erinnere mich da an eine Fünfjährige, deren Mutter die Bilder des Mädchens, die vorher in der Küche hingen, rahmen ließ und zu einem Wettbewerb einschickte. Schöne Bilder. Eines gewann des ersten Preis im Wettbewerb und wurde mit blumigen Worten aus der Intellelli-Kiste bedacht. Helles Entsetzen jedoch als das Alter der Preisträgerin bekannt wurde. Warum eigentlich? In einer Zeit der Verachtung des handwerklichen Könnens in der Kunst ist es doch normal, daß jeder ein Künstler ist. Oder etwa nicht?  

1998: BB-Jahr
Jahrzehntelang wurden Schüler mit den Werken des Augsburger Schriftstellers Bertolt Brecht geplagt. In diesem Jahr feiert die Kulturschickeria in den Feuilletons und den Literaturprogrammen öffentlich-rechtlicher Sender die Werke des Schwaben. Seine Theaterstücke konnte Brecht nach dem zweiten Weltkrieg in Ostberlin in einem eigens für ihn bereitgestellten Theater (am Schiffbauerdamm) aufführen – und auch nach seinem Tode wurde dieses Haus wie Richard Wagners Bayreuth gehegt und gepflegt. Brecht selber war allerdings nach seiner Rückkehr aus der Emigration in die USA nicht wieder deutscher Staatsbürger, sondern Österreicher geworden – und seinen Verlag suchte er beim Klassenfeind in Westdeutschland. Bekannt war der Sozialist dafür, daß er seine Schriften gut und teuer an den Mann oder die Frau bringen konnte. Feind war für ihn der kapitalistische Westen. Seine Freunde und Förderer jedoch waren die Kommunisten in der DDR und in der Sowjetunion. Im Westen machte ihn die linke Propaganda zum großen Humanisten, zum multinationalen Liberalen. In der DDR schickte er nach dem blutigen Arbeiteraufstand 1953 Ergebenheitsadressen an Walter Ulbricht und sah die diktatorische SED einig mit dem deutschen DDR-Volk. Auch beim Empfang des Stalin-Preises in Moskau beugte er tief das Knie und lobte die diktatorische Sowjetunion. Nicht der Nobel-Preis, nein, dieser Stalin-Preis war für Brecht der höchste Preis auf Erden, den man als Dichter erhalten konnte. – Wir sind heute sehr skeptisch, wenn Dichter, Schauspieler und Musiker sich von Diktatoren aushalten lassen. In Frankreich hat man einige kollaborierende Dichter gleich nach Kriegsende erschossen. Soweit ging man im Nachkriegsdeutschland nicht. Aber befragen darf man solche Mitläufer durchaus. Ob sie bei den Nazis Hymnen auf die Schlächter geschrieben oder unter den Kommunisten Lobgesänge auf Stalin abgesondert haben. Feststellen können wir: Der Dichter Brecht hat sich nicht vehement für die Menschenrechte eingesetzt, nicht für die Bedrängten und Verfolgten unter dem mörderischen Regime der Kommunisten. Auch das muß jetzt am einhundertsten Todestag auf den Tisch. Unsere Kinder sollen schließlich nicht zu Verehrern von Diktatur-Propagandisten erzogen werden. Auch wenn so manchem das nicht in den Kram paßt.

Es b(r)aut sich was zusammen
Freitag, 9. Januar 1998. Dieses Datum könnte als ein denkwürdiges in die junge Geschichte des Heilbronner Eishockey-Clubs eingehen. Mit einem sauberen 5:0 entzauberten die Heilbronner Falken beim Start in die Bundesliga die Essener Moskitos. Sportpalast-Stimmung! Die Fans auf der Gegengeraden übertrafen sich mit Sprechchören gegenseitig. “Weinmann, bau das Stadion aus“, war einer von vielen lautstark geschmetterten Sprüchen. Der Heilbronner Oberbürgermeister hörte es – und hatte Verständnis für die Falken-Fans. Denn unmittelbar vor Spielbeginn hatten sich Dr. Manfred Weinmann und seine Mitarbeiter, Hochbauamtschef Dirk Vogel und Stadtkämmerei-Amtsvorstand Helmut Kraiss, von der HEC-Führung über deren Vorstellungen für den Stadionumbau unterrichten lassen. Am „runden“ HEC-Tisch im VIP-Raum saßen auch die Stadträte und Eishockeyfans Richard Drautz (FDP-Landtagsabgeordneter), Harry Mergel und Sibylle Mösse-Hagen (SPD). HEC-Vorsitzender und Eislaufstadion-Gesellschafter Dieter Rahmer bestätigte: „Wenn sich neue Investoren melden, werden diese gerne in unsere GbR aufgenommen.“ Die Halle wurde Ende der siebziger Jahre von privaten Gesellschaftern auf dem städtischen Grundstück (Erbpacht) erbaut. Die Stadt gab zu diesem Neubau damals einen Kredit von 850.000 Mark. Die Rechtsanwälte Christian Kießelbach und Harald Krusenotto, seit einiger Zeit Berater der HEC-Vorstandschaft, Manager Ernst Rupp und Schatzmeister Dieter Wolf erläuterten die Vorstellungen des Erfolgsvereins: Mit dem Einstieg zusätzlicher Investoren könnte der vom Architekten Jürgen Pils im Auftrag der Stadt erstellte Erweiterungsplan realisiert werden: Ausbau von 2.000 auf 3.172 Plätze, Kosten 2,1 Millionen Mark. Freier Journalist Siegfried Schilling, der die Verhandlungen zwischen HEC, GbR, Gemeinderat, Oberbürgermeister und Stadtverwaltung koordiniert: „Gemeinderat und Verwaltung sollten sich jetzt für eine schnelle Lösung einsetzen, so daß im April der Ausbau gestartet werden kann und dieser dann bis zur neuen Saison vollendet ist.“ - Der Erweiterungsbau kann parallel mit dem benachbarten Parkhaus vollzogen werden. Die Verhandlungen zwischen allen Beteiligten werden in der kommenden Woche fortgesetzt.

Kurseinbrüche
Können Sie sich noch daran erinnern, wie Wirtschaftspolitiker und Manager uns predigten, daß wir nach China und in die anderen Tigerstaaten Asiens schauen sollten. Dort werde die Zukunft des neuen Industriezeitalters gebaut. Nur wenige Wochen reichen aus, um all diese Versprechungen und Heilserwartungen zunichte zu machen. Mich erinnert das an jene Ideologen, die noch Ende der achtziger Jahre der kommunistischen Welt mit allerlei verdrehten Argumentationsketten die goldene Zukunft voraussagten. Auch an jene Linken, die meinten, es genügten ein paar Reformen à la Gorbatschow, dann werde das Reich der Zuversicht schon seinen gesunden, humanen Weg finden – denn schließlich sei ja dort der Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit entschieden. Die rund 100 Millionen Toten in diesem Jahrhundert störten da nicht, die der Kommunismus zu verantworten hat. Da störte der Völkermord in Kambodscha auch nicht, bei dem zwei Millionen von sieben Millionen Menschen abgeschlachtet wurden. Man hatte ja die bessere Idee auf seiner Seite. Und da stören bekanntlich Tote nicht. Denn wo gehobelt wird, fällt schließlich auch Späne. Selbst Philosophen wie Jean-Paul Sartre besuchten die Sowjetunion, jubelten danach, daß es keine poltischen Gefangenen mehr gäbe, während Alexandr Solschenizyn im Gulag saß. Aber das gehört zur Schande der linken Intellektuellen in diesem Jahrhundert. Nur sollten jetzt jene, die den Kapitalismus ideologisieren, sich hüten. Die Krise in den Tigerstaaten zeigt, wohin es führt, wenn man eine Argumentation auf Ideologie und Sand aufbaut. Zukunftsgläubig herum zu schwadronieren ist eine Sache, klare, nüchterne und sachliche Analysen vorzulegen eine ganz andere. Nun zeigt sich, daß der Standort Deutschland doch weitaus solider ist, als uns manche nur aufs Geld schauenden Manager weismachen wollten. Werden sie in ihren eigenen Firmen für ihre falschen Prognosen zur Verantwortung gezogen? Schließlich soll verantwortliches Handeln auch Konsequenzen nach sich ziehen. Aber die Realität sieht auch hier ganz anders aus. 

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