Nicht
jeder, der schreibt, ist ein Dichter
Heilbronn
hat endlich seinen Literaturclub.
Der neugegründete Literarische Verein
Heilbronn will das literarische Leben in der Stadt, im Landkreis und in der
Region Heilbronn fördern. Und dazu benötigt er selbstverständlich Fördermittel.
Das ist ja schließlich auch das Ziel, wenn in Deutschland ein Verein gegründet
wird. Aber mit den Lesungen für jedermann und -jederfrau hat der Verein so
seine Schwierigkeiten, denn Literatur heißt ja schließlich, mit Sprache auf
einem bestimmten Level umzugehen, meint der Vorsitzende und Lehrer Alexander Bertsch (57), der in
seiner Freizeit auch noch Autor ist. In der Literatur nämlich müssen Probleme
unserer Zeit umgesetzt - und im wahrsten Sinne des Wortes verdichtet werden.
Naja, da lob’ ich mir die angelsächsische
Tradition. Dort wird zunächst einmal das Schreiben als Handwerk gelehrt. Und die Handhabung der Formen wird ebenfalls gepaukt. Auch der
Stil muß erlernt werden und fällt
nicht vom Himmel – wie Manna in das offene Maul des Genies. Deshalb ist im
Verein das Poetry-Café umstritten.
Um sich nicht von Hobby-Literaten
nerven zu lassen, stehen jetzt drei Vereinssäulen: Lesungen, wissenschaftliche
Vorträge und literarisch-musikalische
Treffen. Nun ist das nicht neu. Noch heute werden in kleineren Gemeinden
vom Lehrer, Pfarrer und Organisten
solche Literaturzirkel gepflegt, ohne daß sich einer von denen- auch wenn er
schon Büchlein verfaßt hat - als Autor oder gar als Literat begreifen würde.
Aber so ist das halt mit unseren
Pädagogen: So mancher, der Kunst unterrichtet und nebenher auch noch malt,
meint ja, er sei ein verkannter Picasso;
und andere, die ihre Gelegenheitsdichtung im Selbstverlag herausbringen,
vergleichen sich gelegentlich gar mit Heine oder Hölderlin. Ich finde es ja
wirklich amüsant, hilfreich und auch entlastend, sich den Alltag von der Seele zu schreiben. Aber ist das auch schon
Literatur? Selbst ein, zwei Büchlein auf dem Markt, die sich munter verkaufen,
müssen noch nicht von literarischer Größe zeugen. Menschen, die als Autoren ihr
Brot verdienen müssen, wissen von der Mühe mit dem geschriebenen Wort. Wer
jedoch als Beamter sein Hobby in
Volkshochschulen und in Cafés seine Ergüsse zum Besten gibt, den braucht es
nicht kümmern, ob er damit seine Familie ernähren kann. Die beste Literatur,
Musik und Kunst entsteht immer noch dort, wo Können und Markt darüber
entscheiden, was erfolgreich ist. Alimentierte
Künstler haben uns in den deutschen Diktaturen ja hinlänglich bewiesen, daß
ihre Werke den frischen Wind der
Freiheit nicht vertragen. Siehe DDR und Nazi-Deutschland. Musik, Literatur
und bildende Kunst, die Wert und Bestand haben, sind in diesem Jahrhundert fast
ausschließlich in der Freiheit unserer westlichen Welt entstanden. Und wenn in
der Diktatur – dann der Freiheit verpflichtet. Verlogene Elogen stinken. Immer.
Komische
Kunstköpfe
Die
„Brückenköpfe“ des Künstlers Bernhard links und rechts der
Friedrich-Ebert-Brücke stehen immer noch. Sie waren ja auch teuer genug. Nicht
nur beide Stahlfinger rund 247.000 Mark
gekostet haben, auch die vorhandenen Sockel für mußten abgetragen werden. Das kostete sehr viel (Steuer-)Geld. Und die
am Wettbewerb teilnehmenden Künstler haben auch noch ihren Anteil erhalten –
tausende von Mark. Der Streit jedoch wogt weiter. Einerseits werden die Brückenköpfe schlicht als häßlich, nichtssagende
Machwerke abgelehnt. Andererseits setzen die Kunstkenner auf Zeit und
argumentieren sublim. Der Künstler Bernhard habe gesucht. Und gefunden habe er,
was unter der glatten Oberfläche verborgen ist – das Merkmal unserer Welt:
Mangelhaftigkeit und Vergänglichkeit. Der Künstler tröste uns nicht mit Schönheit und Harmonie, sondern
konfrontiere uns mit deren Verlust. Sagt eine promovierte SPD-Stadträtin. Man kann es auch umdrehen. Nach seiner
Suche hat der Künstler unter der zerklüfteten Oberfläche unserer chaotischen
Welt ewige Werte gefunden: Vollkommenheit und die Ewigkeit. Nicht mit der
alltäglichen Häßlichkeit und Unordnung konfrontiert er uns, sondern mit deren
Gegenteil tröstet er uns. Und schon hätten wir ein neues Kunstwerk, das nicht
gegenständlich sein muß. Es gibt in der Kunst der vergangenen Jahrhunderte
miserable, schlechte Kunstwerke, so wie es sie heute in der Moderne ebenfalls
gibt. Nur trauen sich Zeitgenossen nicht, zu sagen, was sie schlecht und was
sie gut finden. Vor allem bei moderner Kunst. Lieber wird alles mit verständnisvoller Soße übergossen,
die Zeit und der Markt werden dann schon regeln, ob diese oder jene Kunst
überlebt. Sagen sich die Opportunisten. Und liegen damit immer richtig. Man
kann ihnen ja nie nachweisen, ein Fehlurteil gesprochen zu haben. Erst diese
Woche sah ich im Fernsehen einen Bericht
über Bilder, auf die ein Maler seine Farb-Tuben ausgedrückt hatte. Malen werde hier als Prozeß sichtbar
gemacht, verkündete der Reporter. Die Bilder seien an ihrer Oberfläche
schon Skulptur. Und der Kommentar des Künstlers: „Ich wachse aus der Kunstgeschichte heraus.“ – Sowas auch! Ich erinnere mich da an eine
Fünfjährige, deren Mutter die Bilder des Mädchens, die vorher in der Küche
hingen, rahmen ließ und zu einem Wettbewerb einschickte. Schöne Bilder. Eines
gewann des ersten Preis im Wettbewerb und wurde mit blumigen Worten aus der Intellelli-Kiste bedacht. Helles
Entsetzen jedoch als das Alter der Preisträgerin bekannt wurde. Warum
eigentlich? In einer Zeit der Verachtung des handwerklichen Könnens in der
Kunst ist es doch normal, daß jeder ein Künstler ist. Oder etwa nicht?
1998: BB-Jahr
Jahrzehntelang
wurden Schüler mit den Werken des Augsburger Schriftstellers Bertolt Brecht geplagt. In diesem Jahr
feiert die Kulturschickeria in den Feuilletons und den Literaturprogrammen
öffentlich-rechtlicher Sender die Werke des Schwaben. Seine Theaterstücke
konnte Brecht nach dem zweiten Weltkrieg in Ostberlin in einem eigens für ihn
bereitgestellten Theater (am Schiffbauerdamm) aufführen – und auch nach seinem
Tode wurde dieses Haus wie Richard Wagners Bayreuth gehegt und gepflegt. Brecht selber war allerdings nach
seiner Rückkehr aus der Emigration in die USA nicht wieder deutscher Staatsbürger, sondern Österreicher geworden – und seinen Verlag suchte er beim
Klassenfeind in Westdeutschland. Bekannt war der Sozialist dafür, daß er seine
Schriften gut und teuer an den Mann oder die Frau bringen konnte. Feind war für ihn der kapitalistische
Westen. Seine Freunde und Förderer jedoch waren die Kommunisten in der DDR
und in der Sowjetunion. Im Westen machte ihn die linke Propaganda zum großen Humanisten, zum multinationalen Liberalen. In der DDR schickte er
nach dem blutigen Arbeiteraufstand 1953 Ergebenheitsadressen an Walter Ulbricht und sah die
diktatorische SED einig mit dem deutschen DDR-Volk. Auch beim Empfang des Stalin-Preises in Moskau beugte er tief
das Knie und lobte die diktatorische Sowjetunion. Nicht der Nobel-Preis, nein,
dieser Stalin-Preis war für Brecht der
höchste Preis auf Erden, den man als Dichter erhalten konnte. – Wir sind
heute sehr skeptisch, wenn Dichter, Schauspieler und Musiker sich von
Diktatoren aushalten lassen. In Frankreich hat man einige kollaborierende Dichter gleich nach Kriegsende erschossen. Soweit
ging man im Nachkriegsdeutschland nicht. Aber befragen darf man solche
Mitläufer durchaus. Ob sie bei den Nazis Hymnen auf die Schlächter geschrieben
oder unter den Kommunisten Lobgesänge auf Stalin abgesondert haben. Feststellen
können wir: Der Dichter Brecht hat sich nicht vehement für die Menschenrechte
eingesetzt, nicht für die Bedrängten und Verfolgten unter dem mörderischen
Regime der Kommunisten. Auch das muß jetzt am einhundertsten Todestag auf den
Tisch. Unsere Kinder sollen schließlich nicht
zu Verehrern von Diktatur-Propagandisten erzogen werden. Auch wenn so
manchem das nicht in den Kram paßt.
Es b(r)aut sich was
zusammen
Freitag,
9. Januar 1998. Dieses Datum könnte als ein denkwürdiges in die junge
Geschichte des Heilbronner Eishockey-Clubs eingehen. Mit einem sauberen 5:0
entzauberten die Heilbronner Falken
beim Start in die Bundesliga die Essener Moskitos. Sportpalast-Stimmung! Die
Fans auf der Gegengeraden übertrafen sich mit Sprechchören gegenseitig. “Weinmann, bau das Stadion aus“, war
einer von vielen lautstark geschmetterten Sprüchen. Der Heilbronner
Oberbürgermeister hörte es – und hatte Verständnis für die Falken-Fans. Denn
unmittelbar vor Spielbeginn hatten sich Dr.
Manfred Weinmann und seine Mitarbeiter, Hochbauamtschef Dirk Vogel und
Stadtkämmerei-Amtsvorstand Helmut Kraiss,
von der HEC-Führung über deren Vorstellungen für den Stadionumbau unterrichten
lassen. Am „runden“ HEC-Tisch im VIP-Raum saßen auch die Stadträte und
Eishockeyfans Richard Drautz (FDP-Landtagsabgeordneter),
Harry Mergel und Sibylle Mösse-Hagen (SPD).
HEC-Vorsitzender und Eislaufstadion-Gesellschafter Dieter Rahmer bestätigte: „Wenn sich neue Investoren melden, werden
diese gerne in unsere GbR aufgenommen.“ Die Halle wurde Ende der siebziger
Jahre von privaten Gesellschaftern auf dem städtischen Grundstück (Erbpacht)
erbaut. Die Stadt gab zu diesem Neubau damals einen Kredit von 850.000 Mark.
Die Rechtsanwälte Christian Kießelbach
und Harald Krusenotto, seit einiger
Zeit Berater der HEC-Vorstandschaft, Manager Ernst Rupp und Schatzmeister Dieter
Wolf erläuterten die Vorstellungen des Erfolgsvereins: Mit dem Einstieg
zusätzlicher Investoren könnte der vom Architekten Jürgen Pils im Auftrag der Stadt erstellte Erweiterungsplan
realisiert werden: Ausbau von 2.000 auf 3.172 Plätze, Kosten 2,1 Millionen
Mark. Freier Journalist Siegfried
Schilling, der die Verhandlungen zwischen HEC, GbR, Gemeinderat,
Oberbürgermeister und Stadtverwaltung koordiniert: „Gemeinderat und Verwaltung
sollten sich jetzt für eine schnelle Lösung einsetzen, so daß im April der
Ausbau gestartet werden kann und dieser dann bis zur neuen Saison vollendet
ist.“ - Der Erweiterungsbau kann parallel mit dem benachbarten Parkhaus
vollzogen werden. Die Verhandlungen zwischen allen Beteiligten werden in der
kommenden Woche fortgesetzt.
Kurseinbrüche
Können
Sie sich noch daran erinnern, wie Wirtschaftspolitiker und Manager uns
predigten, daß wir nach China und in die anderen Tigerstaaten Asiens schauen
sollten. Dort werde die Zukunft des neuen Industriezeitalters gebaut. Nur
wenige Wochen reichen aus, um all diese Versprechungen und Heilserwartungen
zunichte zu machen. Mich erinnert das an jene Ideologen, die noch Ende der
achtziger Jahre der kommunistischen Welt mit allerlei verdrehten
Argumentationsketten die goldene Zukunft voraussagten. Auch an jene Linken, die
meinten, es genügten ein paar Reformen à
la Gorbatschow, dann werde das Reich der Zuversicht schon seinen gesunden,
humanen Weg finden – denn schließlich sei ja dort der Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit entschieden. Die rund
100 Millionen Toten in diesem Jahrhundert störten da nicht, die der Kommunismus
zu verantworten hat. Da störte der Völkermord in Kambodscha auch nicht, bei dem
zwei Millionen von sieben Millionen Menschen abgeschlachtet wurden. Man hatte
ja die bessere Idee auf seiner Seite. Und da stören bekanntlich Tote nicht.
Denn wo gehobelt wird, fällt schließlich auch Späne. Selbst Philosophen wie Jean-Paul Sartre besuchten die
Sowjetunion, jubelten danach, daß es keine poltischen Gefangenen mehr gäbe,
während Alexandr Solschenizyn im
Gulag saß. Aber das gehört zur Schande der linken Intellektuellen in diesem
Jahrhundert. Nur sollten jetzt jene, die den Kapitalismus ideologisieren, sich
hüten. Die Krise in den Tigerstaaten zeigt, wohin es führt, wenn man eine
Argumentation auf Ideologie und Sand aufbaut. Zukunftsgläubig herum zu schwadronieren
ist eine Sache, klare, nüchterne und sachliche Analysen vorzulegen eine ganz
andere. Nun zeigt sich, daß der Standort Deutschland doch weitaus solider ist,
als uns manche nur aufs Geld schauenden Manager weismachen wollten. Werden sie
in ihren eigenen Firmen für ihre falschen Prognosen zur Verantwortung gezogen?
Schließlich soll verantwortliches Handeln auch Konsequenzen nach sich ziehen.
Aber die Realität sieht auch hier ganz anders aus.
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