Rathausskandal
Nummer 2
Das
Stadtgespräch allenthalben ist der Rathausskandal Nummer zwei in Heilbronn.
Jetzt werden dank nichtgelieferter Briefhüllen keine überteuerten Rechnungen von jüdischen Zeitgenossen aus dem
Rheinland mehr bezahlt, sondern konkursreife Unterländer Firmen werden mit
Fehlüberweisungen unterstützt. Statt 140 Mark wurden rund 140.000 Mark
überwiesen. Die Gläubiger konnten sich freuen, wurde doch das ganze Geld munter
unter ihnen aufgeteilt. Schließlich kann ein Konkursverwalter oder eine
Sparkasse ja nichts für die Dämlichkeit von drei Heilbronner Prüfern, die jene
ordnungsgemäß ausgestellte Rechnung und die mit tausend multiplizierte
Überweisung des Geldbetrags als richtig und ordnungsgemäß abgezeichnet hatten. Derartige
Vorfälle soll es ja auch in recht ordentlich geführten Betrieben geben. Aber
wird eine solche Schlamperei dort aufgedeckt, dann wird storniert oder die mit
zuviel Geld bedachte Firma gebeten, den zuviel bezahlten Betrag zu überweisen –
back to the roots. Aber Heilbronn
besitzt ein besonderes Händchen. In der städtischen Verwaltung wurde der
Skandal-Vorgang erst nach einem halben Jahr entdeckt. Und außerdem pflegt man
auch noch Kontakte zu Firmen, die auf der Kippe stehen. Wäre da nicht der erste
Rathausskandal, dann könnte man die Sache als Ausrutscher abtun. So aber
bekommt die Schlampigkeit auf dem Rathaus das Markenzeichen „Bei uns so
üblich“. Vor allem im Hinblick auf die neue Organisationsstruktur, die von
vielen Seiten besonders hervorgehoben und gelobt wird. Und wieder stehen Personalrat und die Gewerkschaft ÖTV reichlich
blamiert da, die ja schon beim letzten Rathausskandal viel wedelten, um die
skandalösen Vorgänge schnell vergessen zu machen. Wichtig wäre mittlerweile,
reinen Tisch zu machen, die unhaltbaren Zustände bei den Verkehrsbetrieben, den
Städtischen Krankenanstalten und in der Verwaltung klar zu analysieren und
Schlüsse aus den Vorgängen zu ziehen, so daß der Geruch übler Kumpanei
verschwindet. Dazu bedarf es klarer Gedanken und keines sozialistischen Solidaritäts-Gefasels.
Freie
Demokraten
Die
Hochburg der Liberalen in der Bundesrepublik ist nach wie vor – aber vor allem
seit den letzten Landtagswahlen – in Baden-Württemberg. Fast zehn Prozent
hatten sie in die Scheuer gefahren und damit ihren Platz auf der Regierungsbank
in Stuttgart gesichert, nach dreißig Oppositionsjahren. Zu verdanken hat die
FDP/DVP diese starke Position im Lande ihrem Landesvorsitzenden Dr. Walter Döring aus Schwäbisch Hall,
jetzt Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident im christlich-liberalen Kabinett in Stuttgart.
Selbst wenn jetzt Landtagswahlen bei uns im Ländle stattfinden würden, so
verheißen Umfrageergebnisse, würden die Freien Demokraten immer noch auf satte
acht Prozent kommen. Sie profitieren von der kontinuierlich schwächer werdenden
Position der einst übermächtigen Christdemokraten, aber auch vom chaotischen
Kurs der Sozialdemokraten, die zwischen stark links-grünen Anspruch und ihrem
immer mehr nach rechts driftenden klassischen Wählerpotential aus den Arbeiterschichten zerrissen werden. Die
linksliberale Position im Lande haben längst die Grünen besetzt. Die
Wahlforscher sagen: In konservativ-bürgerlichen Haushalten wählen die Eltern
CDU, die Kinder grün. Man kann es deutlich an den Wahlergebnissen der Grünen in
begüterten Wohngegenden ablesen. Die Liberalen müssen also in Baden-Württemberg
auf ihre klassische Wählerschicht abzielen: die mittelständischen Unternehmer,
die Handwerker, die Freiberufler, die gebildeten Schichten des Mittelstandes.
Ohne sie ist die FDP verloren, was die Wahlniederlagen in vielen Bundesländern
belegen. Linke Kapriolen kann die FDP sich heute nicht mehr leisten. Diese
Positionen haben Grüne, SPD und PDS schon lange besetzt. Die bürgerliche Mitte wird
wieder zum Tummelfeld der Freien Demokraten, nachdem die CDU immer mehr
sozialdemokratisiert. Um hier glaubwürdig zu sein, müssen die Liberalen ihre
linken Funktionsträger à la Schnarri (Leutheusser-Schnarrenberger und andere)
dorthin drängen, wo sie hingehören – in die SPD.
OB-Wahl
in Heilbronn
In
diesem Jahr ist in Heilbronn die Bundestagswahl angesagt, 1999 im Herbst wird es Oberbürgermeisterwahlen geben. Nicht die
Parteien werden die Kandidaten bestimmen, sondern jeder kann sich bewerben, der
Interesse an diesem Amte hat. Aber in den Parteien hat schon das Hufe-Scharren
begonnen. Man hält Ausschau nach geeigneten Kandidaten aus den eigenen Reihen
und Leuten, die von außen kommend eventuell in Heilbronn kandidieren könnten.
Als offenes Geheimnis wird in Heilbronn gehandelt, daß die christlichen
Demokraten ihre Heilbronner Landtagsabgeordnete Johanna Lichy als Heilbronner OB-Kandidatin favorisieren, die in
Stuttgart als Staatssekretärin im Sozialministerium Karriere gemacht hat.
Ambitionen für das Amt des Heilbronner Stadtoberhaupts soll aber auch der
Öhringer Oberbürgermeister Kübler
haben, der in der Region und weit bis in den Stuttgarter Raum hinein dafür
bekannt ist, daß er aus dem verschlafenen hohenlohischen Städtchen eine
prosperierende Stadt gemacht hat. Ob sich die CDU mit einer eventuellen Kandidatur
dieses Parteifreundes arrangieren kann, das steht noch in den Sternen. Bei den
Sozialdemokraten ist man nach dem Sieg des Neckarsulmer Bürgermeisters Dr. Jürgen Zieger als OB in Esslingen glücklich
-und sieht große Chancen, den OB-Sessel in Heilbronn zu erobern. Unangefochten
steht als Kandidat zurzeit der Vorsitzende der Heilbronner Gemeinderatsfraktion
Harry Mergel auf dem
Kandidatenpodest, im Hauptberuf Lehrer und nebenher auch noch Chef der Heilbronner Kulturtage. Falls die
politischen Eigengewächse aus der Heilbronner Kommunalpolitik ins Rennen gehen,
dürfte auch eine Kandidatur des Eppinger FDP-Landtagsabgeordneten, Weingärtners
und Heilbronner Stadtrates Richard
Drautz sicher sein. Denn wenn schon, denn schon – müßten die Freien
Demokraten Flagge zeigen. Jetzt sind gewichtige und interessierte Heilbronner
Bürger auf der Suche nach einem potenten Kandidaten, der jung und dynamisch die
Heilbronner Stadtpolitik aus den negativen Schlagzeilen herausbringen kann und
die Verwaltung so auf Vordermann bringt, daß sie modernen und schlanken
Notwendigigkeiten entspricht. Aber warten wir mal ab. Vor dem Ergebnis der
Bundestagswahl ’98 wird niemand allzu stark und früh den Kopf herausstrecken.
Denn gewiß ist: Wer ihn zu früh zeigt,
hat zum entscheidenden Zeitpunkt dann keinen mehr.
Das
Jahr ist voll da
Haben
Sie es eigentlich gemerkt? Wir haben jetzt schon fast eine Woche lang das neue
Jahr 1998. Viel geändert hat sich damit noch nicht. Vor allem, wenn ich an den
Showdown des alten Jahres denke. Was wurde da nicht alles erzählt, geschrieben,
rück- und vorausgeblickt – als ob im vergangenen Jahr Wunder geschehen oder im
neuen Jahr welche zu erwarten wären. Für rund 160 Millionen Mark verpulverten
wir Deutschen Feuerwerkskörper. Die
routinierten Spendeneinsammler und Funktionäre von Hilfsorganisationen drückten
auf die Tränendrüsen und wollten bei sentimentaler Weihnachtsstimmung das
Geld bei uns locker machen, das sie ansonsten im eher nüchternen
Jahresgeschehen nicht bekommen. Selbst in teuren Fernsehspots wurde auf die
Tränendrüse gedrückt, um für Kinder in armen Ländern zu sammeln. Jetzt ist die Zeit des Nachfragens gekommen.
Wo ist all das Spendengeld geblieben? Ich wage frech vorauszusagen: Sehr viel,
zu viel von dem gespendeten Geld ist in den Verwaltungen der
Hilfsorganisationen hängengeblieben. Es wäre mal an der Zeit, daß die
Spendensammler nach Weihnachten ihre Rechnungen offenlegen, um den hilfreichen
Spendern klar und nachprüfbar aufzuzeigen, wo die vielen Tränen in Form von
Talern geblieben sind. Welchen bedürftigen Menschen wie tatsächlich geholfen
wurde. Nach den Wochen des großen Schenkens und Beschenkt-werdens gehen jetzt
viele Geschäfte dazu über – nachdem die Umtauschaktionen der Geschenke vorüber
sind – die Waren recht preiswert loszuschlagen wie in den Jahren zuvor auch.
Die hohe Zeit der Schnäppchenjäger ist angesagt, bis hin zum ersten großen Fest
der Sparer in diesem Jahr, dem unvergleichlichen Winterschlußverkauf. Dem
höchsten Feiertag auch mancher Volksgruppen in unseren Landen, übrigens nicht
nur der türkischen.
Wer
gehört dazu?
Zur
sogenannten Elite in einer kleinen Gemeinde gehörten einst der Bürgermeister,
der Arzt, der Pfarrer, der Lehrer, der Fabrikbesitzer, ein paar Handwerker und
einige Großbauern. In jedem besseren Schwank aus der Jahrhundertwende ist das
heute noch auf der Bühne zu erleben. In einer Stadt wie Heilbronn dürfte diese
sogenannte Elite auf rund 200 bis 300 Personen begrenzt sein. Nicht jeder
Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Unternehmer oder Handwerker gehört heute dazu –
aber einige davon schon. Dazu gezählt werden sicher der Oberbürgermeister, der
Landrat, die Präsidenten von Industrie- und Handelskammer und Handwerkskammer,
Großunternehmer, die Geschäftsführer und Vorstände großer Firmen und Banken,
die Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, der Rektor der Fachhochschule, die
Prälaten und Dekane, die Parteivorsitzenden, Landtags- und
Bundestagabgeordnete, der Chefredakteur der Regionalzeitung – und einige andere in mehr oder weniger gewichtigen
Ämtern und Funktionen. Man trifft sich bei diversen Veranstaltungen, sieht
sich, spricht mit - und übereinander. Und
letztlich entscheiden diese Eliten über den Geist in einer Stadt, über das, was
geschieht und auch das, was unterbleibt. Und deshalb sind in erster Linie
diese Eliten für den Zustand einer Stadt verantwortlich zu machen. Sind sie
nicht mehr in der Lage, zu konsensfähigen Beschlüssen zu kommen, dann spiegelt
sich das im Bild einer Gemeinde wider. Heilbronn steht im Rufe, den Charme einer
schlafmützigen Stadt zu besitzen, einer reichlich unordentlichen und
schmutzigen dazu. Die nicht abreißenden Schlagzeilen aus dem Heilbronner
Rathaus signalisieren – vor allem in den überregionalen Medien – kontinuierlich: Es ist etwas faul in dieser Stadt. Und die Eliten in der Stadt sind
heute nicht mehr in der Lage, das näher zu bezeichnen, zu brandmarken und
dagegen vorzugehen. Sie sind nicht mehr mutig und mit Zivilcourage
ausgestattet, sondern verhalten sich nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber
mach mich nicht naß. Man kann es auch anders sagen: Ihre Ignoranz läßt die Stadt Heilbronn immer mehr in einen schlechten
Ruf geraten. Denn nach jedem wirklichen oder vermeintlichen Skandal
verabreichen sie Beruhigungspillen an die Bevölkerung und verdeutlichen
damit nur, daß „die da oben alle unter
einer Decke stecken“. Das schafft Unruhe – und die Zahlen für Rechtsradikale
sind der Beleg für die miese Stimmung in der Bevölkerung. Man kann es noch
anders sagen: In Heilbronn fehlt die wirkliche – die mutige, bürgerliche Elite
mit der dazugehörigen Zivilcourage.
Von
Sternen und Punkten
Alle
Jahre wieder schlagen die Oberlehrer der Nation zu. Rechtzeitig vor Weihnachten
– damit ihre Zensuren auf dem Gabentisch liegen können – verteilen die
Vorkoster und Testtrinker ihre Noten in Form von Sternen und Punkten. Diesmal
hat es Lothar Eiermann, den in
Heilbronn so gerne gehätschelten Chef des Luxus-Etablissements
Schloßhotel Friedrichsruhe, erwischt. Die Abgesandten des Reifenkonzerns
Michelin haben ihm einen der zwei Sterne stiebitzt. Eiermann freilich war
darauf gefaßt, stand doch letztes Jahr ein eher zweitklassiges Küchenteam am
Herd. Das Ergebnis sei ihm trotzdem „in
den Bauch gefahren“, verriet er einem Reporter. Der Fall freilich macht
auch deutlich, daß die Noten bei Erscheinen des Verrisses gar nicht mehr
stimmen müssen/können. Jetzt nämlich hat Eiermann, wenigstens nach eigener
Einschätzung, nur Topleute im Edelstahlatelier. Wie vorsichtig solche
Druckerzeugnisse zu genießen sind, zeigt ein zweiter Fall. Die Lästermäuler von
Gault Millau haben in ihrem „Weinguide 1998“ der Genossenschaft in Grantschen
einen Punkt abgezogen. Zeitgenossen, die weniger an Hintergründen interessiert
sind, haben die Grantschener vorschnell zum „Absteiger“ abgestempelt. Tatsächlich
aber müßte Kellermeister Fritz Herold
für seine konsequente Qualitätspolitik gelobt werden. Er hat nämlich auf den
Ausbau der zwei Spitzenerzeugnisse SM und Grandor verzichtet, weil ihm die
Trauben nicht gut genug waren. Da wird also lieber eine schlechtere Bewertung
in einem der immer zahlreicher werdenden Machwerke in Kauf genommen, als durch
eine Vinifikation nach der „Auf-Teufel-komm-raus“-Methode den guten Ruf des
Betriebs aufs Spiel zu setzen. Entscheidend ist letztlich das Urteil der Kunden.
Und das fiel deutlich aus: In Grantschen wird der Wein nur noch zugeteilt.
Alles
vorbei
Es
ist noch keine zwei Wochen her: Weihnachten 1997. Können Sie sich noch
erinnern? Mehr als einen Monat lang wurde wir täglich im Radio und anderswo mit
Weihnachtsliedern vollgeplärrt. Nicht nur mit den klassischen, sondern auch mit
denen, die deutsche Schlagersänger, deren Namen niemand kennt, mit ihren
Produzenten so an neuen Weihnachtsschlagern hemmungslos auf den Markt werfen.
Alles nach dem Motto: Reim’ dich – oder
ich würg’ dich. Aber der Bedarf ist da: Vor allem die
öffentlich-rechtlichen Bierzelt-Programme, die Volksmusik auf Teufel-komm-raus
abnudeln, benötigen die Platten. Wem nichts anderes einfällt, als den ganzen
Tag über weihnachtliches klingeln und dröhnen zu lassen, provoziert nahezu
diesen Brachial-Schwachsinn. Und dann – kaum ist der Heiligabend vorüber ist es
vorbei mit dem Kling-Glöckchen-Klingelingeling. Wie bei der Implosion eines Fernsehers. Gottseidank – kann ich da
nur sagen. Der Weihnachtsschmuck hängt noch eine Weile in den Geschäften herum,
spätestens bis zum Dreikönigstag. Auch dann wird wieder eingepackt, was
spätestens Mitte November 1998 uns erneut entgegenstrahlt. Damit die richtige
Stimmung entsteht. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin ein Weihnachtsfest-Fan. Aber es kommt bei der Dekoration
für Weihnachten immer auf die wohlverstandene Dosierung an. Und 1997 hatte ich
den Eindruck, viele – vor allem in den Medien und in den Geschäften – wollten
mit allzu frühem Einstieg und allzu direktem Geklingel die Kunden besonders
animieren. Ein solches Übermaß an Festlichkeit kann auch als ein Schuß nach
hinten losgehen. Übersättigung nennt man das. Wer drückt, der animiert die
Kunden nicht zum Kaufen, sondern behindert sie eher an der Lust, sich auf das
Fest der Feste einzustellen. Aber 1998 wird dann alles ganz anders. In zehn
Monaten ist es wieder soweit. Und dann dröhnen uns wieder aus Lautsprechern
jene Laute entgegen, die auf das Kind in der Krippe verweisen sollen. Und auf
was noch?
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