Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle. 07.01.1998



Rathausskandal Nummer 2
Das Stadtgespräch allenthalben ist der Rathausskandal Nummer zwei in Heilbronn. Jetzt werden dank nichtgelieferter Briefhüllen keine überteuerten Rechnungen von jüdischen Zeitgenossen aus dem Rheinland mehr bezahlt, sondern konkursreife Unterländer Firmen werden mit Fehlüberweisungen unterstützt. Statt 140 Mark wurden rund 140.000 Mark überwiesen. Die Gläubiger konnten sich freuen, wurde doch das ganze Geld munter unter ihnen aufgeteilt. Schließlich kann ein Konkursverwalter oder eine Sparkasse ja nichts für die Dämlichkeit von drei Heilbronner Prüfern, die jene ordnungsgemäß ausgestellte Rechnung und die mit tausend multiplizierte Überweisung des Geldbetrags als richtig und ordnungsgemäß abgezeichnet hatten. Derartige Vorfälle soll es ja auch in recht ordentlich geführten Betrieben geben. Aber wird eine solche Schlamperei dort aufgedeckt, dann wird storniert oder die mit zuviel Geld bedachte Firma gebeten, den zuviel bezahlten Betrag zu überweisen – back to the roots. Aber Heilbronn besitzt ein besonderes Händchen. In der städtischen Verwaltung wurde der Skandal-Vorgang erst nach einem halben Jahr entdeckt. Und außerdem pflegt man auch noch Kontakte zu Firmen, die auf der Kippe stehen. Wäre da nicht der erste Rathausskandal, dann könnte man die Sache als Ausrutscher abtun. So aber bekommt die Schlampigkeit auf dem Rathaus das Markenzeichen „Bei uns so üblich“. Vor allem im Hinblick auf die neue Organisationsstruktur, die von vielen Seiten besonders hervorgehoben und gelobt wird. Und wieder stehen Personalrat und die Gewerkschaft ÖTV reichlich blamiert da, die ja schon beim letzten Rathausskandal viel wedelten, um die skandalösen Vorgänge schnell vergessen zu machen. Wichtig wäre mittlerweile, reinen Tisch zu machen, die unhaltbaren Zustände bei den Verkehrsbetrieben, den Städtischen Krankenanstalten und in der Verwaltung klar zu analysieren und Schlüsse aus den Vorgängen zu ziehen, so daß der Geruch übler Kumpanei verschwindet. Dazu bedarf es klarer Gedanken und keines sozialistischen Solidaritäts-Gefasels.

Freie Demokraten
Die Hochburg der Liberalen in der Bundesrepublik ist nach wie vor – aber vor allem seit den letzten Landtagswahlen – in Baden-Württemberg. Fast zehn Prozent hatten sie in die Scheuer gefahren und damit ihren Platz auf der Regierungsbank in Stuttgart gesichert, nach dreißig Oppositionsjahren. Zu verdanken hat die FDP/DVP diese starke Position im Lande ihrem Landesvorsitzenden Dr. Walter Döring aus Schwäbisch Hall, jetzt Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident im christlich-liberalen Kabinett in Stuttgart. Selbst wenn jetzt Landtagswahlen bei uns im Ländle stattfinden würden, so verheißen Umfrageergebnisse, würden die Freien Demokraten immer noch auf satte acht Prozent kommen. Sie profitieren von der kontinuierlich schwächer werdenden Position der einst übermächtigen Christdemokraten, aber auch vom chaotischen Kurs der Sozialdemokraten, die zwischen stark links-grünen Anspruch und ihrem immer mehr nach rechts driftenden klassischen Wählerpotential aus den Arbeiterschichten zerrissen werden. Die linksliberale Position im Lande haben längst die Grünen besetzt. Die Wahlforscher sagen: In konservativ-bürgerlichen Haushalten wählen die Eltern CDU, die Kinder grün. Man kann es deutlich an den Wahlergebnissen der Grünen in begüterten Wohngegenden ablesen. Die Liberalen müssen also in Baden-Württemberg auf ihre klassische Wählerschicht abzielen: die mittelständischen Unternehmer, die Handwerker, die Freiberufler, die gebildeten Schichten des Mittelstandes. Ohne sie ist die FDP verloren, was die Wahlniederlagen in vielen Bundesländern belegen. Linke Kapriolen kann die FDP sich heute nicht mehr leisten. Diese Positionen haben Grüne, SPD und PDS schon lange besetzt. Die bürgerliche Mitte wird wieder zum Tummelfeld der Freien Demokraten, nachdem die CDU immer mehr sozialdemokratisiert. Um hier glaubwürdig zu sein, müssen die Liberalen ihre linken Funktionsträger à la Schnarri (Leutheusser-Schnarrenberger und andere) dorthin drängen, wo sie hingehören – in die SPD. 

OB-Wahl in Heilbronn
In diesem Jahr ist in Heilbronn die Bundestagswahl angesagt, 1999 im Herbst wird es Oberbürgermeisterwahlen geben. Nicht die Parteien werden die Kandidaten bestimmen, sondern jeder kann sich bewerben, der Interesse an diesem Amte hat. Aber in den Parteien hat schon das Hufe-Scharren begonnen. Man hält Ausschau nach geeigneten Kandidaten aus den eigenen Reihen und Leuten, die von außen kommend eventuell in Heilbronn kandidieren könnten. Als offenes Geheimnis wird in Heilbronn gehandelt, daß die christlichen Demokraten ihre Heilbronner Landtagsabgeordnete Johanna Lichy als Heilbronner OB-Kandidatin favorisieren, die in Stuttgart als Staatssekretärin im Sozialministerium Karriere gemacht hat. Ambitionen für das Amt des Heilbronner Stadtoberhaupts soll aber auch der Öhringer Oberbürgermeister Kübler haben, der in der Region und weit bis in den Stuttgarter Raum hinein dafür bekannt ist, daß er aus dem verschlafenen hohenlohischen Städtchen eine prosperierende Stadt gemacht hat. Ob sich die CDU mit einer eventuellen Kandidatur dieses Parteifreundes arrangieren kann, das steht noch in den Sternen. Bei den Sozialdemokraten ist man nach dem Sieg des Neckarsulmer Bürgermeisters Dr. Jürgen Zieger als OB in Esslingen glücklich -und sieht große Chancen, den OB-Sessel in Heilbronn zu erobern. Unangefochten steht als Kandidat zurzeit der Vorsitzende der Heilbronner Gemeinderatsfraktion Harry Mergel auf dem Kandidatenpodest, im Hauptberuf Lehrer und nebenher auch noch Chef der Heilbronner Kulturtage. Falls die politischen Eigengewächse aus der Heilbronner Kommunalpolitik ins Rennen gehen, dürfte auch eine Kandidatur des Eppinger FDP-Landtagsabgeordneten, Weingärtners und Heilbronner Stadtrates Richard Drautz sicher sein. Denn wenn schon, denn schon – müßten die Freien Demokraten Flagge zeigen. Jetzt sind gewichtige und interessierte Heilbronner Bürger auf der Suche nach einem potenten Kandidaten, der jung und dynamisch die Heilbronner Stadtpolitik aus den negativen Schlagzeilen herausbringen kann und die Verwaltung so auf Vordermann bringt, daß sie modernen und schlanken Notwendigigkeiten entspricht. Aber warten wir mal ab. Vor dem Ergebnis der Bundestagswahl ’98 wird niemand allzu stark und früh den Kopf herausstrecken. Denn gewiß ist: Wer ihn zu früh zeigt, hat zum entscheidenden Zeitpunkt dann keinen mehr.     

Das Jahr ist voll da
Haben Sie es eigentlich gemerkt? Wir haben jetzt schon fast eine Woche lang das neue Jahr 1998. Viel geändert hat sich damit noch nicht. Vor allem, wenn ich an den Showdown des alten Jahres denke. Was wurde da nicht alles erzählt, geschrieben, rück- und vorausgeblickt – als ob im vergangenen Jahr Wunder geschehen oder im neuen Jahr welche zu erwarten wären. Für rund 160 Millionen Mark verpulverten wir Deutschen Feuerwerkskörper. Die routinierten Spendeneinsammler und Funktionäre von Hilfsorganisationen drückten auf die Tränendrüsen und wollten bei sentimentaler Weihnachtsstimmung das Geld bei uns locker machen, das sie ansonsten im eher nüchternen Jahresgeschehen nicht bekommen. Selbst in teuren Fernsehspots wurde auf die Tränendrüse gedrückt, um für Kinder in armen Ländern zu sammeln. Jetzt ist die Zeit des Nachfragens gekommen. Wo ist all das Spendengeld geblieben? Ich wage frech vorauszusagen: Sehr viel, zu viel von dem gespendeten Geld ist in den Verwaltungen der Hilfsorganisationen hängengeblieben. Es wäre mal an der Zeit, daß die Spendensammler nach Weihnachten ihre Rechnungen offenlegen, um den hilfreichen Spendern klar und nachprüfbar aufzuzeigen, wo die vielen Tränen in Form von Talern geblieben sind. Welchen bedürftigen Menschen wie tatsächlich geholfen wurde. Nach den Wochen des großen Schenkens und Beschenkt-werdens gehen jetzt viele Geschäfte dazu über – nachdem die Umtauschaktionen der Geschenke vorüber sind – die Waren recht preiswert loszuschlagen wie in den Jahren zuvor auch. Die hohe Zeit der Schnäppchenjäger ist angesagt, bis hin zum ersten großen Fest der Sparer in diesem Jahr, dem unvergleichlichen Winterschlußverkauf. Dem höchsten Feiertag auch mancher Volksgruppen in unseren Landen, übrigens nicht nur der türkischen.       

Wer gehört dazu?
Zur sogenannten Elite in einer kleinen Gemeinde gehörten einst der Bürgermeister, der Arzt, der Pfarrer, der Lehrer, der Fabrikbesitzer, ein paar Handwerker und einige Großbauern. In jedem besseren Schwank aus der Jahrhundertwende ist das heute noch auf der Bühne zu erleben. In einer Stadt wie Heilbronn dürfte diese sogenannte Elite auf rund 200 bis 300 Personen begrenzt sein. Nicht jeder Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Unternehmer oder Handwerker gehört heute dazu – aber einige davon schon. Dazu gezählt werden sicher der Oberbürgermeister, der Landrat, die Präsidenten von Industrie- und Handelskammer und Handwerkskammer, Großunternehmer, die Geschäftsführer und Vorstände großer Firmen und Banken, die Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, der Rektor der Fachhochschule, die Prälaten und Dekane, die Parteivorsitzenden, Landtags- und Bundestagabgeordnete, der Chefredakteur der Regionalzeitung –  und einige andere in mehr oder weniger gewichtigen Ämtern und Funktionen. Man trifft sich bei diversen Veranstaltungen, sieht sich, spricht mit - und übereinander. Und letztlich entscheiden diese Eliten über den Geist in einer Stadt, über das, was geschieht und auch das, was unterbleibt. Und deshalb sind in erster Linie diese Eliten für den Zustand einer Stadt verantwortlich zu machen. Sind sie nicht mehr in der Lage, zu konsensfähigen Beschlüssen zu kommen, dann spiegelt sich das im Bild einer Gemeinde wider. Heilbronn steht im Rufe, den Charme einer schlafmützigen Stadt zu besitzen, einer reichlich unordentlichen und schmutzigen dazu. Die nicht abreißenden Schlagzeilen aus dem Heilbronner Rathaus signalisieren – vor allem in den überregionalen Medien –  kontinuierlich: Es ist etwas faul in dieser Stadt. Und die Eliten in der Stadt sind heute nicht mehr in der Lage, das näher zu bezeichnen, zu brandmarken und dagegen vorzugehen. Sie sind nicht mehr mutig und mit Zivilcourage ausgestattet, sondern verhalten sich nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Man kann es auch anders sagen: Ihre Ignoranz läßt die Stadt Heilbronn immer mehr in einen schlechten Ruf geraten. Denn nach jedem wirklichen oder vermeintlichen Skandal verabreichen sie Beruhigungspillen an die Bevölkerung und verdeutlichen damit  nur, daß „die da oben alle unter einer Decke stecken“. Das schafft Unruhe – und die Zahlen für Rechtsradikale sind der Beleg für die miese Stimmung in der Bevölkerung. Man kann es noch anders sagen: In Heilbronn fehlt die wirkliche – die mutige, bürgerliche Elite mit der dazugehörigen Zivilcourage.     

Von Sternen und Punkten
Alle Jahre wieder schlagen die Oberlehrer der Nation zu. Rechtzeitig vor Weihnachten – damit ihre Zensuren auf dem Gabentisch liegen können – verteilen die Vorkoster und Testtrinker ihre Noten in Form von Sternen und Punkten. Diesmal hat es Lothar Eiermann, den in Heilbronn so gerne gehätschelten Chef des Luxus-Etablissements Schloßhotel Friedrichsruhe, erwischt. Die Abgesandten des Reifenkonzerns Michelin haben ihm einen der zwei Sterne stiebitzt. Eiermann freilich war darauf gefaßt, stand doch letztes Jahr ein eher zweitklassiges Küchenteam am Herd. Das Ergebnis sei ihm trotzdem „in den Bauch gefahren“, verriet er einem Reporter. Der Fall freilich macht auch deutlich, daß die Noten bei Erscheinen des Verrisses gar nicht mehr stimmen müssen/können. Jetzt nämlich hat Eiermann, wenigstens nach eigener Einschätzung, nur Topleute im Edelstahlatelier. Wie vorsichtig solche Druckerzeugnisse zu genießen sind, zeigt ein zweiter Fall. Die Lästermäuler von Gault Millau haben in ihrem „Weinguide 1998“ der Genossenschaft in Grantschen einen Punkt abgezogen. Zeitgenossen, die weniger an Hintergründen interessiert sind, haben die Grantschener vorschnell zum „Absteiger“ abgestempelt. Tatsächlich aber müßte Kellermeister Fritz Herold für seine konsequente Qualitätspolitik gelobt werden. Er hat nämlich auf den Ausbau der zwei Spitzenerzeugnisse SM und Grandor verzichtet, weil ihm die Trauben nicht gut genug waren. Da wird also lieber eine schlechtere Bewertung in einem der immer zahlreicher werdenden Machwerke in Kauf genommen, als durch eine Vinifikation nach der „Auf-Teufel-komm-raus“-Methode den guten Ruf des Betriebs aufs Spiel zu setzen. Entscheidend ist letztlich das Urteil der Kunden. Und das fiel deutlich aus: In Grantschen wird der Wein nur noch zugeteilt.    

Alles vorbei
Es ist noch keine zwei Wochen her: Weihnachten 1997. Können Sie sich noch erinnern? Mehr als einen Monat lang wurde wir täglich im Radio und anderswo mit Weihnachtsliedern vollgeplärrt. Nicht nur mit den klassischen, sondern auch mit denen, die deutsche Schlagersänger, deren Namen niemand kennt, mit ihren Produzenten so an neuen Weihnachtsschlagern hemmungslos auf den Markt werfen. Alles nach dem Motto: Reim’ dich – oder ich würg’ dich. Aber der Bedarf ist da: Vor allem die öffentlich-rechtlichen Bierzelt-Programme, die Volksmusik auf Teufel-komm-raus abnudeln, benötigen die Platten. Wem nichts anderes einfällt, als den ganzen Tag über weihnachtliches klingeln und dröhnen zu lassen, provoziert nahezu diesen Brachial-Schwachsinn. Und dann – kaum ist der Heiligabend vorüber ist es vorbei mit dem Kling-Glöckchen-Klingelingeling. Wie bei der Implosion eines Fernsehers. Gottseidank – kann ich da nur sagen. Der Weihnachtsschmuck hängt noch eine Weile in den Geschäften herum, spätestens bis zum Dreikönigstag. Auch dann wird wieder eingepackt, was spätestens Mitte November 1998 uns erneut entgegenstrahlt. Damit die richtige Stimmung entsteht. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin ein Weihnachtsfest-Fan. Aber es kommt bei der Dekoration für Weihnachten immer auf die wohlverstandene Dosierung an. Und 1997 hatte ich den Eindruck, viele – vor allem in den Medien und in den Geschäften – wollten mit allzu frühem Einstieg und allzu direktem Geklingel die Kunden besonders animieren. Ein solches Übermaß an Festlichkeit kann auch als ein Schuß nach hinten losgehen. Übersättigung nennt man das. Wer drückt, der animiert die Kunden nicht zum Kaufen, sondern behindert sie eher an der Lust, sich auf das Fest der Feste einzustellen. Aber 1998 wird dann alles ganz anders. In zehn Monaten ist es wieder soweit. Und dann dröhnen uns wieder aus Lautsprechern jene Laute entgegen, die auf das Kind in der Krippe verweisen sollen. Und auf was noch? 

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