Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 22.04.1998



Erschießen – und klick
Auf einem Waldparkplatz in Heilbronn an einem schönen Sonntag. Junge Männer stehen vor ihren Autos. Sie lachen, grölen, haben die Bierdosen auf die Kühlerhaube gestellt. Der langsam an der Gruppe vorbeifahrende Autofahrer schaut zum Fenster hinaus – und erspäht eine makabre Szene. Einer der Jungmänner kniet vor seinem Auto. Ein anderer hält ihm eine Pistole an den Kopf. Ein Dritter fotografiert dieses Schauspiel, das an Fotos aus dem Vietnam-Krieg erinnert. Die angeheiterten Jugendlichen nehmen von den anderen Besuchern des Waldes kaum Notiz. Und wenn, dann sind sie belustigt über die entsetzten Gesichter der vorübergehenden Zeitgenossen. Daß sie nicht deutsch, sondern eine osteuropäische Sprache sprechen, ist nicht weiter von Bedeutung. Schwerwiegend an diesem Vorfall scheint mir, daß offenbar sorglos die mörderische und menschenverachtende Todesmaschinerie auf unserer Welt so hemmungslos als „Indianerspiel“ verharmlost wird. Erwachsene, die mit ihren Kindern im Wald spazieren gehen, sollten bewußt in Angst und Schrecken versetzt werden – kalkulierter Horror als gestelltes Bild. Tabu-Brechung als visuelle Waffe. Seht her, was wir uns erlauben – und wenn wir wollten ... Niemand wehrt diesen Jugendlichen, die „nur“ spielen, was bei der osteuropäischen Mafia tagtäglich zum bitteren Ernst wird. Geschmacklose Spiele am Waldesrand – von Leuten öffentlich dargeboten, die offenbar weder Werte noch Anstand besitzen. Ein weitverbreiteter Mangel, der zunimmt!  

Hannover brummt
Bis zum 25. April brummt es auf der Hannover Messe Industrie. Die Wirtschaft erhofft sich von dieser weltweit größten Industriemesse Impulse – vor allem die deutsche. Was die 7.300 Unternehmen aus 79 Nationen in der Schröder-Stadt an der Leine präsentieren, das interessiert die breite Masse weniger als das, was zum Beispiel vor wenigen Wochen bei der Cebit, der weltweit größten Computermesse an Produkten gezeigt wurde. Aber wichtig ist in diesen Tagen für die rund 70 Firmen aus der Region Franken, darunter 15 allein am Stand der Industrie- und Handelskammer Heilbronn in Halle 2, daß man jetzt Aufträge hereinholt – oder sich mit seinen Produkten so präsentiert, daß die Aufträge wenigstens in den nächsten Monaten eintrudeln. Die IHK Heilbronn gehört mit ihren Gemeinschaftsstand, bei dem die Fläche heuer auf 450 Quadratmeter erweitert wurde (von 170 Quadratmetern), zu den hundert größten Ausstellern auf der Hannover Messe. Was Geschäftsführer Dr. Helmut Kessler (mit seinen freundlichen Helferinnen und Helfern) da auf die Beine gestellt hat, das kann sich sehen lassen – und bietet allen Interessierten einen freundlichen Service, der mit großem Lob von der Messeleitung bedacht wird. Und was soll von der Hannover Messe als Bosheit ausgehen? Professor Dr. Klaus E. Goehrmann, der Vorstandsvorsitzende der Messe in Hannover, meint, daß von der 51. Hannover Messe ein Impuls für das nächste Jahrtausend gesetzt wird. Es seien schließlich neben gängiger Technik ungeheuer viele Innovationen zu sehen. Deutschland und Europa sollen in Hannover zeigen, daß sie im weltweiten Wettbewerb eine führende Rolle spielen. 300.000 Besucher werden bis zum Wochenende erwartet. Wenn sich die Messe danach als Exportmotor erweist, der neue Akzente setzt – gut, sehr gut, wenn sich das auch auf deutsche Arbeitsplätze auswirkt. Wo ein Glaube ist, findet sich ein Weg. Denn wir benötigen – in ganz Deutschland und auch bei uns in der Region Franken – Impulse für den Arbeitsmarkt. Und daß die Heilbronner IHK als einzige Kammer aus Baden-Württemberg auf der Hannover Messe präsent ist – das ist schon mal ein vielversprechendes Signal.

Käthchenwahl
Die historische Figur Heilbronns heißt „Götz von Berlichingen“. Mit der wird dank Johann Wolfgang von Goethe und seinem Ritterdrama fast jeder deutsche Schüler gequält. Heinrich von Kleist’s Ritterschauspiel „Käthchen von Heilbronn“ verblaßt dagegen. Auf deutschen Bühnen ist es kaum zu finden. Und in den Schulen wird es auch nur gelegentlich mühsam durchgekaut. Als Fremdenverkehrspuppe oder als Schmalzfigur in Metzgerläden macht es sich jedoch ganz putzig. Auch als offizielle Repräsentationsfigur der Stadt Heilbronn. Beim dritten Europa-Ball in der guten Stube Heilbronns, der Harmonie, verfolgten rund 700 Ballgäste die Prüfung von elf Kandidatinnen. Die vierzehnte Käthchenwahl in Heilbronn war dann auch ein Fest der Nationen, bei dem Folklore- und Tanzgruppen aus fünf europäischen Ländern auftraten. Das alte Käthchen Bettina Bopp verabschiedete sich mit einer Liebeserklärung an ihre Heimatstadt. Das neugewählte Käthchen, die Schülerin Ilka Maier, war überglücklich: Ein Traum war für sie in Erfüllung gegangen. Aber auch für ihre beiden Stellvertreterinnen Christin Wohlrath (18), Schülerin am Wirtschaftsgymnasium in Heilbronn, und Biljana Jovic (19), Justizangestellte am Landgericht Stuttgart, waren recht glücklich, noch den zweiten und dritten Platz erreicht zu haben. Für Heilbronns Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann, der das frischgewählte Käthchen als erster in den Arm nehmen konnte, um sie auf das glatte Harmonie-Parkett zum langsamen Walzer zu begleiten, war die Auswahl unter den jungen Damen eine „gute Wahl“. Moderator des Ballabends war der Studioleiter des SDR-Regionalstudios Lutz Wagner, der die jungen Damen behutsam in ihre neue Repräsentationswelt einführte. Was in den nächsten Wochen und Monaten auf die Mädchen aus Heilbronn zukommt, ist wahrscheinlich kein Zuckerschlecken oder gar Weinschlotzen, sondern harte PR-Arbeit, bei der sie mehr Staffage als agierende Person sind. Aber das ist ja auch eine Erfahrung wert.   

Heilbronner Einfahrten
Wenn Sie mal von Heilbronn nach Neckarsulm fahren, begrüßt Sie zunächst der neue Europlex-Filmpalast im südlichen Industriegebiet der Autostadt. Dann sehen Sie links und rechts imposante Verwaltungsgebäude, Autohäuser – und nach der Autobahnbrücke ist die Einfahrt in die Stadt immer noch recht ansehnlich. Fahren sie zurück nach Heilbronn, sehen Sie auf der rechten Seite das alte Industriegebiet mit dem Neubau des Druckhauses der Tageszeitung Heilbronner Stimme. Neue Autohäuser versprechen eine angenehme Weiterfahrt. Aber kurz danach beginnt links und rechts eine Ansammlung von häßlichen Gebäuden. Der Endpunkt ist dann die wenig schmeichelhafte Rückseite des Stadttheaters mit dem danebenliegenden Schotterplatz. Eine Einfahrt nach Heilbronn, die darlegt, wie die Stadt sich in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt hat. Und welcher Geist diese Entwicklung prägte. Nicht viel anders sieht es aus, wenn man die Saarlandstraße hinausfährt. Zwischen Europaplatz und Neckarbrücke – nicht gerade ein schöner Anblick. Und dann ist die Straße breit und übersichtlich – vorbei an der Städtischen Krankenanstalt „Am Gesundbrunnen“ – endet sie im Nichts. Sprich sie biegt ab nach Frankenbach, anstatt auf den Feldern geradeaus zu führen – direkt zur Bundesstraße 293 nach Leingarten und Eppingen. Wäre es so, könnten die Frankenbacher ruhiger schlafen. Von einer Fahrt von Heilbronn nach Weinsberg will ich gar nicht reden – denn da ist nur die Straße auf Weinsberger Gemarkung ausgebaut. Der Zubringer nach Untergruppenbach soll ja erweitert werden, fragt sich nur wann. Das kann dauern, bei den Bauplanungen in Heilbronn – vor allem, was diese Straßen anbetrifft. Außerdem stimme ich allen Kritikastern zu, die das sagen: In Heilbronn glaube ich immer erst an die Umsetzung einer Planung, wenn gebaut wird. Vorher nicht. Siehe Berliner Platz. Es wurde in den letzten zwanzig Jahren vielfach auf dem Rathaus das Mäulchen gespitzt, aber nicht gepfiffen. Zur Zeit sind viele Mäuler gespitzt.  

Es tut sich was
Traditionell lädt die Industrie- und Handelskammer Heilbronn als einzige Kammer aus Baden-Württemberg nach Hannover zur Industriemesse ein. Als am Montag dieser Woche die Presse aus der Region auf dem IHK-Stand in Halle 2 auftauchte, war im Kontrast zu vergangenen Jahren der Prominentenauftrieb gering. Auch beim Empfang am Montagabend im Insel-Restaurant fehlte die politische und wirtschaftliche Spitzenbesetzung. Hauptgeschäftsführer Heinrich Metzger allein spielte den „Maître de plaisir“. Gestern aber, bei der Pressekonferenz auf dem IHK-Stand, waren sie dann alle da: der neue IHK-Präsident Günter Steffen, der Wirtschaftsminister des Landes, Walter Döring, Heilbronns Erster Bürgermeister Werner Grau, Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Gerhard Pfander, Heilbronns Landrat Klaus Czernuska, einige Bürgermeister und Landräte aus der Region, und viele andere aus Wirtschaft und Politik. Günter Steffen, der IHK-Präsident, war erst am frühen Morgen aus den USA zurückgekehrt. Dort hatte er mit einer amerikanischen Investorengruppe verhandelt. Denn er will mit seiner Software-Firma weltweit agieren. Die Amerikaner waren angetan, schlugen dem Unternehmer Steffen jedoch vor, seine Unternehmen nach England oder Holland zu verlegen. Schließlich seien dort die Steuersätze günstiger. Walter Döring, der Wirtschaftsminister, hörte diese Botschaft mit gelassener Ruhe. Täglich werde ihm diese Klage vorgetragen. Er und sein „Verein“, die FDP, kämpfen schließlich für niedrige Steuersätze in Deutschland – vor allem im Hinblick auf die Bundestagswahl. Damit das Land auch bei den Steuersätzen weltweit wettbewerbsfähig wird. Aber der Koalitionspartner in Stuttgart und Bonn, die Union, schießt mit Ökosteuervorschlägen ständig dazwischen. Jedoch wird sich wohl bei den Steuersätzen in diesem Jahr kaum mehr etwas bewegen. Reinen Tisch wird erst die neue Regierung in Bonn nach dem 27. September machen. Bei der Hannover Messe übrigens setzte kaum einer mehr auf Helmut Kohl. Er und seine Partei, die Union, hatte das Feld bei diesem wichtigsten Wirtschaftstreffen in Deutschland voll dem Herausforderer Gerhard Schröder überlassen. Wir sehen die Zeichen an der Wand … 

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