Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 04.11.1998



Lahme Ente?
Als 1972 der Wahlkampf mit harten Bandagen geführt wurde, da waren viele Blätter im Lande noch recht eindeutig in ihrer politischen Orientierung. Spiegel und Stern engagierten sich für die Politik des Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner sozialliberalen Koalition. Bild und andere Produkte der Springer-Presse engagierten sich für die CDU/ CSU und ihre Politik. Zehn Jahre später – 1982 beim Wechsel von Schmidt zu Kohl wurde viel von Verrat und Wortbruch geschrieben. Vor allem die linksliberalen Blätter in Hamburg und München schäumten und diffamierten den neuen Kanzler – Birne, der aufgeblasene Riese aus Oggersheim, das waren noch die schmeichelhaftesten Bezeichnungen. Jetzt beim Wechsel von Schwarzgelb zu Rotgrün ordnet sich die Presse-Landschaft nicht mehr so eindeutig zu. Bild, Spiegel, Stern, Zeit, FAZ – eigentlich kritisieren alle den Stil und die Politik der neuen Regierung. Ein Fehlstart sei es gewesen. Trotz satter Mehrheit im Bundestag und großer Mehrheit im Bundesrat bekommt die Schröder/Fischer-Regierung keinen Fuß auf den Boden. Interner Streit, vor allem bei den Personalien, verwischt den versprochenen Neubeginn. Steuererhöhungen ab 1999 haben die Bürger verärgert. Industrie, Handwerk und Freiberufler sind strutsauer über die halbherzigen Reförmchen. Die Frage, die alle bewegt, erklingt aber immer deutlicher: Wer ist eigentlich Kanzler in Deutschland? Gerhard Schröder oder der SPD-Parteivorsitzende/Schatzkanzler Oskar Lafontaine. Nachdem Jost Stollmann, der Shooting-Star aus der Schröder-Truppe den Bettel hingeworfen hatte – aus Verärgerung über Oskar, den Alleskönner, jeder aus der Ministerriege derzeit täglich etwas anderes hinausposaunt, ist der dicke Krach vorprogrammiert. Der Wirtschaftsminister gegen den Umweltminister, der Kanzler gegen den Schatzkanzler, der Parteivorsitzende gegen den Kanzler, usw. usw. – Aber eine richtige Opposition gibt es momentan auch noch nicht, die all diese Ungereimtheiten attackieren könnte. Die CDU und CSU befinden sich noch in der Selbstfindungsphase. Nur die kleine FDP bringt mit Guido Westerwelle frischen Wind in die Landschaft. Nur die Presse sucht und bohrt, analysiert und kritisiert. Niemand hätte gedacht, daß der starke Mann aus Niedersachen einen Monat nach dem großen Wahlsieg schon als lahme Ente vorgeführt wird. Wie der amerikanische Präsident Bill Clinton, der derzeit seine zweite und damit letzte Amtszeit als lame duck verbringt – angeschlagen durch die vielen Skandale um seine Person. Aber unser Gerhard Schröder startet gerade und hat noch vier Jahre vor sich. Er muß langsam zeigen, wer Herr im Hause ist und die Richtlinienkompetenz besitzt. Jetzt kommt auch heraus, wer bei den Koalitionsverhandlungen den Ton auf SPD-Seite angegeben hatte. Die Grünen wissen viele Liedlein davon zu singen, wie der Saar-Napoleon bestens präpariert in die Verhandlungen ging und Schröder nur abnickte, was sein Parteivorsitzender vorschlug. „Jetzt gehts los“, hieß der SPD-Song am 27. September 1998. Und haben wir schon November!         

Harry Mergel und die SPD
Vor rund einem Jahr hatte die SPD-Gemeinderatsfraktion unter ihrem damals neuen Vorsitzenden Harry Mergel die Chance, zusammen mit den kleinen Fraktionen im Gemeinderat die vierte Stelle eines Bürgermeisters in Heilbronn einzusparen. Aber man spielte große Politik – taktierte hemmungslos. Das „klassische sozialdemokratische Ressort“ auf dem Heilbronner Rathaus, die Kultur sollte wieder in SPD-Hand gelangen. Harald Friese raus aus dem anrüchigen Ordnungsbürgermeisteramt, hinauf in die lichten Höhen von Dichtung, Theater und Musik, um als SPD-Bundestagskandidat schön glänzen zu können. Daraus wurde nicht viel. Friese schaffte es nur knapp über die SPD-Landesliste. Somit schien der Weg für einen „Kulturbürgermeister Harry Mergel“ geebnet zu sein, der dann im Jahre 1999 auch noch als sozialdemokratischer Oberbürgermeister-Kandidat in Heilbronn hätte glänzen können. Die Käthchen-Kulturschickeria freute sich. Wer aber Ohren hatte, zu hören – und auch Augen, um zu sehen, der  konnte schon lange feststellen, daß die ominöse Vereinbarung zwischen CDU und SPD vom 12. Dezember 1983 nicht das Papier wert war, auf das sie geschrieben stand. Einklagbar ist die Vereinbarung ohnehin nicht. Und beschlossen wurde sie gegen die große Minderheit der gesamten kleinen Fraktionen. Denn wenn es nach der baden-württembergischen Gemeindeordnung ginge, sind bei der Besetzung der Beigeordnetenstellen die Kräfteverhältnisse im Gemeinderat zu berücksichtigen. Demnach stünde den kleinen Fraktionen mit ihren 14 Städträten mindestens eine Bürgermeisterstelle zu. Jetzt von einem „nicht einklagbaren Rechtsbruch“ zu sprechen, das ist schon weit hergeholt. Rechtsbrüche in unserem Staat sind einklagbar. Sonst wäre die Bundesrepublik kein Rechtsstaat. Und die politische Moral? Im vergangenen Jahr hatte es ein Zehn-Punkte-Programm gegeben, das zwischen SPD und CDU ausgehandelt worden war. Die SPD und Harry Mergel hatten es wenige Tage später achtlos zur Seite gelegt und sich neuen Überlegungen hingegeben. Die Neuorientierung der CDU kann man natürlich als scheinheilig und „in übelster Form unredlich“ bezeichnen. Auch als „Bruch“ der einst getroffenen Vereinbarung. Aber einen „Vertragsbruch“ hat die CDU nicht begangen. Hätte die SPD im vergangenen Jahr redlich und politisch überzeugend argumentiert, dann wäre dieser Bürgermeister-Posten schon 1997 eingespart gewesen. „Das Volk liebt zwar den Verrat, aber es ächtet die Verräter“, rief Harry Mergel der CDU zu. Damit ist ein Konfrontationskurs eingeleitet, der 1999 zu seltsamen Blüten führen wird. Es ist nie zu spät, sich einer besseren Erkenntnis zu beugen. Für die CDU in ihrer desolaten Lage gab es keinen anderen Weg, als sich auch in dieser Frage neu zu sortieren und unbefangen zu entscheiden. Positiv gesprochen: Sie hatte ihren Fehler vom letzten Jahr eingesehen – und jetzt revidiert.       

Endlich gespart!
Lange hat es gedauert. Aber schlußendlich gab es eine Mehrheit im Heilbronner Gemeinderat. Die kleinen Fraktionen – wie FDP, Freie Wähler, Grüne und Republikaner – hatten ja schon im vergangenen Jahr gegen die Mauschelei der beiden großen Fraktionen heftig protestiert, als Artur Kübler (damals CDU-Fraktionsvorsitzender) zum Bürgermeister in Heilbronn gewählt wurde. Diese vierte Beigeordnetenstelle sollte ihrer Ansicht nach eingespart werden. Aber CDU und SPD hatten sich festgelegt: Die Wahl Küblers war durch ein vorzeitiges Ausscheiden (aus gesundheitlichen Gründen) des CDU-Bürgermeisters Reiner Casse notwendig geworden. Dessen Kulturdezernat übernahm, dank einer Vereinbarung der beiden großen Gruppierungen, dann der SPD-Bürgermeister Harald Friese, der bis zu diesem Zeitpunkt Ordnungsbürgermeister gewesen war. Die Sozialdemokraten rechneten sich mit einem Kulturbürgermeister Friese als SPD-Bundestagskandidat größere Chancen am 27. September 1998 aus. Sie wußten: Als Dezernent, der auch für Verkehr zuständig war, hätte der führerscheinlose Friese viel Zorn im Wahlvolk auf sich gezogen. Im Kulturbereich aber hatte er die Möglichkeit, gefahrlos zu glänzen. Und die CDU sagte sich, in der Zukunft werden Öffentliche Ordnung, Krankenhaus und Straßenverkehr einen weitaus größeren Stellenwert in der Gesellschaft haben als Kultur-Politik. Und so setzten sie Artur Kübler als Kandidat für diesen Posten an, der in den achtziger Jahren gegen Casse als Kulturbürgermeister-Kandidat gescheitert war. – Nachdem aber Harald Friese über die SPD-Landesliste gerade noch in den Bundestag gerutscht war, mußte er seinen Posten als Bürgermeister in Heilbronn räumen. Und sogleich signalisierten die kleinen Parteien, daß dieser Dezernentenstelle jetzt endlich gestrichen werden könne. Die Sozialdemokraten wehrten sich entschieden und bemühten sogar einen Wählerwillen, der ihnen bei der letzten Kommunalwahl den Bürgermeisterposten zugeschanzt haben sollte. Aber im Heilbronner Gemeinderat waren die Sozis ganz allein mit ihrer Ansicht. Wieder standen FDP, Freie Wähler, Grüne und Republikaner in  einer Reihe. Nach der verheerenden Wahlniederlage im September gönnte sich die CDU eine phantasievolle Denkpause. Orientierung am Bürgerwillen lautete das Resultat ihrer Überlegungen im Schwarzwald. Erneuerung kann es nur von der Basis hergeben. Und da der Nachfolger Artur Küblers als CDU-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat Thomas Strobl heißt, wurde alles anders. Der CDU-Kreisvorsitzende Strobl hatte ja mit den Erststimmen gegen den bundesweiten Trend erfolgreich bei der Bundestagswahl seinen Wahlkreis Heilbronn erobert. Trotz der Unterländer CDU-Niederlage bei den Zweitstimmen. Seine Strategie hatte sich für die CDU bewährt: Der Wählerwille ist das Entscheidende! Ihn zu erkennen und vernünftig umzusetzen, das ist die Aufgabe der Politik. Genau dazu hat die CDU sich jetzt durchgerungen.

Käthchen: Kein toller Tag
Rund 50.000 Automobilsportbegeisterte hatten sich bei einem kommerziellen Fernsehsender gemeldet, um sein kostenloses Angebot in Anspruch zu nehmen, sich zum alles entscheidenden letzten Lauf der Formel 1 im japanischen Suzuka pünktlich per Telefon wecken zu lassen. Der wahre Schuhmacher-Fan wollte es sich doch auf keinen Fall entgehen lassen, seinen Favoriten doch noch gewinnen, den Finnen Mika Häkkinen vielleicht doch noch abgeschlagen von dannen ziehen zu sehen. Da spielte es auch keine Rolle, daß das ganze Spektakel morgens um 4.50 Uhr im Fernsehen zu sehen war. Für den geliebten Sport nimmt man die kurze Nacht gerne in Kauf. Und da gab es ja auch, noch wie angekündigt und versprochen, die schöne Verona Feldbusch, die die noch müden Fernsehsessel-Rennfahrer zu der von ihnen gewünschten Zeit anrufen würde und mit einschmeichelnder Stimme ein zartes, aber munteres „Hallöchen, hier ist Verona” in das neben dem Bett stationierte Telefon hauchen würde. Aber wer sich auf den Senderanruf samt Verona verlassen hatte, war auch mitunter verlassen und ist erst aufgewacht, als Schumi schon dem neuen Weltmeister Mika beim Rundenfahren zuschaute. Keine Verona hatte nämlich um 4.15 Uhr angerufen, rechtzeitig um noch ein Tässchen Kaffee zu trinken, der Stimme hinterher zu lauschen, bevor der Streß losging. Wohl dem fürsorglichen jungen Mann, der sich nicht ganz auf die attraktive Talkdame verlassen wollte und zur Sicherheit doch noch zwei herkömmliche Wecker gestellt hatte. „Was hat denn Verona gesagt?“ Frage am Frühstückstisch der langen Verlierergesichter „nichts, die hat einfach nicht angerufen”. Kein toller Tag: kein Weltmeister aus Kerpen, keine Verona am Telefon und für all das um 4.15 Uhr aufgestanden.

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