Ratten
und Bäume
Verständlich,
daß der Grünen-Fraktionsvorsitzende im Heilbronner Gemeinderat Reinhold Schmidt seine
Fraktionskollegin Lilo Klug hochlobt
als überaus engagierte Stadträtin, die weit über die Parteigrenzen und unsere
Stadt hinweg hohe Anerkennung genießt. Nicht zuletzt als Projektleiterin der
Arbeitsgruppe 100.000 Bäume für Ghana im Verein Heilbronner für Ghana. Erst
dieser Tage kam sie von einer Reise aus Afrika in ihr trautes Heim in der
Katzensteige Heilbronns zurück. Gelegen im Nobelviertel Heilbronns. Auch die Grünen in unserer Stadt schätzen
Wohnqualität. Aber daß sie zusammen mit ihrem Ehemann gegen ihre Nachbarn
geklagt hatte, um zu erreichen, damit diese ihre 35 Fichten (teilweise fünf
Meter hoch) auf der Grenze der beiden Grundstücke auf vorgeschriebene 1,80
Meter stutzen, das ist schon sehr eigentümlich. Der Vergleich läßt nun zu, daß
die klagende Stadtratsfamilie die 35 Bäume der Nachbarsfamilie Lang bis zum 31.
Juli 1998 bodennah absägen darf. Und das soll am 30. Juli geschehen. Mit der
Rattenplage im Februar 1998 hatte alles begonnen (siehe Seite 1 des heutigen
Neckar Express), und mit dem Bäume-Tod endet dieser Nachbarschaftsstreit. Über die Rattenplage waren nicht nur die
Nachbarn im Nobel-Viertel Heilbronns erschreckt, auch die Stadt Heilbronn
wollte mit vielen Kontrollen den Imageschaden von der Katzensteige abwenden.
Hinzu kommt jetzt aber noch der Widerspruch bei der grünen Stadträtin Lilo
Klug, der manchen Bürgern unangenehm aufstößt. In Afrika setzt sie sich für die
Pflanzung von 100.000 Bäumen ein, in Heilbronn scheint es ihr egal zu sein,
wenn ihr Ehemann 35 Fichten auf dem Nachbargrundstück fällen darf – und sogar
auch noch das Holz in seinen Besitz übergeht.
Nur, weil die Bäume in den vergangenen 27 Jahren halt so gewachsen sind
– wie sie heute dastehen. Laut Gesetz
dürfen sie nur eine Länge von 1,80 Meter aufweisen. Die Fichten jetzt
abzuschneiden, würde ihren Tod bedeuten. Deshalb werden sie umgesägt. Wird da Wasser gepredigt und Wein getrunken?
Es wird auch noch die Geschichte eines Gärtners kolportiert, der auf Geheiß
einer Familie – ohne die Stadt vorher zu informieren – einen Baum in deren Garten absägen mußte und
von der Stadträtin Lilo Klug angezeigt wurde. 3.500 Mark Bußgeld mußte er zahlen. Und einen Teil seiner
Kundschaft im Osten Heilbronns hat er auch noch verloren. Das ist Umweltschutz.
Auch Bäumen muß Gerechtigkeit widerfahren – vor allem in deutschen Landen.
Dagegen kann und darf man nicht viel sagen, in unserer Political-Correctness-Gesellschaft.
Aber prüfen darf man – was sinnvoll ist und was nicht. Auch wenn mich manchmal
der Gedanke, an Öko-Blockwarte dabei
beschleicht.
Besuch
bei Justitia
4.000
Bürger stürmten die offenen Türen von Gerichten und Gefängnis beim fünften „Tag
des Rechts“, der erstmals in Heilbronn stattfand. Vertrauen in die Justiz
sollte diese Selbstdarstellung schaffen, hoffte der zuständige baden-württembergische
Minister Ulrich Goll (FDP), das Volk
könne dabei den real praktizierten Rechtsstaat erleben. Tatsächlich bemühten
sich rund 50 Mitarbeiter um den Landgerichtspräsidenten Dr. Kurt Breucker mehr als nur redlich, Aufgaben und Alltag der
Rechtsprechung darzustellen. Sie standen in den Fluren nicht nur Rede und
Antwort, sie zeigten auch in inszenierten Prozessen wie die Urteilsfindung im
Namen des Volkes zustande kommt. Das ergab interessante Einblicke in die Welt
von Justitia, der Dame mit Schwert, Waage und Augenbinde. Denn wer – außer dem
halben Dutzend Stammgäste namens „Berufsöffentlichkeit“ – hat schon die Woche
über Zeit, eine Verhandlung von der Anklage über die Beweiserhebung bis zum
Urteil zu verfolgen!? Bei allem Lob für die Unterländer Justiz-Mannschaft kann
doch nicht verhehlt werden, daß bei der Organisation eine Panne passierte, auf
die vor allem manche Familien erbost reagierten. Kinder unter 14 Jahren durften
das Gefängnis nicht von innen angucken. Doch dieser Ausschluß war nirgendwo
angekündigt, weder in den Zeitungen (die zuvor informiert waren), noch im
offiziellen Programm. Nicht nur Philip
Bauer (5), der so gerne seinen Kumpels im Kindergarten erzählen wollte, wie
es im Knast wirklich aussieht, war den Tränen nahe, als der Wachtmeister vor
der Pforte den Zutritt untersagte. Gerade Kinder hatten sich richtig gefreut,
endlich einmal jene Zellen, über die soviel gesprochen und spekuliert wird, mit
eigenen Augen zu sehen. Mag man für das Verbot noch Verständnis haben, so hätte
eine rechtzeitige Information doch manche Verärgerung erspart. Das läßt sich
nächstes Mal bestimmt besser machen.
Wahlkampf
Erst
wollte unser Bundespräsident Roman
Herzog nicht mehr für eine zweite Amtszeit kandidieren. Jetzt überlegt er
sich es noch einmal – bis nach der Bundestagwahl am 27. September. Was mag wohl
dahinter stecken? Auguren behaupten, die Reaktionen bedeutender SPD-Politiker
würden drauf hindeuten, daß sich eine große Koalition in Bonn anbahne. Aus den
Umfragen ließe sich heute schon herauslesen, daß die beiden großen
Volksparteien erheblich zugunsten kleinerer Parteien schrumpfen könnten – und
damit die Notwendigkeit entstünde, eine Große Koalition zu bilden. Da ist dann
an der Spitze des deutschen Bundesstaates Kontinuität gefragt. Und die
verkörpert allein Roman Herzog. Kuriose Überlegungen im Wahlkampfgetöse? Dabei
ist die Entscheidung doch glasklar: Entweder regiert eine rotgrüne Koalition nach dem 27. September in Bonn (später dann in
Berlin), eine schwarzgelbe, eine rot-schwarze oder eine Ampel (aus rot-grün-gelb). Ganz so wie das
Wahlergebnis aussehen wird, was wir Wähler uns bescheren werden. Mehrheit ist Mehrheit, wenn der
Souverain, das Volk, gesprochen hat. Jetzt im Wahlkampf sollen uns die Parteien
zeigen und sagen, was sie in der nächsten Legislaturperiode vorhaben. Manche
unserer eigentümlichen Kommentatoren in Zeitungen, Rundfunkstationen oder im
Fernsehen, die ihr gestörtes Verhältnis zur Demokratie zur Zeit mächtig
ausbreiten – und die Entscheidung des Volkes mittels Wahlen herabwürdigen,
diese Damen und Herren sprechen viel von Wahlkampfgetöse, von dummen
Schlagworten und nörgeln über die Show, die derzeit abgeht. Wie hätten sie es
denn gern? Einparteiensystem? Kein Wahlkampf? Numerus clausus bei den
Wahlzetteln – abstimmen dürfen nur jene, die einen Notendurchschnitt bis zu 2,0
beim Abitur aufweisen können? Und vor der Wahl einen Test in Staatsbürgerkunde
erfolgreich ablegen? Wenn jemand um die Frau seines Herzens wirbt, dann stellt
er sich ja auch von seiner besten Seite dar, gurrt und zirpt, breitet seine
Pläne für die Zukunft aus. Die Angebetete prüft sorgsam – und entscheidet dann.
Wie das Wahlvolk am 27. September 1998. Wer bis dahin nur heiße Luft
produziert, hohle Versprechungen macht, die offensichtlichen Tatsachen
verschleiert, lügt und übel polemisiert – der
wird seine Quittung erhalten. Seltsam, daß jene Politiker, die in der
Vergangenheit vornehmlich als Wahlverlierer aufgefallen sind, heute mit
altklugen Weisheiten moralisierend hausieren gehen, ungebeten Ratschläge
erteilen und immer alles besser wissen. Träumend sage ich mir manchmal, wie
schön wäre es doch, wir hätten im Bundestag nur zwei Parteien. Oppositions- und
Regierungspartei. Oder nur vier, zwei vom konservativ-liberalen Block und zwei
vom rotgrünen Lager. Aber Träume sind Schäume. Und ein Alptraum für die
deutsche Demokratie: Das wären sechs Parteien nach dem 27. September im
deutschen Bundestag.
Brasilien
im Irrwahn
Auch
die letzten in Rio de Janeiro haben es nun kapiert, daß ihre Fußballgötter im
WM-Finale gegen den Gastgeber Frankreich überdeutlich mit 3:0 die Hucke voll
gekriegt haben. Doch die Trauer wich ziemlich schnell der puren und absurden
Empörung. Wie konnte diese Millionen-Mannschaft den Titel nur so motivationslos
verspielen? Und so diskutiert ganz Brasilien über die Blamage von Paris. Zum
einen bekommt der französische Koch sein Fett weg. Es wird gemunkelt, er habe
im französischen Trainingslager vor dem WM-Finale das Essen des Stürmerstars
Ronaldo vergiftet, obwohl dieser doch meistens bei seiner Mutter in einer Villa
gespeist hatte. Andere wiederum suchen die Schuld beim Sportartikelhersteller
Nike. Mit dem abgeschlossenen Vertrag über 200 Millionen Mark für zehn Jahre
hat der amerikanische Konzern aufgrund der finanziellen Interessen Trainer
Zagallo und sein Team zu sehr unter Druck gesetzt und hemmte somit die
brasilianische Spielkunst, die während der ganzen WM nur selten zu bewundern
war. Vielleicht ist aber auch eine
einzige Frau daran Schuld, daß Brasilien den Titel nicht verteidigen konnte.
Die Frau heißt Suzana Werner, und soll sich mit ihrem Freund Ronaldo vor dem
Finale in die Haare gekriegt haben. Verständlich also, daß man als zweifacher
Weltfußballer der Jahre 1996 und 1997 mit Problemen in Sachen Liebe keine
Leistung bringen kann. Aber die heißeste Äußerung brachte die beliebte
brasilianische Fernsehmoderatorin Hebe Camargo, indem sie sagte, daß das
Endresultat vor dem Spiel schon feststand. Da kann man der deutschen Presse nur
dankbar sein, daß sie nach dem Viertelfinal-Aus der deutschen
Nationalmannschaft auf dem Boden der Realität geblieben ist und nicht – wie in
Brasilien – völlig absurde Kuriositäten in Umlauf gebracht hat.
Volksfestbier
Das
Bier für das Unterländer Volksfest ist gebraut und lagert – insgesamt einige
Wochen – derzeit in der Dinkelacker-Brauerei
in Stuttgart, damit vom 31. Juli bis zum 10. August 1998 auf der Theresienwiese
Heilbronns die Maßkrüge mit dem kühlen, erfrischenden Gerstensaft geschwungen
werden können. Gebraut wurde bereits am 11. Mai 1998 nach alten Cluss-Rezepten
– ausschließlich mit Gerste aus den heimischen Anbaugebieten sowie Tettnanger
Aromahopfen. Am Donnerstag vergangener Woche durften bei einer Pressekonferenz
in der Heilbronner Gaststätte Trappensee Journalisten, die Vertreter der
Brauerei und der Stadt Heilbronn erstmals vom frischen
Cluss-Unterländer-Volksfestbier probieren. Dr.
Hans Wilhelm Dietel, Vorstand der Brauerei Cluss, hatte verkündet, daß man
für den ersten Faßanstich des jungen Bieres nach reiflicher Überlegung den
Redaktionsleiter des Neckar Express, Jürgen
Dieter Ueckert, erkoren hatte. Der betonte, daß er so richtig noch nie ein
Bierfaß angestochen habe. „Aber wenn es sein muß, dann versuche ich es.“ Und
erinnerte sich einiger Fernsehbilder – im ARD-Ratgeber oder von anderen
Volksfesten. Nicht den üblichen Heilbronner Bierfaßanstich nahm sich der
Schreiber zum Vorbild, sondern den Anstich beim Münchner Oktoberfest: Drei
Schläge – und der Gerstensaft muß fließen. Und mit zwei kurzen und einem
kräftigen Schlag saß der Zapfhahn im ersten Faß des Unterländer Volksfestbieres
in der Trappenseegastätte. Kein Spritzen, kein Geschrei, kein wildes
Drauflosgehämmere. „Nicht gerade publikumswirksam fürs Unterländer Volksfest“,
meinte Heilbronns Verkehrsdirektor Bernhard
Winkler. Recht hat er! Denn in Heilbronn wird beim Volksfestbier-Anstich
mit dem Holzhammer derart gedroschen, daß zunächst einmal alle Festgäste im
Umkreis von fünf bis zehn Metern mit Bier bespritzt werden, manchmal werden
auch noch die hingehaltenen Bierkrüge mit dem Holzhammer traktiert, sodaß sie
zu Bruch gehen. Das ist publikumswirksam in Heilbronn auf der Theresienwiese.
Wer es mit drei Schlägen schafft, das Bier zum Fließen zu bringen, der braucht
in Heilbronn gar nicht erst anzutreten. Weder als OB-Kandidat, noch als
Bierfaßanstecher auf dem Volksfest. Heilbronn ist schließlich eine Wein- und
keine Bierstadt. Aber wie heißt es so schön: „Uns Europäern schmeckt das Bier
aus Deutschland und der Wein aus den Mittelmeerländern am besten – und uns
Schwaben dazu noch unser Wein von hier.“
Berliner
Platz
Es
ist schon ein wahres Trauerspiel: Während direkt unter mir die Kaiserstraße
erbebt – und mancher Geschäftsmann um seine Kunden zittert – und zwischen
Kiliansplatz und Wollhaus das Leben pulsiert, blickt man in die andere Richtung
auf Behagliches und Ödes. Und jetzt scheinen unsere Stadträte bei der Bebauung des
Berliner Platzes eher zurückhaltend als forsch zu agieren. Töne in Moll und der
fast unausweichliche Ausspruch „Wie bei Bülow!“ kommen unseren gewählten
Vertretern häufiger über die Lippen. Zunächst einmal hat man flugs die
entscheidende Sitzung auf Ende Juli verschoben – was aber wohl niemandem etwas
bringt. Auch nicht eine Entscheidung im September. Der Traum, daß einer der
beiden Projektentwickler ein voll vermietetes Haus bringen wird, war doch von
vornherein unrealistisch. Über Jahrzehnte kam man beim Berliner Platz nicht in
Schwung und jetzt erwartet man geradezu Wunderdinge! Das kann so nicht
funktionieren. Aber wie bei Bülow ist es nicht – nicht mehr. Denn beide
Projektteams haben einiges mehr zu bieten – auch wenn einer gerade wohl am
Resignieren ist. Aber die Heilbronner Gruppe mit dem Theaterforum K3 gibt nicht klein bei, kämpft um ihre Chance. Das
Theater, die Stadtbücherei, das Flebbe-Großkino, drei gehobene
Gastronomie-Betriebe und den Parkhaus-Betreiber haben die K3-Macher um die
Heilbronner Architekten Uli
Bechler und Gerd Krummlauf und
Bauunternehmer Peter Koch fest an der Angel. Und damit fast 70 Prozent der zu
vermietenden Fläche. Und die Finanzierung ist auch unter Dach und Fach. Das ist
doch ein Wort. Bei Tengelmann hat Projektentwickler Frieder Kübler wohl ins
Leere gegriffen – vielleicht auch, weil ihm die eine oder andere Information
aus der Stadt fehlte. Nicht leicht macht es die Stadtverwaltung den beiden
Wettbewerbern. Just als diese hart um Mieter kämpfen, genehmigt man in direkter
Nähe auf dem Gelände der ehemaligen Weipert-Gießerei ein Fachmarktcenter. In
ähnlicher Größe wie die Handelsflächen auf dem Berliner Platz, mit ähnlichem
Branchenbesatz – und als direkte Konkurrenz. Da verstehe einer noch die Welt!
Will man denn eigentlich die Belebung der Nordstadt durch Handel, Kunst und
Kino – oder hat man ein Bülow-Trauma – und den Berliner Platz schon aufgegeben.
Schade wär’s schon. Heilbronn bleibt halt Heilbronn!
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