Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 22.07.1998



Ratten und Bäume
Verständlich, daß der Grünen-Fraktionsvorsitzende im Heilbronner Gemeinderat Reinhold Schmidt seine Fraktionskollegin Lilo Klug hochlobt als überaus engagierte Stadträtin, die weit über die Parteigrenzen und unsere Stadt hinweg hohe Anerkennung genießt. Nicht zuletzt als Projektleiterin der Arbeitsgruppe 100.000 Bäume für Ghana im Verein Heilbronner für Ghana. Erst dieser Tage kam sie von einer Reise aus Afrika in ihr trautes Heim in der Katzensteige Heilbronns zurück. Gelegen im Nobelviertel Heilbronns. Auch die Grünen in unserer Stadt schätzen Wohnqualität. Aber daß sie zusammen mit ihrem Ehemann gegen ihre Nachbarn geklagt hatte, um zu erreichen, damit diese ihre 35 Fichten (teilweise fünf Meter hoch) auf der Grenze der beiden Grundstücke auf vorgeschriebene 1,80 Meter stutzen, das ist schon sehr eigentümlich. Der Vergleich läßt nun zu, daß die klagende Stadtratsfamilie die 35 Bäume der Nachbarsfamilie Lang bis zum 31. Juli 1998 bodennah absägen darf. Und das soll am 30. Juli geschehen. Mit der Rattenplage im Februar 1998 hatte alles begonnen (siehe Seite 1 des heutigen Neckar Express), und mit dem Bäume-Tod endet dieser Nachbarschaftsstreit. Über die Rattenplage waren nicht nur die Nachbarn im Nobel-Viertel Heilbronns erschreckt, auch die Stadt Heilbronn wollte mit vielen Kontrollen den Imageschaden von der Katzensteige abwenden. Hinzu kommt jetzt aber noch der Widerspruch bei der grünen Stadträtin Lilo Klug, der manchen Bürgern unangenehm aufstößt. In Afrika setzt sie sich für die Pflanzung von 100.000 Bäumen ein, in Heilbronn scheint es ihr egal zu sein, wenn ihr Ehemann 35 Fichten auf dem Nachbargrundstück fällen darf – und sogar auch noch das Holz in seinen Besitz übergeht.  Nur, weil die Bäume in den vergangenen 27 Jahren halt so gewachsen sind –  wie sie heute dastehen. Laut Gesetz dürfen sie nur eine Länge von 1,80 Meter aufweisen. Die Fichten jetzt abzuschneiden, würde ihren Tod bedeuten. Deshalb werden sie umgesägt. Wird da Wasser gepredigt und Wein getrunken? Es wird auch noch die Geschichte eines Gärtners kolportiert, der auf Geheiß einer Familie – ohne die Stadt vorher zu informieren –  einen Baum in deren Garten absägen mußte und von der Stadträtin Lilo Klug angezeigt wurde. 3.500 Mark Bußgeld mußte er zahlen. Und einen Teil seiner Kundschaft im Osten Heilbronns hat er auch noch verloren. Das ist Umweltschutz. Auch Bäumen muß Gerechtigkeit widerfahren – vor allem in deutschen Landen. Dagegen kann und darf man nicht viel sagen, in unserer Political-Correctness-Gesellschaft. Aber prüfen darf man – was sinnvoll ist und was nicht. Auch wenn mich manchmal der Gedanke, an Öko-Blockwarte dabei beschleicht.


Besuch bei Justitia
4.000 Bürger stürmten die offenen Türen von Gerichten und Gefängnis beim fünften „Tag des Rechts“, der erstmals in Heilbronn stattfand. Vertrauen in die Justiz sollte diese Selbstdarstellung schaffen, hoffte der zuständige baden-württembergische Minister Ulrich Goll (FDP), das Volk könne dabei den real praktizierten Rechtsstaat erleben. Tatsächlich bemühten sich rund 50 Mitarbeiter um den Landgerichtspräsidenten Dr. Kurt Breucker mehr als nur redlich, Aufgaben und Alltag der Rechtsprechung darzustellen. Sie standen in den Fluren nicht nur Rede und Antwort, sie zeigten auch in inszenierten Prozessen wie die Urteilsfindung im Namen des Volkes zustande kommt. Das ergab interessante Einblicke in die Welt von Justitia, der Dame mit Schwert, Waage und Augenbinde. Denn wer – außer dem halben Dutzend Stammgäste namens „Berufsöffentlichkeit“ – hat schon die Woche über Zeit, eine Verhandlung von der Anklage über die Beweiserhebung bis zum Urteil zu verfolgen!? Bei allem Lob für die Unterländer Justiz-Mannschaft kann doch nicht verhehlt werden, daß bei der Organisation eine Panne passierte, auf die vor allem manche Familien erbost reagierten. Kinder unter 14 Jahren durften das Gefängnis nicht von innen angucken. Doch dieser Ausschluß war nirgendwo angekündigt, weder in den Zeitungen (die zuvor informiert waren), noch im offiziellen Programm. Nicht nur Philip Bauer (5), der so gerne seinen Kumpels im Kindergarten erzählen wollte, wie es im Knast wirklich aussieht, war den Tränen nahe, als der Wachtmeister vor der Pforte den Zutritt untersagte. Gerade Kinder hatten sich richtig gefreut, endlich einmal jene Zellen, über die soviel gesprochen und spekuliert wird, mit eigenen Augen zu sehen. Mag man für das Verbot noch Verständnis haben, so hätte eine rechtzeitige Information doch manche Verärgerung erspart. Das läßt sich nächstes Mal bestimmt besser machen.

Wahlkampf
Erst wollte unser Bundespräsident Roman Herzog nicht mehr für eine zweite Amtszeit kandidieren. Jetzt überlegt er sich es noch einmal – bis nach der Bundestagwahl am 27. September. Was mag wohl dahinter stecken? Auguren behaupten, die Reaktionen bedeutender SPD-Politiker würden drauf hindeuten, daß sich eine große Koalition in Bonn anbahne. Aus den Umfragen ließe sich heute schon herauslesen, daß die beiden großen Volksparteien erheblich zugunsten kleinerer Parteien schrumpfen könnten – und damit die Notwendigkeit entstünde, eine Große Koalition zu bilden. Da ist dann an der Spitze des deutschen Bundesstaates Kontinuität gefragt. Und die verkörpert allein Roman Herzog. Kuriose Überlegungen im Wahlkampfgetöse? Dabei ist die Entscheidung doch glasklar: Entweder regiert eine rotgrüne Koalition nach dem 27. September in Bonn (später dann in Berlin), eine schwarzgelbe, eine rot-schwarze oder eine Ampel (aus rot-grün-gelb). Ganz so wie das Wahlergebnis aussehen wird, was wir Wähler uns bescheren werden. Mehrheit ist Mehrheit, wenn der Souverain, das Volk, gesprochen hat. Jetzt im Wahlkampf sollen uns die Parteien zeigen und sagen, was sie in der nächsten Legislaturperiode vorhaben. Manche unserer eigentümlichen Kommentatoren in Zeitungen, Rundfunkstationen oder im Fernsehen, die ihr gestörtes Verhältnis zur Demokratie zur Zeit mächtig ausbreiten – und die Entscheidung des Volkes mittels Wahlen herabwürdigen, diese Damen und Herren sprechen viel von Wahlkampfgetöse, von dummen Schlagworten und nörgeln über die Show, die derzeit abgeht. Wie hätten sie es denn gern? Einparteiensystem? Kein Wahlkampf? Numerus clausus bei den Wahlzetteln – abstimmen dürfen nur jene, die einen Notendurchschnitt bis zu 2,0 beim Abitur aufweisen können? Und vor der Wahl einen Test in Staatsbürgerkunde erfolgreich ablegen? Wenn jemand um die Frau seines Herzens wirbt, dann stellt er sich ja auch von seiner besten Seite dar, gurrt und zirpt, breitet seine Pläne für die Zukunft aus. Die Angebetete prüft sorgsam – und entscheidet dann. Wie das Wahlvolk am 27. September 1998. Wer bis dahin nur heiße Luft produziert, hohle Versprechungen macht, die offensichtlichen Tatsachen verschleiert, lügt und übel polemisiert – der wird seine Quittung erhalten. Seltsam, daß jene Politiker, die in der Vergangenheit vornehmlich als Wahlverlierer aufgefallen sind, heute mit altklugen Weisheiten moralisierend hausieren gehen, ungebeten Ratschläge erteilen und immer alles besser wissen. Träumend sage ich mir manchmal, wie schön wäre es doch, wir hätten im Bundestag nur zwei Parteien. Oppositions- und Regierungspartei. Oder nur vier, zwei vom konservativ-liberalen Block und zwei vom rotgrünen Lager. Aber Träume sind Schäume. Und ein Alptraum für die deutsche Demokratie: Das wären sechs Parteien nach dem 27. September im deutschen Bundestag.  

Brasilien im Irrwahn
Auch die letzten in Rio de Janeiro haben es nun kapiert, daß ihre Fußballgötter im WM-Finale gegen den Gastgeber Frankreich überdeutlich mit 3:0 die Hucke voll gekriegt haben. Doch die Trauer wich ziemlich schnell der puren und absurden Empörung. Wie konnte diese Millionen-Mannschaft den Titel nur so motivationslos verspielen? Und so diskutiert ganz Brasilien über die Blamage von Paris. Zum einen bekommt der französische Koch sein Fett weg. Es wird gemunkelt, er habe im französischen Trainingslager vor dem WM-Finale das Essen des Stürmerstars Ronaldo vergiftet, obwohl dieser doch meistens bei seiner Mutter in einer Villa gespeist hatte. Andere wiederum suchen die Schuld beim Sportartikelhersteller Nike. Mit dem abgeschlossenen Vertrag über 200 Millionen Mark für zehn Jahre hat der amerikanische Konzern aufgrund der finanziellen Interessen Trainer Zagallo und sein Team zu sehr unter Druck gesetzt und hemmte somit die brasilianische Spielkunst, die während der ganzen WM nur selten zu bewundern war. Vielleicht ist aber auch eine einzige Frau daran Schuld, daß Brasilien den Titel nicht verteidigen konnte. Die Frau heißt Suzana Werner, und soll sich mit ihrem Freund Ronaldo vor dem Finale in die Haare gekriegt haben. Verständlich also, daß man als zweifacher Weltfußballer der Jahre 1996 und 1997 mit Problemen in Sachen Liebe keine Leistung bringen kann. Aber die heißeste Äußerung brachte die beliebte brasilianische Fernsehmoderatorin Hebe Camargo, indem sie sagte, daß das Endresultat vor dem Spiel schon feststand. Da kann man der deutschen Presse nur dankbar sein, daß sie nach dem Viertelfinal-Aus der deutschen Nationalmannschaft auf dem Boden der Realität geblieben ist und nicht – wie in Brasilien – völlig absurde Kuriositäten in Umlauf gebracht hat.    

Volksfestbier
Das Bier für das Unterländer Volksfest ist gebraut und lagert – insgesamt einige Wochen – derzeit in der Dinkelacker-Brauerei in Stuttgart, damit vom 31. Juli bis zum 10. August 1998 auf der Theresienwiese Heilbronns die Maßkrüge mit dem kühlen, erfrischenden Gerstensaft geschwungen werden können. Gebraut wurde bereits am 11. Mai 1998 nach alten Cluss-Rezepten – ausschließlich mit Gerste aus den heimischen Anbaugebieten sowie Tettnanger Aromahopfen. Am Donnerstag vergangener Woche durften bei einer Pressekonferenz in der Heilbronner Gaststätte Trappensee Journalisten, die Vertreter der Brauerei und der Stadt Heilbronn erstmals vom frischen Cluss-Unterländer-Volksfestbier probieren. Dr. Hans Wilhelm Dietel, Vorstand der Brauerei Cluss, hatte verkündet, daß man für den ersten Faßanstich des jungen Bieres nach reiflicher Überlegung den Redaktionsleiter des Neckar Express, Jürgen Dieter Ueckert, erkoren hatte. Der betonte, daß er so richtig noch nie ein Bierfaß angestochen habe. „Aber wenn es sein muß, dann versuche ich es.“ Und erinnerte sich einiger Fernsehbilder – im ARD-Ratgeber oder von anderen Volksfesten. Nicht den üblichen Heilbronner Bierfaßanstich nahm sich der Schreiber zum Vorbild, sondern den Anstich beim Münchner Oktoberfest: Drei Schläge – und der Gerstensaft muß fließen. Und mit zwei kurzen und einem kräftigen Schlag saß der Zapfhahn im ersten Faß des Unterländer Volksfestbieres in der Trappenseegastätte. Kein Spritzen, kein Geschrei, kein wildes Drauflosgehämmere. „Nicht gerade publikumswirksam fürs Unterländer Volksfest“, meinte Heilbronns Verkehrsdirektor Bernhard Winkler. Recht hat er! Denn in Heilbronn wird beim Volksfestbier-Anstich mit dem Holzhammer derart gedroschen, daß zunächst einmal alle Festgäste im Umkreis von fünf bis zehn Metern mit Bier bespritzt werden, manchmal werden auch noch die hingehaltenen Bierkrüge mit dem Holzhammer traktiert, sodaß sie zu Bruch gehen. Das ist publikumswirksam in Heilbronn auf der Theresienwiese. Wer es mit drei Schlägen schafft, das Bier zum Fließen zu bringen, der braucht in Heilbronn gar nicht erst anzutreten. Weder als OB-Kandidat, noch als Bierfaßanstecher auf dem Volksfest. Heilbronn ist schließlich eine Wein- und keine Bierstadt. Aber wie heißt es so schön: „Uns Europäern schmeckt das Bier aus Deutschland und der Wein aus den Mittelmeerländern am besten – und uns Schwaben dazu noch unser Wein von hier.“

Berliner Platz
Es ist schon ein wahres Trauerspiel: Während direkt unter mir die Kaiserstraße erbebt – und mancher Geschäftsmann um seine Kunden zittert – und zwischen Kiliansplatz und Wollhaus das Leben pulsiert, blickt man in die andere Richtung auf Behagliches und Ödes. Und jetzt scheinen unsere Stadträte bei der Bebauung des Berliner Platzes eher zurückhaltend als forsch zu agieren. Töne in Moll und der fast unausweichliche Ausspruch „Wie bei Bülow!“ kommen unseren gewählten Vertretern häufiger über die Lippen. Zunächst einmal hat man flugs die entscheidende Sitzung auf Ende Juli verschoben – was aber wohl niemandem etwas bringt. Auch nicht eine Entscheidung im September. Der Traum, daß einer der beiden Projektentwickler ein voll vermietetes Haus bringen wird, war doch von vornherein unrealistisch. Über Jahrzehnte kam man beim Berliner Platz nicht in Schwung und jetzt erwartet man geradezu Wunderdinge! Das kann so nicht funktionieren. Aber wie bei Bülow ist es nicht – nicht mehr. Denn beide Projektteams haben einiges mehr zu bieten – auch wenn einer gerade wohl am Resignieren ist. Aber die Heilbronner Gruppe mit dem Theaterforum K3 gibt nicht klein bei, kämpft um ihre Chance. Das Theater, die Stadtbücherei, das Flebbe-Großkino, drei gehobene Gastronomie-Betriebe und den Parkhaus-Betreiber haben die K3-Macher  um die  Heilbronner Architekten Uli Bechler und Gerd Krummlauf und Bauunternehmer Peter Koch fest an der Angel. Und damit fast 70 Prozent der zu vermietenden Fläche. Und die Finanzierung ist auch unter Dach und Fach. Das ist doch ein Wort. Bei Tengelmann hat Projektentwickler Frieder Kübler wohl ins Leere gegriffen – vielleicht auch, weil ihm die eine oder andere Information aus der Stadt fehlte. Nicht leicht macht es die Stadtverwaltung den beiden Wettbewerbern. Just als diese hart um Mieter kämpfen, genehmigt man in direkter Nähe auf dem Gelände der ehemaligen Weipert-Gießerei ein Fachmarktcenter. In ähnlicher Größe wie die Handelsflächen auf dem Berliner Platz, mit ähnlichem Branchenbesatz – und als direkte Konkurrenz. Da verstehe einer noch die Welt! Will man denn eigentlich die Belebung der Nordstadt durch Handel, Kunst und Kino – oder hat man ein Bülow-Trauma – und den Berliner Platz schon aufgegeben. Schade wär’s schon. Heilbronn bleibt halt Heilbronn!                      

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen