Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 01.07.1998



Liebe Nachbarn
Sommerzeit ist Gartenzeit. Wohl dem, der einen hat, denn während der heißen Tage – in Anbetracht überfüllter Freibäder und Badeseen – ist ein Garten heimeliger Ort, um ungestört Sonne zu tanken, mit Verwandten, Freunden und Bekannten zu grillen oder im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft die Spiele im Freien vorm Fernseher zu genießen. Wenn da nicht die lieben Nachbarn wären … Laut feiernd gestalten diese einen Sommertag von acht bis 18 Uhr zu einem Festival der Lautstärke (frei nach dem Motto: luschdig isch’s, wenn’s laut isch!), unterhalten sich krakeelend über Gärten hinweg mit dem Nachbarn („Ha, henn se des scho ghört?“), der mehrere Häuser entfernt in seinem Garten sitzt, und beklagen sich dann aber, wenn man gleiches Recht in angemessener Lautstärke ab 18 Uhr in Anspruch nimmt. Sofort werden dann die Ordnungskräfte der Polizei angefordert, die dem Tohuwabohu in den Abendstunden ein Ende setzen  sollen. Daß diese dann erst einmal nach ihrem Eintreffen verdutzt auf der Straße stehen, weil sie keine Lärmquelle ausfindig machen können, ist den lieben Nachbarn schnurzpiepegal. Hauptsache man merkt, daß die „Stasi von Nebenan“ jeden Schritt und jeden Tritt kontrolliert und ahnden kann, wenn es beliebt. Leid bei der ganzen Sache kann einem die Polizei tun, die bei jedem Anruf ausrücken und nach dem Rechten sehen muß, auch wenn im eigentlichen Sinne keine Ruhestörung vorliegt. In einem solchen Fall sollte eigentlich der Anrufer den anfallenden Kosten- und Zeitaufwand der Ordnungskräfte finanziell begleichen.     

Gewaltbereitschaft
Nicht die französischen, nicht die italienischen  oder südamerikanischen Fußballfans fallen durch Gruppen gewalttätiger Outsider auf – vornehmlich  aus England und Deutschland reisen jene nach Frankreich, die sich schlagen, betrunken und grölend durch die Straßen randalieren. Gutmeinende Menschen stellen diesen wenigen Kriminellen die Mehrheit der sich gesittet aufführenden Fußballfans gegenüber. Aber unsere deutschen Fernsehanstalten, ob privat oder öffentlich-rechtlich, wollen detailliert informieren und steigen voll ein. Jedem Sender sein bekennender deutscher Hooligan. Da schwafeln vermummte Gestalten irgendwas von Ehre, vom Kick beim Zuschlagen, von Gewalt als Droge – in die Mikrofone. Ein Gesabber, das im Angesicht eines mit dem Tode ringenden Polizisten in Frankreich nur Verhöhnung ist. Experten erklären nach jedem Wortschwall eines dieser auskunftsfreudigen Gewaltmenschen, wie stark doch die Gesellschaft schuld sei an dem Verhalten solch armer, getretener, psychisch geschlagene und beleidigter Menschlein, die nur noch ihre Gewalt haben, um sich den Mitmenschen als humane Wesen kenntlich zu machen. Ach Gott! Und der mitleidende Zeitgenosse an der Glotze bricht in Tränen aus, schimpft auf den bösen Staat – wünscht dem gewaltbereiten Hooligan und seiner Familie mindestens das doppelte an Sozialhilfe, zwei Psychologen und drei Sozialarbeiter zur Bewältigung seines trüben Daseins in unserer unmenschlichen Gesellschaft. Aber wenigsten haben unsere Fernsehsender gezeigt, daß sie mitleiden können: Das Honorar für das jeweilige Holligan-Interview reicht zumindest für alle Eintrittskarten, die der Junge in diesem Jahr noch benötigt, um sich bei den anstehenden Bundesligaspielen richtig austoben zu können. Jene Sender, die jetzt die Hooligan-Gewaltbereitschaft beklagen, senden rund um die Uhr Anleitungen für grausame Gewaltspiele. Da wird geballert, geschlagen, getötet, gemordet, daß es für die ohne Werte dahin-vegetierende Dumpfbacke eine helle Freude ist. Auch die Politik aus aller Welt zeigt uns in den täglichen Nachrichten, daß auf diesem Erdball der Mörder und Verbrecher (Saddam Hussein oder Milosevic) fast immer der Sieger ist, daß sich Verschlagenheit, Lüge und Gewalt eben auszahlen. Das erinnert mich an jenen Satz eines berühmten deutschen Malers, der über die Unverschämtheiten und Brutalitäten der beginnenden Nazidiktatur in Deutschland sagte: Man kann gar nicht soviel kotzen, wie man täglich an Scheiße fressen muß.

Müsli im Kopf
Manche haben ja nur Rosinen im Kopf. Andere dagegen ganze Müslipackungen. Bei den Christdemokraten ist rund drei Monate vor der Bundestagswahl der Tanz auf dem Vulkan nahe dem Kraterrand in vollem Gange. Offenbar will man nicht gewinnen. Und tut auch alles dafür, daß die anderen den Sieg davontragen. Nachdem der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble als Kohl-Nachfolger ausgerufen wurde, sich selbst darauf verleugnete, der Kanzler es in seiner ganzen Pracht mit aller Macht noch mal wissen will und Schäuble als Nachfolgekandidat im Bund mit der CSU ein wenig demontierte, Herr Rühe auch Kanzler werden möchte, die CSU eventuell eine SPD-Minderheitsregierung unterstützen will, die Umfrageergebnisse seit Wochen nahezu gleich schlecht für die Union bleiben – ja, was soll da noch werden? Die Freien Demokraten stehen in Treue fest zur Union, wollen mit ihr erneut eine Koalition nach dem 27. September eingehen – sofern dafür eine Mehrheit vorhanden sein sollte. Aber die Mehrheitsverhältnisse im neuen Bundestag bestimmt der Wähler. Sonst niemand! Da könnte es dann schon sein, daß eine SPD als stärkste Fraktion im Bundestag einen Kanzler Schröder nur mit der FDP wählen kann. Denn Gerhard Schröder will keine Koaltion aus Liebe, sondern nur aus Vernunftsgründen eingehen. Die Sozialdemokraten an der Basis lieben die grüne Partei, das Fleisch vom eigenen Fleische. Aber mit Politik hat das nichts zu tun. Politiker denken ohnehin kaum in Liebeskategorien, wenn es um Macht geht. Eine große Koalition aus Union und SPD, die wäre äußert schlecht für unser Land und die Demokratie. Eine Bundesregierung von Grünen und Sozis unterstützt – dafür scheint die Zeit nach den vielen grünen Ungereimtheiten noch nicht reif zu sein. Spekulationen in diesen Tagen sind auf Sand gebaut. Ein neues Parlament sucht sich auch neue Mehrheiten für eine Regierung. Und leicht werden die Wähler es den Parteien nicht machen. Das allein zeigen schon die derzeitigen sehr stabilen Umfragen – aber auch die ernüchternden Erfahrungen der vergangenen Jahre mit Prognosen jeglicher Art. Auguren – zieht Euch warm an! Es wird Überraschungen geben! Nicht nur die Politiker aller Couleur haben in diesen Tagen viel zu viel Müsli im Kopf, auch die Meinungsforscher. Am 27. September 1998 – so zwischen 18 und 20 Uhr –  wird dann durchgeblasen!

Geld nausdruckt!
Ist das nun ein weiterer Rathausskandal – oder ein ganz normaler Vorgang in der Heilbronner Stadtverwaltung? In der freien Wirtschaft wird mit Festpreisen gebaut. Meist werden sogar die geplanten Kosten unterschritten. Ganz anders, wenn die Kommune baut. Handwerker und Bauunternehmer wissen das. Nahezu alle öffentlichen Bauten aus den vergangenen Jahren in Heilbronn waren zum Schluß erheblich teurer als zunächst geplant. Aber warum auch nicht?!? Stadtverwaltung und Gemeinderat sind ja der breiten Öffentlichkeit verpflichtet! Sie geben nur das Geld von uns Steuerzahlern aus! Wir prüfen mit unserer Wahl alle fünf Jahre nach, ob auf dem Rathaus wirtschaftlich und auch sparsam gearbeitet wurde. Die vielen Sünden sind dann meist vergessen, wenn sich 250 Kandidaten um die 40 Sitze am Hufeisentisch im Heilbronner Rathaus bewerben. Der Kontaktladen für Drogensüchtige neben dem Heilbronner Hauptbahnhof ist ja nur 250.000 Mark teurer als geplant geworden – und beim Parkhaus am Bollwerksturm haben sich die Baukosten nur um eine Million Mark erhöht. Ohne daß der Heilbronner Gemeinderat zuvor informiert gewesen wäre. Ein Gremium, das sich von der Verwaltung an der Nase herumführen läßt – wie der berüchtigte Tanzbär? Der Gemeinderat als zahnloser Tiger? Offenbar sind unsere Heilbronner Stadträte nicht annähernd in der Lage, die Verwaltung hinreichend zu kontrollieren. Im Schwäbischen sagt man schlicht: Die Verwaltung spielt Hugoles mit dem Gemeinderat. Und dazu gehören bekanntlich immer zwei. Einer, der es macht, und einer, der es mit sich machen läßt. Spötter meinen, ein Feierabend-Gremium wie in Heilbronn, in dem Lehrer, Rentner, Beamte und Freiberufler das Sagen haben, kann ja nicht gleichgesetzt werde mit professionell arbeitenden Gremien. Aber im Vergleich mit anderen Städten waren in den letzten beiden Jahren in Heilbronn doch entschieden zu viele Fehler gemacht worden. Die Skandale lösten einander im fliegenden Wechsel ab. Die Bürger haben – man braucht sich nur umzuhören, und Stadträte sollten das gelegentlich auch tun – die Nase gestrichen voll. Ist die Lage mal ein wenig ruhiger, werden vollmundig große Erwartungen im Käthchenstädtchen geweckt, die im nächsten Moment in sich zusammenfallen – wie der Hefekuchen eines schlampigen Bäckers. Oder schlicht gesagt: Da wird onser Geld mit beide Händ zum Fenschder nausdruckt! Mir hends ja!

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