Liebe
Nachbarn
Sommerzeit
ist Gartenzeit. Wohl dem, der einen hat, denn während der heißen Tage – in
Anbetracht überfüllter Freibäder und Badeseen – ist ein Garten heimeliger Ort,
um ungestört Sonne zu tanken, mit Verwandten, Freunden und Bekannten zu grillen
oder im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft die Spiele im Freien vorm
Fernseher zu genießen. Wenn da nicht die lieben Nachbarn wären … Laut feiernd
gestalten diese einen Sommertag von acht bis 18 Uhr zu einem Festival der
Lautstärke (frei nach dem Motto: luschdig isch’s, wenn’s laut isch!),
unterhalten sich krakeelend über Gärten hinweg mit dem Nachbarn („Ha, henn se
des scho ghört?“), der mehrere Häuser entfernt in seinem Garten sitzt, und
beklagen sich dann aber, wenn man gleiches Recht in angemessener Lautstärke ab
18 Uhr in Anspruch nimmt. Sofort werden
dann die Ordnungskräfte der Polizei angefordert, die dem Tohuwabohu in den
Abendstunden ein Ende setzen sollen. Daß
diese dann erst einmal nach ihrem Eintreffen verdutzt auf der Straße stehen,
weil sie keine Lärmquelle ausfindig machen können, ist den lieben Nachbarn
schnurzpiepegal. Hauptsache man merkt, daß die „Stasi von Nebenan“ jeden
Schritt und jeden Tritt kontrolliert und ahnden kann, wenn es beliebt. Leid bei
der ganzen Sache kann einem die Polizei tun, die bei jedem Anruf ausrücken und
nach dem Rechten sehen muß, auch wenn im eigentlichen Sinne keine Ruhestörung
vorliegt. In einem solchen Fall sollte eigentlich der Anrufer den anfallenden
Kosten- und Zeitaufwand der Ordnungskräfte finanziell begleichen.
Gewaltbereitschaft
Nicht
die französischen, nicht die italienischen
oder südamerikanischen Fußballfans fallen durch Gruppen gewalttätiger
Outsider auf – vornehmlich aus England
und Deutschland reisen jene nach Frankreich, die sich schlagen, betrunken und
grölend durch die Straßen randalieren. Gutmeinende Menschen stellen diesen
wenigen Kriminellen die Mehrheit der sich gesittet aufführenden Fußballfans
gegenüber. Aber unsere deutschen Fernsehanstalten, ob privat oder
öffentlich-rechtlich, wollen detailliert informieren und steigen voll ein.
Jedem Sender sein bekennender deutscher Hooligan. Da schwafeln vermummte
Gestalten irgendwas von Ehre, vom Kick beim Zuschlagen, von Gewalt als Droge –
in die Mikrofone. Ein Gesabber, das im Angesicht eines mit dem Tode ringenden
Polizisten in Frankreich nur Verhöhnung ist. Experten erklären nach jedem
Wortschwall eines dieser auskunftsfreudigen Gewaltmenschen, wie stark doch die
Gesellschaft schuld sei an dem Verhalten solch armer, getretener, psychisch
geschlagene und beleidigter Menschlein, die nur noch ihre Gewalt haben, um sich
den Mitmenschen als humane Wesen kenntlich zu machen. Ach Gott! Und der mitleidende Zeitgenosse an der
Glotze bricht in Tränen aus, schimpft auf den bösen Staat – wünscht dem
gewaltbereiten Hooligan und seiner Familie mindestens das doppelte an
Sozialhilfe, zwei Psychologen und drei Sozialarbeiter zur Bewältigung seines
trüben Daseins in unserer unmenschlichen Gesellschaft. Aber wenigsten haben unsere
Fernsehsender gezeigt, daß sie mitleiden können: Das Honorar für das jeweilige
Holligan-Interview reicht zumindest für alle Eintrittskarten, die der Junge in
diesem Jahr noch benötigt, um sich bei den anstehenden Bundesligaspielen
richtig austoben zu können. Jene Sender, die jetzt die
Hooligan-Gewaltbereitschaft beklagen, senden rund um die Uhr Anleitungen für
grausame Gewaltspiele. Da wird geballert, geschlagen, getötet, gemordet, daß es
für die ohne Werte dahin-vegetierende Dumpfbacke eine helle Freude ist. Auch
die Politik aus aller Welt zeigt uns in den täglichen Nachrichten, daß auf
diesem Erdball der Mörder und Verbrecher (Saddam Hussein oder Milosevic) fast
immer der Sieger ist, daß sich Verschlagenheit, Lüge und Gewalt eben auszahlen.
Das erinnert mich an jenen Satz eines berühmten deutschen Malers, der über die
Unverschämtheiten und Brutalitäten der beginnenden Nazidiktatur in Deutschland
sagte: Man kann gar nicht soviel kotzen, wie man täglich an Scheiße fressen
muß.
Müsli
im Kopf
Manche
haben ja nur Rosinen im Kopf. Andere dagegen ganze Müslipackungen. Bei den
Christdemokraten ist rund drei Monate vor der Bundestagswahl der Tanz auf dem
Vulkan nahe dem Kraterrand in vollem Gange. Offenbar will man nicht gewinnen.
Und tut auch alles dafür, daß die anderen den Sieg davontragen. Nachdem der
CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble als Kohl-Nachfolger ausgerufen
wurde, sich selbst darauf verleugnete, der Kanzler es in seiner ganzen Pracht
mit aller Macht noch mal wissen will und Schäuble als Nachfolgekandidat im Bund
mit der CSU ein wenig demontierte, Herr Rühe auch Kanzler werden möchte, die
CSU eventuell eine SPD-Minderheitsregierung unterstützen will, die
Umfrageergebnisse seit Wochen nahezu gleich schlecht für die Union bleiben –
ja, was soll da noch werden? Die Freien Demokraten stehen in Treue fest zur
Union, wollen mit ihr erneut eine Koalition nach dem 27. September eingehen –
sofern dafür eine Mehrheit vorhanden sein sollte. Aber die
Mehrheitsverhältnisse im neuen Bundestag bestimmt der Wähler. Sonst niemand! Da
könnte es dann schon sein, daß eine SPD als stärkste Fraktion im Bundestag
einen Kanzler Schröder nur mit der FDP wählen kann. Denn Gerhard Schröder will
keine Koaltion aus Liebe, sondern nur aus Vernunftsgründen eingehen. Die Sozialdemokraten an der Basis lieben
die grüne Partei, das Fleisch vom eigenen Fleische. Aber mit Politik hat
das nichts zu tun. Politiker denken ohnehin kaum in Liebeskategorien, wenn es
um Macht geht. Eine große Koalition aus Union und SPD, die wäre äußert schlecht
für unser Land und die Demokratie. Eine Bundesregierung von Grünen und Sozis
unterstützt – dafür scheint die Zeit nach den vielen grünen Ungereimtheiten
noch nicht reif zu sein. Spekulationen in diesen Tagen sind auf Sand gebaut.
Ein neues Parlament sucht sich auch neue Mehrheiten für eine Regierung. Und
leicht werden die Wähler es den Parteien nicht machen. Das allein zeigen schon
die derzeitigen sehr stabilen Umfragen – aber auch die ernüchternden
Erfahrungen der vergangenen Jahre mit Prognosen jeglicher Art. Auguren – zieht
Euch warm an! Es wird Überraschungen geben! Nicht nur die Politiker aller
Couleur haben in diesen Tagen viel zu viel Müsli im Kopf, auch die
Meinungsforscher. Am 27. September 1998 – so zwischen 18 und 20 Uhr – wird dann durchgeblasen!
Geld
nausdruckt!
Ist
das nun ein weiterer Rathausskandal – oder ein ganz normaler Vorgang in der
Heilbronner Stadtverwaltung? In der freien Wirtschaft wird mit Festpreisen
gebaut. Meist werden sogar die geplanten Kosten unterschritten. Ganz anders,
wenn die Kommune baut. Handwerker und Bauunternehmer wissen das. Nahezu alle
öffentlichen Bauten aus den vergangenen Jahren in Heilbronn waren zum Schluß
erheblich teurer als zunächst geplant. Aber warum auch nicht?!? Stadtverwaltung
und Gemeinderat sind ja der breiten Öffentlichkeit verpflichtet! Sie geben nur
das Geld von uns Steuerzahlern aus! Wir prüfen mit unserer Wahl alle fünf Jahre
nach, ob auf dem Rathaus wirtschaftlich und auch sparsam gearbeitet wurde. Die
vielen Sünden sind dann meist vergessen, wenn sich 250 Kandidaten um die 40
Sitze am Hufeisentisch im Heilbronner Rathaus bewerben. Der Kontaktladen für
Drogensüchtige neben dem Heilbronner Hauptbahnhof ist ja nur 250.000 Mark
teurer als geplant geworden – und beim Parkhaus am Bollwerksturm haben sich die
Baukosten nur um eine Million Mark erhöht. Ohne daß der Heilbronner Gemeinderat
zuvor informiert gewesen wäre. Ein Gremium, das sich von der Verwaltung an der
Nase herumführen läßt – wie der berüchtigte Tanzbär? Der Gemeinderat als zahnloser
Tiger? Offenbar sind unsere Heilbronner Stadträte nicht annähernd in der Lage,
die Verwaltung hinreichend zu kontrollieren. Im Schwäbischen sagt man schlicht: Die Verwaltung spielt Hugoles mit
dem Gemeinderat. Und dazu gehören bekanntlich immer zwei. Einer, der es
macht, und einer, der es mit sich machen läßt. Spötter meinen, ein
Feierabend-Gremium wie in Heilbronn, in dem Lehrer, Rentner, Beamte und
Freiberufler das Sagen haben, kann ja nicht gleichgesetzt werde mit
professionell arbeitenden Gremien. Aber im Vergleich mit anderen Städten waren
in den letzten beiden Jahren in Heilbronn doch entschieden zu viele Fehler
gemacht worden. Die Skandale lösten einander im fliegenden Wechsel ab. Die
Bürger haben – man braucht sich nur umzuhören, und Stadträte sollten das
gelegentlich auch tun – die Nase gestrichen voll. Ist die Lage mal ein wenig
ruhiger, werden vollmundig große Erwartungen im Käthchenstädtchen geweckt, die
im nächsten Moment in sich zusammenfallen – wie der Hefekuchen eines
schlampigen Bäckers. Oder schlicht gesagt: Da wird onser Geld mit beide Händ
zum Fenschder nausdruckt! Mir hends ja!
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