Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 04.03.1998



Wüstenrot-Wahl
In der Landkreisgemeinde Wüstenrot wurde am Sonntag gewählt – nicht nur in Niedersachsen. Aber auch dort scheint der Trend mitgemischt zu haben. Holte doch der SPD-Kandidat Mario Lehmann, Sachgebietsleiter im vielgebeutelten Heilbronner Sozialamt,  gleich im ersten Wahlgang 44,05 Prozent der Stimmen. Der seit acht Jahren amtierende Bürgermeister Roland Awe, der für die CDU im Kreistag und in der Regionalverbandsversammlung sitzt, mußte sich mit einem enttäuschenden Wahlergebnis von 55,6 Prozent der Stimmen zufrieden geben. Was bei Landtags- oder Bundestagswahlen als haushoher Sieg gehandelt würde, wird bei schwäbischen Bürgermeisterwahlen als Schramme in der Karriere gewertet. Und der seltsame Hintergrund für dieses Wahlergebnis? So mancher in Wüstenrot meint, man habe dem selbstherrlichen Bürgermeister einen Denkzettel verpassen wollen. Die Sozialdemokraten mit ihrem Lehrer- und Beamtenklientel in Wüstenrot hätten ein wenig Bundespolitik gespielt. Ihnen würde die ganze Richtung auf dem Rathaus nicht passen. Zeit genug mit kommunalpolitischen Spielchen hätten sie ja – in ihren sicheren Beamtenjobs. Und so stürzen sie sich munter auf die Kommunalpolitik, in der sie dann das spielen, was ihnen im Beruf an Machtspielchen verwehrt wird. Andererseits hatte der streng an Sachthemen orientierte Bürgermeister die Notwendigkeit zur Beschwichtigung der künstlichen Erregung dieser Gruppen nicht in seine Politik eingebaut. Aber er ist lernfähig – wie er vor der Wahl schon und auch danach zerknirscht betont. Mit Freude und Schrecken sahen die Kontrahenten am Wahlabend das Spektakel der Niedersachsen-Wahl im Fernsehen. Der SPD-Mann Lehmann freute sich wie ein Schneekönig. Bürgermeister Awe meinte, daß der Schröder-Vergleich unzulässig sei. Denn Schröder gehe entweder nach Bonn oder mache als Ministerpräsident weiter. Für ihn aber stehe mit der Wahl in Wüstenrot die Existenz auf dem Spiel. Jetzt hat Roland Awe acht Jahre Zeit, Bürgernähe zu üben. Bei seiner nächsten Wahl in Wüstenrot wird er dann so alt sein wie sein Herausforderer Mario Lehmann heute.

Schlagerrummel
Das war schon ein Fest. Die nationale Ausscheidung zum Schlager-Grand-Prix der Eurovision wurde zur Revolutionsfeier für die Macher des neuen Schlagerstars Guildo Horn.  Die Subkultur habe gesiegt. Meinte der Horn-Manager Johannes Kram. Wer aber wurde da besiegt? Das deutsche Spießertum? Das europäische Abendland? Horns Schlager sind jedenfalls anders als das, was uns von Hörfunksendern, die sich auf Volksfest-Musik spezialisiert haben, an deutschen  Schlagern so tagtäglich um die Ohren gehauen wird. Jene Musik, die von bunten Blättern für einfachere deutsche Schichten seit Jahrzehnten angepriesen wird, hat einen herben Niederlage hinnehmen müssen. Die Kinder der Spießer machen  Revolution auf ihre Art. Auch wenn die singenden Pappfiguren vor schneebedeckten Bergen in deutschen Fernseh-Schlagersendungen noch fröhliche Urständ feiern. Gelsenkirchener Barock und deutscher Schlager, das war bisher die stärkste Waffe des schlechten Geschmacks. Meinten einige aus der Showintelligenz – in  Redaktionsstuben von Zeitungen, Radiostationen und Fernsehsendern. Aber die Zeiten ändern sich. Nun haben auch die wildgewordenen Mittelschichten ihren schlechten Geschmack. Verona Feldbusch, die stotternde, aber gut anzuschauende, mit wenig Textilstoff bekleidete Moderatorin wird von vielen Seiten umschwärmt. Denn sie ist so so normal – mit ihren mangelhaften Deutschkenntnissen – wie die meisten. Und macht sich darüber sogar noch lustig. Und Guildo Horn, der Musikpädagoge, der einst mit geistig-behinderten Erwachsenen gearbeitet hatte, erfuhr damals, daß das „Schlager-Ding“ direkt tiefste Emotionen freisetzt. Seine Diplomarbeit, aus dieser Arbeit entstanden, trägt den bezeichnenden Titel: „Befreiung von der Vernunft“. Denn selbst die schwächsten Fälle in seiner pädagogischen Arbeit, so erinnert er sich, konnten die Schlager-Texte auswendig. Wenn er jetzt fetthüftig, mit einem kleinen Schmerbauch, mit strähnigen Haaren auf der Bühne sich singend verausgabt – dann jubelt das deutsche Volk mehrheitlich. Die Abstimmung für ihn  glich einer Volksabstimmung. Per Ted holte er fast 62 Prozent. Mal sehen, ob er die Europäer überzeugen kann. Wenn nicht, dann bleibt uns: Guildo ist der deutsche Schlagersänger 1998. Das ist doch auch schon was!

Die CDU hat ein Problem
Hat die CDU nun ein Problem? Oder hat sie keines? Nach der Niedersachsen-Wahl, in der Helmut Kohl den Sozen eins überbrettern wollte, tut sie so, als könne man einfach zur Tagesordnung übergehen. Eine Art von Volksabstimmung hätten die Sozialdemokraten im Norden inszeniert. Die Sachprobleme des Landes hätten kaum zur Debatte gestanden, bemängelt der unterlegene CDU-Spitzenkandidat Christian Wulff. Und rechnet vor: 65 Milliarden Mark Schulden, 449.000 Arbeitslose, kein Geld für Existenzgründer, Schulen, für ökologische Maßnahmen – und ist sich mit den Grünen an der Leine einig: Die absolut regierende Schröder-SPD hätte eine schlechte Landespolitik an der Leine betrieben – und werde sie weiterbetreiben. Das klingt verdammt nach beleidigten Verlierern. Unter der Decke wird jetzt in der Union geboxt und getreten, wird der Name des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Schäuble als Kanzler-Kandidat geraunt. Aber zur Rebellion gegen Helmut Kohl langt es noch nicht. Knapp sieben Monate vor der Bundestagswahl zu putschen und einen neuen Kandidaten aufzubauen, das wäre ja wohl auch reichlich lebensgefährlich. Außer man tut es jetzt und schnell. Aber davor sind zwei Koalitionspartner, die CSU und die FDP. Der eine muß im September eine Landtagswahl gewinnen, und der andere kämpft ums Überleben. Trotzdem das Grummeln an der christdemokratischen Basis ist unüberhörbar. Allerdings trösten sich viele damit, daß die Sozis es bisher immer geschafft haben, ihre Kanzlerkandidaten zu demolieren. Im Vorfeld der Niedersachsenwahl hatte es ja auch einige Linke mit Anti-Schröder-Papieren versucht. Nur, es nutzte nichts. Der Union bleibt also gar nichts anderes übrig, als die Zähne zusammen zu beißen und kämpferisch mit Helmut Kohl zu siegen oder unterzugehen. Es ist ja immerhin ehrenvoll, nach so langer Zeit in einer Demokratie vom Volk abgewählt zu werden. Ehrenvoller jedenfalls – wie der SPD-Kanzler Helmut Schmidt einst – als durch einen schnöden Koalitionwechsel aus dem Amt gejagt zu werden. Selbst dann wäre Kohl noch ein demokratisches Vorbild für seine Nachfolger. In England, Frankreich oder Amerika ist das demokratischer Usus. Es wird Zeit, daß Deutschland einen solchen Wechsel als demokratisch normal empfindet. Wenn man den Auguren glauben darf, steht uns 1998 erstmals in der Nachkriegsgeschichte ein solcher Wechsel bevor.

Schröder vor, noch ein ...
Der Generalsekretär der FDP Guido Westerwelle meinte am Montag, der Sieg Gerhard Schröders in Niedersachsen sei dem Guildo-Horn-Effekt zu verdanken. So unrecht mag der FDP-General nicht haben. Denn beim SPD-Wahlkampf in Niedersachsen ging es nicht um niedersächsische Landespolitik, sondern um die Kür des SPD-Kanzlerkandidaten. Oskar Lafontaine gab dann am Montag auch zu, daß abgesprochen war, wenn Schröder ordentlich zulegt, dann werde Oskar den Gerhard vorschlagen, wenn nicht, entscheide der SPD-Parteivorstand. So war wenige Minuten, nachdem der hohe Sieg der Sozialdemokraten an der Leine feststand, auch schon aus der Baracke in Bonn verkündet worden, daß somit Gerhard Schröder auch SPD-Kanzlerkandidat für die Bundestagwahl am 27. September 1998 ist. Wäre am Sonntag Landtagwahl im Saarland gewesen, hieße der SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine. Die Sozialdemokraten in Deutschland pflegen schon merkwürdige Erwählungen ihrer Kandidaten. Vor vier Jahren noch hatte man Rudolf Scharping per Mitgliederentscheid erwählt. Und 1990, so mancher erinnert sich, hatte Oskar Lafontaine die absolute Mehrheit im Saarland für sich geholt und war wenige Monate später kläglich bei der Bundestagswahl gescheitert. Aber Geschichte wiederholt sich nicht. Jetzt hat die SPD die Katze aus dem Sack gelassen – und der amtierende Kanzler und Kanzlerkandidat der Union Helmut Kohl kann sich auf seinen Widersacher Gerhard Schröder einstellen. Niedersachsen zu gewinnen ist eine Sache, in ganz Deutschland die Mehrheit zu erringen eine ganz andere. Recht hat Schröder mit seiner Aussage, „wenn wir es jetzt nicht packen, dann sind wir selber Schuld.“ Die Startchancen für ihn sind blendend. Eine verbrauchte Koalition in Bonn, ein nicht gerade beliebter Kanzler, dessen Union nur noch Bayern und Sachsen allein regiert – mit Länderfürsten, die ihn nicht sonderlich mögen. In Berlin, Bremen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern ist die Union in Großen Koalitionen gebunden, bei uns im Lande in einer Koalition mit den Liberalen. Die Mehrheit im Bundesrat ist schon lange futsch. Kohl, ein von vielen Zwergen gefesselter Riese. Mit einem amerikanischen Wahlkampf will die Wahlkampftruppe Schröders die Union jagen und den Anti-Kohl-Trend von Monat zu Monat verstärken. Aber gejagt hatten den Oggersheimer schon viele Sozis – Hans-Jochen Vogel, Johannes Rau, Oskar Lafontaine, Björn Engholm und Rudolf Scharping. Am Ende waren sie die Gejagten. Jetzt glauben Oskar und Gerd mit den Alten „Hase und Igel“ spielen zu müssen. Um 18 Uhr am 27. September 1998 zeigt sich wer der Igel sein wird.

Vom Juso zum Kanzler?
Einst wollte er die Wirtschaftspolitik der alten Bundesrepublik radikal verändern. Jetzt ist er der Genosse der Bosse, der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder. Auch seine SPD-Kanzlerkandidatur hat er reichlich unkonventionell betrieben. Mit den Funktionären in der Baracke in Bonn hatte er immer wenig am Hut.  Als die Sozialdemokraten bei verschiedenen Weltkonflikten in den letzten Jahren sich als deutsche Saubermänner und Betroffenheitsmenschen aufspielten, das auch in Parteitagsbeschlüssen festschrieben, spottete der Mann aus Niedersachsen zum Beispiel über die Bonner SPD-Fraktion, „die es der Weltgeschichte übelnimmt, daß sie sich nicht an Parteitagsbeschlüsse hält.“ Auch bei Sachentscheidungen kam Schröder ständig der SPD-Führung in die Quere, ob es um die Neuregelung des Finanzausgleichs oder den Asylkompromiß ging, um den Euro, die Öko-Steuer oder den Lauschangriff – Schröder kam den Genossen auf der falschen Fahrspur hupend und blinkend entgegen. Und als Scharping 1994 gegen Kohl verlor, höhnte Schröder über den Versager: „Ich hätt’s gepackt.“ Und auch jetzt im niedersächsischen Wahlkampf parierte er die Verhinderungsstrategie des klerikalen Strippenziehers Johannes Rau aus Nordrhein-Westfalen souverän und setzte den Widersacher ins Aus. Am Montag dann hat er, so ganz nebenbei, der alternden SPD-Diva Rau aus Düsseldorf auch gleich noch eins übergebraten, indem er seinen Freund Wolfgang Clement, den potentiellen Rau-Nachfolger, in höchsten Tönen lobte. In Baden-Württemberg war Dieter Spöri sein entschiedener Freund in harten Zeiten. Den SPD-Landesvorsitzenden Ulrich Maurer, der im Scharping-Wahlkampf als Innenminister gehandelt wurde, wollte Schröder bei einem Presseball in Stuttgart noch nicht mal sprechen, geschweige denn an seinem Tisch sehen. Und auch die Männerfreundschaft zu Oskar Lafontaine, der von sich glaubt, der bessere Kandidat zu sein, ist nur von strategischer Bedeutung. Wenn Schröder seine Macht in der Bundes-SPD gefestigt hat, wird er der Partei auch personell seinen Stempel aufdrücken. In welcher Form auch immer. Und da gibt es dann keinen Platz mehr für einen machtversessenen Parteivorsitzenden Lafontaine. Die Sozialdemokraten werden in den nächsten Monaten noch viele Schröder-Kröten schlucken müssen. Aber sie wollen an die Macht. Und das geht nicht mehr nach dem Parteien-Koordinaten-System der alten Bundesrepublik. Einige Genossen werden mit Schaum vor dem Mund und vor Zorn bebend zu den Grünen oder der PDS abwandern, dorthin, wo sie politisch schon lange ihre Heimat haben. Und das ist auch gut so – für die SPD.

Die Kleinen leiden
Was hat die Wahl vom Sonntag gebracht? Es gibt positive Meldungen. Zum Beispiel ist das ständige Sinken der Wahlbeteiligung gestoppt. Meinen manche Wahlforscher. 73,9 Prozent der Wähler gingen zur Wahl. Also mehr als 26 Prozent übten Wahlenthaltung. Normal in der Demokratie. Der Abwärtstrend der Sozialdemokraten wurde gestoppt – dank Schröder, nicht dank der SPD. Die Grünen haben keinen Zuwachs mehr. Die Rechten auch nicht. Nur die FDP hatte ein wenig Zuwachs, der aber zum Einzug ins Parlament in Hannover nicht ausreichte. 4,9 Prozent sind eben keine fünf. Übrigens bei der letzten Bundestagswahl 1994 betrug die Wahlbeteiligung in Niedersachsen noch 81,8 Prozent.  Die Grünen beben momentan vor Zorn. Sie hätten es lieber, wenn ein Oskar Lafontaine SPD-Kanzlerkandidat wäre. Dann wären ihre Wahlchancen im Bund größer. Einen Gerhard Schröder akzeptieren sie nur mit Zähneknirschen – weil er Kohl gefährlich werden kann, müssen sie aber stillhalten. Und die Freien Demokraten zittern wieder und machen sich durch lautes Pfeifen Mut. Ihr flotter Generalsekretär haut ordentlich auf die Pauke – und hofft damit, Wähler zusammentrommeln zu können. Die Kleinen müssen sich auf einen Lagerwahlkampf einstellen. Hier das bürgerliche Lager aus Union und Freien Demokraten, das sich derzeit in der Defensive befindet. Die FDP hat keinen Spielraum mehr, um eventuell springen zu können. Das wäre tödlich. Und auf der anderen Seite das Lager Rot/Grün, bei dem der Spitzenmann gar nicht allzu viel vom grünen Partner hält und in dessen Revieren wildert. Seit Sonntag ist nämlich eine rot-grüne Koalition nicht mehr selbstverständlich. Am liebsten wäre Schröder eine Alleinregierung der SPD. Oder eine Koalition mit der Union – mit einem Kanzler namens Gerhard Schröder. Wenn die Elefanten auf der Wiese trampeln, sollten die Mäuse sich ins Loch verziehen. Es könnte sein, daß sie plattgetrampelt werden.     


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