Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 15.04.1998



Es quasselt sich ...
In den Näh- und Spinnstuben wurde früher viel erzählt. Märchen, wahre und verlogene Geschichten, Histörchen, und so weiter ... Heute gibt es keine Näh- und Spinnstuben mehr. Dafür wird in der Glotze gequasselt, was das Zeug hält. Hatte man in den siebziger Jahren zunächst die Talk-Show aus den Vereinigten Staaten importiert und in deutschen Landen hoffähig gemacht, so wurde mit Beginn des Privatfernsehens in die Nach- und Vormittagstalkshows auch das gemeine Volk eingeladen. Wenn in den Abendstunden, vornehmlich jetzt in den dritten Fernsehprogrammen, mit Schauspielern und Politikern das Leben unter einem bestimmten Stichwort durchgehechelt wird, so haben Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller den Tag über Gelegenheit, sich bei Meiser und Co. darüber auszulassen, ob und warum der Ehemann eine Geschlechtsumwandlung vornehmen läßt, die Kinder wegen Neonazi-Umtrieben im Gefängnis sitzen, warum der Orgasmus bei der Frau am Vormittag intensiver ist als in den Abendstunden, wenn der Ehemann den Feierabend genießt. Hochnäsig wird von indignierten Journalistinnen und Kollegen in Druckerzeugnissen die Nase ob solcher unflätigen und banalen Themen gerümpft. Wenn aber Schauspieler X und seine Kollegin Y in Büchersendungen ihre neuesten Bekenntnisse vorstellen, die sie dank eines professionellen Schreiberlings zu Papier gebracht haben, dann ist die Welt wieder in Ordnung. Schauspieler haben als Hofnarren ja seit jeher, schon bei den absoluten Fürsten des 17. und 18. Jahrhunderts, einen besonderen Stellenwert, den sie im 19. Jahrhundert bei Bürgers noch ausbauen konnten. Siehe Boy-Groups heutzutage.        

Ehre, wem Ehre ...
Im Meistersaal des Haus des Handwerks zu Heilbronn ging es im Februar, genau am 13. feierlich zu. Am Ende stand die Gratulantenschar auf und sang die deutsche Nationalhymne – gespielt vom Kurorchester Bad Mergentheim. Und das alles zu Ehren des Geburtstagskindes Klaus Hackert, Präsident der Handwerkskammer Heilbronn, Präsident des baden-württembergischen Handwerks und Vizepräsident des bundesdeutschen Handwerks. Ministerpräsident Erwin Teufel überreichte dem Geburtstagskind die Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg. Handwerkspräsident Dieter Philipp lobte Hackert als das „Sprachrohr zur Verbreitung eines zeitgenössischen Images des Handwerks gegenüber Presse und Öffentlichkeit“. Der Oberbürgermeister Heilbronns Dr. Manfred Weinmann gratulierte dem Stadtrat, der in mehr als zweieinhalb Jahrzehnten die Geschicke unserer Stadt mitbestimmt hat und charakterisierte Klaus Hackert als echten Heilbronner, „mit dem sich über alles reden läßt, den auch in schwierigen Situationen der Sinn für Humor nicht verläßt, der abwägt und kompromißbereit ist, der sich aber nach getroffener Entscheidung nicht vom Weg abbringen läßt, der sich für das Allgemeinwohl aus innerem Bedürfnis heraus engagiert und bei allem Erfolg ein sympathischer Mensch geblieben ist“. Und dann erhielt Hackert, der schon das Bundesverdienstkreuz und die Goldene Münze der Stadt Heilbronn verliehen bekommen hatte, aus den Händen des OB als Geschenk „eine ganz besondere Uhr“, die ihm immer anzeigen möge, „welche Stunde es in Heilbronn geschlagen hat“. Wenig später am Nachmittag, wurde eine solche Uhr auch an den scheidenden IHK-Präsidenten Otto Christ vom OB übergeben. Der Präsident Klaus Hackert dankte artig für all die vielen Lorbeeren und meinte, „60 Jahre sind beileibe kein persönlicher Verdienst, aber ein Lebensabschnitt, bei dem es sich lohnt innezuhalten und Bilanz zu ziehen; sie sind aber auch willkommener Anlaß, um fröhlich zu feiern“. Und zitierte, wie bei seiner Geburtstagsfeier nicht einmal geschehen, den Schwaben  und Sozialisten Bertolt Brecht, der gesagt haben soll: „Wenn man was erreichen will, dann muß man hämmern, hämmern, hämmern – bis der Nagel sitzt.“ War das nun schon ein Hinweis des CDU-Mannes Hackert, wen er sich ab 27. September als Bundeskanzler wünscht? Geburtstage vergehen, auch Wahlen – und auch die vielen Worte verwehen. Aber manchmal erinnert man sich – an dies oder das, was einfach so dahingesprochen wurde, und doch eine Richtung vorgab. Diese Woche ist der Chef der AOK-Heilbronn, Otto Egerter, an der Reihe. Siehe Menschen unter uns – gleich rechts.

Schwarz-Grün
Die Grünen haben in Schleswig-Holstein vor wenigen Wochen ein Wahldesaster erlebt. Knapp über der Fünf-Prozent-Marke landeten sie in vielen Gemeinden. Was vorher von vielen Berichterstattern und Kommentatoren nicht ernst genommen wurde, das für den Bürger haarige Programm der Öko-Partei, stand auf einmal im Mittelpunkt der politischen Diskussionen. Widerstand gegen einen Autobahnbau im Norden, das ging ja noch an. Aber als die Diskussion um die „Fünf Mark pro Liter Benzin“ ganz so nebenbei ausgehend vom letzten grünen Parteitag bei den Bürgern ankam, war es vorbei mit dem Aufwärtstrend. Und als eine der grünen Damen aus dem Bundestag, die sich vornehmlich mit Tourismus beschäftigt und auch dementsprechend in der Welt herumjettet, den Normalbürgern empfahl, bei der Erhöhung der Flugpreise (dank Flugbenzinverteuerung) doch nur alle fünf Jahre in den Süden zu fliegen – da war das Faß übergelaufen. Detlev Hintze, der CDU-Generalsekretär, startete gleich eine Kampagne gegen die Benzin-Verteuerung. Und der SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder höhnte über die grünen Pläne – mit ihm sei sowas nicht zu machen. Aber dann kam ganz plötzlich Wolfgang Schäuble, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende in Bonn und Kanzlerkandidat in Wartestellung, und präsentierte ebenfalls einen Programmentwurf mit Benzinpreiserhöhung. Klar, daß es jetzt im schwarzen Karton ordentlich rumpelt. Die CSU in Bayern hat im September 1998 Landtagswahlen zu bestehen. Die Bayern wollen sich da von Schäuble, wenig beliebt bei der CSU,  nicht in die Suppe spucken lassen. Sie wollen die absolute Mehrheit im Lande. Und die soll ihnen von einer grünlich-sozialdemokratischen CDU durch krude Ideologien nicht abspenstig gemacht werden. In Baden-Württemberg, bei einer starken Affinität vieler Schwarzen zu den Grünen, sieht das schon anders aus. Aber auch bei uns muß die CDU ordentlich kämpfen, um aus dem Tal der schlechten Umfrageergebnisse herauszukommen. Bisher hat Schröder immer noch die Nase vorn und kann sich zu recht lustig über das schwarzgrüne Chaos bei den Energiepreisen machen. Noch rund fünf Monate dann ist Zahltag – sprich Wahltag.     

196 Tage Resturlaub
Heilbronn hat seine Licht- und Schattenseiten. Und das nicht erst seit gestern. Man braucht sich nur die Fotos vom unzerstörten Heilbronn anschauen. Es gab hier nie Bauwerke, die über die Regionsgrenzen hinaus von Bedeutung waren – weder kunstgeschichtlich noch architektonisch. Und das Käthchen von Heilbronn? Ein Zufallsprodukt, mit dem die Stadt soviel zu tun hat wie ein Eskimo mit der Wüste Sahara. Heinrich von Kleist hat dabei kaum an Heilbronn und seine Bedeutung gedacht. Aber das kümmert einen echten Heilbronner wenig. Er leidet derzeit unter der schlechten Stimmung in der Stadt. Am Ostersamstag wurde es den Heilbronnern nochmals vor Augen geführt. Gerd Kempf, der Lokalchef der Heilbronner Stimme, führte dem OB Dr. Manfred Weinmann und den Heilbronnern unter der Überschrift „Vom unaufhaltsamen Abstieg eines Oberbürgermeisters“ vor, was zur schlechten Stimmung in Heilbronn beigetragen hat. Verständlich, daß jetzt in der CDU, der Partei des Oberbürgermeisters, die Alarmglocken klingelten. Vielfach wird davon gesprochen, daß jetzt eine Situation da sei wie in den letzten Amtsjahren von Dr. Hans Hoffmann. Auch die Sozialdemokraten hatten sich damals teilweise heftig von ihrem Parteigenossen Hans Hoffmann distanziert. Die Junge Union hat es in Richtung Weinmann schon getan. Aus der CDU sind gelegentlich sehr deutliche Ratschläge in Richtung Rathausspitze zu vernehmen. Nicht nur in SPD-Kreisen wird deutlich gesagt, daß Heilbronn mit Dr. Erhard Klotz aus Neckarsulm als OB besser gefahren wäre. Aber das ist vergossene Milch von 1983. Hanebüchend war jedoch Weinmann Ratschlag, daß der Urlaub im öffentlichen Dienst verringert werden müßte. Um im gleichen Atemzug zu behaupten, daß er noch 196 Tage Resturlaub angesammelt habe. Der ist ja nun schon lange verfallen, wie üblich. Denn sonst könnte er ja ab November oder Dezember dieses Jahres zu Hause bleiben. Bis zur Neuwahl seines Nachfolgers im Herbst 1999. Geschehen wird ohnehin nicht mehr viel. Denn jetzt jagt eine Wahl die andere. Und Politiker entscheiden in diesem Zeitraum nicht viel – haben den Mund nur voller Worte, die zu vielen Gruppen allzuviel versprechen. Die Spekulation, ob der Heilbronner OB vor Ende seiner Amtszeit ausscheidet, macht die Runde. Aber wer Weinmann kennt, der weiß, daß der OB trotz angeschlagener Gesundheit weitermacht. Die Wahlkämpfe könnten ihm Luft verschaffen – und 1999 einen eleganten Abschied aus dem Rathaus.   
HEC – wohin?
Die in allerletzter Sekunde geschaffte Qualifikation für die Eishockey-Bundesliga kann nur notdürftig kaschieren, daß für den Heilbronner EC eine ziemlich verkorkste Saison zu Ende gegangen ist. Als Falken nach den Sternen greifend gestartet, als Suppenhühner im Sturzflug gerade noch einmal dem Kochtopf entronnen – es war schon bedenklich, was die Heilbronner Truppe gerade in der zweiten Saisonhälfte ablieferte: satte, überbezahlte Stars beim Schaulaufen – ein Wunder, daß die HEC-Fans überhaupt noch zuschauen mochten. Am Ende gab’s dann zwar noch einmal Jubel auf den vollbesetzten Rängen und ein paar Kisten Freibier vom Manager. Ein bißchen wenig für den Langmut der Fans, die für teures Geld allzuoft enttäuscht wurden. Doch auch der vermeintlich versöhnliche Ausklang kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß am Saisonende auch die Verantwortlichen, vor allem Manager Ernst Rupp, kräftig gerupft dastehen. Das Konzept, mit hochdotierten DEL-Stars für Furore zu sorgen, ging gründlich in die Hose, einmal mehr erwies sich die Personalpolitik, Trainer inbegriffen, als konzeptlos und geriet zum teuren Flop. Erneut – zum wievielten Male eigentlich? – steht man vor einem Neuaufbau. Dieser kann nur heißen, um die Handvoll Spieler mit Charakter eine Mannschaft mit Herz aufzubauen, mit ehrgeizigen Cracks und einem ebensolchen Coach, deren Engagement sich nicht nur auf das Aushandeln hochdotierter Verträge beschränkt. Dazu bedarf es freilich der richtigen Management-Strategie. Doch wie soll die aussehen ohne Fachkompetenz in der HEC-Führung, zumal der Club die Trainer ja wechselt wie andere Vereine das Trikot, ein kontinuierlicher Aufbau damit unmöglich ist. Eines steht jedenfalls fest, noch eine solche Saison kann der Heilbronner EC kaum mehr verkraften, zumal man ja schon mit einer Altlast von einer Viertelmillion Mark in die jetzt zu Ende gegangene Runde startete. Und weitere „Miese“ sind hinzugekommen, da man ja die fest eingeplanten lukrativen Play-Off-Spiele nicht erreichte. Und nicht nur die Geduld der treuesten Fans, auch die der kräftig löhnenden Sponsoren wird irgendwann mal aufgebraucht sein, denn Falken, die nicht mehr fliegen wollen, gibt man nicht einmal mehr das Gnadenbrot.   

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen