Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 05.08.1998



Unterländer Volksfest
Ein Auftakt nach Maß im wahrsten Sinne des Wortes. Der Heilbronner Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann benötigte beim Faßanstich nur wenige Schläge, acht an der Zahl, nicht gerade Münchner Oktoberfest-gemäß, aber für Heilbronn ein Erfolg. Denn es gab schon Anstiche, da spritzte und schäumte es meterweise in der Umgebung des Bierfasses – und auch Steinkrüge gingen zu Bruch. Im kleinen, aber feinen Festzelt auf der Heilbronner Theresienwiese wurde dann auch unter den geladenen Gästen zur Eröffnung am Freitag, 31. Juli, der neue Vertrag für die Volksfeste bis in Jahr 2001 besprochen.  Denn eine Stunde vor Beginn des 72sten Unterländer Volksfestes war im Amtszimmer des Heilbronner OB der neue Pachtvertrag für die Zeit von 1999 bis zum Jahre 2001 unterzeichnet. Damit, so Bernhard Winkler, Heilbronns Verkehrsdirektor, sind frühzeitig die Weichen zwischen der Stadt Heilbronn, den Stuttgarter Festzeltbetrieben Göckelesmaier und der Dinkelacker-Schwaben-Bräu AG aus der Landeshauptstadt für die nächsten drei Jahre auf der Heilbronner Theresienwiese gestellt. Was danach kommt? Vor den Toren Heilbronns steht schon lange die Brauerei Palmbräu aus Eppingen, eine Firma, die sich als der Region verbundene Brauerei empfiehlt. Aber die Dinkelacker-Marke Cluss hat halt bisher noch den alles entscheidenden Stallgeruch.

Bäume weg
Mit einer Rattenplage fing in der Katzensteige Heilbronns alles an. Im Februar 1998. Jetzt werden keine Ratten mehr gesichtet, dafür aber sind 35 bis zu fünf Meter hohe Fichten auf 1,80 Meter gestutzt. So wie es im Prozeßvergleich vom 22. Juni 1998 vom Amtsgericht Heilbronn festgeschrieben wurde. Geklagt hatten die grüne Stadträtin Lieselotte Klug und Ehemann Herbert gegen ihre Nachbarn Lang. Die Klug-Forderung vom 27. Mai 1998: „Die Beklagten haben dafür Sorge zu tragen, daß die Fichten entlang der Grenze zu den Klägern in der Zeit zwischen 1. und 15. Oktober 1998 auf die zulässige Höhe von 1,80 Meter verkürzt werden.“ –  Und im Prozeßvergleich vom 22. Juni 1998 ist zu lesen: „Die Beklagten verpflichten sich, die an der Grenze der Grundstücke Katzensteige 40/1 und Katzensteige 42 stehenden Fichten bis 31.7.1998 auf eine Höhe von 1,80 Meter auf ihre Kosten zu kürzen.“ – Das ist am 30. Juli 1998 geschehen. Fernsehstationen berichteten ausführlich über den Fall der 35 Heilbronner Fichten. Jetzt ist die Familie der Grünen-Stadträtin Klug wieder an der Reihe. Denn im Prozeßvergleich steht außerdem: „Die Beklagten gestatten dem Kläger, die Reststämme der Fichten auf seine Kosten bodennah abzusägen. Das Eigentum der Reststämme geht ins Eigentum der Kläger über.“ Familie Klug darf also jetzt die Fichtenstümpfe bodennah absägen. Momentan scheint der Grünen-Stadträtin der Boden offenbar zu heiß zu werden. Denn vom Absägen der Reststämme wollen sie und ihr Mann jetzt nichts mehr wissen. Obwohl beide diesem Vergleich vor Gericht zugestimmt hatten. Wer fünf Meter hohe Fichten auf 1,80 Meter Höhe stutzt, weiß daß diese Bäume tot sind. Das wußte auch die Grüne Lilo Klug, ehe sie nach Ghana flog, um dort 100.000 neue Bäume zu pflanzen. Jeder Mensch, der den Garten im unbeschädigten Zustand gesehen hatte, kann bis heute nicht verstehen, wen die 35 Fichten eigentlich gestört haben – und warum sie auf 1,80 Meter Höhe zurückgeschnitten werden mußten. Familie Klug in ihrem kleinen Reihenhaus mit den schießschartenartigen Fenstern gen Norden – also gegen die Fichten der Familie Lang – hatte keinen Nachteil. Nur jetzt haben die Klugs freie Aussicht – sprich den durch Bäume unverstellten Blick in den Garten und auf die Terrasse ihrer Nachbarsfamilie. War es das, was gewollt war? Vom Abholzen der Reststämme, die Familie Klug sich im Prozeßvergleich zusichern ließ, will sie auf einmal nichts mehr wissen. Mir kommt dieses Klug’sche Verhalten so vor, wie das jenes schwäbischen Bauern, der betreten in die Stube schaut, mit der Hand heftig hinter seinem Rücken wedelt – um dann forsch in den Raum zu rufen: Hier stinkt es aber gewaltig!

Wahl 1998
Nicht mehr lange hin – und dann wird am 27. September 1998 der neue Bundestag in Deutschland gewählt. Grad noch sieben Wochen und ein paar Tage dauert der Wahlkampf. Aber jetzt ist erst einmal Urlaubszeit bei uns im Ländle angesagt. Die Großen Ferien haben begonnen. Und alles, was bisher an Veranstaltungen über die Bühne gegangen war, wurde zumeist nur dürftig besucht. Die Parteien versuchen Stimmung zu machen, plakatieren, setzen sich in Szene, geben viele Presseerklärungen heraus, aber die Bürger interessieren sich nicht so recht dafür. Nur in unseren Zeitungen und Magazinen, im Fernsehen und im Hörfunk findet bislang – ein wenig – Wahlkampf statt. Manche Kandidaten haben erkannt, daß die (Wahl-)Bürger noch nicht so recht bei Laune sind und setzen entscheiden darauf, sich dem Wahlvolk bekannt zu machen. Die harte Politik wird dabei weitestgehend ausgespart. Man zeigt sich ganz menschlich den Mitbürgern. Will sich bekanntmachen. Besucht Betriebe, Parties und die vielen Volks- und Straßenfeste. Oder man veranstaltet gar selbst Lauftreffs, ein kleines Fest auf einem Neckarschiff, oder gar Hausparties. Für die Wahlkampf-Zentralen in Bonn scheint wichtig, die Schlagzeilen zu beherrschen. Jede Woche ein neues Thema, das der Bürger dann nach drei Tagen schon wieder vergessen haben soll. Bisher haben die Sozialdemokraten in diesem Feld die Nase vorn. Innere Sicherheit, Wirtschaft, Kultur, Kernkraft – man besetzt die Themen wie sie kommen. Und die anderen hinken mit wortreichen Erklärungen hinterher. Soweit das Vorspiel.

House Parade
Im Nachtleben unserer Käthchenstadt fliegt nicht gerade die Kuh, und der Bär tanzt auch nur gelegentlich. Es sei denn, Leute wie die drei unkonventionellen Jung-Gastronomen Oliver Renaud, Philipp Keller und Alexander Schmid, Pächter eines House-Clubs in der Heilbronner Salzstraße, stellen etwas auf die Beine. So geschehen am vergangenen Wochenende mit der ersten Heilbronner House Parade. Was mit der Idee begann, den Unterländern, die nicht zur Berliner Love Parade fahren konnten, eine adäquate Abtanzmöglichkeit auf regionaler Basis zu bieten, wurde trotz einwöchiger Planungszeit neben dem Unterländer Volksfest zu einem Veranstaltungshöhepunkt des Monats August. Mit vier Wagen – darunter auch der größte in Deutschland zugelassene Lkw, verschiedenen DJs und rund tausend Ravern und neugierigen Heilbronner Bürgern im Schlepptau zog man am Freitagabend von einem Heilbronner Möbelhaus ausgehend über die Allee, hin zur House-Location in die Salzstraße. Um dort angekommen, das Wochenende in- und außerhalb des Clubs mit zahlreichen Imbiß- und Getränkeständen der regionalen Gastronomie und den „lokalen Plattenschmeißern“ (O-Ton Philipp Keller) Oliver Munding, Tom Billik und Sascha Beckle durchzufeiern. Selbst der CDU-Kreisvorsitzende und -Bundestagskandidat Thomas Strobl, nebst Gattin Christine, ließ es sich nicht nehmen, an einer Bar die Bewirtung der zahlreichen Party-Gäste zu übernehmen. „Ohne die Hilfe des Amtes für öffentliche Ordnung, der Heilbronner Polizei, der angrenzenden Industriebetriebe, der Sponsoren und zahlreicher Gäste, wäre die Durchführung der House Parade aber erst gar nicht möglich gewesen“, so Oliver Renaud, selber völlig überrascht von der nicht erwarteten Aufgeschlossenheit der Heilbronner. Und so wurde die erste Heilbronner House Parade, bei der es im übrigen keine einzige Ausschreitung gab, zu dem, was sich alle Beteiligten erhofft hatten: ein Riesenspaß, der keineswegs eine billige Kopie des Vorbilds war, und an dessen Ende auch noch ein guter Zweck steht. Zwei Mark von jeder Zwei-Tages-Eintrittskarte gehen an die Aidshilfe Unterland e.V. Durch diese Art der Veranstaltung hat Heilbronn nicht nur bei seinen eigenen Bürgern viele, viele Pluspunkte gesammelt. Weiter so!

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