Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 03.06.1998



Freilichttheater
Es ist Sommer – und die Freilichttheater in der Region beginnen wieder mit ihrer Saison. In Neuenstadt am Kocher gibt es ab Freitag, 5. Juni (freitags, samstags und sonntags bis zum 19. Juli 1998), die Komödie von William Shakespeare „Die lustigen Weiber von Windsor“ in der Regie von Hanna Reiners. Nur Laien treten auf der frischrenovierten Burggrabenbühne auf und versprechen (und halten dieses Versprechen schon seit Jahren) ihren Zuschauern einen fröhlichen und besinnlichen Theaterabend, bei dem es herzhaft was zu lachen gibt. In Jagsthausen wird bei den Götzfestspielen neben dem Traditionsstück des Goethe-Dramas „Götz von Berlichingen“ (24 Aufführungen vom 10. Juni an) in diesem Jahr eine Musical-Neuinszenierung von Helga Wolf stehen: „Der Mann von La Mancha“ von Dale Wasserman. 23 Aufführungen wird es vom 9. Juli an geben. Für die kleinen Theaterbesucher wird in Jagsthausen heuer das Märchen „König Drosselbart“ der Gebrüder Grimm gespielt (Premiere am 18. Juni, 25 Aufführungen). Als Ausblick auf das 50jährige Jubiläum der Burgfestspiele im Jahre 1999 wird die dritte große Produktion und Neuinszenierung im Burghof Goldonis „Der Diener zweier Herren“ sein. Premiere am 13. August – insgesamt vier Aufführungen wird es geben. Die Inszenierung wird im nächsten Jahr wieder aufgenommen. Insgesamt stehen im 49sten Spieljahr der Burgfestspiele Jagsthausen 82 Aufführungen an. Die Spielzeit dauert insgesamt vom 10. Juni bis 23. August – eine Woche länger als im vergangenen Jahr. Die Proben hatten in Jagsthausen am 11. Mai begonnen. Übrigens im Internet ist Jagsthausen unter der Adresse  http://www.jagsthausen.de zu erreichen.

Unistadt Heilbronn?
Heilbronn hatte sich so gefreut. Aber jetzt hat der stellvertretende baden-württembergische Ministerpräsident und Wirtschaftsminister, der Haller FDP-Landtagsabgeordnete Dr. Walter Döring gegenüber dem Privatsender Radio Ton Regional aus Heilbronn deutlich zu verstehen gegeben, daß er mit aller Macht für den Standort Schwäbisch Hall eintritt. Dorthin soll die Privatuni kommen, ginge es allein nach seinem Willen. Heilbronn räumt der  Wirtschaftsminister keine große Chancen ein. Schließlich sei er ja der Erfinder der Privatuniversität für Baden-Württemberg. Nachdem er Stuttgart zunächst die größten Chancen eingeräumt habe, die Mächtigen in der Landeshauptstadt aber nichts auf die Reihe bekommen hätten, sei er jetzt in aller Offenheit für Schwäbisch Hall als Standort. In Stuttgart aber ist noch gar nichts entschieden. Und die Herren in den Ministerien und aus der Wirtschaft (so durfte ich hören) räumen immer noch dem Standort Stuttgart, an dem sich noch zwei andere Universitäten und diverse Fachhochschulen befinden, die größten Chancen ein. Schließlich sollen angehende Manager an ihrem Studienort eine optimale Infrastruktur vorfinden. Und die bietet die Landeshauptstadt in Hülle und Fülle. Heilbronn ist erst auf dem Wege, seine Infrastruktur aufzumöbeln – Autobahnzufahrten, Bahnanbindung, etc. Und Schwäbisch Hall ist weit vom Schuß, tief in der idyllischen Provinz gelegen. Ein herrliches Ausflugsziel, ein wunderbarer Touristenort mit angehängten Freilichtspielen auf der Treppe und trachtenreichen Festen. Aber dynamische Menschen bekommen in dieser Siederstadt der kleinbürgerlichen Enge schnell einen Mief-Koller. Da hat selbst Heilbronn mit seinen kurzen Entfernungen zu den Zentren Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim, Frankfurt einen Riesenvorteil. Verständlich, daß unser Wirtschaftsminister seinen Bürgern im Wahlkreis ein Zuckerl hinwirft. Sein Scheitern wird er dann mit übergeordneten Mächten und Kräften erklären, gegen die er, als kleiner Mann aus der Provinz und Landeswirtschaftsminister nichts ausrichten konnte. Gut gebrüllt, Löwe Döring. Aber zum Erlegen einer schnellen Antilope bedarf es nicht nur Brüllen, sondern auch Ausdauer – weiß Leo the King.                                                  

Zu früh gestartet?
Viel wird in der Käthchenstadt Heilbronn derzeit um die Nachfolge von Dr. Manfred Weinmann als Oberbürgermeister gerätselt, gemunkelt, etc. – Gewählt wird allerdings erst im Herbst 1999. Aber so mancher Interessierte klebt schon mal auf ein sich noch nicht drehendes Kandidaten-Karussell in Heilbronn den einen oder anderen Namen. Bisher sind dort folgende Namen zu lesen: Harry Mergel (SPD-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat), Johanna Lichy (CDU-Landtagsabgeordnete und Staatssekretärin in Stuttgart), Werner Grau (CDU, Erster Bürgermeister der Stadt Heilbronn), Jochen K. Kübler (CDU, Oberbürgermeister in Öhringen), Richard Drautz (FDP, Landtagsabgeordneter und Stadtrat) und Alfred Dagenbach (Republikaner, Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat und Landtagsabgeordneter). Selbst ins Spiel gebracht – im Gegensatz zu den bisher genannten Namen – hat sich der ehemalige VfR-Vorsitzende (1985 bis 1993) und Fiat-Marketing- und Werbefachmann a. D.  Fred Steininger. Mehrmals hatte er schon erfolglos für den Heilbronner Gemeinderat kandidiert. Auf der FDP-Liste (1984 und 1989) und im Jahre 1994 bei den Freien Wählern. Auch als Bürgermeister-Kandidat konnte Steininger ausreichend Erfahrungen sammeln. Zum Beispiel bei der OB-Wahl in Frankfurt am Main (345 Stimmen). Oder bei der Bürgermeisterwahl in Gemmingen, wo er 17,8 Prozent (248 Wahlbürger) holte. Auch bei der letzten OB-Wahl in der Landeshauptstadt Stuttgart wollte er mitmischen. Im zweiten Wahlgang landete er auf Platz sechs – mit seinem 1,2 Prozent Stimmenanteil. Heilbronn, seine Heimatstadt, will er nun langfristig auf seine Art erobern – nicht als Sieger, sondern mit einem Stimmenanteil von rund fünf Prozent. Wenn er diese Zahl erreicht, dann fühlt sich Fred Steininger schon in seiner Arbeit als Wahlkämpfer bestätigt. Denn das Mitglied der Freien Wähler Steininger will erreichen, daß Heilbronn einen von den Parteien unabhängigen Oberbürgermeister wählt. Der erste offizielle OB-Kandidat in Heilbronn bezeichnet sich selbst als unabhängig, stark, bürgernah, liberal und zielbewußt. Man wird ihn ab jetzt in der Öffentlichkeit stärker wahrnehmen. Denn – wie schon in Stuttgart – wird er überall dort auftauchen, wo s’Geiglein kratzt und s’Brünnlein fließt. Ein langer Wahlkampf! Aber für den Leichtathleten Fred Steininger, der mit knapp 60 noch die hundert Meter in 12,5 Sekunden läuft, ist das wohl mehr eine Art Urlaub.

SPD – Nase vorn
Der Wahlkampf für die Bundestagswahl am 27. September ist in vollem Gange. Vier Monate Zeit haben unsere Politiker noch, um sich so zu positionieren, daß die Wähler sie als wirkliche Volksvertreter empfinden – und später dann auch wählen. Die Sozialdemokraten haben nach wie vor die Nase bei den Umfragen vorn. Der niedersächsische Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder hat den amtierenden Bundeskanzler Helmut Kohl weit abgehängt. Derzeit gilt eine rotgrüne Koalition in Bonn als die wahrscheinlichste Lösung nach der Wahl. Teilweise werden von den Grünen und den Genossen schon die Posten verteilt. Auch Listen mit den Namen jener hohen Beamten in den Ministerien kursieren, die dann ganz schnell in die Wüste – sprich in den vorzeitigen Ruhestand geschickt werden. Und in Bonn macht sich bei manchen Freidemokraten und Unionisten schon Untergangsstimmung breit. Es erinnert alles ein wenig an Großbritannien und die jämmerliche Figur, die Herr Major vor Tony Blairs Sieg gemacht hat. Auch damals glaubten Politbeobachter und viele Konservative, daß sich das Blatt noch wenden könne. Verwunderlich bei uns ist, daß auch die Christdemokraten begriffen haben, daß die Kohl-muß-weg-Kampagne ausgesprochen hat, was die Menschen im Lande seit langem schon empfinden. 16 Jahre Kanzler Kohl reichen. Aber den Brutus will niemand in der Union spielen. Somit wird – selten genug in Deutschland – wahrscheinlich ein amtierender Kanzler abgewählt, der sich (das steht außer Zweifel) um Deutschland verdient gemacht – aber eben nicht mehr in die Zeit paßt. Ob sein Nachfolger es besser macht, das steht noch in den Sternen. Aber ein Wechsel ist angesagt. Eine Chance hätte die Union noch gehabt, meinen viele Beobachter, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt (wie die Torys einst bei Maggy Thatcher) den Aufstand gewagt hätte. Aber dafür ist es jetzt zu spät – außer der Kanzler selbst wirft das Handtuch. Aber vielleicht gibt es ja auch ein Wahlergebnis, daß die großen Volksparteien endlich zur Vernunft zwingt. Ein Mehrheitswahlsystem, das klare Mehrheiten bringt und das Parlament auf 500 Abgeordnete mit einem Schlag verkleinert. Aber dazu fehlt unseren Politikern derzeit noch die Kraft und der Mut.   

Heilbronner Innenstadt
Die Heilbronner Innenstadt ist ein Dauerbrenner für die Bewohner des Unterlandes – teilweise auch ein großer Stein des Anstoßes. Die Erreichbarkeit mit dem Auto, aber auch zu Fuß ist derzeit durch verschiedene Baumaßnahmen in der Kaiserstraße und am Bollwerksturm (Hallenbad) ein wenig arg behindert. Darunter leiden Einzelhändler. Die Menschen aus dem Umland, die in der City Heilbronns einkaufen wollen, überlegen sich, ob sie die Strapazen des Parkplatzsuchens oder das Turnen mit vielen Einkaufstüten um Bauzäune herum auf sich nehmen sollen – oder doch lieber ein paar Kilometer weiter fahren, um ihr Geld dort bequem auszugeben. Demnächst soll noch der Bauplatz Berliner Platz hinzukommen. Aber ob der dann die Heilbronn-Besucher behindert, die aus dem Norden ins Städtchen reinfahren, wird davon abhängen, wie intelligent die Stadt die Zu- und Abfahrten der Baustelle organisiert oder organisieren läßt. Außerdem steht noch der phasenweise Umbau der Fußgängerzone Sülmer Straße/ Fleiner Straße an. Auch das wird Behinderungen mit sich bringen. Ist all das nun schon ein Zeichen für die vielfach beschworene Phase des großen Aufbruchs in Heilbronn? Viele Gemeinderäte – querbeet durch alle Fraktionen – sind davon heftig überzeugt. Schon richtig ist: Es tut sich etwas. Die Frage ist nur, ob es schon zu spät ist oder ob sich jetzt in Heilbronn wirklich was zum Besseren verändert. Denn blinder Aktionismus wäre fatal. Bei der Bebauung des Berliner Platzes werden seit der öffentlichen Präsentation der Alternativen vielfach laut Bedenken geäußert. Demnächst werden sich unsere Stadträte damit auseinandersetzen müssen – und dann den Stein der Weisen in der Tragödie um die Restbebauung des Berliner Platzes finden müssen. Unruhe, Zweifel am richtigen Weg betreffen nicht nur dieses Bauvorhaben. Die City und ihre Attraktivität stehen unter äußerst kritischer Beobachtung. Kaufleute und Verkehrsverein stehen nicht mehr wie früher unter Naturschutz. Sie werden nur noch an ihren Leistungen gemessen. Der Verein der Heilbronner Kaufleute ist davon überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben – ebenso wie Thomas Aurich, der Vorsitzende des Verkehrsvereins. Trotz heftiger Kritik. Ich bin froh darüber, daß nicht mehr über die Agonie palavert wird, sondern die verschiedenen Aktivitäten kritisch beäugt werden. Allein das zeigt: man ist auf dem richtigen Wege. Die Finanzmisere der Kommunen, des Landes und des Bundes läßt Blütenträume ohnehin bald welken. Auch in Heilbronn wird noch so mancher Plan, der nicht finanzbar ist, schnell in den Reißwolf wandern. Nach den Bundestagswahlen in diesem Jahr, wenn so mancher Politiker wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt sein wird,

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