Schöne
Wahlplakate
Mit
leicht geschürztem Mund lächeln uns in diesen Tagen jene auf Plakaten am
Straßenrand in die Automobile, die am 27. September direkt in den Bundestag
einziehen wollen. Gewählt ist mit der Erststimme bekanntlich jener Kandidat,
der die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Hat Kandidat A 39 Prozent,
Kandidat B 37 Prozent, Kandidat C 18 Prozent, Kandidat D vier Prozent und
Kandidat E zwei Prozent der Erststimmen erhalten, dann ist Kandidat A gewählt.
Die anderen 61 Prozent der Erststimmen fallen unter den Tisch. Mit welcher
Stärke die einzelnen Parteien in den Bundestag einziehen, darüber entscheidet
allein die Zweitstimme. Und die Fünf-Prozent-Klausel. Grüne, FDP, PDS und die
rechten Parteien hoffen, diese Hürde zu nehmen. Nach 18 Uhr werden wir am Sonntag,
den 27. September, mehr wissen. Derzeit
lächeln sie die Kandidaten noch – landauf, landab. Manche vor einer
schwarz-rot-goldenen Fahne, andere vor weißem Hintergrund und wieder andere
gucken in schlichtem Paßfoto-Format verkniffen lächelnd in die Landschaft.
Designer unterschiedlicher Qualität waren da am Werk. FDP und CDU haben die
Namen ihrer Kandidaten in einer lesbaren Schriftgröße gedruckt, bei der SPD ist
es schon mehr ein Suchspiel, den Namen zu finden. Wen sollen nun die vielen
bunten Plakate ansprechen? Werden damit die eigenen Parteifreunde animiert,
sich noch stärker für den Kandidaten ins Zeug zu legen? Wird der Bevölkerung
verdeutlicht, wer für welche Partei im Wahlkreis kandidiert? Oder wird schlicht
signalisiert: Wir haben Wahlkampf. Es wird wohl letztlich von allem etwas sein.
Mit Hinterzimmer-Diskussionen und Wahlplakaten verharren die Parteien im
Ritual. Die Wahlkampfkosten werden ohnehin zum größten Teil von uns
Steuerzahlern bezahlt. Aus jener Kostenrückerstattung, die als warmer Regen
nach der Bundestagswahl auf die Parteien aus dem Steuersäckel herabrieselt. Das
schlimmste aber, was uns die Parteien bieten, ist in diesen Tagen die
Fernsehwerbung. Da bekommen wir von kleinen Parteien brav gedrehte Videos zu
sehen, die jeder halbwegs begabte Amateur besser gestalten könnte. Bei den
großen Parteien erschlägt uns eine Werbung, die so richtig kreativ ist. Da
haben sich Schnittkünstler in den Agenturen mal so richtig austoben dürfen.
Jede Waschmittel-, Auto- oder Kaffeewerbung ist da unterhaltsamer. Aber wer
wählt auch schon wegen einer Werbung eine Partei oder einen Kandidaten? Gewählt
wird, wer eine bessere und sichere Zukunft glaubhaft versprechen kann. Oder?
Harlekinade
Es
ist so, man kann es nicht ändern. Das fahrende Volk hatte schon immer eine
besondere Anziehungskraft. Ob auf Rummelplätzen oder bei Wanderbühnen. Könige,
Generäle, Präsidenten, Industriebarone, ja selbst Kardinäle hatten eine
Schwäche für wohlproportionierte Schauspielerinnen, Sängerinnen und
Tänzerinnen. Frommen Leute hingegen waren die Fahrensleute, die Gaukler, Tänzer
und Schauspieler seit jeher unheimlich mit ihrer Verstellungskunst. Einen neuen
Schub bekam diese Sehnsucht nach der Glimmerwelt mit dem Aufkommen des Kinos.
Die Filmbosse erkannten nach kurzer Zeit: Filme lassen sich besser verkaufen,
wenn man die Akteure zu Stars macht. Und
so wurden Lebensläufe erlogen, geschönte Bilder verbreitet, Legenden erfunden.
Viele naiven Zuschauer sehnten sich nach einer heilen Welt, in der das Leben so
abläuft wie in den Filmen. Und nach einer Welt, in der man so schön, reich,
gesund und glücklich lebte, wie in der Glamour-Welt der Filmindustrie. Auch die
Politik benutzte die Filmstars als Aushängeschild für ihre Zwecke. Vor allem im
zweiten Weltkrieg. In Amerika, Deutschland oder England trommelten die
Schauspieler und verbreiteten heftig Propaganda. Im Nachkriegsdeutschland
hatten die Sternchen zunächst nicht allzu viel in der Politik zu melden –
abgesehen einmal vom diktatorischen DDR-Staat, wo sie kräftig zusammen mit Schriftstellern,
Regisseuren und Filmemachern die Werbetrommel rührten. Erst Ende der sechziger
Jahre wurden Wählerinitiativen für die SPD gegründet, in denen sich
Schriftsteller, Regisseure, Filmemacher und Schauspieler kräftig für Willy
engagierten. Der Damm war gebrochen. Zu gleichen Zeit richteten die
Fernsehsender Talkshows ein, in denen über Gott und die Welt schwadroniert
wurde. Heute vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens fünf solcher Shows über
deutsche Bildschirme flattern. Mal abgesehen von den Bekenntnisshows auf
unterstem Niveau – wenn in öffentlich-rechtlichen Anstalten zum Talk eingeladen
wird, dann dürfen Schauspieler nie fehlen. Sie dürfen sich zu allem und jedem
äußern. Ob Politik, Kultur, Wirtschaft. Auch wenn sie nichts davon verstehen. Es
lockert die Sendung auf, sagen die Macher, wenn ein Harlekin dabei ist. Es ist
halt nur Unterhaltung. So wie bei der SPD und ihren neuen Wählerinitiativen.
Und die Gaukler sind Mittel zum Zweck. Wie immer. Also wie wär’s, wenn sich am
Stadttheater Heilbronn auch so was gründen würde – eine Wählerinitiative für
den einen oder anderen Kandidaten vor Ort. Das wär doch mal nett und
unterhaltsam.
Königin
der Herzen
Der
Tod der Prinzessin Diana war das Beste, was der britischen Monarchie passieren
konnte. Sagte ein britischer Kenner des englischen Königshauses. Das mag
zynisch klingen. Aber es entspricht wohl den Tatsachen. Vor dem Unfall war die
Erregung über die Skandale bei den Windsors
nicht nur auf der Insel beträchtlich. Und nach dem Unfall mußte das Königshaus
den Kniefall vor dem Volkswillen vollziehen. Die Hysterie um die Verstorbene
nahm Ausmaße an, die bar jeglicher Vernunft waren. Der Bruder Dianas hielt eine
flammende Rede bei der Trauerfeier – um später den Rummel um die Tote
geschäftstüchtig zu vermarkten. Der Vater des Diana-Liebhabers ließ in seinem Kaufhaus Harrods einen Kitschschrein
aufstellen – im Gedenken an die vor einem Jahr verstorbenen Liebenden. Am
Kensington-Palace am Hydepark in London legte das Volk Blumen nieder. Genau wie
vor einem Jahr. Nur nicht ganz so üppig. Die Windsor-Familie gedachte in einer
kleinen Kirche in Schottland der von ihr nicht gerade geliebten Herzenskönigin.
Aber die große Trauer scheint nach einem Jahr sich auf ein Normalmaß
einzupendeln. Heftig spekuliert wird aber weiter um das Unfallgeschehen in
einem Autotunnel von Paris. Verschwörungstheoretiker aller Couleur haben
derzeit Hochkonjunktur. Verdächtigt wird der britische Geheimdienst oder andere
dunkle Mächte. In den arabischen Ländern blüht die Mär, daß man die arme
Prinzessin ermordet habe, weil sie einen Muslim heiraten wollte, der dann
irgendwann mal Stiefvater eines britischen Königs geworden wäre. Andere halten
sie wiederum nur für ein billiges Glamour-Girl, das mit seiner öffentlichen
Rolle nicht fertig geworden ist. Das soll ja selbst bei ganz normalen Menschen
geschehen, wenn der Ehemann Vereinsvorsitzender oder Gemeinderat wird. Wie auch
immer: Die Story um Diana wird Lesestoff bis weit ins nächste Jahrhundert
hinein bieten. Und das schafft ordentlich Arbeitsplätze. Wird sich Tony Blair sagen, der äußerst tüchtige
Premierminister des Vereinigten Königreiches.
Mord
und Totschlag
Während
sich ein Teil der Presse in der westlichen Welt vornehmlich mit jener Dame
beschäftigt, die dem amerikanischen Präsidenten am Schritt herumnestelte, die
oralen Sexpraktiken von Bill Clinton
in aller Ausführlichkeit durchgekaut werden, die Asienkrise zur erheblichen
Schwierigkeiten in der Weltwirtschaft führt, Rußland von einer Krise in die
andere taumelt, zünden islamische Terroristen Superbomben vor zwei
amerikanischen Botschaften in afrikanischen Hauptstädten. Sie nutzen die
Stunde, um dem verhaßten Erzfeind wie versprochen die eigenen Bürger per Sarg
nach Hause zu schicken. Wenige Tage später schicken dann die Amerikaner Raketen
in den Sudan und nach Afghanistan, den Zentren des internationalen Terrorismus.
Die Gewaltspirale dreht sich nach oben. Aber wir sollten uns immer vor Augen
führen, wer da gegen wen kämpft.
Islamische Terrorgruppen kämpfen gegen die westliche Welt. Und das sind für
sie Amerika – das den jüdischen Staat Israel unterstützt – und das christliche
Westeuropa mit seinen demokratischen Werten, die den Terroristen ein Dorn im
Auge sind. Es kämpft nicht der Islam gegen das Christentum oder gegen die Juden.
Nicht Religion gegen Religion. Wie es aus einigen billigen Erklärungen oft zu
herauszuhören ist. Die Infrastruktur für den islamischen Terror befindet nicht
irgendwo in einem Wüsten-Camp, sondern befindet sich in den Zentren der
westlichen und westeuropäischen Länder. Firmen, Büros und Banken gehören zu
dieser Terror-Infrastruktur. Aber auch oppositionelle Vereinigungen, die die
Freiheit des Westens nutzen, um den Terror in die islamischen Länder zu tragen.
Vor allem aber in die feindlichen Länder. Experten sagen, daß die afrikanischen
Terrorakte erst der Anfang waren. Das Szenario für weitere Anschläge hat
grausame Ausmaße. Und niemand bei uns kann erwarten, daß Deutschland verschont
bleibt. Es ist also die Aufgabe aller Länder in Europa, gegen diese neue
Terrorpest einzuschreiten, um die eigenen Bürger zu schützen. Die Infrastruktur
des Terrors muß ausgetrocknet und zerstört werden.
Studenten-Kulturpaß
Der
CDU-Bundestagskandidat Thomas Strobl hatte in der vergangenen Woche
Kulturschaffende aus dem Unterland eingeladen – in den Heilbronner Ratskeller.
Rund zwanzig kamen, an der Spitze der Rektor der Fachhochschule Heilbronn
Professor Dr. Otto Grandi. Und als
honoriger Gast aus Stuttgart der Staatssekretär aus dem Ministerium für
Wissenschaft und Kunst Dr. Christoph-E.
Palmer. Und bei diesem Zusammentreffen wurde eine Idee geboren: der
Kulturpaß. Man bemängelte, daß die Studenten der Fachhochschule in Heilbronn
nicht so richtig ins Kulturleben der Stadt eingebunden seien. Nicht gerade
verwunderlich. Denn junge Menschen, die sich den ganzen Tag mit Technik,
Informatik und Betriebswirtschaft beschäftigen, haben einen weniger
ausgeprägten Drang zur traditionellen Kultur wie vielleicht
Geisteswissenschaftler. Wenn man nun jedem Heilbronner FH-Studenten einen
solchen Kulturpaß verpassen würde, mit je zwei Gutscheinen für eine Aufführung
des Stadttheaters und ein Konzert des Württembergischen Kammerorchesters, ja
dann – dann würde man diese jungen Leute doch an die Kultur heranführen und sie
stärker ins Heilbronner Kulturleben einbinden. Aber wer bezahlt die Karten für
die bisher noch kulturabstinenten Studenten? Christoph Palmer ist begeistert
von der Idee. Aber die Sache anstoßen müßte der Heilbronner Gemeinderat. Thomas
Strobl will den Vorschlag demnächst in diesem Gremium einbringen. Die Stadträte
müßten sich dann aufraffen, einen Beschluß für den Studenten-Kulturpaß zu
fassen. Und der Kultusstaatssekretär Palmer versprach, daß das Land dieses
Vorhaben danach unterstützen werde. Geld für ein solches Unterfangen sei
vorhanden. Im übrigen: Palmer lobte das Heilbronner Kulturleben über den Klee.
Was im Stadttheater und den Museen geleistet werde, sei beispielhaft. Vor allem
die Kooperation des Kindertheaters Radelrutsch mit dem Heilbronner Stadttheater
sei ein Modell, das man auf andere Theaterstädte des Landes Baden-Württemberg
übertragen könne. Heilbronn brauche in Sachen Kultur sein Licht nicht unter den
Scheffel stellen, meinte der Staatssekretär. Balsam für die Ohren der Stadträte
und vieler Käthchenstadt-Bürger. Na bitte!
Europaliga
Was
müssen die Fußballfans derzeit alles erdulden? Die Stehplätze in den
Fußballarenen werden nach und nach abgeschafft. Bei der diesjährigen
Fußball-Weltmeisterschaft gingen die Tickets eher an Sponsoren anstatt an die
treuen Fans. Und jetzt auch das noch: Eine Europaliga mit insgesamt 16
Traditionsvereinen ist in Planung! So sollen Vereine wie Manchester United,
Bayern München, Borussia Dortmund, Ajax Amsterdam, FC Barcelona, AC Mailand und
Paris St. Germain eine Art Vereins-Europameisterschaft unter sich aus machen –
die Crème de la Crème also. Als zusätzliches Bonbon gehört noch dazu, daß kein
Team aus dieser Liga absteigen kann, ganz egal, welche Leistungen es bringt!
Sicherlich eine reizvolle Sache, wenn es jede Woche zu Spielen kommt wie
beispielsweise Bayern gegen Barcelona. Für die eingefleischten Fans – damit
sind nicht die ran-Fans oder besser gesagt Fernseh-Fußballfans gemeint, sondern
die, die ihren Club auch zu Auswärtsspielen begleiten – ist diese Idee eine
sehr kostspielige Angelegenheit. Aber
auch die Fernseh-Fans müßten darunter leiden. Die Folge wäre, daß
hauptsächlich nur noch Bayern und Dortmund gesendet werden würden, Pay-TV und
Pay-per-view reiben sich sicherlich schon die Hände. Zusätzlich käme noch dazu,
daß die Attraktion der Ersten Deutschen Fußballbundesliga ohne die deutschen
Traditionsclub stark abnehmen würde. Für die Vereine wäre eine EFL (European
Football League) aus finanziellen Gründen sicherlich interessant. In der EFL
wären die Clubs unter anderem selbst Ausrichter, das heißt, das Geld das sie
einnehmen gehört ausschließlich ihnen. Sie müßten also nichts an die UEFA
abgeben. Und das wäre lohnenswert. Anstatt nur 35 Millionen Mark (als
Champions-League-Sieger) könnten Hoeneß & Co bis zu 70 Millionen Mark
kassieren. Aber was wäre die Erste Fußballbundesliga ohne Begegnungen wie
Bayern gegen den VfB Stuttgart, immer eine Garantie für guten deutschen
Fußball, oder die Ruhrpottkämpfe zwischen Dortmund und Schalke. Die Bundesliga
ist und muß das liebste Kind der deutschen Fußballfans bleiben. Und dafür
sorgte in den vergangenen Tagen, Gottseidank, Fifa-Präsident Sepp Blatter. Laut Blatter sei die
Europaliga bereits kein Thema mehr. Man diskutiere jedoch eine Umstrukturierung
des Europapokalwettbewerbs. Und was dabei herauskommt – wir werden es erleben.
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