Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 02.09.1998




Schöne Wahlplakate
Mit leicht geschürztem Mund lächeln uns in diesen Tagen jene auf Plakaten am Straßenrand in die Automobile, die am 27. September direkt in den Bundestag einziehen wollen. Gewählt ist mit der Erststimme bekanntlich jener Kandidat, der die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Hat Kandidat A 39 Prozent, Kandidat B 37 Prozent, Kandidat C 18 Prozent, Kandidat D vier Prozent und Kandidat E zwei Prozent der Erststimmen erhalten, dann ist Kandidat A gewählt. Die anderen 61 Prozent der Erststimmen fallen unter den Tisch. Mit welcher Stärke die einzelnen Parteien in den Bundestag einziehen, darüber entscheidet allein die Zweitstimme. Und die Fünf-Prozent-Klausel. Grüne, FDP, PDS und die rechten Parteien hoffen, diese Hürde zu nehmen. Nach 18 Uhr werden wir am Sonntag, den 27. September, mehr wissen. Derzeit lächeln sie die Kandidaten noch – landauf, landab. Manche vor einer schwarz-rot-goldenen Fahne, andere vor weißem Hintergrund und wieder andere gucken in schlichtem Paßfoto-Format verkniffen lächelnd in die Landschaft. Designer unterschiedlicher Qualität waren da am Werk. FDP und CDU haben die Namen ihrer Kandidaten in einer lesbaren Schriftgröße gedruckt, bei der SPD ist es schon mehr ein Suchspiel, den Namen zu finden. Wen sollen nun die vielen bunten Plakate ansprechen? Werden damit die eigenen Parteifreunde animiert, sich noch stärker für den Kandidaten ins Zeug zu legen? Wird der Bevölkerung verdeutlicht, wer für welche Partei im Wahlkreis kandidiert? Oder wird schlicht signalisiert: Wir haben Wahlkampf. Es wird wohl letztlich von allem etwas sein. Mit Hinterzimmer-Diskussionen und Wahlplakaten verharren die Parteien im Ritual. Die Wahlkampfkosten werden ohnehin zum größten Teil von uns Steuerzahlern bezahlt. Aus jener Kostenrückerstattung, die als warmer Regen nach der Bundestagswahl auf die Parteien aus dem Steuersäckel herabrieselt. Das schlimmste aber, was uns die Parteien bieten, ist in diesen Tagen die Fernsehwerbung. Da bekommen wir von kleinen Parteien brav gedrehte Videos zu sehen, die jeder halbwegs begabte Amateur besser gestalten könnte. Bei den großen Parteien erschlägt uns eine Werbung, die so richtig kreativ ist. Da haben sich Schnittkünstler in den Agenturen mal so richtig austoben dürfen. Jede Waschmittel-, Auto- oder Kaffeewerbung ist da unterhaltsamer. Aber wer wählt auch schon wegen einer Werbung eine Partei oder einen Kandidaten? Gewählt wird, wer eine bessere und sichere Zukunft glaubhaft versprechen kann. Oder?

Harlekinade
Es ist so, man kann es nicht ändern. Das fahrende Volk hatte schon immer eine besondere Anziehungskraft. Ob auf Rummelplätzen oder bei Wanderbühnen. Könige, Generäle, Präsidenten, Industriebarone, ja selbst Kardinäle hatten eine Schwäche für wohlproportionierte Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen. Frommen Leute hingegen waren die Fahrensleute, die Gaukler, Tänzer und Schauspieler seit jeher unheimlich mit ihrer Verstellungskunst. Einen neuen Schub bekam diese Sehnsucht nach der Glimmerwelt mit dem Aufkommen des Kinos. Die Filmbosse erkannten nach kurzer Zeit: Filme lassen sich besser verkaufen, wenn man die Akteure zu Stars macht. Und so wurden Lebensläufe erlogen, geschönte Bilder verbreitet, Legenden erfunden. Viele naiven Zuschauer sehnten sich nach einer heilen Welt, in der das Leben so abläuft wie in den Filmen. Und nach einer Welt, in der man so schön, reich, gesund und glücklich lebte, wie in der Glamour-Welt der Filmindustrie. Auch die Politik benutzte die Filmstars als Aushängeschild für ihre Zwecke. Vor allem im zweiten Weltkrieg. In Amerika, Deutschland oder England trommelten die Schauspieler und verbreiteten heftig Propaganda. Im Nachkriegsdeutschland hatten die Sternchen zunächst nicht allzu viel in der Politik zu melden – abgesehen einmal vom diktatorischen DDR-Staat, wo sie kräftig zusammen mit Schriftstellern, Regisseuren und Filmemachern die Werbetrommel rührten. Erst Ende der sechziger Jahre wurden Wählerinitiativen für die SPD gegründet, in denen sich Schriftsteller, Regisseure, Filmemacher und Schauspieler kräftig für Willy engagierten. Der Damm war gebrochen. Zu gleichen Zeit richteten die Fernsehsender Talkshows ein, in denen über Gott und die Welt schwadroniert wurde. Heute vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens fünf solcher Shows über deutsche Bildschirme flattern. Mal abgesehen von den Bekenntnisshows auf unterstem Niveau – wenn in öffentlich-rechtlichen Anstalten zum Talk eingeladen wird, dann dürfen Schauspieler nie fehlen. Sie dürfen sich zu allem und jedem äußern. Ob Politik, Kultur, Wirtschaft. Auch wenn sie nichts davon verstehen. Es lockert die Sendung auf, sagen die Macher, wenn ein Harlekin dabei ist. Es ist halt nur Unterhaltung. So wie bei der SPD und ihren neuen Wählerinitiativen. Und die Gaukler sind Mittel zum Zweck. Wie immer. Also wie wär’s, wenn sich am Stadttheater Heilbronn auch so was gründen würde – eine Wählerinitiative für den einen oder anderen Kandidaten vor Ort. Das wär doch mal nett und unterhaltsam.

Königin der Herzen
Der Tod der Prinzessin Diana war das Beste, was der britischen Monarchie passieren konnte. Sagte ein britischer Kenner des englischen Königshauses. Das mag zynisch klingen. Aber es entspricht wohl den Tatsachen. Vor dem Unfall war die Erregung über die Skandale bei den Windsors nicht nur auf der Insel beträchtlich. Und nach dem Unfall mußte das Königshaus den Kniefall vor dem Volkswillen vollziehen. Die Hysterie um die Verstorbene nahm Ausmaße an, die bar jeglicher Vernunft waren. Der Bruder Dianas hielt eine flammende Rede bei der Trauerfeier – um später den Rummel um die Tote geschäftstüchtig zu vermarkten. Der Vater des Diana-Liebhabers ließ in seinem Kaufhaus Harrods einen Kitschschrein aufstellen – im Gedenken an die vor einem Jahr verstorbenen Liebenden. Am Kensington-Palace am Hydepark in London legte das Volk Blumen nieder. Genau wie vor einem Jahr. Nur nicht ganz so üppig. Die Windsor-Familie gedachte in einer kleinen Kirche in Schottland der von ihr nicht gerade geliebten Herzenskönigin. Aber die große Trauer scheint nach einem Jahr sich auf ein Normalmaß einzupendeln. Heftig spekuliert wird aber weiter um das Unfallgeschehen in einem Autotunnel von Paris. Verschwörungstheoretiker aller Couleur haben derzeit Hochkonjunktur. Verdächtigt wird der britische Geheimdienst oder andere dunkle Mächte. In den arabischen Ländern blüht die Mär, daß man die arme Prinzessin ermordet habe, weil sie einen Muslim heiraten wollte, der dann irgendwann mal Stiefvater eines britischen Königs geworden wäre. Andere halten sie wiederum nur für ein billiges Glamour-Girl, das mit seiner öffentlichen Rolle nicht fertig geworden ist. Das soll ja selbst bei ganz normalen Menschen geschehen, wenn der Ehemann Vereinsvorsitzender oder Gemeinderat wird. Wie auch immer: Die Story um Diana wird Lesestoff bis weit ins nächste Jahrhundert hinein bieten. Und das schafft ordentlich Arbeitsplätze. Wird sich Tony Blair sagen, der äußerst tüchtige Premierminister des Vereinigten Königreiches.
       
Mord und Totschlag
Während sich ein Teil der Presse in der westlichen Welt vornehmlich mit jener Dame beschäftigt, die dem amerikanischen Präsidenten am Schritt herumnestelte, die oralen Sexpraktiken von Bill Clinton in aller Ausführlichkeit durchgekaut werden, die Asienkrise zur erheblichen Schwierigkeiten in der Weltwirtschaft führt, Rußland von einer Krise in die andere taumelt, zünden islamische Terroristen Superbomben vor zwei amerikanischen Botschaften in afrikanischen Hauptstädten. Sie nutzen die Stunde, um dem verhaßten Erzfeind wie versprochen die eigenen Bürger per Sarg nach Hause zu schicken. Wenige Tage später schicken dann die Amerikaner Raketen in den Sudan und nach Afghanistan, den Zentren des internationalen Terrorismus. Die Gewaltspirale dreht sich nach oben. Aber wir sollten uns immer vor Augen führen, wer da gegen wen kämpft. Islamische Terrorgruppen kämpfen gegen die westliche Welt. Und das sind für sie Amerika – das den jüdischen Staat Israel unterstützt – und das christliche Westeuropa mit seinen demokratischen Werten, die den Terroristen ein Dorn im Auge sind. Es kämpft nicht der Islam gegen das Christentum oder gegen die Juden. Nicht Religion gegen Religion. Wie es aus einigen billigen Erklärungen oft zu herauszuhören ist. Die Infrastruktur für den islamischen Terror befindet nicht irgendwo in einem Wüsten-Camp, sondern befindet sich in den Zentren der westlichen und westeuropäischen Länder. Firmen, Büros und Banken gehören zu dieser Terror-Infrastruktur. Aber auch oppositionelle Vereinigungen, die die Freiheit des Westens nutzen, um den Terror in die islamischen Länder zu tragen. Vor allem aber in die feindlichen Länder. Experten sagen, daß die afrikanischen Terrorakte erst der Anfang waren. Das Szenario für weitere Anschläge hat grausame Ausmaße. Und niemand bei uns kann erwarten, daß Deutschland verschont bleibt. Es ist also die Aufgabe aller Länder in Europa, gegen diese neue Terrorpest einzuschreiten, um die eigenen Bürger zu schützen. Die Infrastruktur des Terrors muß ausgetrocknet und zerstört werden.        

Studenten-Kulturpaß
Der CDU-Bundestagskandidat Thomas Strobl hatte in der vergangenen Woche Kulturschaffende aus dem Unterland eingeladen – in den Heilbronner Ratskeller. Rund zwanzig kamen, an der Spitze der Rektor der Fachhochschule Heilbronn Professor Dr. Otto Grandi. Und als honoriger Gast aus Stuttgart der Staatssekretär aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst Dr. Christoph-E. Palmer. Und bei diesem Zusammentreffen wurde eine Idee geboren: der Kulturpaß. Man bemängelte, daß die Studenten der Fachhochschule in Heilbronn nicht so richtig ins Kulturleben der Stadt eingebunden seien. Nicht gerade verwunderlich. Denn junge Menschen, die sich den ganzen Tag mit Technik, Informatik und Betriebswirtschaft beschäftigen, haben einen weniger ausgeprägten Drang zur traditionellen Kultur wie vielleicht Geisteswissenschaftler. Wenn man nun jedem Heilbronner FH-Studenten einen solchen Kulturpaß verpassen würde, mit je zwei Gutscheinen für eine Aufführung des Stadttheaters und ein Konzert des Württembergischen Kammerorchesters, ja dann – dann würde man diese jungen Leute doch an die Kultur heranführen und sie stärker ins Heilbronner Kulturleben einbinden. Aber wer bezahlt die Karten für die bisher noch kulturabstinenten Studenten? Christoph Palmer ist begeistert von der Idee. Aber die Sache anstoßen müßte der Heilbronner Gemeinderat. Thomas Strobl will den Vorschlag demnächst in diesem Gremium einbringen. Die Stadträte müßten sich dann aufraffen, einen Beschluß für den Studenten-Kulturpaß zu fassen. Und der Kultusstaatssekretär Palmer versprach, daß das Land dieses Vorhaben danach unterstützen werde. Geld für ein solches Unterfangen sei vorhanden. Im übrigen: Palmer lobte das Heilbronner Kulturleben über den Klee. Was im Stadttheater und den Museen geleistet werde, sei beispielhaft. Vor allem die Kooperation des Kindertheaters Radelrutsch mit dem Heilbronner Stadttheater sei ein Modell, das man auf andere Theaterstädte des Landes Baden-Württemberg übertragen könne. Heilbronn brauche in Sachen Kultur sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, meinte der Staatssekretär. Balsam für die Ohren der Stadträte und vieler Käthchenstadt-Bürger. Na bitte!

Europaliga
Was müssen die Fußballfans derzeit alles erdulden? Die Stehplätze in den Fußballarenen werden nach und nach abgeschafft. Bei der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft gingen die Tickets eher an Sponsoren anstatt an die treuen Fans. Und jetzt auch das noch: Eine Europaliga mit insgesamt 16 Traditionsvereinen ist in Planung! So sollen Vereine wie Manchester United, Bayern München, Borussia Dortmund, Ajax Amsterdam, FC Barcelona, AC Mailand und Paris St. Germain eine Art Vereins-Europameisterschaft unter sich aus machen – die Crème de la Crème also. Als zusätzliches Bonbon gehört noch dazu, daß kein Team aus dieser Liga absteigen kann, ganz egal, welche Leistungen es bringt! Sicherlich eine reizvolle Sache, wenn es jede Woche zu Spielen kommt wie beispielsweise Bayern gegen Barcelona. Für die eingefleischten Fans – damit sind nicht die ran-Fans oder besser gesagt Fernseh-Fußballfans gemeint, sondern die, die ihren Club auch zu Auswärtsspielen begleiten – ist diese Idee eine sehr kostspielige Angelegenheit. Aber auch die Fernseh-Fans müßten darunter leiden. Die Folge wäre, daß hauptsächlich nur noch Bayern und Dortmund gesendet werden würden, Pay-TV und Pay-per-view reiben sich sicherlich schon die Hände. Zusätzlich käme noch dazu, daß die Attraktion der Ersten Deutschen Fußballbundesliga ohne die deutschen Traditionsclub stark abnehmen würde. Für die Vereine wäre eine EFL (European Football League) aus finanziellen Gründen sicherlich interessant. In der EFL wären die Clubs unter anderem selbst Ausrichter, das heißt, das Geld das sie einnehmen gehört ausschließlich ihnen. Sie müßten also nichts an die UEFA abgeben. Und das wäre lohnenswert. Anstatt nur 35 Millionen Mark (als Champions-League-Sieger) könnten Hoeneß & Co bis zu 70 Millionen Mark kassieren. Aber was wäre die Erste Fußballbundesliga ohne Begegnungen wie Bayern gegen den VfB Stuttgart, immer eine Garantie für guten deutschen Fußball, oder die Ruhrpottkämpfe zwischen Dortmund und Schalke. Die Bundesliga ist und muß das liebste Kind der deutschen Fußballfans bleiben. Und dafür sorgte in den vergangenen Tagen, Gottseidank, Fifa-Präsident Sepp Blatter. Laut Blatter sei die Europaliga bereits kein Thema mehr. Man diskutiere jedoch eine Umstrukturierung des Europapokalwettbewerbs. Und was dabei herauskommt – wir werden es erleben.

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