Regen beim Weindorf
Das 28. Heilbronner Weindorf wurde
bei strömendem Regen am letzten Donnerstag, 10. September, vor dem Heilbronner
Rathaus inmitten einer Baustelle von der deutschen Weinkönigin Natascha Thoma
eröffnet. Eigentlich sollte ja die Bautätigkeit an der Kaiserstraße während des
Weindorfes ruhen. Doch die neue Fußgängerzone wird laut Stadtverwaltung bis zum
ersten Advent am 30. November 1998
fertiggestellt sein. Und den Zeitplan kann man nur einhalten, wenn während des
Weindorfes in Heilbronn weitergewerkelt wird. 219 verschiedene Weine an 31
Ständen, sowie 50 Speisen und diverse nichtalkoholische Getränke stehen für die
Freunde des Heilbronner Weindorfs – trotz des schlechten Wetters – bereit. Dazu
noch ein paar ökologische Tropfen am Stand der Grünen. Seit 1971 – so der
Heilbronner Verkehrsdirektor Bernhard
Winkler – seien 6,8 Millionen Besucher auf dem Weindorf gesichtet worden.
In diesem Jahr erwartet die Stadt den „Siebenmillionsten Besucher“. Im
kommenden Jahr wird das Heilbronner
Weindorf übrigens am 9.9.99 eröffnet. Wenn das kein gutes Omen für die
vielumstrittene Stadtbahn in Heilbronn
ist, mit der die Besucher im Jahre 2000 zum Weindorf gelangen sollen,
ja, wenn nicht, dann frage ich mich, was überhaupt ein gutes Omen für das
Jahrtausend-Wende-Weindorf sein kann. Die Frage lautet aber auch: Woher kommen
sie mit der Stadtbahn – und wohin fahren sie später? Bisher seien die Besucher
trotz des anhaltenden Schnürlesregens und der kalten Witterung zum Heilbronner
Weindorf geströmt. Vor allem die Jugend sei stark vertreten. Meinen die täglich
Besucher-zählenden Veranstalter. Naja, ich glaube, es wird mit dem Besuch nicht
so toll werden wie in Rekordjahren. Aber der Wein wird getrunken, weil es halt
so gemütlich ist – rund um das Heilbronner Rathaus. Trotz Baustelle in der
Kaiserstraße.
Leihstimmen?
Leihstimmen – ein Zauberwort, das
zur Zeit durch die politische Landschaft geistert. Dabei kann keine Partei
einer anderen Stimmen schenken. Das
können nur wir Wähler. Der einzelne Wähler hat die Möglichkeit, mit seiner
Erststimme anders zu wählen als mit seiner Zweitstimme. Wer eine
SPD/FDP-Regierung will, wählt mit der Erststimme den SPD-Kandidaten und mit der
Zweitstimme die FDP. Umgekehrt wäre seine Entscheidung aberwitzig, denn die FDP
hat bei den Erststimmen keine Chance, einen Kandidaten im Wahlkreis
durchzubringen. Wer eine konservativ-liberale Regierung will, wählt mit der
Erststimme den CDU-Kandidaten und mit der Zweitstimme die FDP. Bei Rotgrün
verhält es sich ähnlich. Und ansonsten sind uns Wählern alle
Kombinationsmöglichkeiten offen. Die Mehrheit der Bürger wählt ohnehin mit der
Erst- und Zweitstimme die gleiche Partei. Das ist nicht besonders mutig. Aber es ist eine eindeutige Entscheidung.
Nun herrscht vor jeder Bundestagwahl bei den Bürgern die gleiche Unsicherheit
und Unwissenheit vor: Was ist mit der Erst-, was mit der Zweitstimme? Um es
nochmals klar und deutlich zu sagen: Jede Kombination ist möglich. Es gibt
keine Verpflichtung, mit der Erststimme die gleiche Partei zu wählen wie mit
der Zweitstimme. Wer allerdings mit der Erststimme einen Kandidaten einer
kleinen Partei wählt, der verschenkt quasi seine Stimme. Denn im Wahlkreis
gewonnen hat nur jener Kandidat, der beim Auszählen am 27. September die
Mehrheit auf sich vereinigt. Und das können durchaus „nur“ 35 Prozent sein. Die
restlichen 65 Prozent der Erststimmen fallen dann unter den Tisch. Und bei den
Zweitstimmen muß der Wähler sich überlegen, ob die Partei seiner Wahl auch
imstande ist, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. Schafft sie es nicht,
dann zählt seine Stimme im künftigen Bundestag nichts. Bei uns in
Baden-Württemberg haben die Grünen dieser Tage aufgerufen, mit der Erststimme
den SPD-Kandidaten zu wählen, mit der Zweitstimme Grün. Folgerichtig müßte die
FDP aufrufen, mit der Erststimme den CDU-Kandidaten zu wählen, mit der
Zweitstimme FDP. Das ist durchaus
vernünftig und logisch. Aber was der Wähler in seiner Kabine am Wahltag
ankreuzt – Wahlgeheimnis. Am Ergebnis können wir ablesen, ob die Empfehlungen
der Parteien gefruchtet haben.
Nach der Bayern-Wahl
Wer ist der Verlierer der
Bayern-Wahl? Das haben sich viele Bürger
kopfschüttelnd am Sonntagabend gefragt. Zunächst einmal sind die großen
Verlierer – wie bei den zurückliegenden Wahlen schon – die Meinungsforscher.
Edmund Stoiber und die CSU hatten sie teilweise unter 50 Prozent gesehen. Die
SPD mit Renate Schmidt an der Spitze lag sogar bei 34 Prozent. Aber nicht
Umfragen entscheiden die Wahl, sondern die Wähler in ihrer Wahlkabine, wenn sie
ihre Kreuze bei der Erst- und Zeitstimme machen. Und da lag die CSU dann bei
52,9 Prozent (+ 0,1), die SPD bei 28,7 Prozent (-1,3), die Grünen bei 5,7
Prozent (-0,4), Die FDP bei 1,7 Prozent (-1,1) und die Republikaner bei 3,6
Prozent (-0,3). Andere Parteien erreichten 7,4 Prozent (+3,0). Unter denen
hatten die Freien Wähler aus dem Stand ordentlich zugelegt – und waren im
Vorfeld der große Angstfaktor für CSU und FDP. Erfreulich an der Bayernwahl, daß die Links- und Rechtsradikalen keine
nennenswerten Erfolge erzielen konnten. Bayern ist nicht Deutschland,
genauso wenig wie Niedersachsen das Land repräsentiert. Aus der Landtagswahl in
Bayern, zwei Wochen vor der Bundestagswahl, Aussagen für die Wahl am 27.
September 1998 ableiten zu wollen, das ist schon reichlich vermessen. Man kann
sicherlich einen Trend ableiten. Man kann auch sagen, daß die SPD mit ihren
Slogans in Bayern kräftig eingebrochen ist. In Bayern wurde für die SPD kein
Wechsel für Bonn eingeleitet. Wenn es stimmt, was die SPD plakatiert hatte,
nämlich Kohl gleich CSU zu setzen, dann hat Kohl auch in Bayern gewonnen. Und
wenn es stimmt, daß Gerhard Schröder und Renate Schmidt – auf Wahlplakaten für
Bayern gekämpft hatten, dann hat auch Schröder die Wahl in Bayern verloren.
Aber all das ist Nach-Geplänkel in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes.
Jetzt gilt es, die Wähler zu überzeugen. Die Alternative ist klar: Entweder SPD
und ein Kanzler Gerhard Schröder mit den Grünen als Koalitionspartner und einem
Außenminister Joschka (Joseph) Fischer; oder die CDU/CSU mit Helmut Kohl als
Kanzler samt Koalitionspartner FDP und einem Außenminister Klaus Kinkel. Das
Geschwätz von einer Großen Koalition ist nicht gerade demokratiefreundlich.
Elefantenhochzeiten sollte es nur dann geben, wenn die Nation in Bedrängnis ist
– im äußersten Notfall also. In der Demokratie regiert die gewählte Mehrheit –
und eine starke Opposition kontrolliert. Die Botschaft aus Bayern lautet: Der
Wähler entscheidet, SPD und Union haben jeweils noch die Chance, stärkste
Partei im neuen Bundestag zu werden – und die kleinen Parteien müssen um den
Einzug bangen.
Wer wird Susset-Nachfolger?
Im Wahlkreis Heilbronn geht es in
eineinhalb Wochen, am 27. September 1998, darum: Gewinnt Harald Friese von der SPD oder Thomas
Strobl von der CDU den Wahlkreis? Wer also tritt die Nachfolge von Egon
Susset (CDU) an, der den Wahlkreis seit 1976 fortwährend gewonnen hat – ein bodenständiger Mann, der seit 1969 dem
Deutschen Bundestag angehört. Der Wahlkampf der beiden Matadore verlief bisher
eher harmonisch als gegensätzlich. Von harter Konfrontation kaum eine Spur. Als
Beobachter gewinnt man den Eindruck, daß hier keiner dem anderen eine Chance
geben will, mit Schlamm zu werfen. Denn sie wissen beide, so ein Dreckbollen
kann leicht zum Rohrkrepierer werden. Es geht im Unterland vornehmlich darum,
sich bei den Wählern bekannt zu machen. Denn beide Kandidaten treten zum ersten
Mal an. Im Nachbarwahlkreis Neckar-Zaber ist die Situation eine ganz andere:
Die bisherige direktgewählte Bundestagsabgeordnete Dr. Renate Hellwig von der CDU muß ihr Mandat gegen Hans Martin Bury von der SPD
verteidigen, der bisher über die Landesliste seiner Partei in den Bundestag
einzog. Im Wahlkreis Heilbronn sind die Chancen beide Kandidaten, über die
Landesliste nach Bonn zu kommen, eher gering. Es geht bei Thomas Strobl (38
Jahre alt) und Harald Friese (53 Jahre alt) somit um Alles oder Nichts. Beide
Männer sind Juristen und bisher als engagierte Kommunalpolitiker aufgefallen:
Thomas Strobl als CDU-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat, Harald
Friese als Bürgermeister Heilbronns. Beide sind verheiratet: Strobl mit der
Juristin Christine Strobl, Friese mit der Lehrerin Gudrun Hotz-Friese. Beide
Frauen unterstützen ihre Ehemänner im Wahlkampf und sind aktiv in der
jeweiligen Partei. Christine Strobl, Tochter des
CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Dr. Wolfgang Schäuble, ist aus dem
Elternhaus das alltägliche Brot der Politik gewohnt und somit eine engagierte
Wahlkampf-Managerin ihres Mannes. Gudrun Hotz-Friese führt den SPD-Ortsverein
Heilbronn-Stadt und engagiert sich als aktive Kommunalpolitikerin. Beste
Voraussetzungen für die beiden Herren Politiker. Was wollen sie jetzt noch mehr
– außer die Mehrheit der Stimmen vieler Wählerinnen und Wähler?
Sonntagsblätter
Zur Zeit sprießen sie wie Pilze bei
uns in Baden-Württemberg aus dem Boden: Wochenend- und Sonntagsblätter. In
Freiburg hatte letztes Jahr die Bewegung mit einem großen Knalleffekt begonnen.
Redakteure der Freiburger Tageszeitung machten selbständig ein neues Blatt auf:
Eine Sonntagszeitung, die als Anzeigenblatt kostenlos verteilt wurde. Wenig
später stieg ein norddeutscher Großverlag in das Projekt ein. Zwischenzeitlich
gibt es Sonntagszeitungen, die als Anzeigenblätter kostenlos in alles Haushalte
verteilt werden, auch in Karlsruhe und anderen Städten des Landes. In Karlsruhe
gleich zwei an der Zahl, eines von der Tageszeitung herausgegeben, ein anderes
von einem Kleinverleger. Auch in Freiburg ist seit letztem Wochenende alles
anders. Neben dem seit einem Jahr bestehenden Sonntagsblatt gibt es jetzt eine
zweite Sonntagszeitung, die von der Badischen Zeitung in Freiburg herausgeben
wird – und auch ähnlich im Erscheinungsbild gestaltet ist. Man will ganz bewußt
sich seriös gegen das vorhandene Sonntagsblatt absetzen, das mehr in Richtung
Boulevard-Stil tendiert. Außerdem möchte die Tageszeitung das von ihr bisher
herausgegebene Anzeigenblatt am Mittwoch mit der neuen Sonntagszeitung
verbinden: gleicher Titel, gleiche Aufmachung. Das Anzeigenblatt aus dem
Tageszeitungsverlag als neues, zweimal in der Woche erscheinendes Produkt des
Verlages. Der Kampf um Kunden und Leser
tobt also in der südbadischen Metropole – wie schon in Karlsruhe. Der
Knackpunkt für beide Blätter: Die Verteilung. Bisher hatte die seit einem Jahr
erscheinende Sonntagszeitung es nicht geschafft, haushaltsabdeckend am
Sonntagmorgen in jedem erreichbaren Briefkasten zu liegen. Der Trick der neuen
Konkurrenz: Man verspricht den Lesern einen Zustelldienst. Wer Sonntagfrüh bis
zu einem gewissen Zeitpunkt die Sonntagszeitung nicht im Briefkasten liegen
hat, kann beim Verlag anrufen – das Blatt wird ihm dann per Boten zugestellt.
Ein teures Unterfangen. Auch in den Landkreis Heilbronn drängen zurzeit
kostenlose Sonntagsblätter. Vornehmlich aus dem badischen Raum. Und es wird nur
noch wenige Tage dauern, bis auch sie Konkurrenz erhalten. Aber von einer
kostenlosen Botenzustellung bei Nichterhalt dieser Blätter habe ich noch nichts
gehört.
Chefsache
Der weltgrößte Fußballverband zeigte
in den vergangenen Wochen und Monaten seine wahre Größe: Der Gigant DFB mit
seinem Präsidenten Egidius Braun präsentierte sich als (fast) unfähig,
unerwarteten Situationen mit klaren, sicheren Entscheidungen zu begegnen! Die
Art, wie das neue DFB-Bundestrainer-Gespann Ribbeck/Stielike gefunden wurde,
ist an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Nach der WM-Pleite in Frankreich
sowie dem mißglückten Neuanfang gegen Malta und Rumänien folgte der nur
logische Rücktritt von Bundestrainer Berti
Vogts. Er scheiterte, weil die Herren Nationalspieler offensichtlich gegen
ihn und den Verband spielten, und er war nicht mehr bereit, den Prügelknaben
der Nation abzugeben. Er hat nun Zeit, über seine zahlreichen Fehler des
letzten halben Jahres nachzudenken. Die Kritik der Medien richtete sich gegen
seine Hilflosigkeit, eine klare Linie in die Nationalelf zu bringen, ihr
spielerische Impulse zu vermitteln. Biedermann Vogts war mit dieser
Aufgabenstellung überfordert. Das Amt des Bundestrainers in Deutschland scheint
so unattraktiv wie Kühe hüten auf einer Almwiese. Nur so ist zu verstehen, daß
DFB-Präsident Egidius Braun bei der Nachfolgersuche fast zwei Dutzend Absagen
erhielt. Die Wunschkandidaten zogen es vor, lieber in ihrem Verein zu bleiben,
als Bundestrainer des „bedeutendsten” Fußballverbandes zu werden. Das sollte
den Herren in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise
zu denken geben! DFB-Präsident Egidius
Braun hatte die Trainersuche zur Chefsache erklärt und dabei einem großen
Publikum seine Grenzen offenbart: Zum einen machte er offensichtlich zuerst Uli
Stielike zum Cheftrainer, dann stellte er ihm doch noch Erich Ribbeck als
Manager vor die Nase. Stunden vorher noch retteten ihn DFB-Vorstandmitglieder
vor der größten Peinlichkeit. Er wollte mit Paul Breitner einen der größten Kritiker an der DFB-Politik zum
Bundestrainer machen! Der Münchner –
altbekannter Revoluzzer in der deutschen Fußball-Szene – hatte unter
anderem in einer Zeitung gefordert, die gesamte DFB-Spitze, einschließlich des
Präsidenten, auszutauschen. Erste Fragen der Medien, ob Braun schon das Wort
„Rücktritt” in den Mund nahm, wurden von der DFB-Pressestelle zurückgewiesen.
Aber die Front der Gegner wächst von Tag zu Tag. Braun hat noch Zeit eine
richtige Entscheidung zu seiner eigenen Position zu treffen. Erst am 24.
Oktober steht beim DFB-Bundestag in Wiesbaden die Neuwahl des Präsidenten an.
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