Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 16.09.1998



Regen beim Weindorf
Das 28. Heilbronner Weindorf wurde bei strömendem Regen am letzten Donnerstag, 10. September, vor dem Heilbronner Rathaus inmitten einer Baustelle von der deutschen Weinkönigin Natascha Thoma eröffnet. Eigentlich sollte ja die Bautätigkeit an der Kaiserstraße während des Weindorfes ruhen. Doch die neue Fußgängerzone wird laut Stadtverwaltung bis zum ersten Advent am 30. November  1998 fertiggestellt sein. Und den Zeitplan kann man nur einhalten, wenn während des Weindorfes in Heilbronn weitergewerkelt wird. 219 verschiedene Weine an 31 Ständen, sowie 50 Speisen und diverse nichtalkoholische Getränke stehen für die Freunde des Heilbronner Weindorfs – trotz des schlechten Wetters – bereit. Dazu noch ein paar ökologische Tropfen am Stand der Grünen. Seit 1971 – so der Heilbronner Verkehrsdirektor Bernhard Winkler – seien 6,8 Millionen Besucher auf dem Weindorf gesichtet worden. In diesem Jahr erwartet die Stadt den „Siebenmillionsten Besucher“. Im kommenden Jahr wird das Heilbronner Weindorf übrigens am 9.9.99 eröffnet. Wenn das kein gutes Omen für die vielumstrittene Stadtbahn in Heilbronn  ist, mit der die Besucher im Jahre 2000 zum Weindorf gelangen sollen, ja, wenn nicht, dann frage ich mich, was überhaupt ein gutes Omen für das Jahrtausend-Wende-Weindorf sein kann. Die Frage lautet aber auch: Woher kommen sie mit der Stadtbahn – und wohin fahren sie später? Bisher seien die Besucher trotz des anhaltenden Schnürlesregens und der kalten Witterung zum Heilbronner Weindorf geströmt. Vor allem die Jugend sei stark vertreten. Meinen die täglich Besucher-zählenden Veranstalter. Naja, ich glaube, es wird mit dem Besuch nicht so toll werden wie in Rekordjahren. Aber der Wein wird getrunken, weil es halt so gemütlich ist – rund um das Heilbronner Rathaus. Trotz Baustelle in der Kaiserstraße.                                                                

Leihstimmen?
Leihstimmen – ein Zauberwort, das zur Zeit durch die politische Landschaft geistert. Dabei kann keine Partei einer anderen Stimmen schenken. Das können nur wir Wähler. Der einzelne Wähler hat die Möglichkeit, mit seiner Erststimme anders zu wählen als mit seiner Zweitstimme. Wer eine SPD/FDP-Regierung will, wählt mit der Erststimme den SPD-Kandidaten und mit der Zweitstimme die FDP. Umgekehrt wäre seine Entscheidung aberwitzig, denn die FDP hat bei den Erststimmen keine Chance, einen Kandidaten im Wahlkreis durchzubringen. Wer eine konservativ-liberale Regierung will, wählt mit der Erststimme den CDU-Kandidaten und mit der Zweitstimme die FDP. Bei Rotgrün verhält es sich ähnlich. Und ansonsten sind uns Wählern alle Kombinationsmöglichkeiten offen. Die Mehrheit der Bürger wählt ohnehin mit der Erst- und Zweitstimme die gleiche Partei. Das ist nicht besonders mutig. Aber es ist eine eindeutige Entscheidung. Nun herrscht vor jeder Bundestagwahl bei den Bürgern die gleiche Unsicherheit und Unwissenheit vor: Was ist mit der Erst-, was mit der Zweitstimme? Um es nochmals klar und deutlich zu sagen: Jede Kombination ist möglich. Es gibt keine Verpflichtung, mit der Erststimme die gleiche Partei zu wählen wie mit der Zweitstimme. Wer allerdings mit der Erststimme einen Kandidaten einer kleinen Partei wählt, der verschenkt quasi seine Stimme. Denn im Wahlkreis gewonnen hat nur jener Kandidat, der beim Auszählen am 27. September die Mehrheit auf sich vereinigt. Und das können durchaus „nur“ 35 Prozent sein. Die restlichen 65 Prozent der Erststimmen fallen dann unter den Tisch. Und bei den Zweitstimmen muß der Wähler sich überlegen, ob die Partei seiner Wahl auch imstande ist, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. Schafft sie es nicht, dann zählt seine Stimme im künftigen Bundestag nichts. Bei uns in Baden-Württemberg haben die Grünen dieser Tage aufgerufen, mit der Erststimme den SPD-Kandidaten zu wählen, mit der Zweitstimme Grün. Folgerichtig müßte die FDP aufrufen, mit der Erststimme den CDU-Kandidaten zu wählen, mit der Zweitstimme FDP. Das ist durchaus vernünftig und logisch. Aber was der Wähler in seiner Kabine am Wahltag ankreuzt – Wahlgeheimnis. Am Ergebnis können wir ablesen, ob die Empfehlungen der Parteien gefruchtet haben.

Nach der Bayern-Wahl
Wer ist der Verlierer der Bayern-Wahl?  Das haben sich viele Bürger kopfschüttelnd am Sonntagabend gefragt. Zunächst einmal sind die großen Verlierer – wie bei den zurückliegenden Wahlen schon – die Meinungsforscher. Edmund Stoiber und die CSU hatten sie teilweise unter 50 Prozent gesehen. Die SPD mit Renate Schmidt an der Spitze lag sogar bei 34 Prozent. Aber nicht Umfragen entscheiden die Wahl, sondern die Wähler in ihrer Wahlkabine, wenn sie ihre Kreuze bei der Erst- und Zeitstimme machen. Und da lag die CSU dann bei 52,9 Prozent (+ 0,1), die SPD bei 28,7 Prozent (-1,3), die Grünen bei 5,7 Prozent (-0,4), Die FDP bei 1,7 Prozent (-1,1) und die Republikaner bei 3,6 Prozent (-0,3). Andere Parteien erreichten 7,4 Prozent (+3,0). Unter denen hatten die Freien Wähler aus dem Stand ordentlich zugelegt – und waren im Vorfeld der große Angstfaktor für CSU und FDP. Erfreulich an der Bayernwahl, daß die Links- und Rechtsradikalen keine nennenswerten Erfolge erzielen konnten. Bayern ist nicht Deutschland, genauso wenig wie Niedersachsen das Land repräsentiert. Aus der Landtagswahl in Bayern, zwei Wochen vor der Bundestagswahl, Aussagen für die Wahl am 27. September 1998 ableiten zu wollen, das ist schon reichlich vermessen. Man kann sicherlich einen Trend ableiten. Man kann auch sagen, daß die SPD mit ihren Slogans in Bayern kräftig eingebrochen ist. In Bayern wurde für die SPD kein Wechsel für Bonn eingeleitet. Wenn es stimmt, was die SPD plakatiert hatte, nämlich Kohl gleich CSU zu setzen, dann hat Kohl auch in Bayern gewonnen. Und wenn es stimmt, daß Gerhard Schröder und Renate Schmidt – auf Wahlplakaten für Bayern gekämpft hatten, dann hat auch Schröder die Wahl in Bayern verloren. Aber all das ist Nach-Geplänkel in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes. Jetzt gilt es, die Wähler zu überzeugen. Die Alternative ist klar: Entweder SPD und ein Kanzler Gerhard Schröder mit den Grünen als Koalitionspartner und einem Außenminister Joschka (Joseph) Fischer; oder die CDU/CSU mit Helmut Kohl als Kanzler samt Koalitionspartner FDP und einem Außenminister Klaus Kinkel. Das Geschwätz von einer Großen Koalition ist nicht gerade demokratiefreundlich. Elefantenhochzeiten sollte es nur dann geben, wenn die Nation in Bedrängnis ist – im äußersten Notfall also. In der Demokratie regiert die gewählte Mehrheit – und eine starke Opposition kontrolliert. Die Botschaft aus Bayern lautet: Der Wähler entscheidet, SPD und Union haben jeweils noch die Chance, stärkste Partei im neuen Bundestag zu werden – und die kleinen Parteien müssen um den Einzug bangen.                               

Wer wird Susset-Nachfolger?
Im Wahlkreis Heilbronn geht es in eineinhalb Wochen, am 27. September 1998, darum: Gewinnt Harald Friese von der SPD oder Thomas Strobl von der CDU den Wahlkreis? Wer also tritt die Nachfolge von Egon Susset (CDU) an, der den Wahlkreis seit 1976 fortwährend gewonnen hat  – ein bodenständiger Mann, der seit 1969 dem Deutschen Bundestag angehört. Der Wahlkampf der beiden Matadore verlief bisher eher harmonisch als gegensätzlich. Von harter Konfrontation kaum eine Spur. Als Beobachter gewinnt man den Eindruck, daß hier keiner dem anderen eine Chance geben will, mit Schlamm zu werfen. Denn sie wissen beide, so ein Dreckbollen kann leicht zum Rohrkrepierer werden. Es geht im Unterland vornehmlich darum, sich bei den Wählern bekannt zu machen. Denn beide Kandidaten treten zum ersten Mal an. Im Nachbarwahlkreis Neckar-Zaber ist die Situation eine ganz andere: Die bisherige direktgewählte Bundestagsabgeordnete Dr. Renate Hellwig von der CDU muß ihr Mandat gegen Hans Martin Bury von der SPD verteidigen, der bisher über die Landesliste seiner Partei in den Bundestag einzog. Im Wahlkreis Heilbronn sind die Chancen beide Kandidaten, über die Landesliste nach Bonn zu kommen, eher gering. Es geht bei Thomas Strobl (38 Jahre alt) und Harald Friese (53 Jahre alt) somit um Alles oder Nichts. Beide Männer sind Juristen und bisher als engagierte Kommunalpolitiker aufgefallen: Thomas Strobl als CDU-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat, Harald Friese als Bürgermeister Heilbronns. Beide sind verheiratet: Strobl mit der Juristin Christine Strobl, Friese mit der Lehrerin Gudrun Hotz-Friese. Beide Frauen unterstützen ihre Ehemänner im Wahlkampf und sind aktiv in der jeweiligen Partei. Christine Strobl, Tochter des CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Dr. Wolfgang Schäuble, ist aus dem Elternhaus das alltägliche Brot der Politik gewohnt und somit eine engagierte Wahlkampf-Managerin ihres Mannes. Gudrun Hotz-Friese führt den SPD-Ortsverein Heilbronn-Stadt und engagiert sich als aktive Kommunalpolitikerin. Beste Voraussetzungen für die beiden Herren Politiker. Was wollen sie jetzt noch mehr – außer die Mehrheit der Stimmen vieler Wählerinnen und Wähler?                                                                                       

Sonntagsblätter
Zur Zeit sprießen sie wie Pilze bei uns in Baden-Württemberg aus dem Boden: Wochenend- und Sonntagsblätter. In Freiburg hatte letztes Jahr die Bewegung mit einem großen Knalleffekt begonnen. Redakteure der Freiburger Tageszeitung machten selbständig ein neues Blatt auf: Eine Sonntagszeitung, die als Anzeigenblatt kostenlos verteilt wurde. Wenig später stieg ein norddeutscher Großverlag in das Projekt ein. Zwischenzeitlich gibt es Sonntagszeitungen, die als Anzeigenblätter kostenlos in alles Haushalte verteilt werden, auch in Karlsruhe und anderen Städten des Landes. In Karlsruhe gleich zwei an der Zahl, eines von der Tageszeitung herausgegeben, ein anderes von einem Kleinverleger. Auch in Freiburg ist seit letztem Wochenende alles anders. Neben dem seit einem Jahr bestehenden Sonntagsblatt gibt es jetzt eine zweite Sonntagszeitung, die von der Badischen Zeitung in Freiburg herausgeben wird – und auch ähnlich im Erscheinungsbild gestaltet ist. Man will ganz bewußt sich seriös gegen das vorhandene Sonntagsblatt absetzen, das mehr in Richtung Boulevard-Stil tendiert. Außerdem möchte die Tageszeitung das von ihr bisher herausgegebene Anzeigenblatt am Mittwoch mit der neuen Sonntagszeitung verbinden: gleicher Titel, gleiche Aufmachung. Das Anzeigenblatt aus dem Tageszeitungsverlag als neues, zweimal in der Woche erscheinendes Produkt des Verlages. Der Kampf um Kunden und Leser tobt also in der südbadischen Metropole – wie schon in Karlsruhe. Der Knackpunkt für beide Blätter: Die Verteilung. Bisher hatte die seit einem Jahr erscheinende Sonntagszeitung es nicht geschafft, haushaltsabdeckend am Sonntagmorgen in jedem erreichbaren Briefkasten zu liegen. Der Trick der neuen Konkurrenz: Man verspricht den Lesern einen Zustelldienst. Wer Sonntagfrüh bis zu einem gewissen Zeitpunkt die Sonntagszeitung nicht im Briefkasten liegen hat, kann beim Verlag anrufen – das Blatt wird ihm dann per Boten zugestellt. Ein teures Unterfangen. Auch in den Landkreis Heilbronn drängen zurzeit kostenlose Sonntagsblätter. Vornehmlich aus dem badischen Raum. Und es wird nur noch wenige Tage dauern, bis auch sie Konkurrenz erhalten. Aber von einer kostenlosen Botenzustellung bei Nichterhalt dieser Blätter habe ich noch nichts gehört.

Chefsache
Der weltgrößte Fußballverband zeigte in den vergangenen Wochen und Monaten seine wahre Größe: Der Gigant DFB mit seinem Präsidenten Egidius Braun präsentierte sich als (fast) unfähig, unerwarteten Situationen mit klaren, sicheren Entscheidungen zu begegnen! Die Art, wie das neue DFB-Bundestrainer-Gespann Ribbeck/Stielike gefunden wurde, ist an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Nach der WM-Pleite in Frankreich sowie dem mißglückten Neuanfang gegen Malta und Rumänien folgte der nur logische Rücktritt von Bundestrainer Berti Vogts. Er scheiterte, weil die Herren Nationalspieler offensichtlich gegen ihn und den Verband spielten, und er war nicht mehr bereit, den Prügelknaben der Nation abzugeben. Er hat nun Zeit, über seine zahlreichen Fehler des letzten halben Jahres nachzudenken. Die Kritik der Medien richtete sich gegen seine Hilflosigkeit, eine klare Linie in die Nationalelf zu bringen, ihr spielerische Impulse zu vermitteln. Biedermann Vogts war mit dieser Aufgabenstellung überfordert. Das Amt des Bundestrainers in Deutschland scheint so unattraktiv wie Kühe hüten auf einer Almwiese. Nur so ist zu verstehen, daß DFB-Präsident Egidius Braun bei der Nachfolgersuche fast zwei Dutzend Absagen erhielt. Die Wunschkandidaten zogen es vor, lieber in ihrem Verein zu bleiben, als Bundestrainer des „bedeutendsten” Fußballverbandes zu werden. Das sollte den Herren in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise zu denken geben! DFB-Präsident Egidius Braun hatte die Trainersuche zur Chefsache erklärt und dabei einem großen Publikum seine Grenzen offenbart: Zum einen machte er offensichtlich zuerst Uli Stielike zum Cheftrainer, dann stellte er ihm doch noch Erich Ribbeck als Manager vor die Nase. Stunden vorher noch retteten ihn DFB-Vorstandmitglieder vor der größten Peinlichkeit. Er wollte mit Paul Breitner einen der größten Kritiker an der DFB-Politik zum Bundestrainer machen! Der Münchner –  altbekannter Revoluzzer in der deutschen Fußball-Szene – hatte unter anderem in einer Zeitung gefordert, die gesamte DFB-Spitze, einschließlich des Präsidenten, auszutauschen. Erste Fragen der Medien, ob Braun schon das Wort „Rücktritt” in den Mund nahm, wurden von der DFB-Pressestelle zurückgewiesen. Aber die Front der Gegner wächst von Tag zu Tag. Braun hat noch Zeit eine richtige Entscheidung zu seiner eigenen Position zu treffen. Erst am 24. Oktober steht beim DFB-Bundestag in Wiesbaden die Neuwahl des Präsidenten an.

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