Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 17.06.1998



Jagsthäuser Schicksalsschläge
Jagsthausen erlebte am vergangenen Mittwoch eine recht traurige Götz-Premiere. Die Darstellerin der Maria im Götz, Sophia Yiallouros, rutschte kurz nach der Eröffnung der Spielzeit durch die Erste Vorsitzende Alexandra Freifrau von Berlichingen und Bürgermeister  Roland Halter (in Personalunion auch Geschäftsführer der Burgfestspiele) gegen 20.55 Uhr bei einem Abgang von der Bühne aus und brach sich das Bein. Schock beim Publikum! Ärzte aus den Zuschauerreihen liefen zur Verletzten. Und wenige Minuten später wurde die Schauspielerin mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einer Bahre von der Freilichtbühne getragen. Regisseur Alois-Michael Heigl las dann die Rolle der Maria, was zunächst vor allem bei den Liebesszene beim Publikum zu einer gewissen Erheiterung beitrug. Aber die Premierenstimmung war dahin. Beim derben Götz-Spruch („Er kann mich im Arsche lecken) fehlte der obligate rauschende Applaus. Es scheint fast so, als ob besonders die Burgfestspiele in den letzten Jahren von Schicksalsschlägen heimgesucht werden. 1994 starb ganz überraschend Götz Freiherr von Berlichingen, der von 1978 an Erster Vorsitzender gewesen war. Im vergangenen Jahr starb einen Tag vor der letzten Götz-Vorstellung im Burghof der Götz-Darsteller Jürgen Watzke. Alexandra Freifrau von Berlichingen muß hart um die Zuschüsse des Landes für das Freilichttheater kämpfen. Es muß eisern in den Burgmauern gespart werden. Die Zuschauerströme fließen auch nicht mehr so üppig wie in den vergangenen Jahren. Es macht sich bemerkbar, daß die Leute weniger Geld in der Tasche haben. Wenn, dann entschließt der potentielle Besucher sich kurzfristig, einen Abend im Freilichttheater zu verbringen. Und das stellt die erfolgsverwöhnten Jagsthäuser in ihrer Planung vor große Herausforderungen. Im kommenden Jahr steht das 50jährige Jubiläum der Freilichtspiele an. Auch das wird zur großen Bewährungsprobe für das kleine Team um die Baronin. Beim traditionellen Pressegespräch kurz vor der Götz-Premiere wurde am Ende der seit 26 Jahren im Burghof tätige Pressesprecher Werner R. Jänicke verabschiedet. Das Jubiläumsjahr wirft seine Schatten voraus. Mit einem ehrenamtlich agierenden Mann allein kann PR-Arbeit heute nicht mehr geleistet werden. Andere Freilichttheater haben das schon längst begriffen. Werbe- und Pressearbeit wird in die Hände von Agenturen übergeben. Die können mit einem großen Mitarbeiterstab ganz anders agieren, die verschiedenen TV-Anstalten und Rundfunk-Häuser fachkundig betreuen, die Zeitungen und Zeitschriften professionell angehen – auch ein Jubiläum vorbereiten, das mit ehrenamtlicher Tätigkeit in heutiger Zeit nicht angemessen erarbeitet werden kann. Jetzt kann man den Jagsthäusern nur noch toi-toi-toi wünschen – und daß sie künftig von herben Schicksalschlägen verschont bleiben.

Freies Denken
Die Liberalen im Lande sind überall zu finden. Behaupten die beiden großen Volksparteien – und verweisen auf die Überläufer aus der Partei der Liberalen, die in der Union oder bei den Sozialdemokraten zu finden sind. Immer schon war den beiden Elefanten im bundesdeutschen Parteiensystem die FDP, das „Zünglein an der Waage“, ein Dorn im Auge. Sie wollten sie entweder aus den Parlamenten herauskatapultieren oder einfach überflüssig machen. Bisher ist ihnen das nicht gelungen. Unser Wahlsystem ist auf ausgleichende Gerechtigkeit aus, will breite Wählerschichten berücksichtigen. In Deutschland ist die Politik schon seit jeher mehr von der Philosophie beeinflußt, weniger vom pragmatischen Handeln – wie in den angelsächsischen Ländern. Dort geht es bei Wahlen in erster Linie darum, eine starke Regierung und eine starke Opposition zu installieren. Dafür nimmt man in diesen Ländern gern Ungerechtigkeiten in Kauf. Eine FDP in Großbritannien hätte selbst bei 20 Prozent Stimmen kaum Chancen, einen Sitz im Parlament zu ergattern. Jetzt in der Wahlkampfzeit in deutschen Landen beginnt wieder das Koalitionsgeschnatter. Die großen Parteien zittern. Dabei haben sie sich schon längst festgelegt. Die SPD will nach dem 27. September mit den Grünen ins Koalitionsbett steigen. Die CDU/CSU hat sich auf die FDP ausgerichtet. Bei den Grünen steht allein rot-grün  auf der Tagesordnung. Nur bei der FDP  will man partout keine Treuschwüre abgeben. Wozu auch?  Der Grundsatz heißt doch: Eine demokratische Partei muß für alle anderen demokratischen Parteien koalitionsfähig sein. Für halbwegs intelligente Menschen ist politisches Lagerdenken ein Relikt aus vergangener Zeit. Glaubenskriege sollten eigentlich der Vergangenheit angehören. Wäre eine Regierung mit der SPD an der Spitze ab 27. September am Ruder, würde ihr ein liberales Korrektiv sehr guttun. Ebenso einer unionsgeführten Regierung – ob der künftige Kanzler nun Schäuble oder Kohl heißt. Derzeit wird bei den Freien Demokraten noch laut überlegt: Westerwelle will  eine schwarz-gelbe Koalition mit Schäuble an der Spitze, Möllemann mit der SPD koalieren und der Parteivorsitzende Gerhard samt Außenminister Kinkel stehen treu an der Seite von Helmut Kohl. Aber es wird nicht nur mit Namen jongliert. Die FDP verkündet ihre Politik der Staatsferne, der Bürgernähe, der Eigenverantwortlichkeit und der notwendigen Strukturreformen unbeirrt, laut und heftig – trotz aller Journalistenschelte. Man will schließlich Politik machen und Deutschland voranbringen. Mit einem durch und durch liberalen Programm. Der Bürger kann dafür oder dagegen sein. Aber bei der FDP kann er sich derzeit wenigstens entscheiden. Bei den anderen Parteien ist mehr das Prinzip des Abtauchens vor konkreten Fragen angesagt. Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Nur der Granatendackel.

Bauen, bauen ...
Die Sommerzeit ist voll da. Nicht gerade vom Wetter her. Aber in der Kommunalpolitik. Was hatte man in Heilbronn nicht alles zum Jahresbeginn verkündet. Mit welch großartigen Pläne wurden herumgewedelt. Und jetzt? Der Berliner Platz soll überbaut werden. Zwei Planungen liegen vor. Der Heilbronner Gemeinderat soll demnächst entscheiden. Aber der Eindruck, den der schlichte Bürger Heilbronns von der Planung bisher hat, geht mehr in die Richtung, daß wenig geschieht – ja sogar dahin, daß die Pläne bisher reichlich unausgereift sind. Man stellt sich die Fragen: Ist denn das ganze finanzielle überhaupt machbar, gibt es genügend Interessenten für das Raumangebot? Im Nacken sitzt den Heilbronner Verantwortlichen die Pleite mit dem Bülow-Projekt. Weniger Einmischung durch die Kommune, mehr marktwirtschaftliches Handeln und Denken bei der Überbauung des Berliner Platzes – dann wäre das leidige Thema schon vor Jahren abgehakt worden. So liegt der Schotterplatz als städtebaulicher Schandfleck schon seit 1982 herum – und hat offenbar nur wenige im Rathaus bewogen, zur Tat zu schreiten. Das Thema Stadtbahn durch Heilbronn scheint auf eben diesem Wege zu sein. Viele Wohlmeinende klatschen immer noch entzückt in die Patschhändchen, wenn von der Heilbronner Stadtbahn die Rede ist. Aber ist die Streckenlegung durch die Innenstadt wirklich realistisch und auch finanzierbar? Müssen unsere Stadtoberen sich nicht eher danach ausrichten, was in kurzer Zeit bei verminderten Einnahmen machbar ist? Auf den alten Bahntrassen zu fahren, ist auf jeden Fall preiswerter als vor dem Rathaus und in der engen Kaiserstraße (Fußgängerzone!) Laufkunden zu jagen. Eine Straßenbahn ist diese neue Stadtbahn ja nun wahrlich nicht. Am 11.5.1998 war im Staatsanzeiger zu lesen, daß Hermann Schaufler, dem baden-württembergischen Umwelt- und Verkehrsminister, vom Bundesverkehrsministerium mitgeteilt wurde, daß man das Projekt „Stadtbahn Heilbronn“ vorläufig in das ÖPNV-Förderprogramm mit über hundert Millionen Mark zuwendungsfähigen Kosten aufgenommen habe. Schaufler damals: „Der Knoten ist geplatzt: Mit der vorläufigen Aufnahme in das Programm hat das Bundesverkehrsministerium grundsätzlich die Förderfähigkeit dieses Projektes anerkannt.“ – Jetzt haben wir das erste Halbjahr 1998 hinter uns.  Mal sehen, wie die Planung am Jahresende in Heilbronn vorangekommen ist. Wie sagte mir vor kurzem ein alter Heilbronner: In dieser Stadt ist nur sicher, daß etwas geschieht, wenn wirklich gebaut wird. 

Neuer Bahnskandal?
Einhundert Menschen sind bei der Zugkatastrophe in Eschede zu Tode gekommen. Von der 88 Schwerverletzten lagen am Montag dieser Woche noch 73 in Krankenhäusern. Die Räder bei 59 ICE-Zügen werden jetzt vollständig ausgewechselt. – Ein betrunkener Lokführer und Unfälle mit Nahverkehrszügen in den letzten Tagen haben der Bahn nicht gerade ein gutes Zeugnis ausgestellt. Die entstandene Unordnung bei den Fahrplänen der Deutschen Bahn zeugen nicht gerade von einer Qualität Made in Germany. Vergleiche mit den anderen Hochgeschwindigkeitszügen in Japan und Frankreich lassen den ICE reichlich alt aussehen. Die Welt schaut auf Deutschland – und muß feststellen, daß die Deutschen halt doch nicht der Klassenprimus sind. Auch wenn bei uns immer die Mentalität vorherrscht, die ersten und besten zu sein. Ob Gewerkschaften oder Arbeitgeber, alle propagieren ständig, daß man in deutschen Landen an der Weltspitze herumzuspazieren hat. Deutsche Ökologen schauen naserümpfend auf die Umweltvorkehrungen in anderen Ländern – und haben nur im Sinn, Deutschland zum Öko-Primus zu machen, an dem die Welt genesen soll. Deutsche Autobauer kaufen in Europa Firmen auf als befänden sie sich in einem Supermarkt. Fährt man durch England, Frankreich, Italien oder Spanien – deutsche Produkte und deutsche Firmen sind massiv vertreten. Ist es da verwunderlich, daß Nationalisten in osteuropäischen Ländern wie Tschechien, Ungarn oder Polen davon sprechen, daß die europäische Musik in Bonn oder später gar in Berlin gespielt wird. Da brechen alte Ressentiments auf. Genährt durch die Kasernenhof-Mentalität, die bei manchen deutschen Unternehmen oder gar Öko-Ideologen deutlich festzustellen ist. Man sollte in diesen Kreisen vielleicht öfter mal darüber nachdenken, daß die deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts den europäischen Ländern nicht nur Frieden gebracht hat. Und daß deutsche Untaten in vielen Ländern Europas noch nicht vergessen sind – siehe England, Dänemark, Holland, Polen, Tschechien, etc. – Schon Kurt Tucholsky glossierte diese Mentalität der Deutsche, in Europa immer der Klassenprimus sein zu wollen. Der wird wohl geachtet, aber selten gemocht. Wer ins Ausland fährt, der merkt, wenn er sensibel und aufmerksam mit den Menschen dort spricht, daß diese Haltung gegenüber uns Deutschen noch vorherrscht. Das Zugunglück in Eschede hat an diesem Nimbus erheblich gekratzt. Aber nicht nur das. Forschung in Amerika ist oft besser als deutsche Forschung. Produktentwicklung ebenfalls. Unter Nobelpreisträgern haben Deutsche Seltenheitswert. Aber Lebenslügen haben bekanntlich kurze Beine. Auch die vom hohen Wert des Made in Germany. 

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