Jagsthäuser
Schicksalsschläge
Jagsthausen erlebte am vergangenen
Mittwoch eine recht traurige Götz-Premiere. Die Darstellerin der Maria im Götz,
Sophia Yiallouros, rutschte kurz
nach der Eröffnung der Spielzeit durch die Erste Vorsitzende Alexandra Freifrau von Berlichingen und
Bürgermeister Roland Halter (in Personalunion auch Geschäftsführer der
Burgfestspiele) gegen 20.55 Uhr bei einem Abgang von der Bühne aus und brach
sich das Bein. Schock beim Publikum! Ärzte aus den Zuschauerreihen liefen zur
Verletzten. Und wenige Minuten später wurde die Schauspielerin mit
schmerzverzerrtem Gesicht auf einer Bahre von der Freilichtbühne getragen.
Regisseur Alois-Michael Heigl las
dann die Rolle der Maria, was zunächst vor allem bei den Liebesszene beim
Publikum zu einer gewissen Erheiterung beitrug. Aber die Premierenstimmung war
dahin. Beim derben Götz-Spruch („Er kann
mich im Arsche lecken) fehlte der obligate rauschende Applaus. Es scheint
fast so, als ob besonders die Burgfestspiele in den letzten Jahren von
Schicksalsschlägen heimgesucht werden. 1994 starb ganz überraschend Götz
Freiherr von Berlichingen, der von 1978 an Erster Vorsitzender gewesen war. Im
vergangenen Jahr starb einen Tag vor der letzten Götz-Vorstellung im Burghof
der Götz-Darsteller Jürgen Watzke. Alexandra Freifrau von Berlichingen muß hart
um die Zuschüsse des Landes für das Freilichttheater kämpfen. Es muß eisern in
den Burgmauern gespart werden. Die Zuschauerströme fließen auch nicht mehr so
üppig wie in den vergangenen Jahren. Es macht sich bemerkbar, daß die Leute
weniger Geld in der Tasche haben. Wenn, dann entschließt der potentielle
Besucher sich kurzfristig, einen Abend im Freilichttheater zu verbringen. Und
das stellt die erfolgsverwöhnten Jagsthäuser in ihrer Planung vor große
Herausforderungen. Im kommenden Jahr steht das 50jährige Jubiläum der
Freilichtspiele an. Auch das wird zur großen Bewährungsprobe für das kleine
Team um die Baronin. Beim traditionellen Pressegespräch kurz vor der
Götz-Premiere wurde am Ende der seit 26 Jahren im Burghof tätige Pressesprecher
Werner R. Jänicke verabschiedet. Das Jubiläumsjahr wirft seine Schatten voraus.
Mit einem ehrenamtlich agierenden Mann allein kann PR-Arbeit heute nicht mehr
geleistet werden. Andere Freilichttheater haben das schon längst begriffen.
Werbe- und Pressearbeit wird in die Hände von Agenturen übergeben. Die können
mit einem großen Mitarbeiterstab ganz anders agieren, die verschiedenen
TV-Anstalten und Rundfunk-Häuser fachkundig betreuen, die Zeitungen und
Zeitschriften professionell angehen – auch ein Jubiläum vorbereiten, das mit
ehrenamtlicher Tätigkeit in heutiger Zeit nicht angemessen erarbeitet werden
kann. Jetzt kann man den Jagsthäusern nur noch toi-toi-toi wünschen – und daß
sie künftig von herben Schicksalschlägen verschont bleiben.
Freies Denken
Die Liberalen im Lande sind überall
zu finden. Behaupten die beiden großen Volksparteien – und verweisen auf die
Überläufer aus der Partei der Liberalen, die in der Union oder bei den
Sozialdemokraten zu finden sind. Immer schon war den beiden Elefanten im
bundesdeutschen Parteiensystem die FDP, das „Zünglein an der Waage“, ein Dorn
im Auge. Sie wollten sie entweder aus den Parlamenten herauskatapultieren oder
einfach überflüssig machen. Bisher ist ihnen das nicht gelungen. Unser
Wahlsystem ist auf ausgleichende Gerechtigkeit aus, will breite Wählerschichten
berücksichtigen. In Deutschland ist die Politik schon seit jeher mehr von der
Philosophie beeinflußt, weniger vom pragmatischen Handeln – wie in den
angelsächsischen Ländern. Dort geht es bei Wahlen in erster Linie darum, eine
starke Regierung und eine starke Opposition zu installieren. Dafür nimmt man in
diesen Ländern gern Ungerechtigkeiten in Kauf. Eine FDP in Großbritannien hätte
selbst bei 20 Prozent Stimmen kaum Chancen, einen Sitz im Parlament zu
ergattern. Jetzt in der Wahlkampfzeit in deutschen Landen beginnt wieder das
Koalitionsgeschnatter. Die großen Parteien zittern. Dabei haben sie sich schon
längst festgelegt. Die SPD will nach dem 27. September mit den Grünen ins
Koalitionsbett steigen. Die CDU/CSU hat sich auf die FDP ausgerichtet. Bei den
Grünen steht allein rot-grün auf der
Tagesordnung. Nur bei der FDP will man
partout keine Treuschwüre abgeben. Wozu auch?
Der Grundsatz heißt doch: Eine demokratische Partei muß für alle anderen
demokratischen Parteien koalitionsfähig sein. Für halbwegs intelligente
Menschen ist politisches Lagerdenken ein Relikt aus vergangener Zeit.
Glaubenskriege sollten eigentlich der Vergangenheit angehören. Wäre eine
Regierung mit der SPD an der Spitze ab 27. September am Ruder, würde ihr ein
liberales Korrektiv sehr guttun. Ebenso einer unionsgeführten Regierung – ob der künftige Kanzler nun Schäuble oder
Kohl heißt. Derzeit wird bei den Freien Demokraten noch laut überlegt:
Westerwelle will eine schwarz-gelbe
Koalition mit Schäuble an der Spitze, Möllemann mit der SPD koalieren und der
Parteivorsitzende Gerhard samt Außenminister Kinkel stehen treu an der Seite von
Helmut Kohl. Aber es wird nicht nur mit Namen jongliert. Die FDP verkündet ihre
Politik der Staatsferne, der Bürgernähe, der Eigenverantwortlichkeit und der
notwendigen Strukturreformen unbeirrt, laut und heftig – trotz aller
Journalistenschelte. Man will schließlich Politik machen und Deutschland
voranbringen. Mit einem durch und durch liberalen Programm. Der Bürger kann
dafür oder dagegen sein. Aber bei der FDP kann er sich derzeit wenigstens
entscheiden. Bei den anderen Parteien ist mehr das Prinzip des Abtauchens vor
konkreten Fragen angesagt. Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die
niemand kann. Nur der Granatendackel.
Bauen, bauen ...
Die Sommerzeit ist voll da. Nicht
gerade vom Wetter her. Aber in der Kommunalpolitik. Was hatte man in Heilbronn
nicht alles zum Jahresbeginn verkündet. Mit welch großartigen Pläne wurden
herumgewedelt. Und jetzt? Der Berliner Platz soll überbaut werden. Zwei
Planungen liegen vor. Der Heilbronner Gemeinderat soll demnächst entscheiden.
Aber der Eindruck, den der schlichte Bürger Heilbronns von der Planung bisher
hat, geht mehr in die Richtung, daß wenig geschieht – ja sogar dahin, daß die
Pläne bisher reichlich unausgereift sind. Man stellt sich die Fragen: Ist denn
das ganze finanzielle überhaupt machbar, gibt es genügend Interessenten für das
Raumangebot? Im Nacken sitzt den Heilbronner Verantwortlichen die Pleite mit
dem Bülow-Projekt. Weniger Einmischung durch die Kommune, mehr
marktwirtschaftliches Handeln und Denken bei der Überbauung des Berliner
Platzes – dann wäre das leidige Thema schon vor Jahren abgehakt worden. So
liegt der Schotterplatz als städtebaulicher Schandfleck schon seit 1982 herum –
und hat offenbar nur wenige im Rathaus bewogen, zur Tat zu schreiten. Das Thema Stadtbahn durch Heilbronn scheint
auf eben diesem Wege zu sein. Viele Wohlmeinende klatschen immer noch
entzückt in die Patschhändchen, wenn von der Heilbronner Stadtbahn die Rede
ist. Aber ist die Streckenlegung durch die Innenstadt wirklich realistisch und
auch finanzierbar? Müssen unsere Stadtoberen sich nicht eher danach ausrichten,
was in kurzer Zeit bei verminderten Einnahmen machbar ist? Auf den alten
Bahntrassen zu fahren, ist auf jeden Fall preiswerter als vor dem Rathaus und
in der engen Kaiserstraße (Fußgängerzone!) Laufkunden zu jagen. Eine
Straßenbahn ist diese neue Stadtbahn ja nun wahrlich nicht. Am 11.5.1998 war im
Staatsanzeiger zu lesen, daß Hermann Schaufler, dem baden-württembergischen
Umwelt- und Verkehrsminister, vom Bundesverkehrsministerium mitgeteilt wurde,
daß man das Projekt „Stadtbahn Heilbronn“ vorläufig in das ÖPNV-Förderprogramm
mit über hundert Millionen Mark zuwendungsfähigen Kosten aufgenommen habe.
Schaufler damals: „Der Knoten ist geplatzt: Mit der vorläufigen Aufnahme in das
Programm hat das Bundesverkehrsministerium grundsätzlich die Förderfähigkeit
dieses Projektes anerkannt.“ – Jetzt haben wir das erste Halbjahr 1998 hinter
uns. Mal sehen, wie die Planung am
Jahresende in Heilbronn vorangekommen ist. Wie sagte mir vor kurzem ein alter
Heilbronner: In dieser Stadt ist nur sicher, daß etwas geschieht, wenn wirklich
gebaut wird.
Neuer Bahnskandal?
Einhundert Menschen sind bei der
Zugkatastrophe in Eschede zu Tode gekommen. Von der 88 Schwerverletzten lagen
am Montag dieser Woche noch 73 in Krankenhäusern. Die Räder bei 59 ICE-Zügen
werden jetzt vollständig ausgewechselt. – Ein betrunkener Lokführer und Unfälle
mit Nahverkehrszügen in den letzten Tagen haben der Bahn nicht gerade ein gutes
Zeugnis ausgestellt. Die entstandene Unordnung bei den Fahrplänen der Deutschen
Bahn zeugen nicht gerade von einer Qualität Made in Germany. Vergleiche mit den
anderen Hochgeschwindigkeitszügen in Japan und Frankreich lassen den ICE
reichlich alt aussehen. Die Welt schaut auf Deutschland – und muß feststellen,
daß die Deutschen halt doch nicht der Klassenprimus sind. Auch wenn bei uns
immer die Mentalität vorherrscht, die ersten und besten zu sein. Ob
Gewerkschaften oder Arbeitgeber, alle propagieren ständig, daß man in deutschen
Landen an der Weltspitze herumzuspazieren hat. Deutsche Ökologen schauen naserümpfend
auf die Umweltvorkehrungen in anderen Ländern – und haben nur im Sinn,
Deutschland zum Öko-Primus zu machen, an dem die Welt genesen soll. Deutsche
Autobauer kaufen in Europa Firmen auf als befänden sie sich in einem
Supermarkt. Fährt man durch England, Frankreich, Italien oder Spanien –
deutsche Produkte und deutsche Firmen sind massiv vertreten. Ist es da
verwunderlich, daß Nationalisten in osteuropäischen Ländern wie Tschechien,
Ungarn oder Polen davon sprechen, daß die europäische Musik in Bonn oder später
gar in Berlin gespielt wird. Da brechen
alte Ressentiments auf. Genährt durch die Kasernenhof-Mentalität, die bei
manchen deutschen Unternehmen oder gar Öko-Ideologen deutlich festzustellen
ist. Man sollte in diesen Kreisen vielleicht öfter mal darüber nachdenken, daß
die deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts den europäischen Ländern
nicht nur Frieden gebracht hat. Und daß deutsche Untaten in vielen Ländern
Europas noch nicht vergessen sind – siehe England, Dänemark, Holland, Polen, Tschechien,
etc. – Schon Kurt Tucholsky glossierte diese Mentalität der Deutsche, in Europa
immer der Klassenprimus sein zu wollen. Der wird wohl geachtet, aber selten
gemocht. Wer ins Ausland fährt, der merkt, wenn er sensibel und aufmerksam mit
den Menschen dort spricht, daß diese Haltung gegenüber uns Deutschen noch
vorherrscht. Das Zugunglück in Eschede hat an diesem Nimbus erheblich gekratzt.
Aber nicht nur das. Forschung in Amerika ist oft besser als deutsche Forschung.
Produktentwicklung ebenfalls. Unter Nobelpreisträgern haben Deutsche
Seltenheitswert. Aber Lebenslügen haben bekanntlich kurze Beine. Auch die vom
hohen Wert des Made in Germany.
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