Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 07.10.1998



Jagsthäuser Götz-Heirat
In Johann Wolfgang von Goethes Ritterschauspiel Götz von Berlichingen wird zu Beginn eigentlich kräftig eine Bauernhochzeit gefeiert. In Jagsthausen, im Burghof derer zu Berlichingen, wo alljährlich zur Sommerszeit dieses Kraftstück deutscher Sturm- und Drangliteratur zur Aufführung gelangt (und sonst auf kaum einer Bühne in Deutschland oder auf diesem Erdball), findet diese Bauernhochzeit ganz selten statt. Dafür gab es quasi als Entschädigung am vergangenen Samstag eine Götz-Hochzeit im Hause Berlichingen. Der Sohn der Chefin der Jagsthäuser Freilichtspiele Alexandra Freifrau von Berlichingen heiratete. Allerdings nicht eine von Adel, wie man im Dorf schon seit längerer Zeit wußte. Götz Freiherr von Berlichingen (31) erwartete eine schlichte Bürgerliche namens Birgit Meyer (30) am Traualtar, wohin sie ihr Vater Helmut Meyer führte. Seine Schwester Diana hatte 1992 Maximilian Prinz zu Fürstenberg geheiratet. Deren Kinder streuten Blumen und trugen die Schleppe. Ort der Trauung war bei beiden Hochzeiten die Klosterkirche in Schönthal. Zwei Geistliche gaben ihren Segen. Der katholische Pater Notker Hiegel, der Familienpfarrer der Fürstenbergs und der frühere Jagsthäuser Pfarrer Karl-Dietrich Opitz. Erinnert wurde bei der Hochzeit auch an den Vater des Bräutigams, Götz Freiherr von Berlichingen, „ein Streiter für Burg und Festspiele“ (Erster Vorsitzender der Burgfestspiele vom 1. Januar 1978 bis 23. September 1994), der vor vier Jahren verstorben war. 400 Gäste aus Adel und bürgerlichen Kreisen erwarteten das Brautpaar nach der Trauung im Rittersaal der Burg von Jagsthausen. Elf Jahre kennen sich die beiden Hochzeiter Birgit und Götz schon, ehe sie den Weg zum Traualtar am Samstag, den 3. Oktober 1998 fanden. Irgendwann wird der junge Götz als Vorsitzender der Burgfestspiele auftreten, als Nachfolger seiner Mutter in diesem Amte. Und dann wird an seiner Seite die attraktive Birgit Freifrau von Berlichingen stehen. Fünfzig Jahre Burgfestspiele werden 1999 in Jagsthausen gefeiert. Keine Zeit im Verhältnis zur Geschichte der Familie der Berlichingens. Aber schon eine Tradition für die Theaterlandschaft in Deutschland. Und ein fester Wirtschaftsfaktor im Touristik-Leben unserer Region. Den gilt es zu pflegen und bewahren.

Sehr wichtige …
Die wichtigen Personen in einer Stadt, wer sind sie – oder wer gehört nur am Rande dazu? Ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Es schwirren viele Namen durch die Gegend. Demnächst zum Beispiel wieder, wenn rund 250 Personen aus Heilbronn auf den Kandidatenlisten der Gemeinderatswahlen stehen werden. Sind das die Vips unserer Stadt. 40 werden garantiert durchs Ziel kommen. Und für die anderen: Dabei sein ist alles? Das ist auch in fast allen Gemeinden des Landkreises Heilbronn ebenso. Wer sich eine Karriere als very important person (sehr wichtige Person) aufbauen möchte, der muß sehr agil sein. Ein Tip: Er/Sie sollte zunächst einmal in einen Verein gehen. Oder in eine Partei. Und dann Schritt für Schritt sich vorarbeiten. Vielleicht schafft er oder sie es dann. Garantie wird keine gegeben. Die meisten Mitmenschen, das scheint wie ein Naturgesetz, gehen bei einem solchen Unterfangen – wie bei den Gemeinderatswahlen – leer aus, sind nur Füller auf den Listen. Aber es gibt sie wirklich die Vips. Man trifft sich, man sieht sich, man kennt sich. Aber auch hier ist es wie im wirklichen Leben. Man gehört nicht auf Ewig dazu. Politiker zum Beispiel, die auf einmal nicht mehr wiedergewählt wurden, keinen Rückhalt mehr in ihrer Partei haben, sind auf einmal nur noch auf ihre engsten Freunde beschränkt. Und wenn es da keine gibt, dann haben sie nicht nur ein Problem. Manager, die von heute auf morgen aus den Vorstandsetagen verschwinden, befinden sich im gesellschaftlichen Aus. Aber auch Menschen, die pensioniert werden, merken sehr schnell, wie mit dem Verlust ihres Amtes auch ihre öffentliche Bedeutung schwindet. Haben all diese Menschen sich nicht eine Gegenwelt zu ihrer Machtwelt in der Gesellschaft aufgebaut, ein privates Leben, das ebenso wichtig ist, wie das öffentliche, stolpern oft zum Schrecken ihrer Familie von einem Psycho-Loch ins nächste. Der Regierungswechsel in Bonn ist zur Zeit beredtes Beispiel. Nicht so sehr von den Personen in der ersten Reihe. Es gibt ja auch die gewichtigen Strippenzieher, Hintermänner, Pressesprecher, etc., die zuvor von den Lobbyisten gehätschelt und getätschelt wurden. Jetzt sind sie out. Und bei uns? 52 Bürgermeister haben wir im Landkreis Heilbronn. Und Oberbürgermeister! Und Räte! Und Direktoren! Bei Empfängen in Nachbarlandkreisen fallen sie nicht als Vips auf, auch nicht in der Landeshauptstadt. Wie auch? Und im Urlaub rund ums Mittelmeer sind sie auch nur Touris wie wir alle. Übrigens: Wer auf solche Dinge, wie wichtig erscheinen und sich wichtig machen, keinen Wert legt, allein durch sich selbst wirkt, ist wichtiger als andere – und bleibt es meistens auch. Oder auch nicht. Aber auch das ist nicht weiter tragisch.

Friese und die SPD
Zunächst zitterte er beträchtlich, nachdem das Direktmandat im Wahlkreis Heilbronn an die Thomas Strobl von der CDU gefallen war. Aber wer sich die Gewinne der SPD in Baden-Württemberg an jenem Abend des 27. September vor Augen führte, der wußte, auch Harald Friese wird in den 14. Deutschen Bundestag über die SPD-Landesliste als Abgeordneter einziehen. Am frühen Morgen des 28. September hatte auch der Heilbronner Kulturbürgermeister Harald Friese endlich die langersehnte Bestätigung, daß es mit Bonn geklappt hatte. Die Sozialdemokraten im Unterland jedoch kauen immer noch an ihrem Wahlergebnis. Bei den alles entscheidenden Zweitstimmen hatten sie im Wahlkreis Heilbronn die Nase vorn: 37,5 Prozent. Rund 1,4 Prozent mehr als die Christdemokraten. Aber bei den Erststimmen waren es genau 3,1 Prozent weniger. Hier hatte sich der Trend für die Sozialdemokraten umgekehrt. Die Grünen im Unterland hatten ja explizit dazu aufgerufen, mit der Erststimme den SPD-Kandidaten Friese zu wählen, und die Zweitstimme den Grünen zu geben. Aber Paul Gräsle hatte 4,5 Prozent der Erststimmen erhalten, und 7,1 Prozent konnten die Grünen bei den Zweitstimmen einsammeln. Hätten die Grünen-Wähler wie die FDP-Wähler abgestimmt, oder gar wie von ihrer Partei gewünscht, dann hätte Friese lässig das Direktmandat holen können. Woran lag es nun? Harald Friese ist auf jeden fall stolz darauf, sein Ergebnis bei den Erststimmen gegenüber dem 1994-Ergebnis des damaligen SPD-Kandidaten Peter Alltschekow erheblich verbessert zu haben. Manche bei den Sozialdemokraten fragen sich nun, ob sie es mit einer Frau zum Beispiel als Wahlkreiskandidatin geschafft hätten, der CDU das Direktmandat abzunehmen. Die Frage ist müßig. Die SPD hatte sich für Harald Friese entschieden. Und der konnte sich im Stadtkreis Heilbronn, darauf ist er besonders stolz, gegenüber dem CDU-Kandidaten durchsetzen. Das getrübte SPD-Wahlergebnis in Heilbronn hat auf jeden Fall die Fronten geklärt. Frieses Kulturbürgermeister-Posten ist für Harry Mergel, den SPD-Fraktionsvorsitzenden frei. Sibylle Mösse-Hagen wird SPD-Fraktionsvorsitzende im Heilbronner Gemeinderat. Die Spöri-Ära in Heilbronn ist zu den Akten gelegt. Und wenn man jetzt noch den OB-Stuhl mit einem Genossen besetzt, dann hat die neue Führungsriege erreicht, was sie sich vorgenommen hatte. Im Moment sind die Karten für die SPD auch im Unterland gut gemischt. Die CDU leckt ihre Wunden und muß sich erst wieder zu alter Kampfesstärke formieren.

Wirtschaft und Rotgrün
Rotgrün regiert in Deutschland. Viele hatten bei einem solchen Sieg erwartet, daß die Börsenkurse ins Bodenlose fallen, die Wirtschaftsbosse und-verbände strutsauer reagieren. Nichts davon. Alles blieb ruhig. Sehr schnell ging man in deutschen Landen zur Tagesordnung über. Beim Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer Heilbronn zeigte sich der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages Hans Peter Stihl sehr moderat. Bei den Grünen stellte er „Wirtschaftsfeindlichkeit“ fest. Aber mit bestimmten SPD-Politikern, die in der neuen Regierung Verantwortung übernehmen werden, könne man durchaus vernünftig reden. Auch der Heilbronner IHK-Präsident Günter Steffen schoß keine Pfeile in Richtung Bonner Wechsel ab. Und auch bei den Arbeitgebern in der Region Franken hält man sich sehr bedeckt. Geschäftsführer Wolfgang Staehle meinte, daß der Wahlkampf im Unterland von allen Kandidaten fair geführt worden sei: „Überrascht haben mich die deutlichen Stimmen- und Mandatsverluste der CDU und die Tatsache, daß neben den Grünen und der FDP auch die PDS so stark im Bundestag vertreten ist.“ Und was erwartet der Arbeitgeber-Geschäftsführer von der Zukunft? „Gespannt, aber auch ein wenig besorgt bin ich, ob und wie die sich abzeichnende rot-grüne Koalition die großen politischen Probleme wie Steuer- und Sozialversicherungsreform, Lösung der Arbeitsmarktproblematik, Erhaltung und Ausbau der Stellung der Bundesrepublik auf europäischer und internationaler Ebene durch einen entsprechende Außenpolitik, Verringerung des Bürokratismus und der Überreglementierung, vor allem jedoch die weitere Verbesserung der Standortbedingungen für unsere Wirtschaft bewältigen wird.“ Aber Wolfgang Staehle hat schon einige Regierungswechsel miterlebt und steckt den Kopf nicht in den Sand: „Trotz aller Skepsis hoffe und wünsche ich in unserer aller Interesse, daß die neue Regierungsmannschaft zusammen mit Bundestag und Bundesrat eine Politik betreibt und umsetzt, in deren Mittelpunkt eine umweltverpflichtete soziale Marktwirtschaft gedeihen kann.“ – Arbeitgeber und Gewerkschaften müssen weiterhin ihre Arbeit tun, ohne sich parteipolitisch vor einen Karren spannen zu lassen. Und die Regierung in Bonn sollte sich aus Tarifkämpfen und -vereinbarungen tunlichst heraushalten. Aber das ist ein frommer Wunsch. Bei der nächsten Runde im Öffentlichen Dienst werden wir sehen, wie standhaft man in Bonn ist – oder ob man nur wieder die eigenen Säckel füllt.

CDU im Sturm
Die CDU in Deutschland gleicht derzeit einem feuerspeienden Vulkan. Ein Rücktritt jagt den anderen. Der einst mächtige Kanzler und Parteivorsitzende Helmut Kohl ist nur noch eine Randfigur. Seine Kartenhaus der Macht ist zusammengebrochen. Jetzt werden die Grausamkeiten vollbracht, die notwendig sind, um die Reihen neu zu formieren. Im Unterland hatte der Wechsel schon vor längerer Zeit in der CDU begonnen. Nach der ersten Abwahl von Ulrich Stechele als Landtagsabgeordneter und seiner zweiten Niederlage gegen Dieter Spöri hatte die CDU Johanna Lichy aufs Schild gehoben und prompt den Wahlkreis Heilbronn zurückerobert. Egon Susset, der seit 1969 im Bundestag sitzende Abgeordnete aus Wimmental, zog sich rechtzeitig als Kreisvorsitzender seiner Partei zurück, um Thomas Strobl, dem 38jährigen Stadtrat und Rechtsanwalt aus Heilbronn, Platz zu machen. Susset hätte ja auch der Versuchung wie sein gleichaltriger Kollege Helmut Kohl erliegen können, um es noch einmal vom Wähler genau wissen zu wollen. Der bodenständige Landwirt aber wußte genau, wann es Zeit ist zu gehen. Thomas Strobl erreichte als Newcomer auf der bundespolitischen Bühne mit seinem Wahlergebnis bei den Erststimmen einen großen persönlichen Erfolg: 43,7 Prozent. Das Zweitstimmenergebnis für die CDU im Wahlkreis Heilbronn lag bei nur 36,1 Prozent. Ausschlaggebend war wohl, daß die Freien Demokraten – ohne es groß zu plakatieren – für Strobl votiert hatten. Denn der FDP-Kandidat erreichte bei den Erststimmen lediglich 3,0 Prozent, die FDP bei den Zweitstimmen stolze 8,8 Prozent. Das nennt man intelligent wählen. Seit jeher ist bekannt, daß die liberalen Wähler sehr bewußt ihre Stimmen verteilen. Wahlforscher behaupten sogar, daß die Wahlzettel liberaler Wähler die wenigsten Fehler aufweisen. Thomas Strobl ist in der CDU des Unterlandes ab jetzt die unumstrittene Nummer eins. Er führte nicht nur einen unkonventionellen Wahlkampf, er sprach auch Wähler weit über die Union hinaus an – vor allem bei den jungen Leuten. Und gleichzeitig will er bodenständig bleiben, seinen Stadtratssitz beibehalten und auch CDU-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat bleiben. Wie lange? Das wird die Arbeitsbelastung in der stark verkleinerten Bonner CDU/CSU-Fraktion zeigen.

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