Jagsthäuser
Götz-Heirat
In
Johann Wolfgang von Goethes Ritterschauspiel Götz von Berlichingen wird zu Beginn eigentlich kräftig eine
Bauernhochzeit gefeiert. In Jagsthausen, im Burghof derer zu Berlichingen, wo
alljährlich zur Sommerszeit dieses Kraftstück deutscher Sturm- und Drangliteratur
zur Aufführung gelangt (und sonst auf kaum einer Bühne in Deutschland oder auf
diesem Erdball), findet diese Bauernhochzeit ganz selten statt. Dafür gab es
quasi als Entschädigung am vergangenen Samstag eine Götz-Hochzeit im Hause
Berlichingen. Der Sohn der Chefin der Jagsthäuser Freilichtspiele Alexandra Freifrau von Berlichingen
heiratete. Allerdings nicht eine von Adel, wie man im Dorf schon seit längerer
Zeit wußte. Götz Freiherr von
Berlichingen (31) erwartete eine schlichte Bürgerliche namens Birgit Meyer (30) am Traualtar, wohin
sie ihr Vater Helmut Meyer führte. Seine Schwester Diana hatte 1992 Maximilian
Prinz zu Fürstenberg geheiratet. Deren Kinder streuten Blumen und trugen
die Schleppe. Ort der Trauung war bei beiden Hochzeiten die Klosterkirche in
Schönthal. Zwei Geistliche gaben ihren Segen. Der katholische Pater Notker Hiegel, der
Familienpfarrer der Fürstenbergs und der frühere Jagsthäuser Pfarrer Karl-Dietrich Opitz. Erinnert wurde bei
der Hochzeit auch an den Vater des Bräutigams, Götz Freiherr von Berlichingen,
„ein Streiter für Burg und Festspiele“ (Erster Vorsitzender der Burgfestspiele
vom 1. Januar 1978 bis 23. September 1994), der vor vier Jahren verstorben war.
400 Gäste aus Adel und bürgerlichen Kreisen erwarteten das Brautpaar nach der
Trauung im Rittersaal der Burg von Jagsthausen. Elf Jahre kennen sich die
beiden Hochzeiter Birgit und Götz schon, ehe sie den Weg zum Traualtar am
Samstag, den 3. Oktober 1998 fanden. Irgendwann wird der junge Götz als
Vorsitzender der Burgfestspiele auftreten, als Nachfolger seiner Mutter in
diesem Amte. Und dann wird an seiner Seite die attraktive Birgit Freifrau von
Berlichingen stehen. Fünfzig Jahre Burgfestspiele werden 1999 in Jagsthausen
gefeiert. Keine Zeit im Verhältnis zur Geschichte der Familie der
Berlichingens. Aber schon eine Tradition für die Theaterlandschaft in
Deutschland. Und ein fester Wirtschaftsfaktor im Touristik-Leben unserer
Region. Den gilt es zu pflegen und bewahren.
Sehr
wichtige …
Die
wichtigen Personen in einer Stadt, wer sind sie – oder wer gehört nur am Rande
dazu? Ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Es schwirren viele Namen durch die
Gegend. Demnächst zum Beispiel wieder, wenn rund 250 Personen aus Heilbronn auf
den Kandidatenlisten der Gemeinderatswahlen stehen werden. Sind das die Vips
unserer Stadt. 40 werden garantiert durchs Ziel kommen. Und für die anderen: Dabei sein ist alles? Das ist auch in
fast allen Gemeinden des Landkreises Heilbronn ebenso. Wer sich eine Karriere
als very important person (sehr wichtige Person) aufbauen möchte, der muß sehr
agil sein. Ein Tip: Er/Sie sollte zunächst einmal in einen Verein gehen. Oder
in eine Partei. Und dann Schritt für Schritt sich vorarbeiten. Vielleicht
schafft er oder sie es dann. Garantie wird keine gegeben. Die meisten
Mitmenschen, das scheint wie ein Naturgesetz, gehen bei einem solchen
Unterfangen – wie bei den Gemeinderatswahlen – leer aus, sind nur Füller auf
den Listen. Aber es gibt sie wirklich die Vips. Man trifft sich, man sieht
sich, man kennt sich. Aber auch hier ist es wie im wirklichen Leben. Man gehört
nicht auf Ewig dazu. Politiker zum Beispiel, die auf einmal nicht mehr
wiedergewählt wurden, keinen Rückhalt mehr in ihrer Partei haben, sind auf
einmal nur noch auf ihre engsten Freunde beschränkt. Und wenn es da keine gibt, dann haben sie nicht nur ein Problem.
Manager, die von heute auf morgen aus den Vorstandsetagen verschwinden,
befinden sich im gesellschaftlichen Aus. Aber auch Menschen, die pensioniert
werden, merken sehr schnell, wie mit dem Verlust ihres Amtes auch ihre
öffentliche Bedeutung schwindet. Haben all diese Menschen sich nicht eine
Gegenwelt zu ihrer Machtwelt in der Gesellschaft aufgebaut, ein privates Leben,
das ebenso wichtig ist, wie das öffentliche, stolpern oft zum Schrecken ihrer
Familie von einem Psycho-Loch ins nächste. Der Regierungswechsel in Bonn ist
zur Zeit beredtes Beispiel. Nicht so sehr von den Personen in der ersten Reihe.
Es gibt ja auch die gewichtigen Strippenzieher, Hintermänner, Pressesprecher,
etc., die zuvor von den Lobbyisten gehätschelt und getätschelt wurden. Jetzt
sind sie out. Und bei uns? 52 Bürgermeister haben wir im Landkreis Heilbronn.
Und Oberbürgermeister! Und Räte! Und Direktoren! Bei Empfängen in
Nachbarlandkreisen fallen sie nicht als Vips auf, auch nicht in der
Landeshauptstadt. Wie auch? Und im Urlaub rund ums Mittelmeer sind sie auch nur
Touris wie wir alle. Übrigens: Wer auf solche Dinge, wie wichtig erscheinen und
sich wichtig machen, keinen Wert legt, allein durch sich selbst wirkt, ist wichtiger
als andere – und bleibt es meistens auch. Oder auch nicht. Aber auch das ist
nicht weiter tragisch.
Friese
und die SPD
Zunächst
zitterte er beträchtlich, nachdem das Direktmandat im Wahlkreis Heilbronn an
die Thomas Strobl von der CDU
gefallen war. Aber wer sich die Gewinne der SPD in Baden-Württemberg an jenem
Abend des 27. September vor Augen führte, der wußte, auch Harald Friese wird in den 14. Deutschen Bundestag über die
SPD-Landesliste als Abgeordneter einziehen. Am frühen Morgen des 28. September
hatte auch der Heilbronner Kulturbürgermeister Harald Friese endlich die
langersehnte Bestätigung, daß es mit Bonn geklappt hatte. Die Sozialdemokraten
im Unterland jedoch kauen immer noch an ihrem Wahlergebnis. Bei den alles
entscheidenden Zweitstimmen hatten sie im Wahlkreis Heilbronn die Nase vorn:
37,5 Prozent. Rund 1,4 Prozent mehr als die Christdemokraten. Aber bei den
Erststimmen waren es genau 3,1 Prozent weniger. Hier hatte sich der Trend für
die Sozialdemokraten umgekehrt. Die Grünen im Unterland hatten ja explizit dazu
aufgerufen, mit der Erststimme den SPD-Kandidaten Friese zu wählen, und die
Zweitstimme den Grünen zu geben. Aber Paul
Gräsle hatte 4,5 Prozent der Erststimmen erhalten, und 7,1 Prozent konnten
die Grünen bei den Zweitstimmen einsammeln. Hätten die Grünen-Wähler wie die
FDP-Wähler abgestimmt, oder gar wie von ihrer Partei gewünscht, dann hätte
Friese lässig das Direktmandat holen können. Woran lag es nun? Harald Friese
ist auf jeden fall stolz darauf, sein Ergebnis bei den Erststimmen gegenüber
dem 1994-Ergebnis des damaligen SPD-Kandidaten Peter Alltschekow erheblich verbessert zu haben. Manche bei den
Sozialdemokraten fragen sich nun, ob sie es mit einer Frau zum Beispiel als
Wahlkreiskandidatin geschafft hätten, der CDU das Direktmandat abzunehmen. Die
Frage ist müßig. Die SPD hatte sich für Harald Friese entschieden. Und der
konnte sich im Stadtkreis Heilbronn, darauf ist er besonders stolz, gegenüber
dem CDU-Kandidaten durchsetzen. Das getrübte SPD-Wahlergebnis in Heilbronn hat
auf jeden Fall die Fronten geklärt. Frieses Kulturbürgermeister-Posten ist für
Harry Mergel, den SPD-Fraktionsvorsitzenden frei. Sibylle Mösse-Hagen wird SPD-Fraktionsvorsitzende im Heilbronner
Gemeinderat. Die Spöri-Ära in Heilbronn ist zu den Akten gelegt. Und wenn man
jetzt noch den OB-Stuhl mit einem Genossen besetzt, dann hat die neue
Führungsriege erreicht, was sie sich vorgenommen hatte. Im Moment sind die
Karten für die SPD auch im Unterland gut gemischt. Die CDU leckt ihre Wunden
und muß sich erst wieder zu alter Kampfesstärke formieren.
Wirtschaft
und Rotgrün
Rotgrün
regiert in Deutschland. Viele hatten bei einem solchen Sieg erwartet, daß die
Börsenkurse ins Bodenlose fallen, die Wirtschaftsbosse und-verbände strutsauer
reagieren. Nichts davon. Alles blieb ruhig. Sehr schnell ging man in deutschen
Landen zur Tagesordnung über. Beim Jahresempfang der Industrie- und
Handelskammer Heilbronn zeigte sich der Präsident des Deutschen Industrie- und
Handelstages Hans Peter Stihl sehr
moderat. Bei den Grünen stellte er
„Wirtschaftsfeindlichkeit“ fest. Aber mit bestimmten SPD-Politikern, die in
der neuen Regierung Verantwortung übernehmen werden, könne man durchaus
vernünftig reden. Auch der Heilbronner IHK-Präsident Günter Steffen schoß keine Pfeile in Richtung Bonner Wechsel ab.
Und auch bei den Arbeitgebern in der Region Franken hält man sich sehr bedeckt.
Geschäftsführer Wolfgang Staehle
meinte, daß der Wahlkampf im Unterland von allen Kandidaten fair geführt worden
sei: „Überrascht haben mich die deutlichen Stimmen- und Mandatsverluste der CDU
und die Tatsache, daß neben den Grünen und der FDP auch die PDS so stark im
Bundestag vertreten ist.“ Und was erwartet der Arbeitgeber-Geschäftsführer von
der Zukunft? „Gespannt, aber auch ein wenig besorgt bin ich, ob und wie die
sich abzeichnende rot-grüne Koalition die großen politischen Probleme wie
Steuer- und Sozialversicherungsreform, Lösung der Arbeitsmarktproblematik,
Erhaltung und Ausbau der Stellung der Bundesrepublik auf europäischer und
internationaler Ebene durch einen entsprechende Außenpolitik, Verringerung des
Bürokratismus und der Überreglementierung, vor allem jedoch die weitere
Verbesserung der Standortbedingungen für unsere Wirtschaft bewältigen wird.“
Aber Wolfgang Staehle hat schon einige Regierungswechsel miterlebt und steckt
den Kopf nicht in den Sand: „Trotz aller Skepsis hoffe und wünsche ich in
unserer aller Interesse, daß die neue Regierungsmannschaft zusammen mit
Bundestag und Bundesrat eine Politik betreibt und umsetzt, in deren Mittelpunkt
eine umweltverpflichtete soziale Marktwirtschaft gedeihen kann.“ – Arbeitgeber
und Gewerkschaften müssen weiterhin ihre Arbeit tun, ohne sich parteipolitisch
vor einen Karren spannen zu lassen. Und die Regierung in Bonn sollte sich aus
Tarifkämpfen und -vereinbarungen tunlichst heraushalten. Aber das ist ein
frommer Wunsch. Bei der nächsten Runde im Öffentlichen Dienst werden wir sehen,
wie standhaft man in Bonn ist – oder ob man nur wieder die eigenen Säckel
füllt.
CDU
im Sturm
Die
CDU in Deutschland gleicht derzeit einem feuerspeienden Vulkan. Ein Rücktritt
jagt den anderen. Der einst mächtige Kanzler und Parteivorsitzende Helmut Kohl ist nur noch eine
Randfigur. Seine Kartenhaus der Macht ist zusammengebrochen. Jetzt werden die
Grausamkeiten vollbracht, die notwendig sind, um die Reihen neu zu formieren.
Im Unterland hatte der Wechsel schon vor längerer Zeit in der CDU begonnen.
Nach der ersten Abwahl von Ulrich
Stechele als Landtagsabgeordneter und seiner zweiten Niederlage gegen Dieter Spöri hatte die CDU Johanna Lichy aufs Schild gehoben und
prompt den Wahlkreis Heilbronn zurückerobert. Egon Susset, der seit 1969 im Bundestag sitzende Abgeordnete aus
Wimmental, zog sich rechtzeitig als Kreisvorsitzender seiner Partei zurück, um Thomas Strobl, dem 38jährigen Stadtrat
und Rechtsanwalt aus Heilbronn, Platz zu machen. Susset hätte ja auch der
Versuchung wie sein gleichaltriger Kollege Helmut Kohl erliegen können, um es
noch einmal vom Wähler genau wissen zu wollen. Der bodenständige Landwirt aber
wußte genau, wann es Zeit ist zu gehen. Thomas Strobl erreichte als Newcomer
auf der bundespolitischen Bühne mit seinem Wahlergebnis bei den Erststimmen
einen großen persönlichen Erfolg: 43,7 Prozent. Das Zweitstimmenergebnis für
die CDU im Wahlkreis Heilbronn lag bei nur 36,1 Prozent. Ausschlaggebend war
wohl, daß die Freien Demokraten – ohne es groß zu plakatieren – für Strobl
votiert hatten. Denn der FDP-Kandidat erreichte bei den Erststimmen lediglich
3,0 Prozent, die FDP bei den Zweitstimmen stolze 8,8 Prozent. Das nennt man
intelligent wählen. Seit jeher ist bekannt, daß die liberalen Wähler sehr
bewußt ihre Stimmen verteilen. Wahlforscher behaupten sogar, daß die Wahlzettel
liberaler Wähler die wenigsten Fehler aufweisen. Thomas Strobl ist in der CDU
des Unterlandes ab jetzt die unumstrittene Nummer eins. Er führte nicht nur
einen unkonventionellen Wahlkampf, er sprach auch Wähler weit über die Union
hinaus an – vor allem bei den jungen Leuten. Und gleichzeitig will er
bodenständig bleiben, seinen Stadtratssitz beibehalten und auch
CDU-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat bleiben. Wie lange? Das
wird die Arbeitsbelastung in der stark verkleinerten Bonner CDU/CSU-Fraktion
zeigen.
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