Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 18.03.1998



Rappenauer Geheimplan
Es hätte ein großer Coup werden können. Der darbende Kurort Bad Rappenau liebäugelte mit einer Weltsensation: Der Heidelberger Anatom Professor Gunther von Hagens sollte in der wirtschaftlich schwer angeschlagenen Kleinstadt just jenes „Menschenmuseum“ einrichten, dessen Exponate bis vor kurzem im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit Hunderttausende selbst mitten in der Nacht anlockten. Der Professor mit dem schwarzen Hut hat ein Verfahren namens Plastination entwickelt, bei dem Leichen unverändert und dauerhaft zu Anschauungszwecken konserviert werden. Bei dem zum Weltstar aufgestiegenen Arzt sprach Bürgermeister Gerd Zimmermann mit einer Abordnung neugieriger Rappenauer vor. Sie meldeten ihr Interesse an der Toten-Schau an, waren damit nach Heidelberg die zweiten. Das Ziel ist klar: Wenn wegen rückläufiger Kurgastzahlen mit den Lebenden kein Geld mehr zu verdienen ist, dann sollen die Toten die Kassen klingeln lassen. Doch als der Geheimplan bekannt wurde, zogen die Rappenauer den Schwanz ein. Heftig wurde dementiert, das Wasserschloß oder eine leerstehende Klinik angeboten zu haben. Doch der berühmte Professor kann sich noch gut an die Besucher aus dem Heilbad und ihr lebhaftes Verlangen erinnern. Jetzt freilich ist er über deren Verhalten ziemlich pikiert. Bad Rappenau hat sich mit dem Dementi um alle Chancen für ein spektakuläres „Menschenmuseum“ gebracht – falls es überhaupt welche gegeben hat.   

Heilbronn: BM-Wahl
Am Donnerstag, den 26. März 1998 wird im Heilbronner Gemeinderat ein neuer Baubürgermeister gewählt. Es wird wieder der alte sein. Denn schon die Stellenausschreibung machte deutlich, daß der Stelleninhaber wieder kandidieren wird. Bürgermeister Ulrich Frey wird sich jedoch mit Gegenkandidaten herumschlagen müssen – oder auch nicht. Eine Krankenschwester (geboren 1958), ein Arbeitlsoser (geboren 1953) und ein  Hilfsarbeiter (geboren 1970) sind seine Konkurrenten. Nicht gerade berauschend. Da aber die Absprache zwischen den beiden großen Fraktionen CDU und SPD funktioniert, die kleinen Fraktionen aus Reps, Grünen, FDP und Freien Wählern auch nichts gegen den Amtsinhaber ins Feld führen wollen oder können, wird Ulrich Frey auf dem SPD-Ticket am nächsten Donnerstag wierdergewählt sein. Damit bleibt in Heilbronn alles so wie es ist. Im vergangenen Jahr schon hatte der Gemeinderat den CDU-Fraktionsvorsitzenden Artur Kübler zum Nachfolger von Harald Friese als Ordnungsbürgermeister gewählt. Und wie sich seit August 1997 herausstellte, war das ein Glücksfall. Der SPD-Mann Harald Friese wechselte ins Kulturdezernat, das bis dahin der CDU-Mann Reiner Casse verwaltet hatte. Jetzt tritt Friese noch als SPD-Bundestagskandidat in Heilbronn an – und sollte er im Herbst in den Bundestag einziehen, dann tritt er als Heilbronner Bürgermeister ab. Sein Nachfolger wäre dann der SPD-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat Harry Mergel, der sich in diesem Amt dann schon mal für die OB-Kandidatur im nächsten Jahr warmlaufen will. Seine politisch-natürliche Nachfolgerin als Fraktionsvorsitzende hieße Sybille Mösse-Hagen, die SPD-Kreisvorsitzende Heilbronn-Stadt. Und die müßte dann auch als Kandidatin für die nächste Landtagswahl in Heilbronn gegen Johanna Lichy antreten. Mit von der Partie bei der OB-Wahl  1999 als Kandidaten: Johanna Lichy (CDU), Richard Drautz (FDP) und Alfred Dagenbach (Republikaner). Und dann gibt es da noch die großen Unbekannten, vor denen die Lokalmatadoren jetzt schon das große Zittern bekommen. Denn eine Mehrheit der Bürger in Heilbronn, so scheint es, hat die Nase voll von hausgemachten Skandalen und ihren Köchen. Der nächste Oberbürgermeister in Heilbronn muß von außerhalb kommen, lautet die Devise.         -

Übertrieben?
Was gut ist, strahlt aus – was schlecht ist, schreckt ab. Behaupten die Unverbesserlichen in der Politik, die da glauben, daß die Mehrheit der Bürger ein Gefühl für gute und schlechte Politik hat. Der Sozialismus in der deutschen Politik ist tot, aber es lebt der Fiskalsozialismus im vereinigten Deutschland munter weiter.  Mehr als 50 Prozent des Einkommens muß der Normalbürger an den Staat abgeben, damit die vollmundigen Versprechen der Politiker für ihre jeweilige Klientel befriedigt werden können. Großverdiener zahlen kaum Steuern, manche Firmen brüsten sich sogar damit, daß sie in deutschen Landen nur Geld verdienen, aber nichts an den Fiskus abführen müssen. Himmelschreiende Ungerechtigkeiten, die  vor allem bei kleinen Unternehmern und den Arbeitnehmern zu einer staatlichen Würgegriffpolitik geführt haben. Und da die politische Verantwortung im Lande nicht klar abgegrenzt ist, dank eines überspitzten Gerechtigkeitssinns der Gründungsväter, kommt es auch nie zu klaren Mehrheiten und Entscheidungen. Länder und Bund kloppen sich, behindern einander, weil der Lagerwahlkampf schon lange zwischen Bundesrat und Bundestag ausgetragen wird. Kompromisse sind kaum mehr möglich. Und auch selten gewollt. So ist die eigentliche Regierung in Bonn nur noch der Vermittlungsausschuß. Zwei Möglichkeiten gibt es, diesen ärgerlichen und lähmenden Zustand zu verändern: Entweder die Einführung eines  Mehrheitswahlsystems (wie in England, Frankreich oder USA) – oder klare und eindeutige Mehrheiten bei der nächsten Bundestagwahl. Nichts von beiden ist absehbar oder wird von unserer politischen Kaste gewünscht, die in der Mehrheit aus Beamten besteht. Sie kennen sich aus  in den Irrgärten der Vorschriften und Gesetze – und bedienen sich munter. Klarheit lieben die Deutschen offenbar nicht sonderlich. Sie lieben das Raunen und Rauschen im Walde   und wenn klare Entscheidungen anstehen, dann nur mit Götterdämmerung. Also schrecklich und maßlos übertrieben. In der Politik – wie in der Kunst.

Wahlkampf – und ran
Der Glückseligkeit bei den Heilbronner Sozialdemokraten über den fast (un)sicheren Listenplatz für ihren Kandidaten Harald Friese setzt die CDU im Unterland harte Kärrnerarbeit entgegen. Die Vorsitzenden der CDU-Ortsverbände im Bundestagswahlkreis Heilbronn trafen sich mit dem Bundestagsabgeordneten Egon Susset, dem CDU-Kreisgeschäftsführer Frieder Fundis und dem CDU-Kreisvorsitzenden Thomas Strobl, der bekanntlich auch CDU-Bundestagkandidat ist, um den CDU-Wahlkampf vorzubereiten. Strobl sieht die CDU-Ortsverbände bestens gerüstet und gut motiviert, zumal mehr als die normale Zahl an Ortsverbandsvorsitzenden an dem Treffen im Heilbronner Ratskeller teilnahmen. Strobls Strategie für das erste Halbjahr 1998: Er wird erneut alle Gemeinden in seinem Wahlkreis besuchen. Strobl: „Keine Gemeinde und kein Teilort wird mir dabei für einen persönlichen Besuchstermin oder für Gespräche mit den Bürgern zu klein sein …“ In dieser ersten Wahlkampfphase will er nicht nur bei politischen Diskussionen und Abendveranstaltungen präsent sein, sondern auch im Mittelstand, im sozialen Bereich, bei Vereinen, Verbänden und den Kirchen Kontakte knüpfen, um mit den Bürgern über seine bundespolitischen Vorstellungen zu reden. Die Sommerzeit 1998 will die CDU vor allem nutzen, um dorthin zu gehen, wo die Bürger dann sind: Zu Sommerfesten, Straßenfesten oder Hocketsen. Die drei Unterländer CDU-Landtagsabgeordneten und der amtierende Bundestagsabgeordnete Egon Susset haben Strobl dabei ihre besondere Unterstützung zugesagt. Und auch seine Stadtratskollegen in Heilbronn werden ihren Fraktionsvorsitzenden beim Kampf um das Heilbronner Direktmandat für den Bundestag kräftig unter die Arme greifen. Der letzte Landtagswahlkampf war dafür ja eine gute Übung. Jetzt müssen nur noch die Wähler überzeugt werden, den Juristen aus den Reihen der CDU zu wählen und nicht den SPD-Juristen. Auch im Unterland wird der Wahlkampf spannend. Und erst recht die Wahl am 27. September 1998. Nach 18 Uhr an diesem Tag wissen wir dann mehr.

Juso-Wechselspiel
Die Sozialdemokraten in Deutschland waren und sind in ihrer Mehrheit freudig überrascht, endlich einen Kanzlerkandidaten zu haben. Aber der Wechsel zu Gerhard Schröder, dem niedersächsischen Ministerpräsidenten, ist nicht erklärter Wille der Parteibasis, sondern entstammt der Vorgabe von Gerhard Schröder und dem überwältigenden Wahlverhalten seiner Niedersachsen. Bei den Jungsozialisten (der SPD-Jugendorganisation) in Baden-Württemberg ist man jetzt einen ganz anderen Weg gegangen. Man wechselte einfach den Vorstand nahezu komplett aus, weil der mit seinem Modernisierungskurs bei den Linken nicht gelitten wurde. „Zukunft kommt von alleine, Fortschritt mit uns“, lautete das eingängige Motto des Juso-Kongresses in Wannweil. Aber da hatte sich der seit knapp einem Jahr amtierende Vorsitzende Peter Friedrich wohl ein bißchen getäuscht. Gerechnet hatte mit dem Juso-Erdrutsch bei den baden-württembergischen Junggenossen niemand, weder die Parteispitze, noch die politischen Auguren in der Landeshauptstadt. Aber so wichtig waren ja unsere Ländle-Jusos nie. Wie auch – bei einer Mutterpartei, die um die 25 Prozent herumkrebst. Manche Beobachter behaupten nun, daß nun die Alt-68iger in der SPD ihre Jusos wieder ein wenig formieren wollten – also ein wenig linke Opposition in der Landes-SPD. Aber auch das spielt keine Rolle. Denn die baden-württembergische SPD um ihrem Vorsitzenden Ulrich Maurer wird weniger zum Schröder-Flügel gerechnet – und spielt bundespolitisch wohl eher eine untergeordnete Rolle. Wohin der neue Juso-Landesvorsitzende, der 22jährige Johannes Saurer, strebt – keiner weiß es. Die Heilbronner Jusos unter ihrem Vorsitzenden Petar Drakul schlagen sich derzeit munter auf die Seite jener, die eine Abschaffung der Bundeswehr und der Nato fordern, während andere Länder in Europa vehement in die Nato drängen. Eben: Weltpolitik! Oder sie mischen beim Jugendgemeinderat in Heilbronn mit – und müssen dann feststellen, daß ihre Partei-Kandidaten hinten runterfallen. Wobei es noch reichlich Zoff um den Jugendgemeinderat geben wird, da offenbar – so hörte ich aus verläßlicher Quelle – in den Hauptschulen ohne Wahllisten gewählt wurde. Also die Möglichkeit bestanden haben soll, mehrfach Wahlzettel abzugeben. Da stellt sich die schlichte Frage, ob diese Heilbronner Jugendgemeinderatswahl überhaupt gültig ist. Aber das wird noch heftig geprüft. Also abwarten und Neckarwasser trinken.

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