Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 28.01.1998



Unter der Bettdecke
Oh, Gott! Wenn wir in deutschen Landen auch unter die Bettdecken unserer Politiker schauen müßten, um darüber zu berichten, dann hätten wir wahrlich viel zu tun. Bundeskanzler gibt es da, die diverse Frauenaffairen hatten. Minister, die ins Puff gingen oder mehr dem eigenen Geschlecht anhingen. Scheidungen bekannter Politiker gleich massenweise. Unsere deutschen Politiker sind halt auch nur Menschen – wie Krethi und Plethi. Ihre Leistung in der Politik hat zu zählen, nicht ihre Leistung unter schmuddeligen Bettdecken. Wenn sie kriminell werden, müssen sie bestraft werden – ob die Straftatbestände sich nun im sexuellen oder finanziellen Bereich  liegen. Was derzeit dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton widerfährt, riecht stark nach Verfolgung. Viele der Damen, die seine Schwäche für das weibliche Geschlecht – vor allem wenn die Damen sexy, einfältig und vollbusig sind –  erkannt und dementsprechend befriedigt hatten, machten nach den von ihnen aufgedeckten „Verhältnissen“ eine lukrative Karriere in diversen Zeitschriften, in denen sie ihre wohlgerundeten Formen hüllenlos anschauen ließen. Widerliche Doppelmoral nenn ich das. Wenn der US-Präsident demnächst zurücktreten muß, dann sind nicht seine Affairen die Ursache, sondern seine Lügen. Die Frage, die von puritanischen Ermittlern in den Vereinigten Staaten jetzt beantwortet werden muß, lautet: Wer lügt hier? Die Frauen, die den US-Präsidenten bezichtigen, mit ihnen sexuellen Verkehr gehabt zu haben – oder Präsident Bill Clinton, der behauptet, mit diesen Frauen keinen sexuellen Verkehr gehabt zu haben. Und hinzu kommt: Das höchste politische Amt in den Vereinigten Staaten ist durch die Affairen schwer beschädigt. Aber vorläufig gilt das Wort des Präsidenten: „Ich hatte keine sexuellen Beziehungen zu dieser Frau, zu Frau Lewinsky, ich habe niemanden dazu aufgefordert, zu lügen. Nicht ein einziges Mal, niemals! Diese Anschuldigungen sind falsch, und ich muß wieder zu meiner Arbeit für das amerikanische Volk zurückkehren.“ – Und wir alle stellen uns die Frage: Wie lange darf der Präsident noch für sein Volk arbeiten? Wann wird er arbeitslos?

Götterdämmerung
Der Heilbronner Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann war bisher – trotz der vielen Skandale auf dem Rathaus – ganz selten in die Schußlinie geraten. Jetzt haben sich die Freien Demokraten bei ihrer Neujahrspressekonferenz Luft gemacht. Der Kreisvorsitzende Bernhard Nüsch: „Man hat so das Gefühl, der Gemeinderat gibt die Richtung vor, aber beim OB erkenne ich keine Linie.“ FDP-Stadträtin Ursula Scheuermann meint gar, daß eineinhalb Jahre vor Ende seiner Amtszeit der OB es so vor sich hinplätschern lasse und keine Löcher mehr bohre. Und auch der FDP-Landtagsabgeordnete und Heilbronner Stadtrat Richard Drautz ist enttäuscht über den „guten Menschen“ Manfred Weinmann. Für die Leitung einer Stadtverwaltung genüge das allein nicht. Führungsschwäche konstatierte Drautz: „Wenn man zehn Jahre Amtsleiter gegeneinander arbeiten läßt, wie sollte sich das am Ende der Amtszeit ändern?“ Die Freien Demokraten sehnen die OB-Wahl im Herbst 1999 herbei. Alle Kandidaten-Optionen bei der FDP/DVP wolle man sich offenhalten. Potential hätten die Freien Demokraten in Heilbronn und Umgebung mehr als genug. Entscheiden und festlegen wolle man sich jedoch erst, wenn das Thema „OB-Kandidatur“ anstehe. Die CDU in Heilbronn schweigt zum Thema Weinmann und FDP-Kritik. Die SPD dagegen tritt zögernd an. Ihr potentieller OB-Kandidat, der Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, Harry Mergel: „Es gibt in Heilbronn wichtigeres, als sich den Kopf über einen OB zu zerbrechen, der noch eineinhalb Jahre von den Bürgern gewählt ist. Natürlich gibt es Defizite in dieser Stadt. Dafür trägt auch der OB Verantwortung – wie alle politisch Verantwortlichen. Weinmanns größtes Manko ist, die vorhandenen Potentiale Heilbronns nicht rechtzeitig erkannt und ausgeschöpft zu haben.“ – Die Diskussion um den OB ist da  und damit auch die Nachfolgediskussion. Wenn jetzt noch ein vierter Skandal im Rathaus die Stadt erschüttert, dann müßte eigentlich etwas geschehen. Oder es geht so weiter wie bisher – als weiterer Akt einer Provinzposse.

Heiliger Mann
Ein gebrechlicher Papst an der Seite des kubanischen Diktators Fidel Castro – ein hoffnungsfrohes Bild? Im Vorfeld des Besuches hörten und sahen wir via Glotze von deutschen Propagandisten des kubanischen Regimes, daß dort doch alles bestens bestellt sei: hervorragende medizinische Versorgung, keine Analphabeten mehr und kein Mensch muß hungern. Alles auf äußerst niedrigem Niveau, aber die entscheidende Frage zwischen Kapital und Arbeit sei ja schließlich gelöst. Und dann kommt ein polnischer Papst, der mahnend auf die Einhaltung der Menschenrechte hinweist, die Versammlungsfreiheit, die Redefreiheit, die Pressefreiheit, die Religionsfreiheit und auf die Freilassung politischer Häftlinge. Dieser Papst legte die Finger in die Wunde des kommunistischen Kubas: Freiheit und Gerechtigkeit sind in diesem sozialistischen Staat (wie in anderen zuvor auch) nicht vorhanden. Dabei ist Johannes Paul II. kein Propagandist eines ungezügelten Kapitalismus. Für ihn steht die Arbeit vor dem Kapital. Eine Welt, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, ist für ihn keine humane Welt. Eine Welt, in der menschliches Leben und die Menschenwürde nicht geachtet werden, ist für ihn zutiefst unchristlich. Eine soziale Demokratie klagt er ein, in der alle Religionen friedvoll nebeneinander leben können. Unsere deutschen Pseudofortschrittler schmähen diesen Papst als stockkonservativ und reaktionär. Aber ich habe selten von ihnen gehört, daß sie linke oder rechte Diktaturen in unserer Welt mit den Werten einer sozialen Demokratie angegangen sind. Die Sprengkraft dieses politischen Papstes hat sich in Polen und im ganzen Ostblock gezeigt. Sie wird auch in Kuba ihre Wirkung nicht verfehlen. Das absurde amerikanische Wirtschaftsembargo, das nur die Armen auf der Zuckerinsel trifft, geißelte er ebenso wie die inhumane Abtreibungspraxis der Sozialisten. Man kann in vielen Punkten anderer Meinung als der Papst sein. Aber seine Lauterkeit und die Klarheit seiner Gedanken kann niemand in Abrede stellen. Von so manchem Politiker bei uns wünsche ich mir diese Klarheit der Rede. Deine Rede sei Ja, Ja oder Nein, Nein ...

Strafbefehl angekündigt
Er ist Bürgermeister des Landkreisgemeinde Bad Rappenau und direkt gewählter CDU-Landtagsabgeordneter im Wahlkreis Eppingen. Gerd Zimmermann ist in seiner Partei, der CDU, kein beliebter Mann mehr. Viele Mitglieder an der Basis sähen es lieber heute als morgen, daß er seine Ämter aufgibt. Gerade im Vorfeld des Bundestagswahlkampfes ist er zu einer Belastung für seine Partei geworden. Jährliche Nebeneinkünfte in Höhe von 170.000 Mark hatte Zimmermann dem Heilbronner Landratsamt verschwiegen. Jetzt weht ihm der Wind eisig ins Gesicht, weil die Staatsanwaltschaft angekündigt hat, daß Zimmermann demnächst mit einem Strafbefehl wegen Betrugs rechnen muß. Die Frage ist nur, wie hoch dieser ausfällt. Denn davon hängt es ab, ob der Bürgermeister und MdL als vorbestraft gilt. Erhält er zehn bis fünfzehn Tagessätze (ein Tagessatz entspricht dem monatlichen Nettoeinkommen geteilt durch dreißig), dann könnte es noch glimpflich abgehen. Schlimmer sieht es dann aus, wenn es 100 Tagessätze sind. Es ist offenbar genügend Material von der Staatsanwaltschaft zusammengetragen worden, das jetzt ausreicht, um Anklage gegen Gerd Zimmermann zu erheben. Da nützen die demonstrativen Bruderküsse und Umarmungen des Ministerpräsidenten Erwin Teufel zum 50. Geburtstag von Zimmermann nichts mehr. Jetzt gilt es politische Sensibilität zu zeigen. Aber für den Rappenauer Bürgermeister ist die Welt offenbar nur gegen ihn, voller böser Teufel – Landratsamt, Justiz und Presse. Er ist sich offenbar keiner Schuld bewußt. Sein Vorgänger als CDU-Landtagskandidat, der ehemalige Eppinger Bürgermeister Rüdiger Peuckert, hatte 1988 das Handtuch wegen einer Drogen- und Bordellaffaire geworfen. Über 35 Tagessätze lautete der Strafbefehl damals. Dieser Vorfall brachte den Zweitkandidaten von einst, Gerd Zimmermann, erst in den Landtag. Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Ähnlichkeit der Fälle wird heiß diskutiert. Wie hieß es doch bei einem altgedienten CDU-Mann: „Wenn man den Sack nicht vollkriegen kann, dann geht’s einem so.“ – Oder ähnlich.

Hasenmahl ’97
Die Heilbronner Tradition währt nun schon 42 Jahre. Und der Redner Nummer 47 beim Hasenmahl im Ratskeller hieß Klaus Czernuska, seit 1989 Landrat des Landkreises Heilbronn. Knitz baute er seine Rede auf, mit Ironie und reichlich versteckten kleinen Hieben gegen die Hauptstadt der Region Franken. Frage: „Warum darf ich hier reden?“ Antwort: „Ist diese erwiesene Gunst nicht gar ein versteckter Ruf der Stadt, der Landkreis solle sich nicht nur fürs Theater, sondern auch für die andere Kunst in der Stadt engagieren.“ – Und angesichts der 1999 anstehenden OB-Wahl in Heilbronn fragte sich Czernuska gar, ob er nicht als „Landrat der Einheit“ in die Geschichte eingehen könne. Um sich gleich wieder zu fragen: „Doch würde da tatsächlich zusammenkommen, was zusammengehört?“ Eine kurze Zeit nach dem Kriege hatte es diese Einheit in einer Person namens Emil Beutinger gegeben. Aber des Landrats Skepsis ist groß. Nicht ganz so groß wie in einer Oberamtsvisitation aus dem Jahre 1889, in der es über Heilbronn hieß: „Der Charakter der Bevölkerung freundlich und zuvorkommend; nur bringen die zahlreichen Fabrikarbeiter es mit sich sich, daß in der Oberamtsstadt und den Nachbarorten liederliche Dirnen und deren Zuhälter ihr Unwesen treiben.“ Und daraus folgert der Landrat im Jahre 1998: „Dieses Verruchte haftet der Stadt auch heute noch an.“  Wo hatte Czernuska aber all seine Weisheiten über Heilbronn her? „Ich habe hin und her überlegt. Schließlich bin ich zu einem Weisen gegangen, der sich in städtischen Dingen gut auskennt. – Es war aber nicht das Kiliansmännle, das wöchentlich erscheint. Das ist kein Weiser, das ist nur einer, der immer alles besser weiß.“ – Stimmt! Bei mir war der Landrat Klaus Czernuska nicht, um nachzufragen. Ich bin auch kein weiser Mann. Nur ein Landsknecht auf dem Kirchturm. Und was ich da allwöchentlich niederschreibe, oft mit der Lanze aufgespießt und mit eben der geschrieben, soll auch nicht philosophisch sein. Leute, die sich gewunden hinter ihren Wörtern und Satzkonstruktionen verstecken, haben wir in der Stadt schon genug. Aber ein Besserwisser? Das kann ich gar nicht sein. Ich weiß nur, was ist, nicht wie es besser geht. Das genügt auch. Unsere Bürgermeister werden ja schließlich fürstlich mit fast 200.000 Mark pro Jahr entlohnt, damit sie sich überlegen, wie alles besser funktioniert. – Heilbronn hat übrigens auch Erfolge in Sachen „Grüner Pfeil“ vorzuweisen. Czernuska: „Die Stadt Heilbronn kann heute mit Fug und Recht behaupten, daß sie die Chance der Deutschen Einheit genutzt hat. Der Imagegewinn ist riesig. In Heilbronn ist Rot kein Synonym mehr für Stillstand. Wer in Heilbronn rot sieht, darf hoffen, daß es weitergeht.“ – Etwa ein Sozi-Werbeslogan für die OB-Wahl ’99?       

Neckarsulm feiert
Neckarsulm feiert heuer seinen 25sten Geburtstag als „Große Kreisstadt“. Die größte Gemeinde im Landkreis Heilbronn, die neben Heilbronn auch einen OB an ihrer Spitze besitzt, kann sich glücklich schätzen. 27.000 Einwohner, 23.000 Arbeitsplätze, eine überdurchschnittliche Finanzkraft – dank Audi und anderer großer Industrieunternehmen. Neckarsulm besitzt einen guten Ruf als Stadt der Industrie und des Handels. Ihre OBs und Bürgermeister machen Karriere. Dr. Erhard Klotz, der Vorgänger vom jetzigen Oberbürgermeister Volker Blust, ging zur Zeit der Großen Koalition als Ministerialdirektor ins Stuttgarter Innenministerium und ist jetzt Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetages Baden-Württemberg. Dr. Jürgen Zieger, Baubürgermeister in Neckarsulm, wurde erst vor wenigen Wochen zum neuen Oberbürgermeister in Esslingen gewählt. – Oberbürgermeister Volker Blust trumpfte bei der Feier in der Ballei (der Festhalle Neckarsulms) nicht auf, aber er verwies stolz auf seine Gemeinde, die er als „moderne, fortschrittliche und Zukunftsorientierte Industriestadt“ präsentierte. Neckarsulm könne beim immer stärker werdenden Wettbewerb mit anderen Städten mithalten. Mit dem Freizeitbad Aquatoll, dem Zweiradmuseum und dem neuen Europlex-Kino seien Freizeitangebote geschaffen worden, die einen Einzug haben, der weit über die Region hinausgehe. Höchste Priorität in der Kommunalpolitik habe jedoch die Schaffung neuer und die Erhaltung der vorhandenen Arbeitsplätze. Sicherung des Wirtschaftsstandortes Neckarsulm heiße auch für die Zukunft das vorrangige Ziel seines Handelns. Der Festredner in Neckarsulm war der baden-württembergische Innenminister Dr. Thomas Schäuble. Er versprach in seiner launigen Rede, die weniger einem Festvortrag glich, sondern mehr ein Gemisch aus Wahlkampfrede und Verkündigung von Landespolitik war, daß den Kommunen künftig vom Land mehr Freiheiten gewährt werden – „wenn wir Ihnen schon das Geld nehmen.“ Ein Punkt in der „Freiheitsliste“: Die Novellierung des Gemeindewirtschaftsrechts. Damit in den Kommunen mehr nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen gearbeitet werden kann. Vielleicht spart das ja Geld. Könnte sein – oder auch nicht.

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