Montag, 24. März 2014

Kiliansmännle, 08.07.1998

Wegen oder Trotz
Baustellen rund um manche Einzelhandelsgeschäfte. Vorbei an Metallzäunen muß ich über schmale Bretterstege den Eingang ansteuern. Einen Blick in die Schaufenster kann ich nur mit ganz langem Hals werfen, oder ich muß sogar ohne visuellen Anreiz auskommen, wenn alles hinter einer Bretterwand verschwunden ist. Natürlich geht drinnen der Verkauf weiter, und mancher Geschäftsmann wird sich fragen, wie er die Kunden an den Baumaßnahmen vorbei seiner Ware näher bringen kann. Da fällt einem Citybummler wie mir schon ein gelbes Schild an einem Bauzaun rund um ein renommiertes Geschäft ins Auge, auf dem mit großen schwarzen Lettern verkündet wird „Verkauf wegen Umbau“. Das scheint eine durchaus interessante Werbemaßnahme zu sein. Man kann auch mit zwei Worten jonglieren – mit  „wegen“ oder „trotz“. So stellt sich die bange Frage, ob das Geschäft vielleicht „wegen“ des Umbaus verkauft wird. Oder ob diesem Verkauf eventuell ein „Sonder-“ vorangestellt gehört, ein dezentes Schnäppchenangebot sozusagen oder -lesen. Ein Druckfehler könnte es noch sein. Oder es sind Schilder, die man von anderen Bau- und Verkaufsmaßnahmen noch übrig hatte. Oder ein ganz gezielter Gag einer Werbefirma, der zum Stehenbleiben vor dem Geschäft verleiten soll. Denn wenn ich so eine Weile über die Wortkombination nachgedacht habe, dann gehe ich doch mal rein und schaue, was denn nun für ein Verkauf dort stattfindet. Die Stechuhr im Parkhaus ist bei all der Grübelei eh schon eine Stunde weitergesprungen und vielleicht kann ich ja von der „Wegen-Trotz-Verkaufs-Ware“ doch etwas gebrauchen.      

Wer ist hier Fan?
Sind Sie ein Fan? Ist ja eigentlich egal von was. Hauptsache Fan. Zurzeit ist Fußballweltmeisterschaft in Frankreich angesagt. Da hat man Fußballfan zu sein. Warum? Das ist nicht ganz klar – aber irrsinnig geil! Vor allem Unterhaltung pur. Einfach fett! Eineinhalb Stunden vor dem Fernseher mitfiebern – anständig versorgt mit Getränken und Essen! Das ist doch entschieden besser als sich selber eineinhalb Stunden sportlich zu betätigen. Zuviel Schweiß, zu viel Mühe – Scheiße! Schließlich zahlen wir den Jungs unserer Nationalmannschaft auch ordentlich Kohle für die Spiele. Da heißt es sich anstrengen. Gladiatorenkampf! Hat aber nichts genutzt. Kroatien hat uns kastriert! Drei zu Null. Eine nationale Schande! Woran lag es wohl? An Berti? An Loddar? An Klinsi? Oder an Harald?  In den letzten Wochen wurde unser Jürgen, unser Bäckersohn aus dem Schwabenland, gesteinigt und gekreuzigt, weil ihn unser Obermotzer Harald Schmidt mit Schmutz-Zitaten aus einem Tagebuch, das er Lothar Matthäus aus der Kabine gestohlen hat, geschmäht hatte. Üble Schimpfwörter und Verdächtigungen waren das – und jetzt plappern Krethi und Plethi sie dümmlich nach. Sie küßten und sie schlugen ihn, unseren armen Klinsi! So literarisch geht es im Fußball zu! Oliver Bierhoff, unsere wandelnde Litfaßsäule aus der Fußballwelt, gehört auch dazu. Der Spätzünder ist am Ende seiner Karriere – sagen die Bösen in den Blättern. Kann man in diesen Zeiten noch Fußballfan sein? Auch wenn wir jetzt draußen sind? Es ist halt wie Hölle und Himmel im Wechsel – eben wie das richtige Leben, nur viel, viel schöner. Weil man danach feiern kann. Wenn wir gesiegt haben. Oder den Frust im Alkohol ertränken muß. Schuld haben auch immer die anderen. Der Trainer, die fetten Funktionäre, die lahmen Enten auf dem Rasen oder die gegnerische Mannschaft. Nur wir als Fans in unserer Göttlichkeit haben keine Schuld, weil wir ja nicht mitgespielt haben – und auch keinen Einfluß auf die Aufstellung der Mannschaft hatten. Wie denn auch!? Vor der Glotze sitzend sind wir schließlich schuldlos wie frischgeborene Kinder! Fußballweltmeisterschaft sollte jede Woche sein! Wie Urlaub am Ballermann. Alles andere ist doch Mist – voll unfett!      

Saubere Argumente
Die Grünen bei uns in Deutschland fühlen sich verfolgt. Nur weil sie dem Wähler reinen Wein einschenken. Wir sagen, was wir wollen – und das vor der Wahl. Meint mit lachendem Gesicht die Vorsitzende der Grünen in Bayern. Und Joschka Fischer verteidigt die Positionen seiner Partei, indem er vergleicht. Schließlich könne man ja auch nicht von der Katholischen Kirche verlangen, daß sie den Papst  verleugnet. Mein ich auch. Bündnis 90/Die Grünen sollen den Wählern ruhig sagen, was sie wollen – sollen zeigen, welche Knebel sie anlegen, wenn sie die Wahl gewinnen und in einer Koalition mit der SPD in Bonn regieren. Dann kann sich der schlichte Wähler auch klar entscheiden: Dafür oder dagegen. Ein Tempolimit auf Autobahnen von 100 Kilometer pro Stunde. Das ist ein Wort. Man kann dafür oder dagegen sein. Der Liter Benzin kostet fünf Mark – nicht sofort, aber nach und nach. Das ist ein Wort! Öffentliche Gelöbnisse der Bundeswehr abschaffen. Auch dagegen kann man sein und dann grün wählen. Das ist in einer Demokratie normal. Auch die sofortige Still-Legung der Atomkraftwerke ist eine solche Forderung. Wer das für vernünftig hält, kann grün wählen. Keine Transporte mit abgebrannten Brennelementen aus Kernkraftwerken zu Zwischenlagern quer durch Deutschland mehr. Jedem Atomkraftwerk sein eigenes Zwischenlager. Eventuell auch raus aus der Nato. Oder Abschaffung der Wehrpflicht. Oder die Flugreisen so verteuern, daß es zum Luxus wird, in Mallorca einen Urlaub zu buchen. Wer all das will, darf getrost jene Partei wählen, die für saubere Verhältnisse in Deutschland eintritt. Und wenn erstmal die deutschen Lande politisch korrekt sich verhalten, dann muß der Rest Europas sich dem anschließen. Denn schließlich sind wir ja der größte Zahler in der Europäischen Union. Am ökologischen Wesen soll die Welt genesen. Ich finde es anständiger, jetzt zu sagen, was man vorhat, als nach der Wahl den Knüppel aus dem Sack zu lassen. Die Ratschläge so mancher grünlicher Journalisten, die der Öko-Partei jetzt vorwerfen, sie würden mit ihren politischen Aussagen die Wähler verschrecken, sind nichts als Zweck-Propaganda. Das dumme Wahlvolk soll mit verdrehten und geschraubten Argumenten beruhigt werden, damit nach der Bundestagswahl eine Politik gemacht werden kann – wie es den Funktionären gefällt. Das hatten wir schon. Das will niemand mehr.

Grausamer Alltag
Eine neue Dimension der Brutalität erlebten die Zuhörer des Prozesses um die grausame Ermordung der Heilbronner Taxifahrerin Renate Fetzer. Selbst die erfahrenen, um nicht zu sagen „abgebrühten“ Juristen des Schwurgerichts unter Vorsitz des sachlich agierenden Richters Wolfgang Werner waren schockiert. Nie zuvor, sagte Werner bei der Verkündung des Urteils „Lebenslänglich“, habe die Kammer eine solche Menschenverachtung erlebt. Der Mörder ist ein 24 Jahre alter Aussiedler aus Kasachstan, der im April 1997 nach Deutschland kam. Hier faßte er nie richtig Fuß, schwänzte lieber den kostenlosen Sprachkurs, zeigte auch wenig Interesse an einem Job. Als „Eingliederungshilfe“ kassierte er ein halbes Jahr lang 840 Mark monatlich, dann lebte er von 240 Mark Sozialhilfe. Was er der wehrlosen Taxifahrerin in Hohenlohe zu Jahresbeginn angetan hat, ist so schockierend, daß es mit den bei uns geltenden Maßstäben nicht mehr zu begreifen ist. Zehn Stunden lang mußte die schwerverletzte Frau leiden, wurde im Kofferraum eingesperrt und durchs Hohenloher Land gekarrt. Dann schlug der Mörder mit brachialster Gewalt auf das Opfer ein, das letzte Reste eines unglaublichen Überwillens mobilisierte. Für sein Verbrechen fand der Mörder nicht ein einziges Wort des Bedauerns. Bevor jetzt freilich der Stab über alle Rußland-Deutschen gebrochen wird, empfiehlt es sich, einen gleichfalls vor diesem Schwurgericht stattfindenden Mordprozeß zu verfolgen, bei dem zufällig auch das Opfer eine Frau war, die ebenfalls im Kofferraum eingesperrt wurde. Angeklagt ist diesmal allerdings ein waschechter Deutscher, ein Handwerker aus Südbaden. Auch diese Frau wurde übel malträtiert und letztlich mehrfach mit ihrem eigenen Auto überfahren. Der Angeklagte aber will keinen Mord begannen haben, er stellt den Tod der Frau als bedauerlichen Unfall dar. Beide Prozesse zeichnen ein aktuelles Bild unserer Gesellschaft – die Grausamkeit scheint Teil unseres Alltags zu sein. Ob wir das wollen oder nicht. Krieg ist nicht immer nur dort, wo Völker oder Bevölkkerungsgruppen gegeneinander kämpfen.   

Dagenbach (PDS)?
Jugend und Politik – ein Thema, das den etablierten Parteien wie ein Stein um den Hals liegt. Jugendliche interessieren sich nicht für Politik. Lautet ein wohlfeiles Vorurteil. Und wenn sie zur Wahl gehen, dann wählen sie – siehe Sachsen-Anhalt – radikale Parteien wie PDS oder DVU. Nun hat sich ein Heilbronner Szeneblatt, das sich vornehmlich an die aktive, mobile Jugend zwischen 15 und 30 wendet, in den Bundestagswahlkampf geworfen – um ein wenig aufzuklären. Zusammen mit dem privaten Hörfunksender Radio Ton Regional veranstaltet das Szeneblatt Moritz am 15. Juli im Haus des Handwerks eine Podiumsdiskussion mit den Kandidaten aus dem Wahlkreis Heilbronn. Einen genauen Termin – bei der Uhrzeit –  gibt es nicht. Aber das ist ja bei Jugendveranstaltungen auch nicht so maßgeblich. Man kommt halt am Abend – so zwischen 19 und 21 Uhr. Na, mal sehen, was da in der Politik so abgeht. Schön finde ich auch, daß mit den verschiedenen Kandidaten auch noch ein Ratespiel der Namen im Szeneblatt veranstaltet wird. Man stellt sich die Frage Wer? in Heilbronn kandidiert. Und antwortet in lustiger Harald-Schmidt-Manier: Thomas Strobl (CDU), Harald Friese (SPD), Paul Gräsle (Grüne), Heiko Auchter (REP), Alfred Dagenbach (PDS). Oberaffengeil!! Megamäßig! Einfach vollfett, eh! Und damit ist die politische Bombe in Heilbronn endlich gezündet. Thomas Strobl, der bisher offizielle CDU-Bundestagskandidat, ist offenbar zugunsten seines Vaters, des Rentners Lothar Strobl (früher Sportchef bei der Heilbronner Stimme) zurückgetreten. Eine Sensation! Wahrlich. Aber noch sensationeller ist, daß der Republikaner-Kandidat Heiko Auchter, der erst vor wenigen Tagen Ulrike, die Tochter des Rep-Landtagsabgeordneten und Heilbronner Stadtrats Alfred Dagenbach, geheiratet hat, feststellen mußte, daß sein Schwiegervater zur PDS übergetreten ist. Denn laut Szeneblatt ist nicht Johannes Müllerschön der Kandidat der SED-Nachfolgeorganisation PDS im Wahlkreis Heilbronn, sondern Alfred Dagenbach. Wie nennt man im Szenedeutsch eine derart sensationelle neue Konstellation im politischen Geschehen? Geil! Nee - oberfett! Bisher hatte das politische Heilbronner Wechselspiel keine fetten Folgen. Im Gegensatz zum neuen Tagebuch von Lothar Matthäus, das Harald Schmidt ausgegraben und in seiner Late-Night-Show verlesen hatte. Aber wer weiß. Was nicht ist, kann noch werden. Boah, eyh!

Bahnhof-Szene
Als schlichter Autofahrer kommt  man in Heilbronn ja selten zum Bahnhof – außen man bringt Menschen, die mit den Zug an- und abreisen dorthin. Oder man fährt selber mal mit der Bahn, Richtung Eppingen, Öhringen, Stuttgart oder Würzburg. Und dann kann man was erzählen. Ich mußte mir bei drei Bahnfahrten in den letzten Wochen das Geschehen um und im Heilbronner Hauptbahnhof antun. Fazit: Das kann und darf nicht die Visitenkarte Heilbronns sein und werden. Andere Fahrgäste sagten mir, das sei nun mal an Bahnhöfen von Großstädten so – siehe Frankfurt, Stuttgart oder Berlin. Aber sich mit einer derart resignierenden Feststellung abzufinden, ist nicht meine Sache. Penner, Dealer und Süchtige empfangen oder verabschieden den Reisenden in Heilbronn vor dem Bahnhofsgebäude. Schmutzig ist das Gelände. Da helfen auch keine Kunstausstellungen in Kiosken, die sich einige Hobby-Maler ausgedacht haben. Die Züge auf den Bahnsteigen sehen auch nicht gerade einladend aus. Eine gründliche Wäsche täte ihnen gelegentlich gut. Die Ansage der ankommenden und abfahrenden Züge klingt – im Gegensatz zu anderen Hauptbahnhöfen – mehr nach Kaserne. Und die  Sauberkeit in den Abteilen – davon will ich erst gar nicht reden. Vor allem am frühen Morgen muffeln viele Reisenden vor sich hin – nicht nur beim freundlichen Guten Morgen. Die Düfte, die so manche Reisende aussenden, sind in den Frühstunden manchmal derart heftig, daß einem das große Würgen kommt. Das erinnert mich an jenen Witz, bei dem Klein-Ernas Mutter wegen des strengen Dufts ihrer Tochter im Unterricht einen Brief von der Lehrerin erhält. Sie solle doch auf mehr Reinlichkeit bei Klein-Erna achten. Die Mutter schreibt der Lehrerin zurück: „Verehrte Freulein Lährerin. Sie sollen Klein-Erna nicht riechen wie eine Blume. Sie sollen sie lernen!“ Genauso könnte die Deutsche Bahn antworten. Sie sollen den Zug als Fortbewegungsmittel nutzen, nicht andere Fahrgästen beschnuppern. Aber ob Autofahrer bei diesem Ambiente gern ihr Auto verlassen und den Zug benutzen – das bezweifle ich heftig. Da sitze ich doch morgens lieber im Stau auf der Einfahrtsstraße nach Stuttgart oder Karlsruhe als auf Schmuddelbahnhöfen zu warten oder in Schmuddelzügen transportiert zu werden.

Ausgegurkt
Samstag, 4. Juli 1998 – der Tag, an dem für fast ganz Fußball-Deutschland eine Welt zusammengebrochen war. Schluß, Aus, Ende – der deutsche Traum vom Gewinn der vierten Fußball-Weltmeisterschaft nach 1954, 1974 und 1990 – Drei-zu-Null-demontiert von der kleinen und jungen Fußballnation Kroatien im Viertelfinalspiel von Lyon. Es kam, was kommen mußte. Bundestrainer Berti Vogts hatte im Vorfeld der WM versäumt – speziell nach dem Gewinn der Europameisterschaft 1996 – eine junge motivierte Truppe zu formen und somit ganze zwei Jahre vergeudet. Die mit Ach und Krach überstandene Weltmeisterschafts-Qualifikation gegen mittelmäßige Teams wie Albanien hätte Warnung genug sein müssen. Doch Vogts ließ sich nicht belehren, redete alles schön und griff bei der Nominierung seiner WM-Elf auf die altgedienten Kicker um Tagebuchschreiber Lothar Matthäus und den schwäbischen Bäckersohn Jürgen Klinsmann zurück. Die Katastrophe nahm ihren Lauf. Nach einer blamablen Vorrunde, die auch völlig hätte daneben gehen können, wenn nicht Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann den einen oder anderen Ball ins Tor geköpft beziehungsweise gestolpert hätten, gurkten sich Deutschlands Fußball-Rentner unter dem Spott der Welt-Sport-Presse mit einem 2:1-Sieg gegen Mexiko ins Viertelfinale, wo es dann die kroatische Lektion in Sachen Fußball gab. Gottseidank, so wurde uns nämlich eine wahrscheinlich noch größere Demontage durch Frankreich, die Niederlande oder Brasilien erspart. Also besteht eigentlich kein Grund für Deutschlands Fußball-Fans, Trübsal zu blasen. Es kann ja nur besser kommen. Falsch, denn was in der Fußball-Bundesliga bei schlechten Leistungen gang und gebe ist, nämlich ein Trainerwechsel, wird auch nach der verkorksten WM nicht stattfinden. Der senile DFB um Egidius Braun plant weiterhin mit Wadelbeißer Berti, der weder Stolz noch Rückgrat zu besitzen scheint und sich am Nationaltrainerstuhl genauso festbeißt wie einst an seinen Gegenspielern. Nur um einen Neuaufbau wird er diesmal nicht herumkommen, denn der Großteil der Nationalspieler hat den Rücktritt bekanntgegeben oder zumindest in Erwägung gezogen. Aber dann wird Magier Vogts eben den einen oder anderen Weltmeister von 1954 aus dem Hut zaubern und mit ihnen die ausstehenden Positionen besetzen.

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