Neue
Blätter
Im
letzten Jahr wurde im Freiburger Raum eine Sonntagszeitung
von abtrünnigen Redakteuren der
regionalen Tageszeitung herausgegeben. Kostenlos an alle erreichbaren
Haushalte wurde die neue Zeitung verteilt.
Als Anzeigenblatt. Der Großverlag Gruner
und Jahr stieg in das neue Projekt ein. Der Springer-Verlag klagte dagegen. Und verlor. Demnächst soll eine
zweite Sonntagszeitung im Südbadischen erscheinen. Auch in Karlsruhe wird es in
wenigen Tagen eine geben. Als Anzeigenblatt. Herausgegeben von der Tageszeitung
Badische Neueste Nachrichten BNN. Und schon meldet sich ein zweiter Verlag mit
einer Gegenzeitung am Sonntag. Der Medienmarkt bewegt sich. In
Baden-Württemberg wird schon seit langer Zeit als siebte Ausgabe der Stuttgarter Zeitungen, der Südwestpresse, der
Rheinpfalz und anderer Tageszeitungen Sonntag
Aktuell in einer Auflage von rund 900.000 Exemplaren herausgegeben. Bei uns
im Unterland gibt es noch keine Sonntagszeitung. Der Tip der Woche, ein Anzeigenblatt zum Wochenende, wird vom
Lebensmittel-Discounter Lidl und Schwarz herausgegeben. Auflage im Unterland:
250.000 Exemplare. In ganz Deutschland weisen die Anzeigenblätter von Lidl eine
Auflage von über neun Millionen
Exemplaren wöchentlich auf. Demnächst soll auch in Heilbronn noch einiges
auf den Markt kommen. Die Stadtverwaltung Heilbronn wird eine Heilbronner
Stadtzeitung durch die Tageszeitung Heilbronner
Stimme an die Bürger der Stadt verteilen lassen – einerseits der
Tageszeitung beigelegt, andererseits an alle Haushalte verteilt, die keine
Tageszeitung abonniert haben. Ein Ersatz für das Amtsblatt. Kosten im Jahre
1999: 292.480 Mark. Und wie man hört, plant auch der Verlag der Tageszeitung
Heilbronner Stimme, eine Sonntagszeitung als Anzeigenblatt herauszugeben.
Auflage: 250.000 Exemplare, die sonntags ab acht Uhr in allen Briefkästen der
Unterländer und Hohenloher Haushalte stecken sollen. Da kommt was auf die Leser
zu!
Berliner
Schloß
In
Heilbronn hat man nach dem Krieg die Synagoge an der Allee (neben der
Hauptpost) nicht wieder aufgebaut. Schade eigentlich. Auch einige schöne Bauten
aus dem letzten Jahrhundert, die noch als Ruinen herumstanden, wurden gnadenlos
geschliffen. Nicht nur hier, auch in anderen Städten. In Stuttgart wollte man sogar
das Neue Schloß dem Erdboden
gleichmachen. Eine Bürgerinitiative verhinderte dies – gottlob. Aber in unserer
heißgeliebten Hauptstadt Berlin ließ einst Walter
Ulbricht, kommunistischer Diktator und Tischler aus Leipzig, das
Hohenzollern Schloß sprengen, damit er den jubelnden Massen seiner Werktätigen
am 1. Mai und bei anderen Paraden jeweils von einer Tribüne zuwinken konnte.
Auch vor dem Abriß berühmter Kirchenbauten in Potsdam und Leipzig machte er
nicht halt. Die Zeugnisse der feudalen Vergangenheit sollten den Deutschen aus
dem Hirn gebrannt werden. Meint dieser sächsische
Kulturstürmer und -schänder. Was in Polen und Rußland selbstverständlich
war, bedeutende Schlösser aus der nationalen Vergangenheit wieder zu
rekonstruieren, das ist in Deutschland äußerst schwierig – ja manchmal sogar
verpönt. In Berlin hatte ein Hamburger Kaufmann namens Wilhelm von Boddien die Idee, das vom Baumeister Karl Friedrich Schinkel erbaute
Stadtschloß wieder aufzubauen. Er ließ sogar eine Attrappe anfertigen, damit die
Politiker und Berliner sehen können, was sie gewinnen, wenn sie die
sozialistische häßliche Kleinbürgerschachtel „Palast der Republik“ dem Erdboden
gleichmachen. Das Symbol des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem
Erdboden will man von Teilen der SPD im Berliner Senat erhalten, nicht aber das
Schlüter-Schloß wiederaufbauen. Nach dem Motto: Wer den Palast will, respektiert das humanistische Erbe des
Sozialismus, wer das Schloß will ist rückwärtsgewandt oder gar ein Nazi.
Eine Argumentation, die aus altlinken Mündern kommt, die dem gemeinen Volk die
Wohnsilos gönnen, selbst aber vor jedem Stuckrest in ihrer Altbauwohnung oder
Dienstvilla ausflippen. Ich meine: Baut endlich das Schloß in Berlin wieder auf
- so wie die Frauenkirche in Dresden.
Es ist schon zu viel von den sogenannten Erneuerern in der Architektur
Deutschlands zerstört worden.
Es
paßte so gut
Ein
brutales Gewaltverbrechen in Stuttgart an einer 17jährigen aus Heilbronn, die
in Leonberg arbeitet. Mit Klebeband über den Mund, an Händen und Füßen
gefesselt lag sie hilflos auf der Straße – nicht ansprechbar. Passanten fanden
die hilflose Jugendliche. Sie wurde in ein Krankenhaus gebracht. Mehrere Tage
lag sie im Koma. Bei den ersten
Befragungen gab sie an von zwei italienischen Männern, so zwischen 50 und 60
Jahre alt, entführt worden zu sein. Jetzt stellte sich heraus: alles Lüge. Sie
hat das Klebeband selbst gekauft, sich eigenhändig gefesselt und dann auf die
Straße gelegt. Die Presse fiel auf den Köder voll herein. Und die junge Dame hatte
jene Aufmerksamkeit, die sie beabsichtigt hatte. Die Geschichte paßte so gut in
unsere Horror-Gesellschaft. Da wird nach
dem Wahrheitsgehalt nur am Rande gefragt. Jetzt wird gegen das junge
Mädchen wegen Vortäuschung einer Straftat ermittelt. Die Kosten, die durch ihr
selbstsüchtiges Verhalten entstanden sind, muß die Allgemeinheit tragen.
Krankenhausaufenthalt, Polizeiermittlungen, etc. Private Probleme auf Kosten
der Allgemeinheit lösen wollen – aus welchen Gründen auch immer, das darf nicht
akzeptiert werden. Das muß diesem jungen Mädchen mit aller Behutsamkeit und
Deutlichkeit klargemacht werden. Und damit auch all jenen, die derartige oder
ähnliche Gedanken in sich tragen. Auch abmildernde Vergleiche helfen da nicht.
Wenn sich Menschen aus Industrie, Politik, Medizin oder Verbänden auf Kosten
der Allgemeinheit bereichern, dann gereicht das nicht zum Verständnis für die
Vortäuschung von Straftaten. Auch wenn sie als Bagatelle gewertet werden
müssen, weil sie andere Menschen nicht in Mitleidenschaft gezogen haben. Der
staatliche und medizinische Apparat – äußerst kostenintensiv, waren
angesprungen, um der Gerechtigkeit genüge zu tun. Genarrt wurden alle. Wie 1994 bei einer 17jährigen
Rollstuhlfahrerin in Halle, die behauptet hatte, Skinheads hätten sie
überfallen und ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt. Später stellte sich
heraus, daß sie sich selbst verletzt hatte. In der Statistik 1997 bei der
Stuttgarter Polizei sind insgesamt 137 vorgetäuschte Straftaten registriert. 24
Prozent dieser Täter sind Frauen. Bei anderen Straftaten liegt der Frauenanteil
bei 22 Prozent.
Wald-Festival
Das
elfte Heilbronner Gaffenberg-Festival
ist in der Nacht des vergangenen Sonntags fröhlich und erfolgreich
beendet worden – sozusagen zusammen mit dem Sieg der Franzosen bei der
Fußballweltmeisterschaft. Rund 21.000 Menschen vergnügten sich auf dem Gelände
der Evangelischen Kirche hoch über der Käthchenstadt. Musik und Comedy wurden
von den Zuschauern größtenteils begeistert aufgenommen. Und dort, wo sich Unmut
unterm Publikum breitmachte, da hatte der Künstler mit seinen Darbietungen halt
nicht den Geschmack seiner Zuhörer getroffen. Vorkommnisse wie beim Stuttgarter
Staatstheater, bei dem eine ganze Opernvorstellung vor wenigen Tagen abgeblasen
und das Publikum nach geraumer Wartezeit nach Hause geschickt werden mußte,
weil der Tenor unauffindbar war, waren auf dem Gaffenberg vom 8. bis zum 12.
Juli nicht festzustellen.
Wohlorganisiert, ohne die Leichtigkeit und Luftigkeit eines Sommerfestes
zu verlieren, wurde das Mammutprogramm von den hochmotivierten Laienhelfern aus
allen Schichten des Heilbronner Lebens absolviert. Ich habe dort oben zwischen
Wald und Reben niemanden getroffen, der sich unwohl gefühlt hätte. Man sprach
über alles Mögliche, was bei den Darbietungen begeistert hatte, was weniger
goutiert wurde – man aß, trank, feierte,
schwätzte bis spät in die Nacht hinein. Ohne trunkene und grölende
Ausrutscher. Auch wenn im Vorfeld und während der Tage ein wenig Wahlkampf an
den Waldrand des Gaffenbergs geschwappt war. In der Festival-Zeitung waren Grüne und SPD mit Anzeigen vertreten. Eine nette Unterstützung! Die
Festival-Macher behaupten nun, sie hätten alle Parteien angeschrieben, sich mit
Werbung in der Gaffenberg-Programmzeitung gegen Entgelt zu verewigen.
Bundestagskandidat Thomas Strobl und
seine CDU sagen aber, daß sie von einer solchen Aufforderung nichts gewußt
hätten. Auch der FDP weiß von keiner
Anzeigen-Anfrage. Beide hätten liebend gern die Kulturtage mit einer Anzeige im
Programmheft unterstützt. Aber von den Machern aufgefordert worden seien sie
nicht. Eigentlich schade. Da hätte noch ein wenig Geld fließen können. Oder steht unserem Heilbronner
Super-Kulturereignis etwa rotgrün näher als schwarz-gelb? Das kann ich
nicht glauben. Kultur ist doch nicht parteigebunden! Und wenn sich jemand in
dieses Fahrwasser begibt, dann macht er Propaganda, vielleicht auch Agitprop,
aber keine Kultur. Daß Harry Mergel,
der Gaffenberg-Festival-Chef, auch SPD-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner
Gemeinderat ist, das scheint mir purer Zufall. So wie ich ihn kenne, vermischt
er seine Freizeit-Aktivitäten nicht mit schnöder Parteipolitik. Wär ja auch
noch schöner!
War
das ’ne WM!
In
deutschen Haushalten ist es nach der 0:3-WM-Viertelfinal-Niederlage der
Fußballnationalmannschaft gegen Kroatien ruhiger geworden. Überall auf der Welt
kehrt nun – in Frankreich natürlich etwas später – die gewohnte Tagesroutine
wieder ein. Die Scheidungsrate sinkt auf Normalmaß, der Bierkonsum hält sich in
Schranken. Viele Mitbürger, auch Herren der Schöpfung genannt, fiebern dem
ersten Bundesligaspieltag entgegen. Doch was hat diese Fußball-WM – außer dem
täglichen Kampf um die Vorherrschaft vor der Glotze – uns eigentlich gebracht?
Jetzt wissen wir endlich, daß der deutsche Fußball in einer tiefen Krise
steckt. Es sollen ganz Schlaue schon vorher gewußt haben! Außerdem bewies
Old-Newcomer Lothar Matthäus, daß
man als Fußballgreis mit 37 Jahren noch so einiges auf dem Kasten hat. Hat es
Lolita vor der WM gewußt oder nur geahnt? Was wir aber nicht wußten ist, daß
jemand rund 25 Millionen Mark wert ist, obwohl er beim größten Fußballturnier
der Welt reichlich außen vor war. Außer Jörg Heinrich soll kein anderer Name
genannt werden. Nicht zu vergessen die heißen Diskussionen um unseren Berti Vogts,
den deutschen „Terrier“. Die Debatte um seine Person ist Kennern ohnehin ein
Rätsel. Denn welcher Trainer hätte es mit einer Jungsenioren-Mannschaft bei
einer Weltmeisterschaft bis ins Viertelfinale geschafft? Bild, unser täglich
Brot, hat ihn bereits mit einer Telefonumfrage bei uns deutschen Lesern von
seinem Amt als Fußball-Nationaltrainer entlassen und als Alternative ein
Experten-Team vorgeschlagen. Neben Fußballergrößen wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Paul Breitner, Otto Rehagel, Winnie Schäfer
und Friedel Rausch ist überraschenderweise und völlig unverständlich für
Fußballfans auch folgender Name unter diesen Fußballexperten zu finden: Boris Becker. Getreu dem Motto: Bobbele
für Deutschland. Erwähnenswert ist vielleicht auch noch, daß wir Deutschen mal
wieder bewiesen haben, was für schlechte Verlierer wir sind. Nach der
Niederlage suchte jeder den Kern der Ursache dort, wo er auf jeden Fall nicht
zu finden ist. Und lediglich Bundeskanzler Helmut Kohl zeigte Sportsgeist und
daß er ein wahrer Sportsmann ist. Er war der einzige aus dem deutschen Lager,
der den Kroaten öffentlich zum Einzug ins Halbfinale gratulierte.
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