Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 15.07.1998



Neue Blätter
Im letzten Jahr wurde im Freiburger Raum eine Sonntagszeitung von abtrünnigen Redakteuren der regionalen Tageszeitung herausgegeben. Kostenlos an alle erreichbaren Haushalte wurde die neue Zeitung verteilt.  Als Anzeigenblatt. Der Großverlag Gruner und Jahr stieg in das neue Projekt ein. Der Springer-Verlag klagte dagegen. Und verlor. Demnächst soll eine zweite Sonntagszeitung im Südbadischen erscheinen. Auch in Karlsruhe wird es in wenigen Tagen eine geben. Als Anzeigenblatt. Herausgegeben von der Tageszeitung Badische Neueste Nachrichten BNN. Und schon meldet sich ein zweiter Verlag mit einer Gegenzeitung am Sonntag. Der Medienmarkt bewegt sich. In Baden-Württemberg wird schon seit langer Zeit als siebte Ausgabe der Stuttgarter Zeitungen, der Südwestpresse, der Rheinpfalz und anderer Tageszeitungen Sonntag Aktuell in einer Auflage von rund 900.000 Exemplaren herausgegeben. Bei uns im Unterland gibt es noch keine Sonntagszeitung. Der Tip der Woche, ein Anzeigenblatt zum Wochenende, wird vom Lebensmittel-Discounter Lidl und Schwarz herausgegeben. Auflage im Unterland: 250.000 Exemplare. In ganz Deutschland weisen die Anzeigenblätter von Lidl eine Auflage von über neun Millionen Exemplaren wöchentlich auf. Demnächst soll auch in Heilbronn noch einiges auf den Markt kommen. Die Stadtverwaltung Heilbronn wird eine Heilbronner Stadtzeitung durch die Tageszeitung Heilbronner Stimme an die Bürger der Stadt verteilen lassen – einerseits der Tageszeitung beigelegt, andererseits an alle Haushalte verteilt, die keine Tageszeitung abonniert haben. Ein Ersatz für das Amtsblatt. Kosten im Jahre 1999: 292.480 Mark. Und wie man hört, plant auch der Verlag der Tageszeitung Heilbronner Stimme, eine Sonntagszeitung als Anzeigenblatt herauszugeben. Auflage: 250.000 Exemplare, die sonntags ab acht Uhr in allen Briefkästen der Unterländer und Hohenloher Haushalte stecken sollen. Da kommt was auf die Leser zu!    

Berliner Schloß
In Heilbronn hat man nach dem Krieg die Synagoge an der Allee (neben der Hauptpost) nicht wieder aufgebaut. Schade eigentlich. Auch einige schöne Bauten aus dem letzten Jahrhundert, die noch als Ruinen herumstanden, wurden gnadenlos geschliffen. Nicht nur hier, auch in anderen Städten. In Stuttgart wollte man sogar das Neue Schloß dem Erdboden gleichmachen. Eine Bürgerinitiative verhinderte dies – gottlob. Aber in unserer heißgeliebten Hauptstadt Berlin ließ einst Walter Ulbricht, kommunistischer Diktator und Tischler aus Leipzig, das Hohenzollern Schloß sprengen, damit er den jubelnden Massen seiner Werktätigen am 1. Mai und bei anderen Paraden jeweils von einer Tribüne zuwinken konnte. Auch vor dem Abriß berühmter Kirchenbauten in Potsdam und Leipzig machte er nicht halt. Die Zeugnisse der feudalen Vergangenheit sollten den Deutschen aus dem Hirn gebrannt werden. Meint dieser sächsische Kulturstürmer und -schänder. Was in Polen und Rußland selbstverständlich war, bedeutende Schlösser aus der nationalen Vergangenheit wieder zu rekonstruieren, das ist in Deutschland äußerst schwierig – ja manchmal sogar verpönt. In Berlin hatte ein Hamburger Kaufmann namens Wilhelm von Boddien die Idee, das vom Baumeister Karl Friedrich Schinkel erbaute Stadtschloß wieder aufzubauen. Er ließ sogar eine Attrappe anfertigen, damit die Politiker und Berliner sehen können, was sie gewinnen, wenn sie die sozialistische häßliche Kleinbürgerschachtel „Palast der Republik“ dem Erdboden gleichmachen. Das Symbol des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Erdboden will man von Teilen der SPD im Berliner Senat erhalten, nicht aber das Schlüter-Schloß wiederaufbauen. Nach dem Motto: Wer den Palast will, respektiert das humanistische Erbe des Sozialismus, wer das Schloß will ist rückwärtsgewandt oder gar ein Nazi. Eine Argumentation, die aus altlinken Mündern kommt, die dem gemeinen Volk die Wohnsilos gönnen, selbst aber vor jedem Stuckrest in ihrer Altbauwohnung oder Dienstvilla ausflippen. Ich meine: Baut endlich das Schloß in Berlin wieder auf - so wie die Frauenkirche in Dresden. Es ist schon zu viel von den sogenannten Erneuerern in der Architektur Deutschlands zerstört worden.

Es paßte so gut
Ein brutales Gewaltverbrechen in Stuttgart an einer 17jährigen aus Heilbronn, die in Leonberg arbeitet. Mit Klebeband über den Mund, an Händen und Füßen gefesselt lag sie hilflos auf der Straße – nicht ansprechbar. Passanten fanden die hilflose Jugendliche. Sie wurde in ein Krankenhaus gebracht. Mehrere Tage lag sie im Koma.  Bei den ersten Befragungen gab sie an von zwei italienischen Männern, so zwischen 50 und 60 Jahre alt, entführt worden zu sein. Jetzt stellte sich heraus: alles Lüge. Sie hat das Klebeband selbst gekauft, sich eigenhändig gefesselt und dann auf die Straße gelegt. Die Presse fiel auf den Köder voll herein. Und die junge Dame hatte jene Aufmerksamkeit, die sie beabsichtigt hatte. Die Geschichte paßte so gut in unsere Horror-Gesellschaft. Da wird nach dem Wahrheitsgehalt nur am Rande gefragt. Jetzt wird gegen das junge Mädchen wegen Vortäuschung einer Straftat ermittelt. Die Kosten, die durch ihr selbstsüchtiges Verhalten entstanden sind, muß die Allgemeinheit tragen. Krankenhausaufenthalt, Polizeiermittlungen, etc. Private Probleme auf Kosten der Allgemeinheit lösen wollen – aus welchen Gründen auch immer, das darf nicht akzeptiert werden. Das muß diesem jungen Mädchen mit aller Behutsamkeit und Deutlichkeit klargemacht werden. Und damit auch all jenen, die derartige oder ähnliche Gedanken in sich tragen. Auch abmildernde Vergleiche helfen da nicht. Wenn sich Menschen aus Industrie, Politik, Medizin oder Verbänden auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, dann gereicht das nicht zum Verständnis für die Vortäuschung von Straftaten. Auch wenn sie als Bagatelle gewertet werden müssen, weil sie andere Menschen nicht in Mitleidenschaft gezogen haben. Der staatliche und medizinische Apparat – äußerst kostenintensiv, waren angesprungen, um der Gerechtigkeit genüge zu tun. Genarrt wurden alle. Wie 1994 bei einer 17jährigen Rollstuhlfahrerin in Halle, die behauptet hatte, Skinheads hätten sie überfallen und ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt. Später stellte sich heraus, daß sie sich selbst verletzt hatte. In der Statistik 1997 bei der Stuttgarter Polizei sind insgesamt 137 vorgetäuschte Straftaten registriert. 24 Prozent dieser Täter sind Frauen. Bei anderen Straftaten liegt der Frauenanteil bei 22 Prozent.       

Wald-Festival
Das elfte Heilbronner Gaffenberg-Festival  ist in der Nacht des vergangenen Sonntags fröhlich und erfolgreich beendet worden – sozusagen zusammen mit dem Sieg der Franzosen bei der Fußballweltmeisterschaft. Rund 21.000 Menschen vergnügten sich auf dem Gelände der Evangelischen Kirche hoch über der Käthchenstadt. Musik und Comedy wurden von den Zuschauern größtenteils begeistert aufgenommen. Und dort, wo sich Unmut unterm Publikum breitmachte, da hatte der Künstler mit seinen Darbietungen halt nicht den Geschmack seiner Zuhörer getroffen. Vorkommnisse wie beim Stuttgarter Staatstheater, bei dem eine ganze Opernvorstellung vor wenigen Tagen abgeblasen und das Publikum nach geraumer Wartezeit nach Hause geschickt werden mußte, weil der Tenor unauffindbar war, waren auf dem Gaffenberg vom 8. bis zum 12. Juli nicht festzustellen.  Wohlorganisiert, ohne die Leichtigkeit und Luftigkeit eines Sommerfestes zu verlieren, wurde das Mammutprogramm von den hochmotivierten Laienhelfern aus allen Schichten des Heilbronner Lebens absolviert. Ich habe dort oben zwischen Wald und Reben niemanden getroffen, der sich unwohl gefühlt hätte. Man sprach über alles Mögliche, was bei den Darbietungen begeistert hatte, was weniger goutiert wurde – man aß, trank, feierte, schwätzte bis spät in die Nacht hinein. Ohne trunkene und grölende Ausrutscher. Auch wenn im Vorfeld und während der Tage ein wenig Wahlkampf an den Waldrand des Gaffenbergs geschwappt war. In der Festival-Zeitung waren Grüne und SPD mit Anzeigen vertreten. Eine nette Unterstützung! Die Festival-Macher behaupten nun, sie hätten alle Parteien angeschrieben, sich mit Werbung in der Gaffenberg-Programmzeitung gegen Entgelt zu verewigen. Bundestagskandidat Thomas Strobl und seine CDU sagen aber, daß sie von einer solchen Aufforderung nichts gewußt hätten. Auch der FDP weiß von keiner Anzeigen-Anfrage. Beide hätten liebend gern die Kulturtage mit einer Anzeige im Programmheft unterstützt. Aber von den Machern aufgefordert worden seien sie nicht. Eigentlich schade. Da hätte noch ein wenig Geld fließen können. Oder steht unserem Heilbronner Super-Kulturereignis etwa rotgrün näher als schwarz-gelb? Das kann ich nicht glauben. Kultur ist doch nicht parteigebunden! Und wenn sich jemand in dieses Fahrwasser begibt, dann macht er Propaganda, vielleicht auch Agitprop, aber keine Kultur. Daß Harry Mergel, der Gaffenberg-Festival-Chef, auch SPD-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat ist, das scheint mir purer Zufall. So wie ich ihn kenne, vermischt er seine Freizeit-Aktivitäten nicht mit schnöder Parteipolitik. Wär ja auch noch schöner!    

War das ’ne WM!
In deutschen Haushalten ist es nach der 0:3-WM-Viertelfinal-Niederlage der Fußballnationalmannschaft gegen Kroatien ruhiger geworden. Überall auf der Welt kehrt nun – in Frankreich natürlich etwas später – die gewohnte Tagesroutine wieder ein. Die Scheidungsrate sinkt auf Normalmaß, der Bierkonsum hält sich in Schranken. Viele Mitbürger, auch Herren der Schöpfung genannt, fiebern dem ersten Bundesligaspieltag entgegen. Doch was hat diese Fußball-WM – außer dem täglichen Kampf um die Vorherrschaft vor der Glotze – uns eigentlich gebracht? Jetzt wissen wir endlich, daß der deutsche Fußball in einer tiefen Krise steckt. Es sollen ganz Schlaue schon vorher gewußt haben! Außerdem bewies Old-Newcomer Lothar Matthäus, daß man als Fußballgreis mit 37 Jahren noch so einiges auf dem Kasten hat. Hat es Lolita vor der WM gewußt oder nur geahnt? Was wir aber nicht wußten ist, daß jemand rund 25 Millionen Mark wert ist, obwohl er beim größten Fußballturnier der Welt reichlich außen vor war. Außer Jörg Heinrich soll kein anderer Name genannt werden. Nicht zu vergessen die heißen Diskussionen um unseren Berti Vogts, den deutschen „Terrier“. Die Debatte um seine Person ist Kennern ohnehin ein Rätsel. Denn welcher Trainer hätte es mit einer Jungsenioren-Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft bis ins Viertelfinale geschafft? Bild, unser täglich Brot, hat ihn bereits mit einer Telefonumfrage bei uns deutschen Lesern von seinem Amt als Fußball-Nationaltrainer entlassen und als Alternative ein Experten-Team vorgeschlagen. Neben Fußballergrößen wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Paul Breitner, Otto Rehagel, Winnie Schäfer und Friedel Rausch ist überraschenderweise und völlig unverständlich für Fußballfans auch folgender Name unter diesen Fußballexperten zu finden: Boris Becker. Getreu dem Motto: Bobbele für Deutschland. Erwähnenswert ist vielleicht auch noch, daß wir Deutschen mal wieder bewiesen haben, was für schlechte Verlierer wir sind. Nach der Niederlage suchte jeder den Kern der Ursache dort, wo er auf jeden Fall nicht zu finden ist. Und lediglich Bundeskanzler Helmut Kohl zeigte Sportsgeist und daß er ein wahrer Sportsmann ist. Er war der einzige aus dem deutschen Lager, der den Kroaten öffentlich zum Einzug ins Halbfinale gratulierte. 

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