Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 24.06.1998



Parken in Heilbronn
Die Stadt Heilbronn führt keine Kontrollen mehr in den Anwohnerparkzonen durch. Nein – nicht die um ihre Umsätze fürchtenden Heilbronner Kaufleute haben die Stadtväter endlich bekehrt, damit die Käthchenstadt als Einkaufszentrum wieder attraktiver gemacht wird, das Bundesverwaltungsgericht setzte der „Abzockerei“ jetzt ein Ende. Der dritte Senat kam zu jenem Urteil, das besagt, daß Sonderparkzonen für Anwohner gegen Bundesrecht verstoßen. Mit was sich Gerichte alles so befassen müssen. Umstritten waren die Heilbronner Anwohnerparkzonen schon immer. Erst vor einigen Jahren mußte der Zuschnitt der Anwohnerparkzonen verändert werden, weil er viel zu groß und damit unrechtmäßig war. Kassiert wurde dennoch immer und immer öfter – die Heilbronner Stadtkasse ist gefräßig. Fast täglich waren die kleinen grünen Männchen unterwegs und klebten fleißig Strafzettel unter die Windschutzscheiben. Tausende und Abertausende von Mark wanderten so in die Stadtschatulle – zu Unrecht, wie das Gerichtsurteil zeigt. Doch Hoffnung darauf, die unrechtmäßig gezahlten Gelder zurückzubekommen, gibt es nicht. Die Knöllchen werden rechtskräftig, wenn sie bezahlt werden, „ein nachträglicher Einspruch ist nicht möglich“, so die lapidare Antwort aus dem Rathaus. Arroganz der Macht. Recht und Gerechtigkeit klaffen eben immer öfter in deutschen Landen auseinander. Nur wer gegen die Strafzettel Einspruch eingelegt hat, ist fein heraus. Gerechter Lohn für den mutigen Kampf gegen ein unerbittliches Ordnungsamt. Die überwiegende Mehrzahl der Bürger zuckt wieder einmal resigniert mit den Schultern. Und auch die neuesten Pläne aus dem Hause des Heilbronner Ordnungsbürgermeisters Artur Kübler passen ins Bild. Der innere Zuschnitt der Anwohnerparkzonen soll geändert werden. Will heißen: ein paar neue Schilder aufstellen und schon darf kräftig weiter kassiert werden. Im Tricksen waren unsere Stadtväter schon immer Weltmeister. Da fällt einem nur noch ein Götz-Zitat ein: „Heilbronn war mir von jeher ein fataler Ort“.

Bauen in Heilbronn
Das mit dem Bauen ist schon eine Sache in Heilbronn. Manche sprechen gar davon, daß die Bauverwaltung auf dem Heilbronner Rathaus die Wirtschaft mit ihren Ideal-Vorstellungen so lange plagt bis es den Managern zu bunt wird – und sie sich einen anderen Standort suchen. Die Belastbarkeit der Wirtschaft aus grünlichen Amtsstuben heraus testen? Ein solcher Vorwurf ging mal in Richtung Erhard Eppler (SPD-Bundestagsabgeordneter in Heilbronn von 1969 bis 1976). Und der mußte sich den Vorwurf gefallen lassen – mit höchstrichterlicher Bestätigung. Beim Besuch der Heilbronner CDU-Gemeinderatsfraktion in verschiedenen Heilbronner Firmen unter dem Motto „Tag der Wirtschaft“ wurde der Vorwurf laut, daß die Bauverwaltung mehr behindere und verzögere als daß die mit den Firmen kooperativ nach vorne plane. Dieser Vorwurf geht an den SPD-Baubürgermeister Ulrich Frey. Und der Vorwurf ist nicht neu. Auch wenn sich jetzt der SPD-Fraktionsvorsitzende Harry Mergel fürchterlich aufregt und von teilweise „unverantwortlichen und in hohem Maße standortschädigenden Vorwürfen“ spricht. Und er legt sogar noch eins drauf: Es sei ein „menschlich absolut fieser Stil“, daß die CDU-Fraktion nun auch den Heilbronner Baubürgermeister Ulrich Frey (SPD) und seine 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Zielscheibe im Bundestagswahlkampf mißbrauche. Jetzt – in den nachrichtenarmen Sommerzeiten –  fliegen halt die Wortfetzen. Wie hatte CDU-Fraktionsvorsitzender und Bundestagskandidat Thomas Strobl doch gesagt: „Was zum Teil in der Bauverwaltung abläuft, ist eine Katastrophe.“ Und auch CDU-Stadtrat Ewald Lutz sieht die Heilbronner Baumisere in der Person Frey begründet: „Unser Baubürgermeister ist viel zu menschlich eingestellt. Der müßte mal auf den Tisch hauen.“  Das war schon harter Tobak aus CDU-Reihe. Im Rathaus Heilbronns steht an der Spitze ein CDU-Oberbürgermeister. Vielleicht sollte der auch mal bei Baufragen ordentlich auf den Tisch hauen. Oder besser: Langfristig eine Planung betreiben, die Heilbronn nicht immer weiter zurückbleiben läßt. Und vielleicht nimmt man sich gelegentlich auch mal ein Beispiel an der Bauverwaltung der Stadt Neckarsulm. Dort werden Bauvorhaben binnen kürzester Zeit realisiert – ohne daß die Umwelt drunter leidet.

Hocketse mit Kultur
Feste werden in Deutschland in dieser schönen Sommerzeit landauf, landab gefeiert. Immer mehr und in rasender Folge. Jeder Verein, der von seinen Mitgliedsbeiträgen allein nicht leben und seine Kasse aufbessern will, veranstaltet eine Hocketse und etwas ähnliches. Was einst mit Festen zur Weinlese begann (man verkaufte das, was in den Fässern noch lagerte und vielleicht ein Vesper dazu), hat sich zu einem rasenden Festlesreigen gemausert, bei dem es oft an Gourmet-Happen, erlesenen Weinen und Bieren, alkoholfreien Getränken nicht mangelt. Man hat’s ja. Selbst schlichte belegte Brote werden mit einem Wortschwall angepriesen, daß der schlichte Besucher wähnt, sich in einen Gourmettempel verirrt zu haben. Bei den einfacheren Straßenfesten gibt’s neben den landesüblichen Getränken gelegentlich auch exotische aus europäischen Nachbarländern – und beim Essen alles, was der Kontinent so bietet, von der Türkei bis Spanien, von Sizilien bis Finnland. Im Vordergrund stehen natürlich schwäbische Spezialitäten. Und vor allem darf die Kultur nicht fehlen. Von der deutschen Blasmusik (vom örtlichen Musikverein dargeboten) bis hin zu Gesangseinlagen von Chören aus allen EU-Staaten. Vor allem, wenn man in Frankreich, Spanien oder Italien eine Partnerstadt besitzt, dann sind die Gäste aus der Ferne oft mit ihren musikalischen Darbietungen beim Dorf- oder Stadtfest präsent. Völkerverständigung der äußerst angenehmen Art. Aber auch für unsere mehr auf höhere geistige Werte ausgerichteten Mitmenschen gibt es optische und akustische Darbietungen. Percussions zum Beispiel. Was das ist? Da trommeln Künstler mal leise, mal laut auf unterschiedlichen Instrumenten – und zaubern hohe und tiefe Töne aus den Gegenständen hervor. Wer will, kann mitmachen – und sich selbst dabei erkennen. Was ja heute sehr wichtig ist. Oder deutsche Frauen treten als Bauchtänzerinnen in orientalischer Tracht auf.  Oder man macht auf Körperbemalung – wie einst die Indianer oder andere Naturvölker. Action für Kinder. Damit auch sie schon frühzeitig lernen, in sich zu blicken. Daneben gibt es auch noch die ganz trivialen Volksfeste. Mit den übliche Ständen, an denen man gebrannte Mandeln, Lose, Zuckerwatte und anderes kaufen kann; den vielen Fahrgeschäften wie Riesenrad oder Geisterbahn – und dem üblichen Bierzeit, wo die Maß und gebratene Hendl serviert werden. Prost!

Freies Denken
Die Liberalen im Lande sind überall zu finden. Behaupten die beiden großen Volksparteien – und verweisen auf die Überläufer aus der Partei der Liberalen, die in der Union oder bei den Sozialdemokraten zu finden sind. Immer schon war den beiden Elefanten im bundesdeutschen Parteiensystem die FDP, das „Zünglein an der Waage“, ein Dorn im Auge. Sie wollten sie entweder aus den Parlamenten herauskatapultieren oder einfach überflüssig machen. Bisher ist ihnen das nicht gelungen. Unser Wahlsystem ist auf ausgleichende Gerechtigkeit aus, will breite Wählerschichten berücksichtigen. In Deutschland ist die Politik schon seit jeher mehr von der Philosophie beeinflußt, weniger vom pragmatischen Handeln – wie in den angelsächsischen Ländern. Dort geht es bei Wahlen in erster Linie darum, eine starke Regierung und eine starke Opposition zu installieren. Dafür nimmt man in diesen Ländern gern Ungerechtigkeiten in Kauf. Eine FDP in Großbritannien hätte selbst bei 20 Prozent Stimmen wenig Chancen, einen Sitz im Parlament zu ergattern. Jetzt in der Wahlkampfzeit in deutschen Landen beginnt wieder das Koalitionsgeschnatter. Die großen Parteien zittern. Dabei haben sie sich schon längst festgelegt. Die SPD will nach dem 27. September mit den Grünen ins Koalitionsbett steigen. Die CDU/CSU hat sich auf die FDP ausgerichtet. Bei den Grünen steht allein rot-grün auf der Tagesordnung. Nur bei der FDP  will man partout keine Treueschwüre abgeben. Wozu auch?  Der Grundsatz heißt doch: Eine demokratische Partei muß für alle anderen demokratischen Parteien koalitionsfähig sein. Für halbwegs intelligente Menschen ist politisches Lagerdenken ein Relikt aus vergangener Zeit. Glaubenskriege sollten eigentlich der Vergangenheit angehören. Wäre eine Regierung mit der SPD an der Spitze ab 27. September am Ruder, würde ihr ein liberales Korrektiv sehr guttun. Ebenso einer unionsgeführten Regierung – ob der künftige Kanzler nun Schäuble oder Kohl heißt. Derzeit wird bei den Freien Demokraten noch laut überlegt: Westerwelle will eine schwarz-gelbe Koalition mit Schäuble an der Spitze, Möllemann mit der SPD koalieren und der Parteivorsitzende Gerhard samt Außenminister Kinkel stehen treu an der Seite von Helmut Kohl. Aber es wird nicht nur mit Namen jongliert. Die FDP verkündet ihre Politik der Staatsferne, der Bürgernähe, der Eigenverantwortlichkeit und der notwendigen Strukturreformen unbeirrt, laut und heftig – trotz aller Journalistenschelte. Man will schließlich Politik machen und Deutschland voranbringen. Mit einem durch und durch liberalen Programm. Der Bürger kann dafür oder dagegen sein. Aber bei der FDP kann er sich derzeit wenigstens entscheiden. Bei den anderen Parteien ist mehr das Prinzip des Abtauchens vor konkreten Fragen angesagt. Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Nur der Granadedackel. 

Bauen, bauen ...
Die Sommerzeit ist voll da. Nicht gerade vom Wetter her. Aber in der Kommunalpolitik. Was hatte man in Heilbronn nicht alles zum Jahresbeginn verkündet. Mit welch großartigen Pläne wurden herumgewedelt. Und jetzt? Der Berliner Platz soll überbaut werden. Zwei Planungen liegen vor. Der Heilbronner Gemeinderat soll demnächst entscheiden. Aber der Eindruck, den der schlichte Bürger Heilbronns von der Planung bisher hat, geht mehr in die Richtung, daß wenig geschieht – ja sogar dahin, daß die Pläne bisher reichlich unausgereift sind. Man stellt sich die Fragen: Ist denn das ganze finanzielle überhaupt machbar, gibt es genügend Interessenten für das Raumangebot? Im Nacken sitzt den Heilbronner Verantwortlichen die Pleite mit dem Bülow-Projekt. Weniger Einmischung durch die Kommune, mehr marktwirtschaftliches Handeln und Denken bei der Überbauung des Berliner Platzes – dann wäre das leidige Thema schon vor Jahren abgehakt worden. So liegt der Schotterplatz als städtebaulicher Schandfleck schon seit 1982 herum – und hat offenbar nur wenige im Rathaus bewogen, zur Tat zu schreiten. Das Thema Stadtbahn durch Heilbronn scheint auf eben diesem Wege zu sein. Viele Wohlmeinende klatschen immer noch entzückt in die Patschhändchen, wenn von der Heilbronner Stadtbahn die Rede ist. Aber ist die Streckenlegung durch die Innenstadt wirklich realistisch und auch finanzierbar? Müssen unsere Stadtoberen sich nicht eher danach ausrichten, was in kurzer Zeit bei verminderten Einnahmen machbar ist? Auf den alten Bahntrassen zu fahren, ist auf jeden Fall preiswerter als vor dem Rathaus und in der engen Kaiserstraße (Fußgängerzone!) Laufkunden zu jagen. Eine Straßenbahn ist diese neue Stadtbahn ja nun wahrlich nicht. Am 11.5.1998 war im Staatsanzeiger zu lesen, daß Hermann Schaufler, dem baden-württembergischen Umwelt- und Verkehrsminister, vom Bundesverkehrsministerium mitgeteilt wurde, daß man das Projekt „Stadtbahn Heilbronn“ vorläufig in das ÖPNV-Förderprogramm mit über hundert Millionen Mark zuwendungsfähigen Kosten aufgenommen habe. Schaufler damals: „Der Knoten ist geplatzt: Mit der vorläufigen Aufnahme in das Programm hat das Bundesverkehrsministerium grundsätzlich die Förderfähigkeit dieses Projektes anerkannt.“ – Jetzt haben wir das erste Halbjahr 1998 hinter uns.  Mal sehen, wie die Planung am Jahresende in Heilbronn vorangekommen ist. Wie sagte mir vor kurzem ein alter Heilbronner: In dieser Stadt ist nur sicher, daß etwas geschieht, wenn wirklich gebaut wird.  

Es grünte ...
Viele liebäugelten mit der ach so modernen Partei der Grünen. Vor allem zum Ende der achtziger Jahre. Die großen Volksparteien verneigten sich vor der modernen grünen Bewegung und ihrem Programm. Eine Bewegung, die viel Moral auf ihrer Seite zu haben schien. Allen voran die Sozialdemokraten. Grüne Politiker wurden salonfähig. Auch die Kirchen verschlossen sich den neuen Gedanken nicht. Die evangelische insbesondere. Sie hat ja große Erfahrung darin, sich dem gerade vorüberwehenden Zeitgeist windschnittig anzupassen. Im Osten Deutschlands predigte man von den Kanzeln einen besseren Sozialismus – möglichst grün angestrichen. Im Westen einen besseren Kapitalismus – auch möglichst grün angestrichen. Die Menschen in Deutschland sollten – allen voran in Europa – den grünen Himmel auf Erden schaffen. Auch wenn es sie teuer zu stehen kommt. Bis zwischen westlicher Demokratie und östlicher Diktatur kaum mehr ein Unterschied besteht. So dachte man sich das – in so manchem grünen Wolkenkuckucksheim. Dann  aber kam das Jahr der Wiedervereinigung Deutschlands. Grüne Politiker waren überrascht. Höhnten über die Einheit. Wedelten vor Fernsehkameras zynisch mit Bananen. Bedauerten teilweise das zu Ende gehende Sozialismus-Experiment in Deutschland. Und verloren prompt die Wahl – sprich: Sie flogen aus dem Bundestag! Aber die Erholung folgte auf dem Fuß. Seit 1994 sitzt man wieder drin. Will mit aller Macht eine Koalition mit der SPD. Die Altvorderen der Grünen sind schließlich über 50 und scharren mit den Hufen – streben zum Berufsende karrierebewußt Ministerposten in Bonn an. Aber der Beschluß „fünf Mark für den Liter Benzin“ verhagelte ihnen viele Chancen. Man ruderte zurück – um vor wenigen Tagen im Bundestag nochmals dafür zu stimmen. Klammheimlich! Grünen-Bundesvorsitzender Jürgen Trittin machte bei einem öffentlichen Bundeswehrgelöbnis in Berlin aus seinem Herzen keine Mördergrube – und verglich die Bundeswehrgelöbnisse mit Soldatengelöbnissen im Dritten Reich. Damit lag er ganz auf der Linie des linken und pazifistischen Teils seiner Partei. Die Empörung war groß – auch bei vielen Grünen. Man ruderte zurück, ohne daß Trittin ein Wort der Entschuldigung hervorbrachte. Alles wurde salbadernd mit Worten zugedeckt, wie beim 5-Mark-Benzin-Beschluß. Aber nichts verändert. Die Öffentlichkeit hat alles falsch verstanden. Sie ist schuld an der Aufregung. Jawoll, Herr Lehrer! Wir Wähler sind dumm! Wir wollen ja unbedingt Autofahren, uns von der Bundeswehr beschützen lassen, auch alle Jahre mal nach Mallorca reisen. Für diese Ungezogenheiten muß man sich schon mal beschimpfen lassen.

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