Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 21.01.1998



Freier Demokrat
Die Freien Demokraten in Heilbronn löcken wider den Stachel. Richard Drautz, seines Zeichens Wengerter, Stadtrat in Heilbronn, Landtagsabgeordneter im Wahlkreis Eppingen, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Geschäftsführer seiner Fraktion im Stuttgarter Landtag, ist immer für eine Überraschung gut. Obwohl seine Position zur Müllverbrennung in Heilbronn seit Monaten  schon längst bekannt ist. Beim Neujahrsempfang der Unterländer FDP/DVP am Dienstag dieser Woche im Heilbronner Haus des Handwerks bekräftigte er seine Position erneut. Richard Drautz und die FDP im Rathaus unterstützen den Bau einer Müllverbrennungsanlage auf dem Gelände des Kohlekraftwerks der Energieversorgung Schwaben im Norden Heilbronns. Aus Angst vor möglichen Bürgerinitiativen hätte der Heilbronner Gemeinderat den Vertrag mit der Müllverbrennungsanlage in Mannheim unterstützt. Wäre von der Heilbronner Stadtverwaltung anständig gerechnet worden, wäre man leicht zu dem Ergebnis gelangt, daß die Verbrennung des Heilbronner Mülls vor Ort billiger ist als der Transport nach Mannheim. Drautz wirft der Stadt Heilbronn auch vor, den Vertrag mit Mannheim zu früh unterzeichnet zu haben. Denn zwischenzeitlich seien die Preise im Abfallgeschäft weiter gesunken. Es wäre jetzt aber immer noch billiger, die Vertragsstrafe auf sich zu nehmen, aus dem Vertrag mit Mannheim auszusteigen und den Heilbronner Müll in der EVS-Anlage Heilbronn zu verbrennen, als weiterhin treu zum Vertrag mit Mannheim zu stehen. Damit steht der FDP-Landtagsabgeordnete Drautz in Opposition zur Mehrheit des Heilbronner Gemeinderats, zur Mehrheit im Kreistag, gegen die Ansichten der Rathausspitze (ausgenommen OB Manfred Weinmann) und den erklärten Willen des Heilbronner Landrats Klaus Czernuska. Ein mutiger Mann ist unser Richie Drautz schon, vor allem, wenn er jetzt mit seiner kleinen Truppe so wacker gegen den starken Öko-Sturm der anderen politischen Gruppierungen ankämpft. Aber er besitzt ja ein breites Kreuz – und hat keine Angst vor „grünen Thronen“.     

CGH in der Klemme?
Der Vorgang ist beim Heilbronner Amtsgericht unter dem Aktenzeichen 4 N 10/98 abgelegt. Er betrifft das Konkursverfahren der Firma P und P in der Südstraße Heilbronns, ein Seat-Autohaus, das den beiden Geschäftsleuten Dieter Popp und Horst Pringshauf gehört. Dieter Popp hatte das Konkursverfahren am 15. Januar 1998  beantragt – wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit. Laut Sequester könnte nach einer ersten Übersicht nach Eröffnung des Konkursverfahrens und Bezahlung aller Forderungen ein Schuldenstand von rund 200.000 Mark übrigbleiben. Rückständige Lohnzahlungen existieren nicht, da es keine Angestellten im Autohaus mehr gab. Wegen Betriebsaufgabe und Krankheit ist das Autohaus – laut Schild an der Tür – derzeit geschlossen. – Ein alltäglicher Vorgang in der Wirtschaft unseres Landes. Aber dieser Vorgang ist für das Unterland reichlich brisant. Denn Dieter Popp ist der Präsident der Carnevalgesellschaft Heilbronn CGH. Und die Faschingskampagne läuft derzeit auf Hochtouren. Jetzt soll Schaden vom Heilbronner Carnevalsclub abgewendet werden. Der CGH soll nicht noch zusätzlich unter Imageproblemen leiden. Vizepräsident Frieder Weber (früher Harmonie-Wirt und Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes) ist der Vizepräsident der CGH – und könnte locker die Zeit bis zum Aschermittwoch als oberster CGH-Repräsentant bewältigen. Inwieweit nun das Konkursverfahren der Firma P und P auch die Carnevalgesellschaft Heilbronn betrifft, ob Forderungen an die CGH erhoben werden können, darüber kann laut Sequestor bisher nichts gesagt werden. Vorstandsmitglieder des Carnevalclubs Heilbronn erwarten den Rücktritt ihres amtierenden Präsidenten noch in dieser Woche. Die Saison werde danach wie geplant über die Bühne gehen. Das Konkursverfahren und der erwartete Rücktritt schmälern jedoch die Verdienste, die sich Dieter Popp um den CGH gemacht hat, nicht im Geringsten. Vielleicht wäre in seinem Fall sogar weniger CGH mehr für ihn persönlich gewesen – hätte er die Schwerpunkte seiner Arbeit richtig verteilt.       

Rußlanddeutsche
Der Mord an der Heilbronner Taxifahrerin in Hohenlohe durch einen jungen Rußlanddeutschen hat Zorn in der Bevölkerung aufkommen lassen. Wo bleiben die Lichterketten für die unschuldige Frau, die wegen ein paar Mark bestialisch in einem Waldstück erschlagen wurde, fragte jemand in einem Fax an die Neckar-Express-Redaktion. Andere fragen sich besorgt, wie es weitergehen soll – mit all den Überfällen durch junge Rußlanddeutsche, den Mafia-Strukturen, die aus dem neuen Rußland nach Deutschland exportiert werden. Beschwichtigen, herunterspielen, bagatellisieren, das dürfte wohl der dümmste Ansatz sein, um den Gefahren zu begegnen. Erklären kann man in diesem Zusammenhang viel. Die Rußlanddeutschen sind seit 1917 Verfolgungen und  Terror ausgesetzt gewesen. Ein Siebzehnjähriger von damals ist heute 98 – seine Kinder, Enkel und Urenkel sind unter einem Regime aufgewachsen und erzogen worden, das weder Recht noch Gesetz achtete, das die Menschenrechte, die Achtung vor dem anderen, Toleranz mit Füßen trat. Überleben – wie auch immer – lautete unter diesem Mörder-Regime für die meisten Menschen die Devise. Herausgekommen ist dabei vielfach das, was wir heute anschauen können: Menschen ohne Würde, ohne Selbstvertrauen, ohne Achtung vor dem anderen, ohne Vertrauen in Gesetz und Recht. Die meisten bürgerlichen Werte wurden in den kommunistischen Terrorstaaten vernichtet. In wenigen Jahren ist nicht nachzuholen, was die Kommunisten diesen Menschen antaten, sind die Werte nicht wiederaufzubauen, die von einer allesbeherrschenden Partei radikal zerstört wurden. Wer heute die Entwurzelung, die Kriminalität einzelner junger Rußlanddeutscher beklagt, der klagt damit auch den inhumanen Kommunismus an. Wir werden uns also noch lange mit den Trümmern des Sowjetkommunismus in Europa auseinanderzusetzen haben. 

Bundestagswahl
Ende September ist es soweit: Wir Bürger dürfen einen neuen Bundestag wählen. Vorher muß aber noch in Bayern, in Niedersachen und in Sachsen-Anhalt jeweils ein neuer Landtag gewählt werden. Die wichtigste Wahl im Vorfeld der Bundestagswahl dürfte die  in Niedersachen sein. Meint die SPD. Denn dort wird entschieden, so verkünden die Schröder-Anhänger, ob der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten Gerhard Schröder oder Oskar Lafontaine heißen wird. Zwei Prozent weniger als bei der letzten Wahl in Niedersachsen, dann will der Mann aus dem Norden nicht für die SPD als Konkurrent der Sozialdemokraten gegen Helmut Kohl antreten. Oskar, der „Napoleon aus dem Saarland“, daselbst Ministerpräsident und in Bonn SPD-Vorsitzender, wird nach einer solchen Entscheidung seinen Hut in den Ring werfen. Irgendwann im März oder April soll es soweit sein. Und bis dahin kann sich Helmut Kohl genüßlich zurücklehnen und sein politisches Süpplein kochen. Allerdings macht ihm die Strategie des Oskar Lafontaine zunehmend zu schaffen. Der setzt nämlich auf Einigkeit in der SPD, wie nervös Herr Schröder aus Niedersachen auch werden mag. Und klar ist auch: Die bürgerlichen Wähler, die Sozis eh nicht wählen werden, mögen Gerhard Schröder. Jene aber, die zur Sozialdemokratie neigen, wollen den Kämpfer Oskar Lafontaine an der Spitze sehen. Er verbreitet das Klima, das sich aus der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Solidarität und Ökologie zusammenbraut. Und er kann mit den Grünen, dem wahrscheinlichen Koalitionspartner der Sozialdemokraten, besser geschirren als das Nordlicht. Alles läuft also auf einen Richtungswahlkampf hinaus. Und Helmut Kohl ist schon so lange im Amt, daß selbst Konservative und Liberale seiner reichlich überdrüssig sind und einen Wechsel herbeisehnen.      

Skandal Nummer drei
Erst waren es die 5,7 Millionen, die dank fingierter Rechnungen von Kriminellen aus dem Heilbronner Rathaus abgezogen wurden. Ihr Mittelsmann im Rathaus wurde vor Gericht gestellt und verurteilt. Unfaßbare Schlamperei wurde von verschiedenen Seiten – vor allem von den Richtern und der Staatsanwaltschaft – dem Heilbronner Rathaus attestiert. Mit Entsetzen habe man diesen „Heilbronner Rathausskandal“ durchlebt, meint der OB heute. Ursache sei die kriminelle Energie eines Einzelnen und „die unvertretbare Schlamperei von zwei Vorgesetzten“ gewesen. Und vor wenigen Wochen nun zum „Ärger und Verdruß“ aller Verantwortlichen im Rathaus und des Gemeinderats die Fehlbuchung im Krankenhaus. 140.000 statt 140 Mark wurden an eine Firma im Landkreis überweisen, die in der Zwischenzeit pleite ging. Der OB: „Ein durchaus streng zu ahndender Einzelfall.“ Sicherlich wird niemand wegen dieser beiden Fälle alle 5.300 Mitarbeiter des „Konzern Stadt Heilbronn“ pauschal vorverurteilen. Aber jetzt – nach dem dritten Skandal binnen kürzester Zeit im Heilbronner Rathaus, muß sich der Bürger ernsthaft fragen: Was läuft dort so fürchterlich falsch? Ist die Verwaltungsreform steckengeblieben? Mangelt es an der Einhaltung der Überprüfungsvorschriften? Hat man zu lange unqualifizierte Mitarbeiter in verantwortungsvollen Posten gehalten? Ist es wirklich nur der einzelne Täter, der schamlos seine „Freiheiten“ ausnutzt, um sich zu bereichern oder schlampig (trotz mehrfacher Kontrolle) Fehler übersieht? Oder ist das ganze Heilbronner Rathaus so verkrustet, daß erst jetzt, nachdem die neuen Kontrollen zu wirken beginnen, das ganze Ausmaß der Schlamperei in der Verwaltung sichtbar wird. Warum hat man so lange gezögert, den neuen Fall bekanntzugeben, wenn intern schon lange die Verantwortlichen über die seltsamen Vorgänge unterrichtet waren? Die Fragen der Gemeinderäte und in der Bevölkerung türmen sich jetzt – und die Verwaltungsspitze muß antworten, Klarheiten schaffen. Möglichst schnell. Denn je mehr Zeit verstreicht, desto mehr wachsen sich die Unregelmäßigkeiten zu einem Skandal der gesamten Rathausspitze aus.    

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