Sonntag, 23. März 2014

Kiliansmännle, 01.04.1998



Heute ist 1. April
Es ist mal wieder soweit. Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher necken sich heute – am 1. April 1998 – mal wieder. Schicken sich in den unvermeidlichen April. Sprich: Es werden Sprüche geklopft, die so nie stimmen und gestimmt haben; es werden Behauptungen aufgestellt, die samt und sonders falsch sind. Zum Beispiel: Bundeskanzler Helmut Kohl ist heute Morgen zurückgetreten und hat seinen erklärten Kronprinzen Wolfgang Schäuble als neuen Kanzler der liberal-konservativen Regierung vorgeschlagen. Oder: Der SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder hat sich von seiner Frau Doris Köpf getrennt – und will als Junggeselle ins Kanzleramt nach dem 27. September einziehen. Oder: Heilbronns Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann will aus Sparsamkeitsgründen zurücktreten, damit am Tag der Bundestagswahl im September auch OB-Wahlen für Heilbronn (und nicht erst 1999 im Herbst) stattfinden können. April-Scherze, die unser Leben erheitern? Ein anderer wäre: Der Bundesrat in Bonn hat der Steuerreform zugestimmt, damit in Deutschland noch vor der Bundestagwahl die Wirtschaft ordentlich zulegen kann – um Arbeitsplätze zu schaffen. Oder in Baden-Württemberg: FDP-Wirtschaftsminister Dr. Walter Döring ist zurückgetreten, weil seine Fraktion ihm in Sachen Deyle-Kredit die Gefolgschaft versagt hat. Oder: Die Grünen wollen die Kraftfahrzeugsteuer abschaffen und erreichen, daß der Anteil der Steuer am Benzinpreis nie mehr als 50 Prozent beträgt. Übrigens: eine gute Nachricht für Heilbronn! Die beiden Brückenköpfe an der Friedrich-Ebert-Brücke des Künstlers Franz Bernhard werden auf Beschluß des Heilbronner Gemeinderates abgebaut. Der Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth hat sie gekauft und seiner Heimatstadt geschenkt. Sie sollen dort an der Kocherbrücke aufgestellt werden. In Heilbronn sollen stattdessen vom Künstler Dieter Läpple, der schon das Käthchen geschaffen hatte, vier Skulpturen aufgestellt werden, die was darstellen: Götz von Berlichingen, das Käthchen, Robert Mayer und Theodor Heuss. Damit keine Lücke entsteht!

25 Jahre Rundfunk
Das Regionalstudio des Süddeutschen Rundfunks in Heilbronn feiert in diesen Tagen seinen 25sten Geburtstag. Was mit dem Studioleiter Werner Kieser vor einem Vierteljahrhundert mit der regionalen Zulieferung zu den drei Hörfunkprogrammen des Südfunks in der Allee 40 begann, hat sich mit den Jahren zu einem Regionalprogramm namens Frankenradio  auf der Schiene S4 Baden-Württemberg gemausert. Hinzu gekommen ist die Fernsehberichterstattung mit einem Korrespondenten vor Ort. Geblieben ist darüber hinaus die Belieferung des SDR-Hörfunks sowie der ARD-Anstalten mit Berichten zu national interessierenden Themen aus der Region Franken. Lutz Wagner, der SDR-Studioleiter in Heilbronn (siehe auch das Neckar-Express-Interview Nachgefragt auf Seite 13) bewältigt mit einer Mannschaft von 28 Mitarbeitern die gestellten Aufgaben. Aber nichts bleibt wie es ist. Der Süddeutsche Rundfunk wird im Oktober im neuen Südwestrundfunk SWR verschwinden, der dann zweitgrößten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in Deutschland. Im künftigen ersten SWR-Hörfunkprogramm wird dann einiges anders: dort werden die melodiösen Musikstücke, Top-Oldies, sanfter Rock, aber keine deutschen Schlager mehr ausgestrahlt. Im vierten Hörfunkprogramm tauchen die deutschen Schlager dann wieder auf, neben der schon vorhandenen Volksmusik. Für den neuen SWR-Intendanten Peter Voß zählt vor allem Professionalität – auch im Hörfunk. Die Zeit des betulichen Volkhochschulradios, wie sie vor allem beim zweiten Hörfunkprogramm bisher oft gepflegt wurde, dürfte damit zu Ende sein. Lebenshilfe und Orientierung bleiben das Motto vor, aber ohne Bevormundung. Allerdings auch nicht sauertöpfisch, oberlehrerhaft oder bierernst. Damit will man den Privaten bei ihrem Emotionalisieren, Banalisieren, Personalisieren und Drücken auf die Tränendrüsen etwas Seriöses, eben Öffentlich-Rechtliches entgegensetzen. „Gnadenlos sachlich“ soll die Berichterstattung sein. Eingebunden in ein Konzept der Nähe. Betroffenheitsjournalismus habe da keinen Platz. Das sind wirklich neue Töne im Südwesten. Wir werden hören und sehen, was dabei im Oktober 1998 herauskommt. Wir schlichten Menschen, die einfach nur Rundfunkgebühren zahlen und ansonsten wenig zu sagen haben. Vielleicht kommt ja mal die Zeit, daß wir Gebührenzahler Aktionäre – oder einfach an der Wahl der Rundfunk-Gremien beteiligt werden.   

Rechter Jugendtrend?
In der deutschen Bundeswehr nehmen die rechtsradikalen Auffälligkeiten zu. Und selbst unter Zivildienstleistenden, die ja gemeinhin als der Hort der Linken angesehen werden, mehren sich die Berichte über rechtsradikale Umtriebe. Die Landtagswahlen in Niedersachsen haben es an den Tag gebracht. Trotz des grandiosen SPD-Sieg von rund 48 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von rund 75 Prozent haben bei den Jugendlichen bis 20 Jahren rund zehn Prozent Republikaner gewählt. Bei den jungen Menschen bis zu 25 Jahren sogar noch sieben Prozent. Die Frage lautet nun: Wie wird sich bei einer höheren Wahlbeteiligung bei der nächsten Bundestagswahl dieser Jugend-Trend auswirken. In Baden-Württemberg haben wir ja unsere Erfahrungen mit Republikaner-Anteilen von zehn Prozent. Und in den Wahlkreisen Heilbronn, Eppingen und Neckarsulm (bei der Landtagswahl) haben die Reps ordentlich was in die Scheuer gefahren. In Niedersachsen nun hatten die Rechten bei den mittelalterlichen und älteren Wählern ordentlich Federn lassen müssen, offenbar aber nicht bei den Erst- und Jungwählern. Wer im Westen Reps wählt, der wird im Osten Deutschlands entweder Reps oder PDS wählen, meinen Wahlforscher. Und das kann bei der Bundestagswahl noch zu erheblichen Verwerfungen führen. Denn Deutschland ist nicht Niedersachsen, der Teil immer noch nicht das Ganze. Und der Durchmarsch der Schröder-SPD in Niedersachsen ist noch keine Garantie für den 27. September. Provokation der Jugend in Schule und Gesellschaft, die ist heutzutage nicht mehr links-, sondern rechtsgestrickt. Somit ist dieser Rechtstrend nicht nur ein beunruhigendes Zeichen. Ich meine vielmehr, es ist ein Zeichen von stinknormaler Demokratie, in der die unterschiedlichsten Strömungen zutage treten. Es wäre ja auch schlimm, wenn Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarn ein Musterknabe der Saubermann-Demokratie wäre. Es würde uns ohnehin niemand abnehmen – bei der Vergangenheit. Die Berliner Republik wird mehr so sein wie die anderen Demokratien in Europa, äußerst vielfältig und bunt, mit einer breiten Mitte und starken Rändern. Und die Bedeutung der Parteien wird abnehmen zugunsten von mehr oder weniger charismatischen Politikern an der Spitze. Und hoffentlich regiert dann keiner von denen mehr 20 (Rau) oder 16 Jahre (Kohl) lang am Stück. Das ist nicht gerade demokratie-freundlich.

Rechts und Links
Auf dem Kiliansplatz in Heilbronn standen sie sich haßerfüllt gegenüber. Die Rechten von der NPD und die linken Gegendemonstranten. Massenhaft Polizei mußte die beiden Gruppierungen voreinander schützen. Das erinnert an unselige Zeiten in Deutschland. Wir hatten das schon einmal. Die Linken und die Rechten, die die Weimarer Republik zerstören wollten. Und es ja auch geschafft haben. Mit der Folge, daß wir in Deutschland von 1933 bis 1989 zwei Diktaturen hatten. Demokraten von CSU bis Grüne müssen heute zusammenstehen, um  sich jenen zu erwehren – seien sie nun jung oder alt – , die den Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland zerstören wollen. Aber unsere Demoraten im Westen sind seit dem Zusammenbruch des Ostblocks teilweise recht leichtsinnig geworden. In Frankreich lassen sich Bürgerliche von Rechtsextremen unterstützen, in Deutschland (Ost) lassen sich Sozialdemokraten von Linksextremisten an der Landesregierung halten. Und Extreme nisten sich an den Rändern demokratischer Parteien ein, um dort mit verdeckten Karten die Politik langsam in ihre Richtung zu treiben. Rechts- und Linksextreme haben in unseren Parteien nichts verloren. Aber sie auszuschließen ist die Aufgabe der Parteien, gehört zum normalen, demokratischen Selbstreinigungsprozeß. Wir Bürger müssen bloß höllisch aufpassen, wenn Wölfe im Schafspelz daherkommen. Im Osten Deutschlands ist die Saat der Totalitären ja schon teilweise aufgegangen. Von den Jungen Pionieren und der FDJ bis hin zu den Rechtsradikalen. Das einfache Weltbild ist ähnlich – nach dem Motto Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Wenn unsere Hauptstadt Berlin dann bezogen ist, werden unsere Politiker hautnah erleben, was das Erbe des diktatorischen SED-Regimes in Deutschland sein kann. Verständlich, daß viele Botschaften, vor allem aus der dritten Welt, mit sehr gemischten Gefühlen ihren Umzug vom Rhein an die Spree vorbereiten.

Kröten schlucken
Gerhard Schröder als Außenpolitiker in Israel, als Landesvater auf der Cebit in Hannover, als Wahlkämpfer in Sachsen-Anhalt – die deutschen Gazetten sind entzückt und stellen seit der Kür des SPD-Kanzlerkandidaten Bewegung in der Politik fest. Bewegt hat sich gar nichts – weder bei den Steuern, noch bei der Abgabenlast, noch bei den Arbeitsplätzen oder bei den Investitionen. Stimmung macht sich breit, Stimmung für einen Wechsel in Bonn. Die Börse schert sich nicht drum, die deutsche Wirtschaft auch nicht – die Gewerkschaften schon überhaupt nicht. Alle wissen, daß sich nach einer neuen Regierung in Bonn nicht viel ändern wird. Die neuen Minister und ihr Kanzler haben auch nicht mehr Geld zur Verfügung als jetzt. Im Gegenteil. Und deshalb verkündet Gerhard Schröder jetzt auch schon klug: Zunächst einmal wird es unter seiner Kanzlerschaft einen Kassensturz geben. Zu verteilen gäbe es nichts. Und seine Genossinnen und Genossen in der Sozialdemokratie schweigen fein still. In Nordrhein-Westfalen wurde die Rechnung aus alten Zeiten schon beglichen. Johannes Rau muß nach 20 Jahren als Regierungschef gehen, der Schröder-Freund Wolfgang Clement tritt an. Und die Rau einst versprochene SPD-Kandidatur für die Bundespräsidentenwahl ist nicht erneuert worden. Im Gegenteil: Aus der SPD-Zentrale in Bonn ist zu vernehmen, daß jetzt mal eine Frau dran sei – zum Beispiel Jutta Limbach, die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe. Wie  schon oft an dieser Stelle gesagt: Die Sozialdemokraten müssen bis zum 27. September noch viele Schröder-Kröten schlucken. Es gibt aber auch muntere Beobachter bei uns im  Lande, die der Ansicht sind, nicht Schröder, Lafontaine, Kohl oder Schäuble werden die Umgestaltung des Landes voranbringen – sondern nach der Wahl im September ’98 wird sich zeigen, wer die politischen Konzepte machtvoll vertreten kann, damit Deutschland und seine Wirtschaft aus der Unbeweglichkeit und der Talsohle herauskommen. Es wird auf jeden Fall ein munteres Politik-Erlebnis für uns alle werden. Der Wahlkampf bis zum 27. September 1998 und die Zeit danach, wenn wieder Politik gemacht werden muß. Ob nun mit oder ohne Helmut Kohl, mit oder ohne Gerhard Schröder.  

Es grünt so grün
Wir sind alle Opfer des Systems, vor allem wir kleinen Leute. Dabei könnten wir es doch so schön haben, würden wir den Versprechen und Lehren der grünen Politiker folgen. Aber das große Kapital hat uns eingelullt, die Atomindustrie, die Medien, die Altparteien. Und so sind nicht nur wir die Opfer, sondern auch unsere grünen Vordenker, die jetzt ganz heftig in die Krise geraten sind. Sind sie nun auch die Opfer des Systems, der ungelehrigen Wähler, der Medien – all jener, die sich einfach nicht dem schönen grünen Weltbild unterordnen wollen? Was ist denn auch schon so schlimm daran, wenn wir demnächst fünf Mark für den Liter Benzin zahlen? Dann sind wenigstens die Straßen übersichtlich, die Industrie gezwungen das Drei-Liter-Auto zu bauen. Wir alle müßten neue und sparsame Autos kaufen, wenn überhaupt. Das Fahrradfahren würde wieder mehr im Mittelpunkt stehen. Auch das trägt zur Volksgesundheit bei. Flugbenzin müßte auch teurer werden. Wozu auch alle Jahre nach Mallorca oder Ibiza? Es langt auch, wenn der Normalbürger alle fünf Jahre eine Fernreise macht. Auch in deutschen Landen läßt sich gut urlauben. Auf Balkonien oder Terrassien – oder im bayrischen Wald, an der Nord- oder Ostsee. Ist damit die linke Avantgarde der Alt-68er der Grünen schon das Spießertum der 90er? Nur weil sie heute der Mehrheit der Bevölkerung ständig erklärt „Das tut man nicht!“, wie weiland ihre Eltern es mit ihnen taten? Damals, als jeder Langhaarige ein Gammler war. So ist dann halt heute jeder junge Anzugträger ein „Yuppieschwein“, oder jeder junge Glatzenträger ein Neonazi. Oder junge Polizisten sind dann eben „Wichser“, wenn sie Blockierer von den Bahngleisen wegtragen. Unsere Gutmenschen wissen eben, wo es langgeht. Ob bei der Atomindustrie, den Urlaubswünschen der Deutschen, was wir vom Automobil erwarten, vom Rauschgiftkonsum, wie wir wohnen, essen, heizen, usw. Erst wenn wir all das in der richtigen Reihenfolge und überprüfbar befolgen, sind wir wahrhaft moderne Menschen, die unsere Umwelt schonen und die Welt glücklicher machen. Das ist die wahre Freiheit. Denn ohne Fleiß kein Preis.

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