Dienstag, 25. März 2014

Kiliansmännle, 21.10.1998



Stinky und Co.
Wenn unsere Hundehalter auf die Straße in der Stadt ihren geliebten Vierbeiner Gassi führen – und der kleine, mittlere oder große Kläffer macht dann ein Häufchen oder ein Bächlein, ja dann – dann sind unsere deutschen Ordnungshüter schnell bei der Sache. Sofern sie in der Nähe sind. Und der böse, umweltverschmutzende Hundehalter bekommt eine empfindliche Geldstrafe aufgebrummt. So weit, so ordentlich – so gut. Aber unsere wachsamen Ordnungshüter können nicht überall sein. Die meisten Wauwaus werden nämlich am frühen Morgen und am späten Abend Gassi geführt. In der Frühe gilt es Büroarbeiten zu erledigen – und am Abend haben unsere Damen und Herren Aufpasser schon längst ihre Blöcke eingepackt und genießen ihren wohlverdienten Feierabend. Also liegt der stinkende Hundedreck sorglos herum, verpestet die Luft und wird nach der Trocknung vom Wind durch die Gegend geweht. Alles, was in diesem Staub an Krankheitskeimen vorhanden ist, das kann den braven Bürgern auf die Haut kommen – und durch die Nase. Mediziner warnen vor den Gefahren dieses Hundekot-Staubs. Aber es gibt ja Auswege. Einerseits die vielen Grünflächen in Heilbronn, in denen der tierische Lebensbegleiter seine Notdurft verrichten kann. Und andererseits rund um Heilbronn die vielen Spazierwege in den Wäldern. Vor allem die schönen Trimm-Dich-Pfade. Da gibt es bequem anzusteuernde Parkplätze. Waldi ist mit einem Hopser mitten in der guten und frischen Natur. Und an den Wegrändern hat es genügend Möglichkeiten für den Hund, seinen Kot artgerecht zu verscharren. Unter Laub oder lockerer Erde. Das stinkt dann gelegentlich recht ordentlich zum Himmel, vor allem wenn der Regen diese Kothügel durchnäßt  – und später in der dämpfigen Herbstwitterung übelriechende Schwaden aus dem Boden in die Nasen der Spaziergänger steigen. Hunde sind halt auch nur Lebewesen. Ordnungshüter kreuzen auch hier im Wald selten den Weg der spazierfreudigen und Hundesteuer-zahlenden Mitmenschen, die ja lediglich den natürlichen Bedürfnissen ihrer armen Viecher Rechnung tragen. Und so ist alles wieder im Lot. Nur manche hundelosen Spaziergänger oder Freizeitsportler werden im Winter, Herbst oder Frühjahr den getrockneten Kot der lieben Vierbeiner bei heftigem Wind einatmen dürfen. Und die Tiere des Waldes natürlich. All die sind ja abgehärtet. Ist dieser Hundedreck nun ein Problem? – Wer bellt denn da?

IHK-Repräsentation
Gleich nach der Bundestagwahl, am Dienstag, 29. September 1998, veranstaltete die Industrie- und Handelskammer Heilbronn ihren diesjährigen Gästeabend für alle wichtigen Menschen aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik aus der Region in der Heilbronner Harmonie. Hans Peter Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages DIHT, Präsident der Industrie- und Handelskammer Stuttgart und Waiblinger Unternehmer, hielt den Festvortrag. Dabei setzte er Marken in seiner Rede, die unseren Regionalpolitikern nicht sonderbar schmeckten. Sie wollen halt nicht die Entwicklungen in der Region um Stuttgart auf Heilbronn und die Region Franken übertragen wissen. Auch Stihls Analyse des Wahlausgangs war den Unternehmern aus der Region ein wenig zu flach geraten. Andererseits verständlich – denn der DIHT-Präsident wollte es sich ja nicht gleich mit der neuen Regierung verderben. Am Rande des Gästeabends spielte sich ein kleiner Skandal ab. Hatte doch der IHK-Hauptgeschäftsführer Heinrich Metzger in seiner Rede davon gesprochen, daß der neue Heilbronner IHK-Präsident Günter Steffen sich nicht nur wie sein Vorgänger Otto Christ mit der Repräsentation begnüge. Reaktion: Kopfschütteln bei Teilen des Publikums. Im Redemanuskript Metzgers war eindeutig nachzulesen, daß der IHK-Hauptgeschäftsführer beide Präsidenten lobte, auch Christ, der sich wie sein Nachfolger Steffen, nicht nur mit der Repräsentation begnügt hätte. Aber das Kind war nun schon in den Brunnen gefallen. Otto Christ hatte schimpfend den Harmonie-Saal verlassen. „Ich lasse mich doch nicht beleidigen“, lauteten seine Abschiedsworte. Da half auch alles Entschuldigen nichts mehr. Der frühere IHK-Präsident ist beleidigt. Vor wenigen Tagen (17. Oktober) feierte er seinen siebzigsten Geburtstag – fernab der Unterländer Heimat. Einige sagen, in seinem Ferienhaus am Bodensee. Andere sagen, er befinde sich auf einer Schiffsreise. Die Industrie- und Handelskammer gratulierte ihrem früheren Präsidenten mit Grußkarte und Geschenk. Aber offizielle Feierlichkeiten gab es aus diesem Anlaß keine. Ich meine, den Versprecher des IHK-Hauptgeschäftsführers Heinrich Metzger sollte Otto Christ einfach vergeben und vergessen. Sonst wabern die seltsamen Gerüchte um die IHK weiter – und schaden nur der Institution.                         

Teufels Aufbruch
Die Vorzeichen sind schlecht. Im Bund befindet sich die Union nach der Niederlage am 27. September in einer tiefen Krise. In Freiburg hat am Sonntag der SPD-OB-Kandidat Rolf Böhme im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit geholt und wird seine 16jährige Amtszeit fortsetzen. In Heidelberg hat die OB-Kandidatin Beate Weber beste Chancen, den zweiten Wahlgang für sich zu entscheiden. In Stuttgart ist dagegen der CDU-Verkehrs- und Umweltminister Hermann Schaufler (51) durch Affären so in die Enge geraten, daß er seinen Rücktritt vom Amt erklärte. Und als sich daraufhin eine Regierungsumbildung andeutete, warf auch CDU-Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder (65) seinen Hut in den Ring. Erwin Teufel, der baden-württembergische CDU-Ministerpräsident, muß sich jetzt eine Mannschaft  zusammensuchen, die für die Zukunft des Landes und seiner Partei Zeichen setzt. Bei der letzten Kabinettsbildung hatte Teufel seiner Fraktion einiges zugemutet. Und hatte danach bei der Wahl zum Ministerpräsidenten auch gleich einen Denkzettel verpaßt bekommen. Er war im ersten Wahlgang schlicht durchgefallen. Die großen Verluste der Union bei der Bundestagswahl im Ländle erschweren seine Suche nach geeigneten Kandidaten dazu noch. Diesmal wird der potentielle Teufel-Nachfolger, der CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag Günther Oettinger, in die Entscheidungsfindung eingebunden. Abschußkandidaten im derzeitigen CDU/FDP-Kabinett Teufel/Döring sind Sozialminister Erwin Vetter (61), Wissenschaftsminister Klaus von Trotha (60) und die Landwirtschaftsministerin Gerdi Staiblin. Ob in diesen Strudel auch die Heilbronner CDU-Landtagsabgeordnete Johanna Lichy mit hineingerissen wird, die als Staatssekretärin bei Erwin Vetter amtiert, wird derzeit in den Stuttgarter Parlamentsfluren und Redaktionen diskutiert. Darüberhinaus fragen sich viele Beobachter, wer aus der demnächst abgelösten Bundesregierung ins Stuttgarter Teufel-Kabinett kommt. Da werden schließlich einige Könner und Kenner der Politik quasi arbeitslos – sowohl Minister als auch Staatssekretäre. Aber Erwin Teufel will sein Kabinett verjüngen, eine Mannschaft bilden, die in der nächsten Landtagswahl für die CDU repräsentativ ist. In der Union ist derzeit nichts mehr wie vor dem 27. September 1998. Die alte Garde muß abtreten. Da wird es noch Überraschungen geben, mit denen derzeit kaum ein Politiker oder Beobachter rechnet. Außerdem haben Veränderungen in der Union heute nicht mehr den Stellenwert wie einst. Wer von der Macht weg ist, spielt in der Öffentlichkeit nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Union hat also die Chance, sich von Grund auf zu erneuern. Auch personell. Und wer weiß – vielleicht haben wir in Baden-Württemberg bald einen neuen Ministerpräsidenten? Günther H. Oettinger könnte er heißen. Alles ist derzeit möglich.                            

Es kracht im Gebälk
Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Auch bei den Sozialdemokraten, die sich anschicken, die ganze Republik zu beherrschen. Mit Jost Stollmann (43), dem jungen und schwerreichen Unternehmer, hatte sich Kanzlerkandidat Gerhard Schröder einen Mann für die Wirtschaft ins Schattenkabinett geholt, der eine neue Mitte in der Wählerschaft ansprechen sollte. Das hat Stollmann getan. Aber nach der Wahl wußte jeder, der sich mit Politik beschäftigt, daß dieser Mann dem mächtigen Saar-Napoleon Oskar Lafontaine nicht genehm ist. Der SPD-Bundesvorsitzende, im neuen Kabinett Schröder/Fischer Finanzminister, will sein neues Ministerium so zugeschnitten haben wie jenes des Schatzkanzlers in Großbritannien. Und Lafontaine hat den alten Machtgrundsatz beherzigt: Grausamkeiten müssen am Anfang gemacht werden. Und darum beglich er zunächst alte Rechnungen mit Rudolf Scharping, den er nicht als Vorsitzender einer Regierungsfraktion SPD neben sich dulden wollte. Scharping spielte mit – und war von Beginn an der Verlierer.  Sprich er mußte Verteidigungsminister werden. Der nächste, auf den Oskar seine Flinte angelegt hatte, war der Schröder-Intimus Jost Stollmann. Dessen Wirtschaftsministerium ließ er so beschneiden, daß dem Unternehmer nur noch der Rückzug blieb, wenn er sein Gesicht nicht verlieren wollte. Jetzt fragen sich viele in Bonn: Wer ist der nächste? Etwa Gerhard Schröder? Zumindest ist der Machtkampf zwischen den beiden starken Männern in der SPD damit vorprogrammiert. Die Fragen lauten also: Wer darf unter Oskar Lafontaine Kanzler sein – oder wann setzt Gerhard Schröder zum Befreiungsschlag an. Denn was bisher an Koalitionsvereinbarungen zwischen Rot und Grün beschlossen wurde, das ist wahrlich nicht der große Wurf. Obwohl die rotgrüne Koalition nicht einen Bremsklotz Bundesrat hat (wie die Regierung Kohl/Kinkel), brachte sie nicht den Mut auf, eine wirklich neue Politik auf den Weg zu bringen. Sie verteilt ein wenig um, belastet die Bürger in der Mehrheit noch stärker mit Abgaben und Steuern – und überläßt es der Zukunft, was aus all den komischen Plänen werden wird. Aber Regieren ist auch ein Lernprozeß. Die Bürger entscheiden sich erst dann, wenn sie die Belastungen hart am eigenen Leibe verspüren. Über Pläne denken nur Politikinteressierte nach. Deren Protest ist Rotgrün momentan völlig wurscht. Erst wenn eine Landtagswahl haushoch verlorengeht, dann wird neu nachgedacht. Wie im richtigen Leben. Also warten wir ab, was aus Plänen, Träumen und Vereinbarungen wird. Aus den Blüten des Frühlings, den Früchten des Sommers – wird im Herbst Marmelade gemacht. So auch in der Politik.  

Stadtbahn Heilbronn
Die Schienen sind in der Kaiserstraße gelegt. Demnächst auch auf der Friedrich-Ebert-Brücke und in der Bahnhofstraße. Und dann kann sie kommen – die vielgelobte und -umstrittene Stadtbahn. Geld wird sie kosten. Sehr viel Geld. Und ob der Bund seine Zuschuß-Zusagen einhalten kann, das hängt ganz von der finanziellen Lage ab. Bei den Milliarden-Löchern, die rotgrüne Experten derzeit im Bundeshaushalt aufstöbern, ist alles möglich. Aber das ficht uns in Heilbronn ja nicht an. Wir setzen auf eine rosarote Zukunft. Schließlich baut Rotgrün in Bonn ja auf den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs – und auf die Zurückdrängung des stinkenden Automobils aus den Innenstädten. Die Stadtbahn ist da ein ehernes Zeichen für die Zukunft. Allerdings sind es Träume von Politikern, die sich im Auto mit Chauffeur durch die Gegend fahren lassen, daß der Normalbürger bei seinem Wocheneinkauf sich per Stadtbahn in die Innenstadt Heilbronns begeben wird, die vollbepackten Tüten und Taschen durch die Gegend schleppt, um dann mit der Stadtbahn wieder nach Hause zu fahren. Wochen-Großeinkäufe werden heute schon in den Einkaufszentren auf der grünen Wiese getätigt. Und wer sich Waren zulegt, wie zum Beispiel sperrige Elektrogeräte, der wird diese auch nicht mit der Stadtbahn transportieren. Für wen also wird die Stadtbahn sinnvoll sein? Für jene Leute, die in die Stadt zu ihrem Arbeitsplatz fahren? Für jene, die Kleidungsstücke einkaufen, die leicht in großen Plastiktüten zu transportieren sind? Für jene, die sich mit ihren Bekannten oder Freunden zum Kaffee in der City verabreden wollen, die ins Theater, ins Konzert, ins Kino oder zu irgendeiner anderen Veranstaltung fahren? Ist der Bedarf für eine Stadtbahn wirklich vorhanden? Und rechtfertigen die Kosten den Aufwand und den späteren Nutzen? Die Antworten werden wir erhalten, wenn die Stadtbahn durch die Kaiserstraße Heilbronns fährt. Dann wird aber kaum einer der Politiker, die einst die Entscheidung für die Heilbronner Stadtbahn herbeigeführt hatten, noch im Amte sein – nehme ich mal an. 

Vierter Bürgermeister?
Heilbronn hat vier Bürgermeister und einen Oberbürgermeister. Dr. Manfred Weinmann (CDU) ist OB, Werner Grau (CDU) ist Erster Bürgermeister, Ulrich Frey (SPD) ist Baubürgermeister, Artur Kübler (CDU) ist Ordnungsbürgermeister und Harald Friese (SPD) Kulturbürgermeister.  Eigentlich sind es ja fünf Häuptlinge auf dem Rathaus. Zurzeit allerdings nur vier, weil Harald Friese sein Amt niederlegen mußte, da er über die SPD-Landesliste in Baden-Württemberg in den Bundestag eingezogen ist. Um seine Nachfolge wird derzeit heftig gestritten. Die kleinen Fraktionen im Heilbronner Gemeinderat wollen die vierte Beigeordnetenstelle einsparen. Ihre Politik ist konsequent. Denn sie haben diese Forderung schon im vergangenen Jahr erhoben, als Artur Kübler Nachfolger von Harald Friese und Friese im Tausch Nachfolger von Reiner Casse als Bürgermeister wurde. SPD und CDU hatten das unter sich ausgemacht. Der OB wird vom Volk gewählt. Ansonsten hat die CDU drei, die SPD eine Dezernentenstellen zu besetzen. Die kleinen Fraktionen blieben mit ihren Wünschen außen vor. Weder hatten sie die Chance, einen unabhängigen Kandidaten durchzubringen, noch die Möglichkeit, eine Dezernentenstelle auf dem Heilbronner Rathaus einzusparen. Freie Demokraten, Freie Wähler und Republikaner verweisen auf Beispiele in Ulm, Pforzheim und Heidelberg, wo Bürgermeisterposten eingespart wurden. Die Sozialdemokraten aber wollen auf ihre Sitze in der Dezernentenrunde nicht verzichten. Sie berufen sich auf den Wählerwillen aus der letzten Gemeinderatswahl. Nur – da wurde nicht über die Besetzung von Bürgermeisterposten abgestimmt, sondern über die Zusammensetzung des Heilbronner Gemeinderates. Aber darüberhinaus verweisen die Genossen und Genossinen auf eine Vereinbarung mit der CDU-Fraktion. Nach dieser wurde im letzten Jahr Artur Kübler gewählt – mit den Stimmen der SPD. Jetzt müßten folgerichtig die christdemokratischen Stadträte mit ihren Stimmen Harry Mergel zum Kulturbürgermeister Heilbronns wählen. Und wie es derzeit ausschaut, führt an dieser Prozedur kaum ein Weg vorbei. Außer: die CDU gibt die Abstimmung frei. Dann werden die Karten auf dem Heilbronner Rathaus neu gemischt. Vor allem auch im Hinblick auf die OB-Wahl 1999 in Heilbronn. – Welche Kandidaten-Namen derzeit geflüstert werden? Klaus Czernuska (Heilbronner Landrat) und Jochen Kübler (OB in Öhringen), beide CDU.                                                                                

B.Tv – neuer Sender
Es gibt ihn schon einige Monate. Den neuen privaten Fernsehsender in Ludwigsburg für Württemberg. Offizieller Name: Ballungsraum Televison Württemberg. Oder kurz: B.Tv Württemberg TV Stuttgart GmbH & Co. KG, Grönerstraße 0e 35, 71636 Ludwigsburg, Telefon 07141-4565-500. Geschäftsführer ist Bernd Schumacher. Zu diesem neuen Privatsender gehört auch das B.Tv Baden mit Sitz in Karlsruhe. Als im Sommer dieser Sender über die Kabelnetze eingespeist wurde, rieb sich so mancher Zuschauer verwundert die Augen. Fernsehen wie vor zehn Jahren in Ländern der Dritten Welt. Das waren noch die zartfühlendsten Beschreibungen des Gesehenen. Mangels Masse wurden im Endlos-Band Filmchen abgespielt, die aktuellen Nachrichten-Wert haben sollten. Aber die waren oft schon vier Tage alt. Das hat sich mittlerweile gebessert. Aber an unser schwäbischen Fernsehen vom alten Südfunk kam der neue Sender nicht im Entferntesten heran. Und der war ja auch recht rustikal und provinziell in seiner Berichterstattung. Beim neuen Südwestrundfunk SWR, der Nachfolger von SDR und SWF, hat sich da einiges zum Besseren verändert. Aber B.Tv Württemberg bewahrt uns den Charme der frühen Fernsehjahre. Da gibt es zum Beispiel die altbewährte Talkrunde mit nur einem Gast. Christian Frietsch heißt der Mann, der illustre Gäste abfragt – und jeden Antwortsatz mit einem Mmhmhh oder Ähmmh beantwortet. Das ist dann wie im richtigen Leben. Eben nicht gestylt und nicht auf aktuelles und modernes Fernsehniveau gebracht. Der Mann hat ja auch Erfahrung – als Geschäftsführer vieler Privatradios in Baden-Württemberg, die es nicht mehr gibt. Ob sie nun Victoria, Radio Ton oder Radio Regional geheißen haben. Besonders aufwendig werden Volksmusik-Sendungen mit Andy und Bernd produziert, jene beiden volkstümlichen Sänger, die auch schon jahrelang bei Radio Regional am Sonntagvormittag die Freunde dieser Musikrichtung mit ihren unverwechselbaren Moderationen und Musiktiteln beglückten. Und wie heißen die schönen Sendungen dieses Senders? Sternstunde, BTv-Talk, Wirtschaftsticker, Leben konkret, Frietsch’s TalkRad, BTv Aktuell oder Bernie+Co. Und besonders nett ist es, wenn sich die Macher gegenseitig interviewen. Dann erfährt man wenigsten, wer da wie und warum Fernsehen macht. Aber wer weiß, vielleicht wird aus diesem kleinen Sender mal ein großer? Einer, bei dem richtig Fernsehen gemacht wird. Was nicht ist, kann ja noch werden.

Kiliansmännle, 14.10.1998



Heilbronner Theater-Reise
Das Heilbronner Stadttheater pflegt seit Jahren schon Kontakte zu Israel. Stücke aus dem Staat der Juden werden in Heilbronn gezeigt. Man fährt zu Gastspielen nach Israel und lädt israelische Theatergruppen ein, im Stadttheater Heilbronn aufzutreten. Vor wenigen Tagen, aus Anlaß des 50sten Jahrestages der Gründung des Staates Israel, waren die Heilbronner Theatermacher mit Lessings Nathan in Israel und in den palästinensischen Gebieten. Ein heikles Unterfangen. Denn der politische Konflikt zwischen Juden und Palästinensern ist in eine nahezu ausweglose Lage geraten. Klaus Wagner, der Intendant des Heilbronner Theaters, hatte die Lessing-Parabel inszeniert und spielt auch die Hauptrolle des Nathan. Der uralte, mehr als tausend Jahre andauernde Konflikt zwischen den drei Weltreligionen Islam, Judentum und Christentum – das ist der Ausgangspunkt für Lessings Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit. „Die Deutschen kommen!!! Sie bringen einen Juden als Titelfigur auf die Bühne? Einen Juden als fleischgewordene Menschlichkeit für Palästinenser?“, so wird im Theaterheft Nummer 43 des Stadttheaters Heilbronn  provozierend gefragt. Für den Alltag junger Palästinenser, die in Ghettos großgeworden sind, die täglich herbe Benachteiligungen im Staat Israel oder den Sonderzonen zu spüren bekommen, ist eine solche Figur bestimmt eine Provokation. Aber die werden das Stück nicht gesehen haben. Deutschsprechende Palästinenser und Israelis waren vornehmlich die Gäste beim Theaterabend der Deutschen aus Heilbronn. Im Vorfeld des Gastspiels waren in Palästina und Israel kritische Stimme laut geworden. Klaus Wagner sah sich deshalb veranlaßt, einen offenen Brief an die dortige Presse zu schreiben. Darin heißt es: „Zufällig ist Nathan Jude. Als Lessing, ein Deutscher, das Stück schrieb, lebten die Juden in Deutschland in Ghettos. Sie konnten nie mit Sicherheit davon ausgehen, ihr Haus, ihren Besitz, ihr Leben und ihre Familie auch nur verteidigen zu dürfen. Die Bewohner von Gaza, Ramallah und Nablus beklagen heute das gleiche Schicksal. Das Phänomen war weder auf die Zeit, noch auf die Völker beschränkt. In Amerika wurden schwarze Männer auf der Straße kastriert, weil sie mit einer weißen Frau ausgingen. In Deutschland wurden Juden, Zigeuner, und politisch Bedenkliche ausgebeutet, eingesperrt, gefoltert und vergast. In der Türkei wurden die Armenier ausgerottet und werden Kurden verfolgt. Im ehemaligen Jugoslawien wird vergewaltigt, gevierteilt und gemordet. In Afrika werden ganze Dörfer ausgelöscht. Genutzt hat all das nicht einmal als abschreckendes Beispiel.“ – Und in Heilbronn? Zur Goethe- und Lessingzeit war man stolz darauf, keine Juden in der Stadt zu haben.  Das war einmal – und heute in Heilbronn? Haben wir dazugelernt?

Sonntag in der Stadt
Vierter Verkaufsoffener Sonntag am 11. Oktober 1998 in Heilbronn. Tausende waren unterwegs – trotz miesen Wetters. Für das Heilbronner Amt für Marketing, Information und Tourismus (M.I.T)  wurde mit diesem Sonntag das Weihnachtsgeschäft 1998 eingeläutet. Die Stadt Heilbronn habe damit bewiesen, daß sie eine besondere Bedeutung als zentrale Einkaufs- und Erlebnisstadt der Region habe. Stadtmarketing, so Verkehrsdirektor Bernhard Winkler, existiere eben nicht nur auf dem Papier, sondern sei an diesem Aktionswochenende eindrucksvoll in die Praxis umgesetzt worden. Wen er damit wohl gemeint hat? Wer produziert denn in der Käthchenstadt Stadtmarketing lediglich auf dem Papier? Ich weiß es, Sie wissen es, – wissen es alle? Die vielen Aktionen der Heilbronner Geschäftsinhaber an diesem Sonntag – in Abstimmung mit der Aktionsgemeinschaft Heilbronner Kaufleute und ihrem Vorsitzenden Gottfried Friz – seien voll angenommen worden, meint der Verkehrsdirektor. Recht hat er. Mit Bummeln und Shopping hätten die vielen Besucher die eingeschlagene Strategie von Stadt und Kaufleuten voll bestätigt. Und auch der Termin für das nächste Jahr, den fünften Verkaufsoffenen Sonntag in Verbindung mit dem Jazz-Festival in Heilbronn steht schon fest: 9. und 10. Oktober 1999. Gottseidank ist dann die Fußgängerzone in der Kaiserstraße schon fertig. Und hoffentlich sind dann auch die Fußgängerzonen Sülmer- und Fleiner Straße attraktiv umgebaut? Einen Wermutstropfen jedoch gibt es. In vielen Städten und Gemeinden des Landkreises Heilbronn  werden verkaufsoffene Sonntage abgehalten. Und auch dort strömen Heilbronner hin, die dann nicht mehr im Käthchenstädtchen ihr Geld ausgeben. Konkurrenz belebt das Geschäft. Und so stehen die Gemeinden, die Landkreise, die Regionen in Konkurrenz zueinander. Und jede Mark wird vom Verbraucher nur einmal ausgegeben.

Sozialismus mit Westgeld
Die Bundestagswahl vor wenigen Tagen wurde im Osten entschieden. Beobachter hatten das schon lange vorausgesagt. Die Bürger in den neuen Bundesländern sind weitaus weniger an Parteien gebunden als wir Westler. Und Sie haben den Kanzler der Einheit schlicht abgewählt – damit eine Wende in der deutschen Nachkriegspolitik herbeigeführt, wie es sie noch nie seit Kriegsende in dieser Form gegeben hat. Eine amtierende Regierung per Wahl verschwinden zu lassen, das ist neu und sensationell für unsere deutsche Polit-Landschaft. Jetzt fragen sich viele, was wollten die Bürger in der ehemaligen DDR uns mit ihrer Wahlentscheidung sagen. Vera Lengsfeld, einst Bürgerrechtlerin aus der ehemaligen DDR, dann Bündnis 90/Die Grünen-Politikerin, vom eigenen Mann für die Stasi bespitzelt, jetzt CDU-Bundestagsabgeordnete, antwortete auf die Frage, was die Bürger im Osten am 27. September gewählt hätten: „Sozialismus mit Westgeld. Aber das wird nicht funktionieren.“ Die Uhren im Osten ticken halt ein wenig anders. Das mußten wir nicht nur in den letzten Jahren immer wieder feststellen, das zeigen auch viele Wahlanalysen. Im Osten hofft man jetzt auf neue Arbeitsplätze, die von der Politik in Bonn versprochen wurden. Aber Politik schafft keine Arbeitsplätze. Das werden die Bürger im Osten lernen müssen. Man hat soziale Sicherheit gewählt. Aber Politik kann nur die Rahmenbedingungen für soziale Sicherheit schaffen. Das Geld dafür wird nicht in Beamtenstuben und Behörden verdient, sondern in der Wirtschaft – vom Staat abkassiert, wenn munter Steuereinnahmen sprudeln. Grundlage dafür: der Lohn – und der muß erst einmal erarbeitet werden. Ostbürger wählen mehr staatliche Regulierung des Marktes, heißt es. Aber auch das wird in einer sozialen Marktwirtschaft nicht klappen. Im Gegenteil. Fünfzig Jahre Bundesrepublik zeigen, daß Politik, wenn sie ins Marktgeschehen eingreift, nur Unheil stiftet. Der neue SPD-Kanzler Gerhard Schröder hat seine Lektionen gelernt – wie es scheint. Aber er und seine Koalition haben auch viele Versprechen gemacht, die jetzt eingefordert werden. In vier Jahren entscheidet der Wähler wieder – bei einer Bundestagswahl. Und zwischendurch noch bei einigen Landtagswahlen. Der Osten hat andererseits gezeigt, wie unkonventionell und flexibel man wählen kann. Auch im Westen sind Parteibindungen nicht mehr das, was sie waren – wie einst in der Bonner Republik. Unsere Politiker müssen mehr denn je auf dem Seil tanzen. Unser Vertrauen müssen sie sich erarbeiten. Ohne Sprücheklopfen. Oder geht es etwa auch mit Schaumschlägerei? Die Politik der nächsten Monate und Jahre wird es zeigen.

Müll wird teurer
Der bessere Mensch heute ist jener, der brav seinen Müll trennt. Joghurtbecher, Plastiktüten, etc. gehören in den gelben Sack. Papier  in den Papiercontainer, Flaschen und andere Glasbehältnisse in den Glascontainer. Und so weiter. Außerdem ist es für den anständigen Bürger in unseren Tagen nahezu Pflicht, Müll zu vermeiden, wo immer es geht. Wer all diese Vorgaben erfüllt, müßte eigentlich wie jeder brave und anständige Mensch für sein Verhalten belohnt werden. Aber dort, wo der Staat ins Geschehen eingreift, ticken die Uhren anders. Im Landkreis Heilbronn werden die Müllgebühren demnächst um rund fünf Prozent erhöht. Das hat am Montag der Kreistag bei seiner Tagung in Oedheim beschlossen. Für einen vierköpfigen Durchschnittshaushalt  heißt das, in Zukunft müssen statt 170 Mark pro Jahr 179 Mark bezahlt werden. Ein konkretes Beispiel: Für den 50-Liter-Eimer mit 14tägiger Leerung müssen künftig statt 43 Mark 48 Mark bezahlt werden; bei einmaliger Leerung kostet die Banderole für den 50-Liter-Eimer statt 2,20 demnächst 2,40 Mark. Oder die 14tägige Entleerung der 60-Liter-Biotonne wird dann statt 21 rund 24 Mark kosten. Begründet wird die Erhöhung der Müllgebühren von der Landkreisverwaltung mit einem Rückgang der Einnahmen aus dem Gewerbemüll. Und wieder einmal wird der brave Steuer- und Abgabenzahler für sein vorbildliches Verhalten bestraft. Irgendwas stimmt da nicht. So wie demnächst beim Benzinpreis. Sechs Pfennige soll er teurer werden. Und kluge Politiker rechnen uns vor, daß durch Senkung der Sozialabgaben letztlich sogar ein Plus bei der Durchschnittsfamilie herauskommt. Bei dieser Milchmädchenrechnung wird natürlich verschwiegen, daß Rentner und andere nicht entlastet werden. Außerdem wird sich die Erhöhung des Benzinpreises auf alle möglichen Verbrauchsgüter auswirken. Alles, was an Waren transportiert wird, erfährt dadurch eine Verteuerung. Und wenn dann noch die Ökosteuer eingeführt wird, dann  werden die Energiekosten insgesamt erhöht. Auch das zahlt letztlich niemand anderes als der kleine Mann. Politik macht es sich mal wieder sehr einfach. Statt beim Staat zu sparen, die Verschwendung in den Ämtern abzubauen, eine durchgreifende Steuerreform einzuleiten, dreht man an der Abgaben- und Steuerschraube. Eine neue Politik? Bisher ist wenig davon zu merken.

Wohin geht die CDU?
Wahlen verlieren in einer Demokratie – das ist ja keine Schande. Die CDU hatte es 1969 schon einmal erlebt und war dann im Bund bis 1982 weg vom Fenster. Die Sozialdemokraten mußten sogar 16 Jahre warten, ehe sie wieder die Chance erhielten, in Bonn den Regierungschef endlich zu stellen. Jetzt stellen sich viele in der Union die bange Frage, wie lange ihre Oppositionszeit andauern wird. Die Zahl 16 ist sonderbar. 16 Jahre saßen die Sozialdemokraten (von 1966 bis 1982) am Regierungstisch. Und 16 Jahre regierte die CDU/CSU in der Bundeshauptstadt Bonn. Wenn es nach dieser Rechnung so weitergeht werden die Sozialdemokraten im Bund erst wieder 2014 in die Opposition gehen. Ein Kanzler Gerhard Schröder wäre dann so um die 70 Jahre alt. Und die Oppositionsführer werden wechseln – wie seit 1982 bei der SPD geschehen. Jetzt aber ist Wolfgang Schäuble an der Reihe. Er muß die auseinanderdriftenden Kräfte in der Union zusammenführen. Die sogenannten jungen Wilden in der CDU, die vor wenigen Wochen noch brav als Ministranten für Helmut Kohl das Weihrauchfäßle schwenkten, scharren mit den Füßen, wollen an die Macht in der Partei, kanzeln die Altvorderen ab – und müssen letztlich doch einsehen, daß ihre Partei in der Opposition auf einem Abstellgleis steht. Die Republik ist rot. Im Bundesrat, im Bundestag, alle wichtigen Staatsämter werden von den Sozialdemokraten besetzt. Und selbst in Europa regieren in absoluter Mehrheit die Sozialisten. Die Union muß jetzt Basis-Arbeit leisten. Muß erkennen und aufnehmen, was die Bürger denken, fühlen und wollen. Über Kommunalparlamente und Landtagswahlen kann die Union – Stück für Stück – sich wieder emporarbeiten. Das heißt für die Zukunft: Dicke Bretter bohren. Gleichzeitig muß die Regierung kontrolliert werden – hart und fair, taktisch klug, aber vor allem mit dem legitimen Ziel, sie abzulösen. Das ist in der kommenden Legislaturperiode rein rechnerisch nicht möglich. Aber 2002 ist wieder Bundestagswahl. Und dann muß die Union zeigen, was sie in der Opposition gelernt hat. Und ob sie in der Ländern der Übermacht der Sozialdemokraten etwas entgegenzusetzen hatte. Rotgrün hat die Chance, die nächsten vier Jahre zu zeigen, was sie alles besser machen. Die bürgerlichen Parteien, Union und FDP, werden sich entweder, wie in anderen europäischen Ländern schon geschehen, zerfleischen und in die Bedeutungslosigkeit abrutschen – oder sie werden sich sammeln und auf die Fehler der Regierung und die Fehlentwicklungen im Staate hinweisen. Und sagen, wie sie es besser machen werden – eine Alternative aufzeigen. Warten wir es ab. Derzeit sammeln sich die Lager. Und nach der Wahl des rotgrünen Bundeskanzlers werden die Positionen klarer werden. So ist zu hoffen.

Gerd, Oskar und Rudolf
Die Bundesrepublik ist rot. Mit einigen grünen Anstrichen. Selten wird noch schwarz regiert. Alle wichtigen Ämter sind demnächst von Sozialdemokraten besetzt: Bundeskanzler, Bundespräsident, Bundetagspräsident, Bundesratspräsident, etc., etc. Der Wähler hat es so gewollt. Und die CDU hat mit dem System Kohl fast alle ihre Macht verspielt – außer in Bayern, was an Asterix erinnert – und das kleine aufmüpfige gallische Dorf im großen römischen Reich. Der neue Bundeskanzler ist noch nicht gewählt, da spielt sich vor den Augen der Öffentlichkeit ein Machtkampf ab, der in seiner Härte von den Gutgläubigen bisher nur den Unionsparteien unterstellt wurde. Aber Gutgläubige sind halt Harmoniesüchtige. Politik dagegen ist hartes Geschäft, wie Wirtschaft auch. In den SPD-regierten Ländern konnte der Interessierte in den letzten Jahren verfolgen, wie Macht ausgeübt wird. Bei der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg zum Beispiel ließ der Fraktions- und Landesvorsitzende Ulrich Maurer den SPD-Spitzenkandidaten Dieter Spöri die sozialdemokratische Wahlniederlage allein der Öffentlichkeit erklären. Spöri nahm alle Schuld auf sich, Maurer ließ sich nicht hören und sehen – und wollte offenbar als Phönix aus der Asche dieser Niederlage emporsteigen. Gelungen ist ihm das nicht. Sein Parteivorsitz war ihm nicht sicher – und auch als Fraktionsvorsitzender ist er in den eigenen Reihen heftig umstritten. Parteisoldat Rudolf Scharping, einst SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender, wurde von Oskar Lafontaine in Mannheim gestürzt. Als Bonner Fraktionsvorsitzender baute er sich eine Hausmacht auf. Aber jetzt demütigte ihn Parteivorsitzender Lafontaine samt Kanzler in spe Schröder vor aller Öffentlichkeit. Sie wollten ihn nicht als Gegenpol in der starken SPD-Fraktion. Scharping mußte kleinbeigeben, Lafontaine setzte seinen Kandidaten für den Fraktionsvorsitz Müntefering nicht durch – und Gerhard Schröder watschte alle in der Öffentlichkeit ab. Die Streithähne sind seiner „konsequent vorgetragenen Bitte“ gefolgt. In aller Freundschaft habe er sie gebeten, ins Kabinett einzusteigen. Und die SPD-Fraktion in Bonn wird sich jetzt einen neuen Vorsitzenden suchen müssen. In Abstimmung mit Parteivorstand und  Kanzlerkandidat. Es scheint so, als ob Gerhard Schröder der Einsicht seines SPD-Vorgängers im Kanzleramt Helmut Schmidt folgt: Es war sein Fehler, nicht auch Parteivorsitzender zu sein. Schröder nutzt nun seine Macht, setzt sie taktisch gegen die Grünen und die eigene Partei ein. Denn ohne ihn gäbe es keine rotgrüne Mehrheit in Bonn, die leicht auch in eine rotgelbe umgewandelt werden könnte. Diese Option hat der künftige Kanzler noch in der Hinterhand. Und die Liberalen fühlen sich geehrt. Jetzt wollen sie noch nicht – aber irgendwann, wenn die Grünen zu aufmüpfig werden sollten, dann könnte die FDP aus Gründen der Staatsraison es sich ja noch mal überlegen. Wenn die SPD sie fragen sollte.

Theaterschiff-Auszeichnung
Das Theaterschiff in Heilbronn ankert gleich neben dem Inselhotel. Seit Oktober 1995 wird vor dem Hagenbucher-Gebäude im Hefenweiler quasi auf dem Wasser Theater gespielt. Heinz Kipfer, schweizer Schauspieler, der am Heilbronner Stadttheater in den siebziger Jahren seine Karriere begann, hatte schon zu Beginn der neunziger Jahre die Idee, in Heilbronn ein Theaterschiff  vor Anker gehen zu lassen. Als der Plan öffentlich wurde, gab es Unterstützung vom Gemeinderat und der Stadtverwaltung. Der Verein „Theater Schiff Heilbronn“ suchte Sponsoren. Und viele Heilbronner Unternehmen und Privatleute ließen sich nicht lange bitten. 99 Stühle für das Theaterschiff wurden verkauft. Mit Werbung bemalt – auf drei Jahre hin. Dann durften die Sponsoren sie mit nach Hause nehmen. Oder nochmals eine Spende nachlegen. Ein französischer Lastkahn, der zur Verschrottung vorgesehen war, konnte dank der guten finanziellen Grundlage erworben werden. Eineinhalb Jahre dauerte die Renovierung in Neckarsteinacher Werft. Im September 1995 wurde der Kahn nach Heilbronn überführt, ein Halbstunden-SDR-Fernsehfilm erzählte die Geschichte des Heilbronner Theaterschiffs. Premiere war am 11. Oktober 1995 mit dem Stück „Käthchen, Käthchen, Käthchen“, ein Parodie auf die Kleist’sche Literaturgestalt, die als Werbeobjekt in mannigfacher Form Heilbronn seit Jahrzehnten gute Dienste erweist. Theater, Kleinkunst, Musik, Kabarett – das sind die Bestandteile, die Heinz Kipfer als Regisseur und Schauspieler mit seinem Theaterschiff-Ensemble auf die schwankenden Bretter setzt. Die Finanzierung erfolgt nahezu ausschließlich durch den Verkauf von Eintrittskarten. Öffentliche Mittel und Zuschüsse erhält das Theaterschiff nicht. Trotzdem werden schwarze Zahlen geschrieben. Am Freitag dieser Woche, 16. Oktober, wird das Heilbronner Theaterschiff im Wilhelma-Theater in Stuttgart geehrt. Die Macher erhalten den Förderpreis der Stiftung der Württembergischen Hypothekenbank für Kunst und Wissenschaft. Die Laudatio auf den Förderpreisträger wird Professor Dr. Dr. Hannes Rettich, Kunstkoordinator der Landesregierung a. D., halten. Herzlichen Glückwunsch. Und toi, toi, toi.

Kiliansmännle, 07.10.1998



Jagsthäuser Götz-Heirat
In Johann Wolfgang von Goethes Ritterschauspiel Götz von Berlichingen wird zu Beginn eigentlich kräftig eine Bauernhochzeit gefeiert. In Jagsthausen, im Burghof derer zu Berlichingen, wo alljährlich zur Sommerszeit dieses Kraftstück deutscher Sturm- und Drangliteratur zur Aufführung gelangt (und sonst auf kaum einer Bühne in Deutschland oder auf diesem Erdball), findet diese Bauernhochzeit ganz selten statt. Dafür gab es quasi als Entschädigung am vergangenen Samstag eine Götz-Hochzeit im Hause Berlichingen. Der Sohn der Chefin der Jagsthäuser Freilichtspiele Alexandra Freifrau von Berlichingen heiratete. Allerdings nicht eine von Adel, wie man im Dorf schon seit längerer Zeit wußte. Götz Freiherr von Berlichingen (31) erwartete eine schlichte Bürgerliche namens Birgit Meyer (30) am Traualtar, wohin sie ihr Vater Helmut Meyer führte. Seine Schwester Diana hatte 1992 Maximilian Prinz zu Fürstenberg geheiratet. Deren Kinder streuten Blumen und trugen die Schleppe. Ort der Trauung war bei beiden Hochzeiten die Klosterkirche in Schönthal. Zwei Geistliche gaben ihren Segen. Der katholische Pater Notker Hiegel, der Familienpfarrer der Fürstenbergs und der frühere Jagsthäuser Pfarrer Karl-Dietrich Opitz. Erinnert wurde bei der Hochzeit auch an den Vater des Bräutigams, Götz Freiherr von Berlichingen, „ein Streiter für Burg und Festspiele“ (Erster Vorsitzender der Burgfestspiele vom 1. Januar 1978 bis 23. September 1994), der vor vier Jahren verstorben war. 400 Gäste aus Adel und bürgerlichen Kreisen erwarteten das Brautpaar nach der Trauung im Rittersaal der Burg von Jagsthausen. Elf Jahre kennen sich die beiden Hochzeiter Birgit und Götz schon, ehe sie den Weg zum Traualtar am Samstag, den 3. Oktober 1998 fanden. Irgendwann wird der junge Götz als Vorsitzender der Burgfestspiele auftreten, als Nachfolger seiner Mutter in diesem Amte. Und dann wird an seiner Seite die attraktive Birgit Freifrau von Berlichingen stehen. Fünfzig Jahre Burgfestspiele werden 1999 in Jagsthausen gefeiert. Keine Zeit im Verhältnis zur Geschichte der Familie der Berlichingens. Aber schon eine Tradition für die Theaterlandschaft in Deutschland. Und ein fester Wirtschaftsfaktor im Touristik-Leben unserer Region. Den gilt es zu pflegen und bewahren.

Sehr wichtige …
Die wichtigen Personen in einer Stadt, wer sind sie – oder wer gehört nur am Rande dazu? Ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Es schwirren viele Namen durch die Gegend. Demnächst zum Beispiel wieder, wenn rund 250 Personen aus Heilbronn auf den Kandidatenlisten der Gemeinderatswahlen stehen werden. Sind das die Vips unserer Stadt. 40 werden garantiert durchs Ziel kommen. Und für die anderen: Dabei sein ist alles? Das ist auch in fast allen Gemeinden des Landkreises Heilbronn ebenso. Wer sich eine Karriere als very important person (sehr wichtige Person) aufbauen möchte, der muß sehr agil sein. Ein Tip: Er/Sie sollte zunächst einmal in einen Verein gehen. Oder in eine Partei. Und dann Schritt für Schritt sich vorarbeiten. Vielleicht schafft er oder sie es dann. Garantie wird keine gegeben. Die meisten Mitmenschen, das scheint wie ein Naturgesetz, gehen bei einem solchen Unterfangen – wie bei den Gemeinderatswahlen – leer aus, sind nur Füller auf den Listen. Aber es gibt sie wirklich die Vips. Man trifft sich, man sieht sich, man kennt sich. Aber auch hier ist es wie im wirklichen Leben. Man gehört nicht auf Ewig dazu. Politiker zum Beispiel, die auf einmal nicht mehr wiedergewählt wurden, keinen Rückhalt mehr in ihrer Partei haben, sind auf einmal nur noch auf ihre engsten Freunde beschränkt. Und wenn es da keine gibt, dann haben sie nicht nur ein Problem. Manager, die von heute auf morgen aus den Vorstandsetagen verschwinden, befinden sich im gesellschaftlichen Aus. Aber auch Menschen, die pensioniert werden, merken sehr schnell, wie mit dem Verlust ihres Amtes auch ihre öffentliche Bedeutung schwindet. Haben all diese Menschen sich nicht eine Gegenwelt zu ihrer Machtwelt in der Gesellschaft aufgebaut, ein privates Leben, das ebenso wichtig ist, wie das öffentliche, stolpern oft zum Schrecken ihrer Familie von einem Psycho-Loch ins nächste. Der Regierungswechsel in Bonn ist zur Zeit beredtes Beispiel. Nicht so sehr von den Personen in der ersten Reihe. Es gibt ja auch die gewichtigen Strippenzieher, Hintermänner, Pressesprecher, etc., die zuvor von den Lobbyisten gehätschelt und getätschelt wurden. Jetzt sind sie out. Und bei uns? 52 Bürgermeister haben wir im Landkreis Heilbronn. Und Oberbürgermeister! Und Räte! Und Direktoren! Bei Empfängen in Nachbarlandkreisen fallen sie nicht als Vips auf, auch nicht in der Landeshauptstadt. Wie auch? Und im Urlaub rund ums Mittelmeer sind sie auch nur Touris wie wir alle. Übrigens: Wer auf solche Dinge, wie wichtig erscheinen und sich wichtig machen, keinen Wert legt, allein durch sich selbst wirkt, ist wichtiger als andere – und bleibt es meistens auch. Oder auch nicht. Aber auch das ist nicht weiter tragisch.

Friese und die SPD
Zunächst zitterte er beträchtlich, nachdem das Direktmandat im Wahlkreis Heilbronn an die Thomas Strobl von der CDU gefallen war. Aber wer sich die Gewinne der SPD in Baden-Württemberg an jenem Abend des 27. September vor Augen führte, der wußte, auch Harald Friese wird in den 14. Deutschen Bundestag über die SPD-Landesliste als Abgeordneter einziehen. Am frühen Morgen des 28. September hatte auch der Heilbronner Kulturbürgermeister Harald Friese endlich die langersehnte Bestätigung, daß es mit Bonn geklappt hatte. Die Sozialdemokraten im Unterland jedoch kauen immer noch an ihrem Wahlergebnis. Bei den alles entscheidenden Zweitstimmen hatten sie im Wahlkreis Heilbronn die Nase vorn: 37,5 Prozent. Rund 1,4 Prozent mehr als die Christdemokraten. Aber bei den Erststimmen waren es genau 3,1 Prozent weniger. Hier hatte sich der Trend für die Sozialdemokraten umgekehrt. Die Grünen im Unterland hatten ja explizit dazu aufgerufen, mit der Erststimme den SPD-Kandidaten Friese zu wählen, und die Zweitstimme den Grünen zu geben. Aber Paul Gräsle hatte 4,5 Prozent der Erststimmen erhalten, und 7,1 Prozent konnten die Grünen bei den Zweitstimmen einsammeln. Hätten die Grünen-Wähler wie die FDP-Wähler abgestimmt, oder gar wie von ihrer Partei gewünscht, dann hätte Friese lässig das Direktmandat holen können. Woran lag es nun? Harald Friese ist auf jeden fall stolz darauf, sein Ergebnis bei den Erststimmen gegenüber dem 1994-Ergebnis des damaligen SPD-Kandidaten Peter Alltschekow erheblich verbessert zu haben. Manche bei den Sozialdemokraten fragen sich nun, ob sie es mit einer Frau zum Beispiel als Wahlkreiskandidatin geschafft hätten, der CDU das Direktmandat abzunehmen. Die Frage ist müßig. Die SPD hatte sich für Harald Friese entschieden. Und der konnte sich im Stadtkreis Heilbronn, darauf ist er besonders stolz, gegenüber dem CDU-Kandidaten durchsetzen. Das getrübte SPD-Wahlergebnis in Heilbronn hat auf jeden Fall die Fronten geklärt. Frieses Kulturbürgermeister-Posten ist für Harry Mergel, den SPD-Fraktionsvorsitzenden frei. Sibylle Mösse-Hagen wird SPD-Fraktionsvorsitzende im Heilbronner Gemeinderat. Die Spöri-Ära in Heilbronn ist zu den Akten gelegt. Und wenn man jetzt noch den OB-Stuhl mit einem Genossen besetzt, dann hat die neue Führungsriege erreicht, was sie sich vorgenommen hatte. Im Moment sind die Karten für die SPD auch im Unterland gut gemischt. Die CDU leckt ihre Wunden und muß sich erst wieder zu alter Kampfesstärke formieren.

Wirtschaft und Rotgrün
Rotgrün regiert in Deutschland. Viele hatten bei einem solchen Sieg erwartet, daß die Börsenkurse ins Bodenlose fallen, die Wirtschaftsbosse und-verbände strutsauer reagieren. Nichts davon. Alles blieb ruhig. Sehr schnell ging man in deutschen Landen zur Tagesordnung über. Beim Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer Heilbronn zeigte sich der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages Hans Peter Stihl sehr moderat. Bei den Grünen stellte er „Wirtschaftsfeindlichkeit“ fest. Aber mit bestimmten SPD-Politikern, die in der neuen Regierung Verantwortung übernehmen werden, könne man durchaus vernünftig reden. Auch der Heilbronner IHK-Präsident Günter Steffen schoß keine Pfeile in Richtung Bonner Wechsel ab. Und auch bei den Arbeitgebern in der Region Franken hält man sich sehr bedeckt. Geschäftsführer Wolfgang Staehle meinte, daß der Wahlkampf im Unterland von allen Kandidaten fair geführt worden sei: „Überrascht haben mich die deutlichen Stimmen- und Mandatsverluste der CDU und die Tatsache, daß neben den Grünen und der FDP auch die PDS so stark im Bundestag vertreten ist.“ Und was erwartet der Arbeitgeber-Geschäftsführer von der Zukunft? „Gespannt, aber auch ein wenig besorgt bin ich, ob und wie die sich abzeichnende rot-grüne Koalition die großen politischen Probleme wie Steuer- und Sozialversicherungsreform, Lösung der Arbeitsmarktproblematik, Erhaltung und Ausbau der Stellung der Bundesrepublik auf europäischer und internationaler Ebene durch einen entsprechende Außenpolitik, Verringerung des Bürokratismus und der Überreglementierung, vor allem jedoch die weitere Verbesserung der Standortbedingungen für unsere Wirtschaft bewältigen wird.“ Aber Wolfgang Staehle hat schon einige Regierungswechsel miterlebt und steckt den Kopf nicht in den Sand: „Trotz aller Skepsis hoffe und wünsche ich in unserer aller Interesse, daß die neue Regierungsmannschaft zusammen mit Bundestag und Bundesrat eine Politik betreibt und umsetzt, in deren Mittelpunkt eine umweltverpflichtete soziale Marktwirtschaft gedeihen kann.“ – Arbeitgeber und Gewerkschaften müssen weiterhin ihre Arbeit tun, ohne sich parteipolitisch vor einen Karren spannen zu lassen. Und die Regierung in Bonn sollte sich aus Tarifkämpfen und -vereinbarungen tunlichst heraushalten. Aber das ist ein frommer Wunsch. Bei der nächsten Runde im Öffentlichen Dienst werden wir sehen, wie standhaft man in Bonn ist – oder ob man nur wieder die eigenen Säckel füllt.

CDU im Sturm
Die CDU in Deutschland gleicht derzeit einem feuerspeienden Vulkan. Ein Rücktritt jagt den anderen. Der einst mächtige Kanzler und Parteivorsitzende Helmut Kohl ist nur noch eine Randfigur. Seine Kartenhaus der Macht ist zusammengebrochen. Jetzt werden die Grausamkeiten vollbracht, die notwendig sind, um die Reihen neu zu formieren. Im Unterland hatte der Wechsel schon vor längerer Zeit in der CDU begonnen. Nach der ersten Abwahl von Ulrich Stechele als Landtagsabgeordneter und seiner zweiten Niederlage gegen Dieter Spöri hatte die CDU Johanna Lichy aufs Schild gehoben und prompt den Wahlkreis Heilbronn zurückerobert. Egon Susset, der seit 1969 im Bundestag sitzende Abgeordnete aus Wimmental, zog sich rechtzeitig als Kreisvorsitzender seiner Partei zurück, um Thomas Strobl, dem 38jährigen Stadtrat und Rechtsanwalt aus Heilbronn, Platz zu machen. Susset hätte ja auch der Versuchung wie sein gleichaltriger Kollege Helmut Kohl erliegen können, um es noch einmal vom Wähler genau wissen zu wollen. Der bodenständige Landwirt aber wußte genau, wann es Zeit ist zu gehen. Thomas Strobl erreichte als Newcomer auf der bundespolitischen Bühne mit seinem Wahlergebnis bei den Erststimmen einen großen persönlichen Erfolg: 43,7 Prozent. Das Zweitstimmenergebnis für die CDU im Wahlkreis Heilbronn lag bei nur 36,1 Prozent. Ausschlaggebend war wohl, daß die Freien Demokraten – ohne es groß zu plakatieren – für Strobl votiert hatten. Denn der FDP-Kandidat erreichte bei den Erststimmen lediglich 3,0 Prozent, die FDP bei den Zweitstimmen stolze 8,8 Prozent. Das nennt man intelligent wählen. Seit jeher ist bekannt, daß die liberalen Wähler sehr bewußt ihre Stimmen verteilen. Wahlforscher behaupten sogar, daß die Wahlzettel liberaler Wähler die wenigsten Fehler aufweisen. Thomas Strobl ist in der CDU des Unterlandes ab jetzt die unumstrittene Nummer eins. Er führte nicht nur einen unkonventionellen Wahlkampf, er sprach auch Wähler weit über die Union hinaus an – vor allem bei den jungen Leuten. Und gleichzeitig will er bodenständig bleiben, seinen Stadtratssitz beibehalten und auch CDU-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat bleiben. Wie lange? Das wird die Arbeitsbelastung in der stark verkleinerten Bonner CDU/CSU-Fraktion zeigen.